Beitrag im Newsletter Nr. 3 vom 13.2.2020

Engagierte Erinnerungskultur

Steff Urgast

Inhalt

Starkes Netz

Feministische Suchmaschine

Objekte aus Archiven

Bewegungsgeschichte digitalisieren

Brückenschlag ins Heute

Endnoten

Autorin

Redaktion


Seit September 2018 ist das Digitale Deutsche Frauenarchiv (DDF) online. Erstmals wird das Wissen zur deutschen Frauenbewegung in einem gemeinsamen Portal der feministischen Erinnerungseinrichtungen für alle zugänglich gemacht.

Das Digitale Deutsche Frauenarchiv zeigt seit September 2018, wofür Frauenbewegungen gekämpft und was sie erreicht haben. Es ist damit ein Angebot an aktuelle Bewegungen, sich mit ihrer Bewegungsgeschichte auseinanderzusetzen und Fäden aufzugreifen, um das Heute und die Zukunft feministisch zu gestalten. Seit Januar 2020 wird das DDF auch institutionell gefördert. Damit setzt die Bundesregierung ihr im Koalitionsvertrag von 2018 formuliertes Ziel um, Frauenbewegungsgeschichte nachhaltig zu bewahren und das DDF verlässlich abzusichern.

»Frauen machen Geschichte. Dafür streitet der i.d.a.-Dachverband seit Jahrzehnten. Wir freuen uns über das politische Zeichen, Frauen- und Lesbenbewegung nachhaltig sichtbar zu machen«, meint Sabine Balke Estremadoyro, i.d.a.-Vorstand und DDF-Geschäftsführung. »Diese institutionelle Förderung des DDF schafft die nötige Grundlage für diese wichtige Arbeit.«

Starkes Netz

Viele Aspekte der Geschichte der Lesben- und Frauenbewegungen sind auch heute noch unbekannt und unerforscht. Die Bewahrung und Aufarbeitung dieser Geschichte ist Aufgabe des i.d.a.-Dachverbandes. Das Netzwerk i.d.a. – informieren, dokumentieren, archivieren – arbeitet seit 1983 zusammen, seit 1994 als Verein.

Gründungsmoment und Sammlungsauftrag von i.d.a.-Einrichtungen speisen sich aus der autonomen feministischen Frauenbewegung. Oft entstand zunächst eine Dokumentationsstelle, um (eigene) aktivistische Arbeit zu dokumentieren. Aktuelle feministische Aktionen und ihre historischen Vorgängerinnen galten andernorts als nicht ›archivwürdig‹. Ein eindrucksvolles Zeugnis der Gründung und Entwicklung eines feministischen Archivs ist die Geschichte des FFBIZ [1] in Berlin, mittlerweile über 40 Jahre alt, die im DDF nachzulesen ist.

Insgesamt arbeiten aktuell 41 Frauen- und Lesbenarchive, -bibliotheken und -dokumentationsstellen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Luxemburg und Italien im i.d.a.-Dachverband zusammen. Gemeinsam verfügen sie über umfangreiche Bestände zu Aktivistinnen und Organisationen der verschiedenen Phasen der Frauenbewegungen und regionalen Strömungen.

Abb.: Die Suchmaschine META ist Teil des Digitalen Deutschen Frauenarchivs.
Abb.: Die Suchmaschine META ist Teil des Digitalen Deutschen Frauenarchivs.

Feministische Suchmaschine

Mittlerweile gehört auch die digitale Sicherung und Präsentation von Material zur Aufgabe von i.d.a. Ab 2012 wurde mit Förderung des BMFSFJ der META-Katalog aufgebaut, der seit 2015 online ist. Dieser bündelt die Informationen aus den i.d.a.-Einrichtungen, die sich seit Jahrzehnten der Sammlung, Bewahrung und Vermittlung der Lesben- und Frauengeschichte sowie der Literaturversorgung der Frauen- und Geschlechterforschung widmen – eine in Europa wohl einzigartige Datenbank. Wo liegt der Nachlass von Elisabeth Selbert, eine der Mütter des Grundgesetzes? Wo gibt es Literatur zur feministischen Debatte um Prostitution und Sexarbeit? META weiß es. Seit Mitte 2016 ist das META-Projekt in das DDF übergegangen und bietet hier die Datengrundlage für das Onlineportal.

Abb.: Liebende Frauen. Wochenschrift des Deutschen Freundschafts-Verbandes, 4 (1929) 11; aus: Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V., Berlin.
Abb.: Liebende Frauen. Wochenschrift des Deutschen Freundschafts-Verbandes, 4 (1929) 11; aus: Spinnboden Lesbenarchiv & Bibliothek e.V., Berlin.

Objekte aus Archiven

Während META den Weg in analoge Einrichtungen weist, präsentiert das DDF Archivmaterial direkt als Digitalisat und erzählt Geschichten dazu. Durch diese digitale Präsentation von Objekten schafft das DDF neue Zugänge: Material kann ortsunabhängig gesichtet und ausgewertet werden. Über einen Projektfonds erhalten i.d.a.-Einrichtungen Förderungen für Digitalisierungen und liefern so das Material, das im DDF präsentiert wird. Bücher und Zeitschriften, teils unveröffentlichte Originaldokumente wie Briefe, Fotos und persönliche Gegenstände aus z.B. privaten Nachlässen von feministischen Wegbereiterinnen machen die vielfältigen Perspektiven der Frauenbewegung erfahrbar.

So kann im DDF etwa im Tagebuch der Aktivistin und Politikerin Minna Cauer (1841-1921), die sich als Vertreterin des radikalen Flügels der Frauenbewegung für das Frauenwahlrecht eingesetzt hat, geblättert werden oder in Ausgaben der Zeitschrift »Liebende Frauen«, die Ende der 1920ern in Berlin erschienen ist.

Bewegungsgeschichte digitalisieren

Eine Herausforderung beim Aufbau des DDF ist die Rechteklärung. Es gibt keine allgemeine Erlaubnis für Kulturerbeinstitutionen, ihre Bestände im Netz zu präsentieren. Für jedes einzelne Objekt müssen Nutzungsrechte eingeholt werden.

Gerade kleinere Institutionen wie Erinnerungseinrichtungen sozialer Bewegungen arbeiten mit wenigen Mitarbeiter*innen, vielfach ehrenamtlich. Das erschwert die Vertiefung in komplexe rechtliche Regelungen. Außerdem haben Bewegungsarchive Materialien wie Plakate oder Flugblätter, deren Rechteklärung eine besondere Herausforderung aufgrund unklarer Urheber*innen darstellt. Die Erfahrung aus der Digitalisierung für das DDF wurde in einer Broschüre als Praxistipps zur Rechteklärung zusammengefasst, die als kostenfreier Download erhältlich ist [2].

Mit dem direkten digitalen Zugriff auf Archivobjekte, die analog nicht jede*r in die Hand nehmen kann, will das DDF Interesse am Original wecken und die Bedeutung feministischer Archivarbeit vor Augen führen: Auch heute sind Bewegungsgeschichte und Namen von Aktivistinnen kaum bekannt und stehen nicht in Geschichtsbüchern. Aber nur was erfasst und archiviert ist, kann wiederentdeckt werden und die Geschichtsschreibung verändern.

Brückenschlag ins Heute

Das DDF möchte daher zu Forschung und Wissenstransfer anregen – über das Onlineportal und auch über analoge Angebote. Veranstaltungen wie die Feministische Sommeruni [3] oder Vernetzungsworkshops für Wissenschaftlerinnen schlagen den Bogen von feministischen Erinnerungseinrichtungen zu aktuellen geschichts- wie frauenpolitischen Diskursen und zeigen: Zukunft braucht Erinnerung.

Mit der Kampagne »30 Jahre geteilter Feminismus« begleitet das DDF ganzjährig das Jubiläum zu 30 Jahren deutsche Einheit, erinnert damit feministisch an 1990 und diskutiert aktuelle Entwicklungen. Denn: Auch 30 Jahre deutsche Einheit aus feministischer Sicht bedeutet, Leerstellen im Gedenken zu benennen und sie mit Namen, Bildern und Geschichten von bewegten Frauen zu füllen.

»Die Erinnerung an Vorbilder macht Mut für aktuelle Auseinandersetzungen«, betonte Bundesministerin Dr. Franziska Giffey zur Verkündung der institutionellen Förderung des DDF im Januar. Die i.d.a.-Einrichtungen und ihr digitales Angebot, das Digitale Deutsche Frauenarchiv, laden daher herzlich ein, Geschichte neu und anders zu erzählen.

Endnoten

  1. http://www.ffbiz.de/
  2. http://www.ida-dachverband.de/fileadmin/REDAKTION/EINRICHTUNGEN/ida/downloads/DDF_Rechtebroschuere_WEB.pdf
  3. https://www.feministische-sommeruni.de/

Beitrag im Newsletter Nr. 3 vom 13.2.2020

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Steff Urgast ist Teil des Kommunikationsteams des DDF und hat den Onlinegang des DDF sowie die Feministischen Sommerunis 2018/2019 mitgestaltet.

Kontakt: kontakt@ida-dachverband.de

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