Roeder: Bürgerschaftliches Engagement als Chance zur Inklusion von geflüchteten Menschen in Sachsen – Evaluation, Beratung, Netzwerkausbau und Engagementförderung (2018 - 2020)

Einleitung

Das Projekt »Bürgerschaftliches Engagement als Chance zur Inklusion geflüchteter Menschen in Sachsen - Evaluation, Beratung, Netzwerkausbau und Engagementförderung« (2018 – 2020) des Arbeiterwohlfahrt Landesverbandes in Sachsen wird vom Geschäftsbereich Gleichstellung und Integration des sächsischen Staatsministeriums für Soziales und Verbraucherschutz in der Förderrichtlinie Integrative Maßnahmen gefördert.

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Bedarf und Zielstellung des Projektes

Ziel dieses Projektes ist es, Geflüchtete mittels bürgerschaftlichem Engagement in die sächsische Gesellschaft zu integrieren und ihnen dadurch neue Perspektiven und Chancen für eine aktive Partizipation am gesellschaftlichen Leben zu eröffnen. Da über die Integration von Geflüchteten in bürgerschaftliches Engagement weitestgehend noch wenige Kenntnisse vorliegen, wird im Rahmen des Projektes qualitativ zur Thematik geforscht. Die hierbei gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu dienen, Geflüchtete gezielt in ihrer Lebenswelt anzusprechen, sie für ein bürgerschaftliches Engagement zu begeistern, um sie schließlich besser in die Gesellschaft integrieren zu können.

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Beschreibung des Projektträgers

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) betreibt in Sachsen fast 700 Einrichtungen im sozialen Bereich und ist Arbeitgeber von über 13.000 Beschäftigten. Unter dem Dach der AWO engagieren sich ca. 6400 Menschen ehrenamtlich. Bürgerschaftliches Engagement bei der AWO ermöglicht seit jeher Menschen unabhängig ihres Alters, ihres Bildungsstandes, ihrer Nationalität oder sozialen Herkunft, sich zu engagieren. Folgerichtig ist dabei – mit Blick auf die Grundwerte der Arbeiterwohlfahrt – dies auch für geflüchtete Menschen anzubieten. Der AWO Landesverband Sachsen e.V. bietet Freiwilligendienste in den Formaten »Freiwilliges Soziales Jahr« (FSJ), »Bundesfreiwilligendienst« (BFD) sowie »Freiwilligendienst aller Generationen« (FdaG) an und betreut derzeit sachsenweit ca. 200 Freiwillige. Die Einsatzstellen sind gemeinnützige Einrichtungen der Bereiche Behinderten-, Alten-, Kinder- und Jugendhilfe, Familienzentren, Kultur- und Bildungsstätten, sowie Sport- und Umweltschutzverbände. Seit November 2015 haben sich diese um den Bereich der Geflüchtetenhilfe erweitert (wie z.B. Wohnheime oder Inobhutnahmestellen), in denen alle Dienstformate angeboten werden.

Studie zum Bürgerschaftlichen Engagement von Geflüchteten

Im Nationalem Aktionsplan Integration der Bundesregierung (2019) heißt es in der Phase der Eingliederung von MigrantInnen, dass ein »Engagement von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund […] als wichtiger Katalysator für Integration und Partizipation sowie [für] die Stärkung des sozialen Zusammenhalts wahrgenommen« wird. Während ehrenamtliches Engagement von MigrantInnen und die Bereitschaft dazu bereits in einigen Studien erfasst wurde (u. a. Enquête-Kommission 2002; Groß et al. 2017; Huth 2012; Vogel et al. 2017; Vortkamp 2008), stellt das Engagement von Geflüchteten in Deutschland eine Forschungslückedar. Untersuchungen, welche analysieren, was Menschen mit Fluchterfahrung dazu bewegt, sich bürgerschaftlich zu engagieren und wie sich dieses Engagement auf den Integrationsprozess auswirkt, lassen sich kaum finden (Stiehr/Stiehr 2016: 11; Speth 2018: 17; Turac 2017: 40). Der Perspektivwechsel, weg vom Geflüchteten als Objekt bürgerschaftlichen Engagements, hin zum handelnden Subjekt stellt eine untersuchenswerte Neuerung dar.

Das Forschungsziel der explorativen Untersuchung ist es, im Sinne einer Vorstudie, Erkenntnisse zur integrativen Wirkung des Engagements Geflüchteter in Sachsen zu gewinnen. Dabei stehen die Fragen nach den Motiven, Erwartungshaltungen, Ressourcen und Erfahrungen der Geflüchteten und den jeweiligen Einsatzstellen, im Mittelpunkt der Untersuchung. Zur Datengewinnung wurden zum einen qualitative leitfadengestützte Interviews mit ehrenamtlichen oder im Freiwilligendienst tätigen Geflüchteten geführt. Zum anderen wurden im Anschluss an die Einzelinterviews Gruppeninterviews mit der Einrichtungsleitung, Mitarbeitenden und den Engagierten angestrebt und auch größtenteils umgesetzt.

Die ersten Ergebnisse wurden im Rahmen eines Fachforums in Dresden öffentlich präsentiert und in einer Broschüre veröffentlicht.

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Umsetzung der Erkenntnisse aus der Studie

Die Erkenntnisse aus der o.g. Studie sollen in einem zweiten Schritt für die Beratung interessierter sozialer Einrichtungen genutzt werden, wie sie Geflüchtete als neue Zielgruppe für ein bürgerschaftliches Engagement gewinnen können.

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Sensibilisierung und Beratung von Einsatzstellen

Junge Geflüchtete können sich beispielweise mit deutschen Jugendlichen in Vereinen und Wohlfahrtsverbänden engagieren. Die Flüchtlingshilfe wäre somit um mindestens einen Faktor reicher: Betroffene können sich selbst einbringen und sich für ihre Bedarfe einsetzen. Bis Ende 2018 konnten sie einen Freiwilligendienst mit Fluchtbezug absolvieren. Nun werden Geflüchtete in die Regelformate mit aufgenommen. Weiterhin ist es das Ziel des Projektes, dass sich Geflüchtete für einen spezifischen Bereich in einer sozialen Einrichtung interessieren und bestenfalls engagieren, was in Form eines Freiwilligendienstes oder eines klassischen Ehrenamtes mit oder ohne Aufwandsentschädigung erfolgen kann. Somit erhalten Geflüchtete die Chance, persönliche Perspektiven und eigene Netzwerke zu entwickeln und im umgekehrten Fall zur interkulturellen Öffnung einer sozialen Einrichtung beizutragen.

Die Aufgabe des Projektes ist es, anhand der Studienerkenntnisse Geflüchtete mit ehrenamtlich Tätigen ins Gespräch zu bringen und Geflüchtete bei ihrem Engagement beratend zu begleiten. In vier Modellregionen in Sachsen, in denen sich die Beteiligten wünschen oder vorstellen können, geflüchtete Menschen für ein bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen, sollen jeweils 2 Workshops durchgeführt werden. In den Workshops soll eruiert werden, welche Strukturen bereits bestehen, um Geflüchtete für ein Engagement zu gewinnen und welche Ressourcen dafür noch vonnöten sind.

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Intensivierung der Beratung Geflüchteter

Neben der Beratung von potentiellen Einsatzstellen sollen auch Geflüchtete beraten werden, welche Art des bürgerschaftlichen Engagements zu ihnen passt. Im Integrationsprozess Ge-flüchteter kann bürgerschaftliches Engagement eine zentrale Funktion übernehmen. Zielstel-lung hierbei ist, Geflüchteten mit ihrem Engagement Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, die ihnen nachhaltige Zukunftschancen in Deutschland ermöglichen. Die Kontakte im Rah-men des Netzwerkes (Ämter, Behörden, Einrichtungen) sollen Geflüchtete im Hinblick auf ihre weiteren Entwicklungsmöglichkeiten, v.a. in Bezug auf bürgerschaftliches Engagement, mittels Beratung und Vermittlung unterstützen.

Berücksichtigt werden folgende Formen des bürgerschaftlichen Engagements:

  • Der Freiwilligendienst stellt als Orientierungs- und Bildungsjahr eine Sonderform des bürgerschaftlichen Engagements dar. Da er arbeitsmarktneutral angelegt ist (vgl. Bundesfreiwilligendienstgesetz), stellt er ausdrücklich keine Arbeitssituation dar.
  • Ein Ehrenamt in einer sozialen Einrichtung, welches freiwillig und unbezahlt bzw. gegen eine geringe Aufwandsentschädigung durchgeführt wird.
  • Eine Mitgliedschaft von Geflüchteten in Vereinen oder im AWO Verband, die im besten Falle auch eine aktive Mitarbeit und Beteiligung der/des Geflüchteten nach sich zieht.

Ziel ist es, interessierte Geflüchtete für eine dieser Formen des bürgerschaftlichen Engagements zu gewinnen. Die Projektmitarbeitenden stehen zudem mit Geflüchteten, die sich bereits engagieren, stets im Kontakt und sind somit auf deren Belange und Problemlagen sensibilisiert.

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Aufbau eines Netzwerkes engagierter Geflüchteter

Der Aufbau eines Netzwerkes geflüchteter Engagierter dient der Verstetigung des Projektes nach dessen Ablauf. Die dabei gewonnenen Kontakte münden in einen Pool potentieller MultiplikatorInnen im Kreis geflüchteter Menschen, die authentisch und sprachsicher über ihr bürgerschaftliches Engagement in sozialen Einrichtungen mitsamt allen Facetten und Fragen berichten können. Zielstellung hierbei ist, die gesammelten Erfahrungen von engagierten Geflüchteten an Geflüchtete weiterzureichen und sie für ein bürgerschaftliches Engagement als Integrations- und Zukunftschance zu begeistern. Dies soll in Form von regionalen Netzwerktreffen umgesetzt werden. Somit können interessierte Geflüchtete einen fundierten Eindruck zu Rahmenbedingungen und Abläufen eines Engagements erhalten.

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Vorbereitung und Begleitung von sozialen Einrichtungen für den Einsatz von geflüchteten Menschen als Freiwillige

Nach ersten Recherchen und mittels der Befragung von Einrichtungen hat sich gezeigt, dass die Bereitschaft der sozialen Einrichtungen für die Aufnahme von Geflüchteten zwar vorhanden, die Öffnung gegenüber anderen kulturellen Einflüssen jedoch nicht von vorneherein selbstverständlich ist. Der Austausch über Fragen zur kulturellen Herkunft engagierter Geflüchteter und zur deutschen Kultur ermöglicht es, Unterschiede zu identifizieren, sie zu verstehen und mögliche Konfliktpotentiale zu erkennen. Ziel ist es, mit diesem Wissen angenommene Vorbehalte in Einrichtungen zu minimieren und gegenseitige Akzeptanzkonflikte von vorneherein zu entschärfen.

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Beitrag im Newsletter Nr. 14 vom 11.7.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Anne Röder studierte Soziologie an der Universität Leipzig und arbeitete anschließend an der Technischen Universität Dresden und der Technischen Universität Bergakademie Freiberg als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Bereits im Studium beschäftigte sie sich mit den Themen Migration und Integration, welche sie bis heute als Forschungsschwerpunkte begleiten. Seit Frühjahr 2018 ist Frau Röder wissenschaftliche Koordinatorin des Arbeiterwohlfahrt Landesverbandes Sachsen e.V. und begleitet Projekte im Fachbereich Migration, Flüchtlinge, Inklusion.

Kontakt: anne.roeder(at)awo-sachsen.de

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