Kaiser: Wie können unter Druck stehende Akteure von Zivilgesellschaften in Europa gestärkt werden? Ein Fallbeispiel der europäischen Stiftungsinitiative Civitates

Zivilgesellschaft als Korrektiv

In vielen Teilen Europas lässt sich ein Trend erkennen: Menschen engagieren sich immer häufiger ad hoc und für ein konkretes Thema. »Fridays for Future« aus Schweden und mittlerweile europaweit oder die »Civil« Proteste [1], die eine große Solidaritätsbewegung für NGOs in Ungarn auslösten, sind nur zwei exemplarische Beispiele dafür, wie einzelne Aktionen zehntausende Menschen auf die Straße bringen können. Beide Bewegungen und viele weitere Beispiele zeigen, dass Zivilgesellschaft heute mehr denn je eine wichtige Rolle als Korrektiv und Opposition für Politiker*innen und Gesetze einnimmt. Allerdings nehmen der Raum und die Freiheit, diese Kontrolle auszuüben, in vielen Ländern Europas momentan ab [2]. Kritische Akteure der Zivilgesellschaft stehen immer häufiger unter politischem Druck.

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Unter Druck

Eine Folge dieses zunehmenden politischen Drucks ist Selbstzensur: In vielen Ländern, gerade in Zentral- und Osteuropa befassen sich die meisten Akteur*innen der Zivilgesellschaft inzwischen hauptsächlich damit, soziale Dienste anzubieten [3]. Die Fürsorge für ältere Mitmenschen oder eine Suppenküche für Obdachlose sind politisch unkritisch(er); Regierungen unterstützen die Anbieter*innen dieser Wohltätigkeiten oder kooperieren mit den entsprechenden NGOs. Wenn aber dieser Teil der Zivilgesellschaft zum Sozialdienstleister wird, zunehmend Aufgaben des Staates übernimmt und gleichzeitig durch staatliche Unterstützung in Abhängigkeit der jeweiligen Regierung gerät, können diese Akteur*innen der Zivilgesellschaft ihr Potenzial als »Watchdogs« für Missstände oder als Opposition zur aktuellen Regierung nicht mehr umfassend ausüben. Sie schöpfen ihr Potenzial als kritisches Korrektiv nicht aus und zensieren sich so selbst.

Die kritischen Kräfte der Zivilgesellschaft, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit einfordern und verteidigen (wie in Ungarn) oder für Minderheitenrechte kämpfen (wie in Polen), verspüren den politischen Druck auf vielfältige Weise: Sie werden öffentlich diffamiert, erhalten Steuerauflagen und Kontrollen, die sie de facto von ihrer inhaltlichen Arbeit abhalten und büßen durch Schmierkampagnen und Fake-News ihre Reputation und Glaubwürdigkeit ein [4].

Neben politischem Druck haben oppositionelle Akteur*innen der Zivilgesellschaft häufig weitere Probleme: Erstens gibt es wenige oder gar keine Finanzierungsquellen im eigenen Land. Gerade in Zentral- und Osteuropa bestehen kaum private und vom Staat unabhängige Förderinstitutionen, die NGOs unterstützen. Für Ausschreibungen und Fördertöpfe der EU ist aber meist ein gewisser Anteil inländischer Drittmittel Voraussetzung für eine EU-Finanzierung; Diese Gelder sind für betreffende NGOs also kaum erreichbar. Erhalten NGOs Geld von ausländischen Stiftungen, müssen sie häufig hohe bürokratische Hürden überwinden und werden in den Medien als »feindlich gesteuerte Agenten« [5] angeprangert . Ein weiteres Problem ist, dass kritische NGOs häufig keine Lobby, kein Unterstützungsnetzwerk im eigenen Land haben, um sich bei Angriffen zusammenzuschließen und auf Missstände aufmerksam zu machen. Wenn sie also beispielsweise in einer Schmierkampagne angegriffen werden, können sie sich häufig auf Grund fehlender Ressourcen und mangelnder juristischer Unterstützung nur schlecht dagegen wehren. Hierfür bräuchten sie länderübergreifende Unterstützung oder beispielsweise einen NGO-Verband, der ihre Positionen gebündelt und gestärkt vertreten kann.

Europäische Stiftungsinitiative »Civitates«

An diesen beiden Problemen setzt die europäische Stiftungsinitiative »Civitates« an. Civitates ist ein Zusammenschluss von 16 Stiftungen aus ganz Europa [6], die ihre Fördergelder zu einem gemeinsamen Fond zusammenbringen. In den ersten beiden Jahren (2018-2020) umfasst dieser Fond ein Gesamtvolumen von 4,1 Mio Euro zur Förderung der Zivilgesellschaft in Europa. Innerhalb dieses Fonds gibt es zwei Förderlinien, eine zur Stärkung von unter Druck stehenden Akteuren der Zivilgesellschaft und eine zur Unterstützung einer digitalen Öffentlichkeit. In der Förderlinie „Zivilgesellschaft“ werden Projekte gefördert, die Akteur*innen der Zivilgesellschaft gegenüber politischem Druck in ihrem Land verteidigen und stärken [7]. In einem regelmäßigen Bewerbungsverfahren können sich zivilgesellschaftliche Akteur*innen aus ganz Europa auf Förderung von bis zu 100.000 Euro bewerben.

NGOs bewerben sich bei Civitates mit einem Projekt, das sie gemeinsam mit einer anderen Organisation in einem Zeitraum von eineinhalb Jahren umsetzen oder aufbauen wollen. Neben der finanziellen Förderung bekommen sie in diesem Zeitraum auch Beratung und Unterstützung, sowohl von den anderen Projekten, also peer to peer, als auch von den Förderstiftungen und dem gemeinsam entwickelten Netzwerk. Diese Vernetzung soll dazu beitragen, dass die einzelnen NGOs weniger isoliert auftreten und sich stattdessen bedarfsorientiert und länderübergreifend zusammenschließen können. Ihrer Watchdog-Rolle können sie so stärker und in paneuropäischer Dimension Ausdruck verleihen.

Unter den ersten 13 geförderten Projekten sind Vorhaben dabei, die beispielsweise die Watchdog-Rolle der Zivilgesellschaft in Slowenien verbessern oder pro-europäische Einstellungen von Bürger*innen in Polen fördern [8].

Paneuropäische Zusammenarbeit stärken

Wie zuvor erläutert, führt ausländische Finanzierung in manchen Ländern zu Problemen für kritische NGOs. Durch die Allianz mehrerer Stiftungen aus unterschiedlichen europäischen Ländern wird versucht, den Vorwurf einer unilateralen Einmischung in die Angelegenheiten eines anderen Landes zu vermeiden. Gleichzeitig werden die Gelder nicht ausschließlich in den vermeintlich am stärksten eingeschränkten Ländern Europas eingesetzt. Der Bewerbungsaufruf ist für Akteur*innen aus allen Ländern Europas offen. So lässt sich die Kritik, Civitates sei ein »Hilfsfond« westeuropäischer Stiftungen für nachholbedürftige Länder Osteuropas, entschärfen.

Civitates stellt neben der finanziellen Unterstützung auch eine paneuropäische Stimme und Lobby für unter Druck stehende Akteur*innen der Zivilgesellschaft dar. Denn 16 europäische Stiftungen können gemeinsam stärker auf Probleme und Bedarfe der Zivilgesellschaft aufmerksam machen, als dies jede einzelne in ihrem nationalen Kontext tun könnte. Die Anbindung von Civitates an das Network of European Foundations, das den Fond und die Netzwerkarbeit koordiniert, ermöglicht, Erfahrungen und Forderungen aus dieser Stiftungsinitiative mit politischer Advocacy-Arbeit der Zivilgesellschaft zu verbinden. Ein Beispiel hierfür ist das kürzlich veröffentlichte Europäische Manifest der Philanthropie [9].

Weitere Förderung von Zivilgesellschaft

Neben Civitates gibt es natürlich noch weitere Ansätze Zivilgesellschaft auf neue Art und Weise zu fördern. In Deutschland hat beispielsweise gerade ein Zusammenschluss von acht Stiftungen den »Förderfond Demokratie« ins Leben gerufen. Dort können sich seit dem 15. Juli 2019 Initiativen und Vereine unbürokratisch auf Fördergelder für ihre Arbeit bewerben [10]. Ein anderer Aufruf geht an Akteur*innen, die politische Bildungsarbeit in Süd- und Osteuropa umsetzen und vor allem lokal aktiv sind: Mit »Civic Europe« möchte die Stiftung Mercator gemeinsam mit dem Berliner Verein MitOst e.V. und der Sofia Plattform in Bulgarien in den kommenden Jahren insbesondere in Bulgarien, Polen, Rumänien und Ungarn diejenigen stärken, die sich mit Mitteln der politischen Bildung für aktive, demokratische Bürgerschaft einsetzen.

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Literatur

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Beitrag im Newsletter Nr. 16 vom 8.8.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Annkatrin Kaiser arbeitet bei der Stiftung Mercator und verantwortet dort das Portfolio zur Förderung von Zivilgesellschaft in Europa.

Kontakt: annkatrin.kaiser(at)stiftung-mercator.de

Weitere Informationen:

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