Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 1 vom 28.1.2021

Deutsch-französische Zivilgesellschaft: Arbeit an der gemeinsamen Zukunft

Jochen Hake

Inhalt

Vor der Aussöhnung stand die Annäherung
Wichtige Multiplikatorenrolle für Gesellschaften und Vereine
Endnoten
Autor
Redaktion

»Es ging mir darum, dass Deutschland ein Land wird wie die anderen auch und mit seiner Vergangenheit würdig umgeht. Ich wollte denen, die Opfer der Mörder wurden, helfen, wieder ein normales Land und ein normales Volk zu werden, mit dem wir zusammen ein Europa bauen konnten.« So beschrieb der Publizist, Philosoph und Historiker Joseph Rovan sein gesellschaftliches Engagement und Tätigwerden über Grenzen hinweg direkt nach dem 2. Weltkrieg (Interview 29.4.1999, BR). Rovan, der in München geboren wurde, dann aber den überwiegenden Teil seines Lebens in Frankreich verbrachte, gilt bis heute als einer der maßgeblichen Förderer der deutsch-französischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. Noch heute verleiht die Französische Botschaft in Berlin alljährlich einen seinem Wirken gewidmeten Preis für besondere Aktivitäten im Bereich der deutsch-französischen bürgerschaftlichen Beziehungen.

Versucht man heute, den Begriff der »deutsch-französischen Zivilgesellschaft« zu definieren, stellt man schnell fest, dass dies nicht einfach ist. Zu komplex sind längst die vielschichtigen Beziehungen unter unseren Partnerländern Deutschland und Frankreich geworden. Von vornherein angedacht waren Austausch und Begegnungen zwischen Franzosen und Deutschen auf bürgerschaftlicher Ebene nämlich ursprünglich nicht. Wenngleich die französische Seite von ihrer Administration in der französischen Besatzungszone erste »Angebote«, z. B. in Form des Institut français in Freiburg, einrichtete, nahm die Entwicklung unmittelbarer zivilgesellschaftlicher Beziehungen erst später ihren Lauf. An mehreren Standorten französischer Kulturinstitute erwuchsen einige Jahre später sodann Deutsch-Französische Gesellschaften, so beispielhaft in Berlin, Freiburg, Mainz, Mannheim und Tübingen. Bemerkenswert, dass aber bereits 1945 eine Publikation für die deutsch-französischen Beziehungen an den Start ging: Mit Dokumente/Documents informierte eine Zeitschrift von 1945 bis 2018 auf Deutsch und auf Französisch über Deutschland und Frankreich. Nach ihrem Selbstverständnis wollte Dokumente objektiv alle Aspekte des Partnerlandes, ob politisch, wirtschaftlich, künstlerisch oder sozial, wechselseitig vermitteln. Man wolle, so das Vorwort der ersten Ausgabe von Dokumente, keinesfalls Partei ergreifen, sondern informieren und das Interesse am anderen wecken. Die Tradition von Dokumente wird seit 2019 durch die Internetseite dokdoc.eu[1] fortgesetzt. Mit dieser ersten deutsch-französischen Zeitschrift ist untrennbar der Name des Gründers, Jean du Rivau, verbunden. Als Jesuitenpater und Militärgeistlicher der französischen Streitkräfte wurde er 1944 nach Offenburg versetzt; dank persönlicher Erlebnisse, die er unmittelbar nach Kriegsende hatte, weitete er seine Aufgaben eigenmächtig auf deutsche Kriegsgefangene und Zivilisten aus, setzte sich seitdem aus persönlichem Antrieb für die deutsch-französische Aussöhnung ein und gründete schon 1945 die Gesellschaft für übernationale Zusammenarbeit (GÜZ), deren Präsident er bis zu seinem Tod (1970) blieb. Auch er zählte, wie einige andere, zu denjenigen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, die sich die gegenseitige Informationsvermittlung und Kooperation zum Ziel setzten, um das Verständnis der Nachbarländer untereinander überhaupt wieder zu ermöglichen. Du Rivau erhielt übrigens als erster Franzose bereits 1954 das Große Bundesverdienstkreuz und wurde von Robert Schuman zum Chevalier de la Légion d’Honneur ernannt.

Nicht unerwähnt soll das Bemühen der Verbände der Kriegsveteranen bleiben: Bereits ab 1952 kam es zu Aktivitäten bei den Anciens Combattants wie bei der deutschen Kriegsgräberfürsorge e.V., sich für eine Aussöhnung aktiv einzubringen, was bis heute erfolgreich geschieht, so auch unter Mitwirkung junger Menschen.

Die ersten Schritte des deutsch-französischen Jugendaustauschs finden sich möglicherweise schon im Wirken du Rivaus wieder: Bereits 1948 vermittelte er erste deutsche Jugendliche in französische Familien. Erste binationale Intellektuellen- und Autorentreffen gehen gleichfalls auf ihn zurück. Mit dem Publizisten und Politikwissenschaftler Alfred Grosser brachte sich in den Anfängen der deutsch-französischen Annäherung eine weitere Persönlichkeit ein, um dem gemeinsamen Anliegen Anschub zu geben. Grosser wies schon früh darauf hin, dass man sich mit den sozialen, ökonomischen und politischen Problemen des anderen Landes auseinandersetzen müsse, um es verstehen zu können. Mit bloßer Verkostung von französischen Weinen sei es eben nicht getan.

Aus der damaligen historischen und politischen Situation heraus erscheint es nachvollziehbar, dass die Vorreiter der deutsch-französischen Zivilgesellschaft vorrangig von der französischen Seite stammten, wobei sie vielfach persönliche Beziehungen zu Deutschland hatten. Auf deutscher Seite tat sich auf zivilgesellschaftlicher Ebene im Besonderen Dr. Elsie Kühn-Leitz hervor, die 1957 in Wetzlar die Leitung des Arbeitskreises Deutsch-Französischer Gesellschaften übernahm, dem Vorläufer der heutigen Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften in Europa e.V. (VDFG). Die französische Botschaft hatte im Jahr zuvor zahlreiche VertreterInnen diverser deutsch-französischer Gesellschaften zu einer Studienreise nach Frankreich eingeladen – man zählte in der französischen Administration auf die Multiplikatoren vor Ort. Aus dieser Studienreise resultierte die Idee der Gründung eines Interessenverbandes, die im Jahr danach in Wetzlar vollzogen wurde. Ansonsten fand das Entstehen des zivilen »Franco-Allemand« auf deutscher Seite zunächst eher die Unterstützung von politischer Seite, so namentlich durch Konrad Adenauer, Carlo Schmid – übrigens Sohn einer deutsch-französischen Beziehung – und Theodor Heuss. Die beiden Letztgenannten gehörten zu den Mitbegründern des Deutsch-Französischen Instituts (dfi) Ludwigsburg, welches bereits 1948 ins Leben gerufen worden war – als erste private Institution auf deutscher Seite. Neben den deutschen Politikern natürlich nicht zu vergessen namhafte Politiker auf französischer Seite wie Robert Schuman und Charles de Gaulle.

Vor der Aussöhnung stand die Annäherung

Die ersten Jahrzehnte nach dem 2. Weltkrieg dürften eher als Phase einer Annäherung zutreffend bezeichnet sein; die Aussöhnung oder Versöhnung, die politisch von oben herab sowieso nicht verordnet werden konnte, stellte sich erst zeitlich später ein, nachdem nach der Unterzeichnung des sog. Élysée-Vertrages (1963), der gemeinhin als deutsch-französischer Freundschaftsvertrag bezeichnet wird, die Städtepartnerschaften ihrer Zahl nach quantitativ einen Aufschwung erfuhren. Nicht von ungefähr werden die an der Basis der Bürgerschaft sodann entstandenen persönlichen Beziehungen, Kontakte und Freundschaften vielfach als Graswurzeldemokratie bezeichnet. Dass es hierzu kommen konnte, bedurfte dann aber noch weiterer Jahrzehnte. Die Vertragsunterzeichnung 1963 kann man durchaus als den Beginn einer Beschleunigung festhalten: Mit der Gründung des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW) und einer Steigerung der Städtepartnerschaften von 130 (1963) über 400 (1969) auf 1.000 (1981) – heute sind es rund 2.500 – wurde erreicht, die binationalen Beziehungen auf eine quantitativ breitere Basis zu stellen. So hat das Deutsch-Französische Jugendwerk – eigenen Angaben zufolge – seit 1963 mehr als 9 Millionen jungen Menschen aus Deutschland und Frankreich die Teilnahme an mehr als 376.000 Austauschprogrammen ermöglicht. Es fördert jedes Jahr im Schnitt 8.000 Begegnungen (4.700 Gruppenaustausch- und 3.300 Individualaustauschprogramme), an denen etwa 190.000 Jugendliche teilnehmen. Nun handelt es sich zwar beim DFJW um eine internationale Institution, deren Wirken aber auf die unmittelbaren persönlichen Kontakte und Begegnungen der jungen Generation gerichtet ist. So quantifizierbar diese bei den vom DFJW vermittelten Begegnungen sind, bei den unzähligen Austauschen zwischen den durch Städtepartnerschaften freundschaftlich verbundenen Kommunen sind derartige Zahlen verlässlich nicht rekonstruierbar, zumindest nicht in ihrer Gesamtheit. Die überaus weit gefächerten Aktivitäten sowohl der Kommunen wie auch der Deutsch-Französischen Gesellschaften, die offene Bürgerfahrten ins Partnerland anbieten oder themenbezogene Begegnungen organisieren, lassen jedenfalls den Rückschluss zu, dass es alljährlich unzählige – auch neue - persönliche Kontakte zwischen Franzosen und Deutschen auf dieser Ebene gibt. Denn nicht alle Begegnungen jugendlicher Gruppen oder Schüleraustausche im Rahmen von Schulpartnerschaften werden über das DFJW finanziert und sind mithin nicht zwingend in der Statistik des DFJW enthalten. Die Finanzierung von Schülerbegegnungen ist auch durch Kommunen oder Sponsoren allein möglich.

Den Deutsch-Französischen Gesellschaften in Deutschland, von denen rund 150 im Verband der VDFG für Europa e.V. organisiert sind, kam und kommt beim Entstehen und der Fortentwicklung der Zivilgesellschaft auf beiden Seiten eine besondere und bedeutsame Rolle zu; dies auch auf französischer Seite, wo sich als Pendant zur VDFG die FAFA – Fédération des Associations Franco-Allemandes pour l’Europe – gebildet hat. Dabei gibt es in den Strukturen der Gesellschaften Unterschiede. Es existieren die reinen »Kulturvereine«, die sich (nur) der Vermittlung französischer Kultur und Sprache verschrieben haben, vielfach auch mit der Maßgabe, dass »Vereinssprache« das Französische ist. Daneben beanspruchen die »Städtepartnerschaftsvereine« einen nicht unerheblichen Anteil im Vereins- und Verbandsgeschehen. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen zumeist Planung und Organisation von Begegnungen bzw. Projekten zwischen den Partnerstädten, in der Regel im Austausch mit einem Partnerverein auf der französischen Seite, oft auch als Angebot einer »offenen« Bürgerfahrt für jedermann. Als dritte Variante sind aber ebenso Gesellschaften existent, die beide beschriebenen Bereiche abdecken und in ihrem Portfolio vorhalten. Mehr und mehr ist in den letzten Jahren erkennbar geworden, dass viele Gesellschaften mit ihren französischen Partnern themenbezogene Projekte durchführen, so z.B. im Umweltschutz, Tourismus, Bildungswesen. Diese Tendenz ist auch dem Umstand geschuldet, dass nach dem Gedanken der Aussöhnung in Folge beider Weltkriege das Interesse am Franco-Allemand für die nachwachsenden Generationen auf andere Weise geweckt bleiben soll. Der Aussöhnungsgedanke verblasst für unsere jetzige Schüler- und Studentengeneration angesichts freier Grenzen in der EU und einer Reisefreiheit für jedermann: Hier ist das Ziel vorrangig, die Zukunft Europas gemeinsam mit unseren Partnern, vorrangig eben Frankreich, zu planen und zu gestalten.

Nun resultieren die unzähligen direkten Kontakte und Beziehungen zwischen den BürgerInnen Frankreichs und Deutschland nicht allein aus dem Wirken deutsch-französischer Gesellschaften. Anlässe gibt es zahlreiche: Austausche zwischen Schülerinnen, Berufsschülerinnen, Studentinnen und Facharbeiterinnen; grenzübergreifende Berufsverbände wie Deutsch-Französische Handelskammer, Steuerberater- und Juristenvereinigungen; Deutsch-Französische Wirtschaftsclubs und -vereinigungen – die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Nicht zu vergessen die Berufspendler*innen in den Grenzregionen Elsass/Lothringen, die häufig enge Verflechtungen über die Grenzen hinweg unterhalten.

Wichtige Multiplikatorenrolle für Gesellschaften und Vereine

Hierneben bleibt aber die Rolle der Deutsch-Französischen Gesellschaften und Vereine eine hervorgehobene und besondere: In ihrer Hand liegt es, durch Informationsvermittlung vor Ort, an der Basis das Interesse an der Kultur des Partnerlandes zu wecken, zu pflegen und damit zu erhalten. Das beginnt zum einen mit eher trivialen Angeboten, die schon Alfred Grosser kritisch kommentierte, mit Weinverkostungen oder Kochabenden. Derartiges stellt aber nur einen kleinen Teil der facettenreichen Angebote dar, die viele Gesellschaften offenhalten. Deren Engagement für die Vermittlung des Französischen als Fremdsprache in allen Altersklassen, in Kindergarten und Grundschule beginnend, kann nicht hoch genug wertgeschätzt werden; häufig setzt es sich in eigenen französischen Gesprächskreisen für alle Altersklassen fort. Studienreisen – keinesfalls nur unter touristischen Aspekten – werden ebenso offeriert wie Seminare (zwischenzeitlich coronabedingt auch online) und Vorträge zu fach- und sachbezogenen Themen. Die Zeiten, in denen vorzugsweise Provence oder Bretagne unter Hervorhebung ihrer touristischen Reize vorgestellt wurden, sind längst überholt. Ökologie und Umweltschutz findet man thematisch ebenso wie Städteplanung oder geschichtliche Themen. Zu beobachten ist auch der verstärkte gedankliche Austausch untereinander zu aktuellen gesellschaftlichen und politischen Themen des Nachbarlandes. Dabei stehen diese Angebote der Gesellschaften zumeist allen interessierten Bürger*innen offen, ohne dass regelmäßig eine Vereinsmitgliedschaft damit verbunden sein muss. Die Multiplikatorenfunktion der Deutsch-Französischen Gesellschaften ist uneingeschränkt gegeben und wird auch von französischer Seite wertgeschätzt. Sicherlich haben die gesellschaftlichen Umbrüche und die Veränderung der Kommunikationswege in einzelnen Gesellschaften zu Veränderungen ihrer Arbeit geführt. Dies aber zumeist in positivem, nach vorn gerichtetem Sinn. Dass hier stellenweise Nachholbedarf gegeben ist, soll nicht in Abrede gestellt werden. Wichtig wird es für die Gesellschaften und Vereine zukünftig sein, jüngere Menschen mit differenzierten, aktuellen Themen und Angeboten für die Belange des Franco-Allemand zu interessieren und die Bedeutung zu vermitteln, die die überaus guten freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich haben und behalten werden – ganz besonders für ein geeintes und friedvolles Europa.

Eine hervorragende Stützung erfährt die Arbeit der Gesellschaften und Vereine im Franco-Allemand seit 2020 nun durch den neu eingerichteten Deutsch-Französischen Bürgerfonds (Fonds Citoyen). Er ist konkretes Ergebnis des Aachener Vertrages aus Januar 2019. Mit ihm eröffnen sich vielen Gruppierungen auf beiden Seiten des Rheins Finanzierungsmöglichkeiten für binationale Projekte, die bislang keine Chance hatten, aus anderen Quellen unterstützt zu werden. Die tatsächlich gegebene Niedrigschwelligkeit der Antragstellung und der Verzicht auf zwingende rechtliche Vereinsstrukturen geben mithin zahlreichen weiteren gesellschaftlichen Bereichen die Chance, kleinere und größere Projekte in die Tat umzusetzen und ins Leben zu rufen. Die ersten Zwischenbilanzen des Bürgerfonds stimmen sehr zuversichtlich: Das Interesse an finanzieller Unterstützung und damit an der Umsetzung neuer Ideen ist groß und die Akteure sind bereit, tatkräftig zu agieren. Grund genug, optimistisch in die Zukunft zu schauen und einen Schluss zu ziehen: Die Deutsch-Französische Zivilgesellschaft ist nach wie vor sehr lebendig. Daran weiter zu arbeiten, dass dies so bleibt, sollte weiterhin gemeinsame Aufgabe aller Akteure sein.


Endnoten

[1] https://dokdoc.eu/


Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 1 vom 28.1.2021
Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Jochen Hake, Rechtsanwalt und Mediator, ist seit den 1980er Jahren im kommunalen Städtepartnerschaftsbereich ehrenamtlich aktiv. Er ist Präsident der Deutsch-Französischen Gesellschaft Holzwickede in Westfalen und Vizepräsident der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V. (VDFG) mit Sitz in Mainz. Die VDFG vertritt er auch im Beirat des Deutsch-Französischen Bürgerfonds.

Kontakt: hake@vdfg.de


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