Mehdorn: »Wir vereinigen nicht Staaten, sondern Menschen« – Zum Netzwerk der Deutsch-Französischen Gesellschaften

Einleitung

»Wir vereinigen nicht Staaten, sondern Menschen« – sagte einst Jean Monnet, einer der großen europäischen Gründerväter. Die deutsch-französische Versöhnung und Verständigung war der Ausgangspunkt und Kern der europäischen Einigungsbestrebungen und viele sehen die deutsch-französische Zusammenarbeit weiterhin als wichtigen Motor auch in der erweiterten Europäischen Union.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich wären jedoch ohne das solide und breite zivilgesellschaftliche Fundament, auf das sie sich stützen, und das weit gespannte Netzwerk bürgerschaftlichen Engagements zwischen beiden Ländern nicht das, was sie heute sind.

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Zivilgesellschaftliche Netzwerke

In einer Überblicksdarstellung des Bundesfinanzministeriums heißt es: »Unentbehrlich für das gegenseitige Verständnis und die interkulturelle Zusammenarbeit ist auch das zivilgesellschaftliche Netzwerk, das unter anderem aus über 300 deutsch-französischen Gesellschaften, 22 Regional- und 2200 Städtepartnerschaften sowie 4300 Schulpartnerschaften besteht.« [1]

Neben den Städte- und Gemeindepartnerschaften [2] leisten die Deutsch-Französischen Gesellschaften als die Plattform des bürgerschaftlichen Engagements einen wesentlichen Beitrag zu den zivilgesellschaftlichen Verbindungen zwischen Deutschland und Frankreich. Wofür aber stehen Deutsch-Französische Gesellschaften?

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Deutsch-französische Verständigung durch kulturellen Austausch

Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland und lange vor dem Elysée-Vertrag von 1963 gab es an verschiedenen Orten in den drei Westzonen und unabhängig voneinander Initiativen von Bürger*innen zur Versöhnung und Verständigung mit Frankreich über kulturellen Austausch und bessere gegenseitige Kenntnis voneinander. Da gab es die Initiative des französischen Jesuiten und Militärgeistlichen Jean du Rivau 1945 mit dem Centre d’étude in Offenburg, das später zu den heute noch existierenden Begegnungsvereinen GÜZ /BILD wurde [3] das waren aber auch erste deutsch-französische Gesellschaften und Kulturvereine, die 1947 in Hamburg, Stuttgart und Duisburg, 1948 in Hannover, Nürnberg, Oldenburg, Düsseldorf und Dortmund, 1949 in Wiesbaden, Bremen und Berlin gegründet wurden. Und diese Bewegung setzte sich auch in den Folgejahren fort.

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Historische Vorläufer

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte die Aktivitäten der Alliance française in Deutschland und der im bürgerlichen Milieu entstandenen deutsch-französischen Zirkel jäh zum Erliegen gebracht.

Im Kontext der deutsch-französischen Annäherungspolitik der Locarno-Ära unter Stresemann und Briand hatte es in den 1920er Jahre erneut verschiedene Initiativen zur deutsch-französischen Verständigung gegeben. Der Romanist, Frankreichkenner und Publizist Dr. Otto Grautoff aus Lübeck, Jugendfreund von Thomas Mann, war beseelt von der Idee, durch eine bessere Kenntnis der Kultur das gegenseitige Verständnis zu fördern. Diesem Ziel widmete er 1926 ein Zeitschriftenprojekt, die Deutsch-französische Rundschau, das er 1928 in die von ihm in Berlin gegründete Deutsch-Französische Gesellschaft einband. Sie war die erste zivilgesellschaftliche Organisation, die sich für eine Verständigung mit Frankreich durch kulturellen Austausch und transnationale Kontakte auf gesellschaftlicher Ebene außerhalb der Regierungskontakte engagierte. Als einzige Verständigungsorganisation der Locarno-Ära hatte sie mit der Ligue d’Etudes Germaniques auch eine Partnerorganisation in Frankreich. Von Anfang an trat sie für die deutsch-französische Verständigung auch als Grundlage für Stabilität und Frieden in Europa ein. 1934 musste sie unter dem Druck des NS-Regimes ihre Selbstauflösung erklären.

Diese DFG von Otto Grautoff ist die Keimzelle und Vorläufer deutsch-französischer Gesellschaften in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

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Deutsch-Französische Gesellschaften

In den Entstehungsjahren nach dem Zweiten Weltkrieg kann man zwei Typen von Deutsch-Französische Gesellschaften erkennen, die sich ihren Zielsetzungen und Aktivitäten aber nicht unterschieden:

Zum einen die als Deutsch-Französische Gesellschaften bezeichneten Initiativen deutscher Bürger*innen im Norden und Südosten des Landes, wo ein Zugang zu französischer Kultur damals schwierig war, die sich die Annäherung, Versöhnung und Verständigung mit Frankreich über kulturelle Kenntnisse und Austausch zum Ziel gesetzt hatten.

Zum anderen ab 1955, nachdem die Bundesrepublik die Souveränität erlangt hatte, im Bereich der ehemaligen französischen Besatzungszone die Deutsch-Französischen Gesellschaften in Städten mit einer französischen Garnison, die auch eine große Zahl französischer Mitglieder hatten, häufig auch Unterstützung für ihre Verständigungsbemühungen von deutscher Seite wie aus der französischen Militärverwaltung bekamen. Mit ihrem deutsch-französisch besetzten Vorstand praktizierten sie mit Pioniergeist und Weitsicht engste deutsch-französische Kooperation und interkulturellen Austausch in der täglichen Zusammenarbeit. Seit Abzug der französischen Soldaten in den 1990er Jahren hat sich das etwas ausgeglichen.

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Schon 1956 lud der französische Botschafter in Bad Godesberg Vertreter der Deutsch-Französischen Gesellschaften zu einer Studienreise nach Paris und Lille ein. Auf dieser Reise entstand der Wunsch nach Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch untereinander. Die DFG Wetzlar (gegr. 1955) lud 1957 zu einem ersten informellen Treffen nach Wetzlar, zum dem Vertreter von 26 DFGen kamen – neben Vertreter*innen aus Politik, Kultur, Bildungswesen und der französischen Botschaft.

21 der anwesenden DFGen unterzeichneten die »Resolution zur Gründung des Arbeitskreises der Deutsch-Französischen Gesellschaften in Deutschland und Frankreich«, der sich später weitere anschlossen. Man traf sich nun jährlich zu einer Konferenz, seit 1963 finden diese Jahres-Kongresse wechselseitig in Deutschland und Frankreich statt. Es gab seit dieser Zeit kontinuierlich Neugründungen von Deutsch-Französischen Gesellschaften, nach 1990 verstärkt in ostdeutschen Bundesländern, und es gibt sie bis heute. In Frankreich ist die Entstehungsgeschichte dieser deutsch-französischen Vereine eng mit den Städtepartnerschaften verbunden.

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Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V.

Aus dem Arbeitskreis wurde mit zunehmender Mitgliederzahl die Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften (VDFG) e.V.. Sie ist ein überparteilich und überkonfessionell arbeitender Verband, der heute in der Fédération des Associations Franco-Allemandes pour l ́Europe (FAFA) sein französisches Pendant hat, mit dem er eng zusammenarbeitet, aber da es noch kein europäisches Vereinsrecht gibt bleiben es zwei Verbände nach nationalem Recht. Seit 2008 führt auch die deutsche Vereinigung, dem Beispiel des französischen Verbandes folgend, den Zusatz für Europa im Namen, um damit deutlich zu machen, dass dieses deutsch-französische Engagement im Dienst des europäischen Aufbaus steht.

Die VDFG für Europa e.V. hat heute knapp 150 Mitglieder in Deutschland, dazu gehören Deutsch-Französische Gesellschaften, Partnerschaftsvereine dt.-frz. Kommunalpartnerschaften, Clubs des Affaires und Deutsch-Französische Chöre. Insgesamt gibt es jedoch noch ein paar Deutsch-Französischen Gesellschaften mehr, die sich dem großen Netzwerk (noch) nicht angeschlossen haben. In den Mitgliedsorganisationen sind insgesamt über 20.000 an Frankreich interessierte BürgerInnen vereint. Die FAFA pour l’Europe vereint ca. 200 lokale Vereine in Frankreich, die sich in sechs Regionalunionen organisiert haben. Alle diese Vereine organisieren Kulturprogramme mit Vorträgen, Lesungen, Musikveranstaltungen, Schülerwettbewerben, Austauschmaßnahmen, u.a.m. oft in Kooperation mit lokalen Akteuren, dem DFJW und dem Institut français sowie im Rahmen von Gemeindepartnerschaften.

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Die Mitgliedschaft in der VDFG für Europa e.V. steht allen Vereinen, Institutionen sowie anderen juristischen Personen – einschließlich Unternehmen – offen, die Interesse an der deutsch-französischen Zusammenarbeit auf zivilgesellschaftlicher Ebene haben.

Hingewiesen sei auf eine Besonderheit für jüngere Interessenten: Der Deutsch-Französische Jugendausschuss e.V. [4] ist ein von jungen Leuten überregional organisierter Mitgliedsverein, der vor allem Städtepartnerschaften bei der Neuaufstellung unterstützen möchte und ein großes Projekt einer deutsch-französischen Internetplattform umgesetzt hat, die die Vielzahl der Angebote bündeln und nutzerfreundlich zugänglich machen möchte [5].

Zweck der Vereinigung ist die Festigung und Vertiefung der deutsch-französischen Zusammenarbeit durch die Förderung ihrer Mitglieder.

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Die VDFG wird wie alle ihre Mitgliedsorganisationen von einem ehrenamtlich tätigen Vorstand geleitet. VDFG und FAFA unterstützen als Verbände auf nationaler Ebene die inhaltliche Arbeit ihrer Mitglieder, die lokal oder regional aktiv sind, vermitteln ihnen über Homepage und Newsletter zeitnah wichtige Informationen aus dem Partnerland, bieten ihnen eine Plattform für Austausch und Vernetzung untereinander, verleihen ihrem Wirken mehr Sichtbarkeit auf nationaler Ebene und vertreten ihre Interessen gegenüber Verwaltung und Politik. So war die Präsidentin der VDFG im Juni 2018 als Vertreterin der Zivilgesellschaft zur Anhörung vor den deutsch-französischen Parlamentsausschuss geladen, der Ideen für eine Erneuerung des Elysée-Vertrages sammeln sollte. Und die von ihr vorgetragene Idee einer gezielten Förderung des zivilgesellschaftlichen Austauschs fand mit der Einführung des Bürgerfonds in Art.12 Eingang in den Aachener Vertrag.

VDFG und FAFA veranstalten als wesentlichen Beitrag zur Pflege und Stärkung dieses zivilgesellschaftlichen deutsch-französischen Netzwerks jährlich einen gemeinsamen Kongress alternativ in Deutschland und Frankreich mit einem aktuellen Schwerpunktthema, der offen ist für alle anderen interessierten Akteure des Franco-Allemand. Neben der Verbesserung der Kenntnisse voneinander fördert der Kongress vor allem Erfahrungsaustausch und Vernetzung der Mitglieder.

Zugleich wollen VDFG und FAFA damit aber auch in die Öffentlichkeit wirken und die deutsch-französische Freundschaft Beitrag zur europäischen Einigung am jeweiligen Veranstaltungsort neu ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rufen und neue Ressourcen dafür aktivieren. Der Jahreskongress ist die Hauptveranstaltung der Vereinigung. I.d.R. kommen ca. 200 bis 250 ehrenamtlich Tätige zu diesem Forum zusammen.

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Der 63. Kongress fand 2018 in Colmar (F) unter dem Motto »Die junge Generation und das Europa von morgen« statt. Der 64. Kongress vom 13.-15.9.2019 in Halle/ Saale ist in Vorbereitung zum Thema Globalisierung und Migration: Herausforderung und Chance für unsere deutsch-französische Zusammenarbeit. Bedeutung des Aachener Vertrags. [6] In Erinnerung an das Wirken ihrer Gründungspräsidentin Dr. Elsie Kühn-Leitz (DFG Wetzlar) verleiht die Vereinigung seit 1986 i.d.R. alle zwei Jahre den Elsie Kühn-Leitz-Preis für herausragende Verdienste um die deutsch-französische Zusammenarbeit und die europäische Einigung. Unter den Ausgezeichneten finden sich renommierte Namen wie Hans-Dietrich Genscher, Valéry Giscard’Estaing, der TV-Sender ARTE, Dr. Helmut Kohl, Annegret Kramp-Karrenbauer, Jean-Claude Juncker, Dr. Frank Walter Steinmeier und andere.

Die VDFG für Europa e.V. hat ihr Leitbild so formuliert:

Wir sind die Plattform und das Netzwerk des zivilgesellschaftlichen deutsch-französischen Engagements. Wir repräsentieren, tragen, bewegen und fördern dieses deutsch-französische Engagement für unsere gemeinsamen europäischen Werte und ein vereintes Europa. Wir arbeiten freiwillig und ehrenamtlich. Vor dem Hintergrund unserer historischen Erfahrung, auf dem Fundament der deutsch-französischen Freundschaft und Zusammenarbeit und mit unserem interkulturellen Wissen

  • engagieren wir uns für Völkerverständigung und Frieden,
  • pflegen, fördern und vertiefen wir die Verbindungen zwischen den Menschen unserer beiden Länder,
  • setzen wir uns ein für Freiheit, Vielfalt und den Respekt anderer Kulturen,
  • unterstützen wir den Austausch zwischen unseren Ländern und mit Dritten.

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Vieles wurde erreicht in den deutsch-französischen Beziehungen, was in den Anfängen der Versöhnung undenkbar schien. Die deutsch-französische Partnerschaft steht in Europa exemplarisch für ein freundschaftliches Miteinander, das historische Gräben durch zwischenmenschliche Begegnungen auf allen Ebenen der Gesellschaft überwunden hat. Dazu haben neben dem DFJW und den Jumelages die deutsch-französischen Gesellschaften mit viel Idealismus und Einsatz einen wesentlichen Beitrag geleistet – jede einzelne an ihrem jeweiligen Ort. Es wird im 21. Jahrhundert nun darauf ankommen, dass wir unsere Motivation für das deutsch-französische Engagement als Beitrag zum großen Friedenswerk Europa plausibel und nachvollziehbar an Jüngere weitergeben können um dieses Engagement zukunftsfähig zu machen.

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 2 vom 4.3.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Dr. phil. Margarete Mehdorn ist Präsidentin der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa e.V. Sie ist als Konferenzdolmetscherin, Übersetzerin und interkulturelle Trainerin tätig. Ihre Dissertation »Französische Kultur in der Bundesrepublik Deutschland. Politische Konzepte und zivilgesellschaftliche Initiativen 1945-1970« (Böhlau 2009) ist die erste systematische Untersuchung den Deutsch-Französischen Gesellschaften, ihrer Entstehungsgeschichte ab 1945 und ihrer Interaktion mit der staatlichen Kulturpolitik. Margarete Mehdorn ist seit 1995 ehrenamtlich bei der Deutsch-Französischen Gesellschaft Schleswig-Holstein Sitz Kiel e.V. aktiv, 2006 wurde sie in den Vorstand der Vereinigung Deutsch-Französischer Gesellschaften für Europa gewählt, 2016 zu deren Präsidentin.

Kontakt: mehdorn(at)vdfg.de

Weitere Informationen

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