Angrand/ Haag: Zivilgesellschaftliches Engagement kennt keine Grenzen

Béatrice Angrand und Johanna Haag

Zurück zu den Europa-Nachrichten Nr. 2 vom 4.3.2019

Zivilgesellschaftliches Engagement kennt keine Grenzen

2019 ist ein Jahr der Bewährungsproben für Europa. Ein Jahr, in dem auch zivilgesellschaftliches Engagement darüber entscheiden wird, ob die Europäische Union den erstarkenden nationalistischen Fliehkräften standhält oder auseinandergetrieben wird.

Doch begonnen hat 2019 mit einem starken Moment der europäischen Einheit. Deutschland und Frankreich bekräftigten am 22. Januar mit dem Aachener Vertrag ihre Freundschaft und stellten die Weichen für ihre zukünftige Zusammenarbeit. Bei der Zeremonie würdigten EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, EU-Ratschef Donald Tusk und der aktuelle EU-Ratspräsident Klaus Iohannis die Bedeutung des Vertrages. Viele lobten den Beschluss für sein symbolkräftiges Bekenntnis zum Multilateralismus, stempelten ihn aber vor allem in Finanz- oder Verteidigungsfragen als enttäuschend ab. Es stimmt: Eine Abstimmung der Wirtschafts- und Außenpolitik ist wichtig, um Europa nach außen hin zu stabilisieren und Rahmenbedingungen für die europäische Integration zu schaffen. Aber es kann nur die Zivi-gesellschaft sein, die diesen Rahmen mit Leben füllt. Das wissen auch Angela Merkel und Emmanuel Macron. Der Bürgerfonds, den sie im Aachener Vertrag vorsehen, ist daher ein Kernelement für die Gestaltung der deutsch-französische Kooperation von morgen.

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Das DFJW, eine Erfolgsgeschichte der Zivilgesellschaft

Das Deutsch-Französische Jugendwerk (DFJW) ist der lebendige Beweis dafür, wie erfolgreich bürgerschaftliches Engagement für die Zusammenarbeit der beiden Länder sein kann. Nicht umsonst wird es oft in einem Atemzug mit dem historischen Elysee-Vertrag genannt: Seit seiner Gründung 1963 hat das DFJW Begegnungen zwischen mehr als 9 Millionen jungen Deutschen und Franzosen ermöglicht. Wer hätte das anfangs zu träumen gehofft, weniger als 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs? Doch das Wagnis hat sich gelohnt: Mit über 320.000 Programmen hat das DFJW in den vergangenen 56 Jahren bedeutend zur Versöhnung und intensiven Kooperation Deutschlands und Frankreichs beigetragen.

Die Erfolgsgeschichte des DFJW ist eine Erfolgsgeschichte der Zivilgesellschaft, denn sie wird von unseren Partnern geschrieben – von Sportvereinen und Jugendverbänden, Schulen, Berufskollegs und Universitäten, Kulturvereinen und -instituten oder Städtepartnerschafts-Komitees. Dank der finanziellen Unterstützung, des Netzwerks, der organisatorischen Hilfe und der erprobten pädagogischen Methoden und Materialien des DFJW setzen sie jährlich 8.000 Projekte um.

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Dieses Engagement ist heute wichtiger denn je: Die Versöhnung Deutschlands und Frankreichs mag von niemandem mehr angezweifelt werden, wohl aber die Notwendigkeit eines offenen, einigen Europas. Der Gründungsauftrag des DFJW bleibt daher zentral: »Das Jugendwerk hat die Aufgabe, die Bande der beiden Länder enger zu gestalten und ihr Verständnis füreinander zu vertiefen; es hat hierzu die Jugendbegegnung und den Jugendaustausch anzuregen, zu fördern und gegebenenfalls selbst durchzuführen.«

Konkret bedeutet das: Wir fördern grenzüberschreitende Begegnungen zwischen Schülerinnen und Schülern und legen dabei besonderen Wert auf die soziale Vielfalt der Teilnehmerschaft. Wir vernetzen Akteure der schulischen und der außerschulischen Bildung und bieten Weiterbildungen an. Lehrkräfte ermuntert das DFJW dazu, Schulpartnerschaften ins Leben zu rufen. Junge Menschen begleiten wir auf ihrem Weg ins und durchs Berufsleben. Auch Entscheidungsträger von morgen und junge Gründer erreichen wir mit unseren Programmen. Außerdem setzen wir uns dafür ein, schon den Jüngsten die Partnersprache nahezubringen und insbesondere vor der Wahl der Fremdsprache ein authentisches, attraktives Bild des Nachbarlands zu vermitteln. Einen weiteren Schwerpunkt des DFJW bilden Erinnerungsarbeit und Friedenspädagogik. Alle diese Programme haben eines gemeinsam: Sie machen die Vorzüge und Werte Europas konkret erlebbar und Lust, sich für sie zu einzusetzen.

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Größer denken

Um unserem Auftrag im Europa des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden, denken wir ihn heute noch größer:

Erstens will das DFJW Mobilitätserfahrungen für ausnahmslos alle Jugendlichen ermöglichen: Die soziale oder geografische Herkunft, der Kontostand der Eltern oder die Art der Ausbildung dürfen nicht darüber entscheiden, wem die weite Welt offensteht. Wir verfolgen daher das von unserem Verwaltungsrat vorgegebene Ziel: Bis zum Jahr 2020 sollen 20 Prozent der geförderten Teilnehmenden an DFJW-Programmen junge Menschen mit besonderem Förderbedarf sein; derzeit machen diese Jugendlichen bereits über 18 Prozent aus.

Zweitens wird das DFJW seiner Rolle in Europa nur gerecht, wenn wir uns für andere Länder öffnen und unseren Erfahrungsschatz in interkultureller Verständigung sowie die Lehren der deutsch-französischen Versöhnung in den Dienst Europas stellen. Das DFJW unterstützt daher Programme mit Osteuropa und dem Mittelmeerraum. Außerdem stehen einige unserer Programme seit 2000 Ländern aus Südosteuropa offen: So treffen sich dieses Jahr etwa Sozialarbeiterinnen und Lehrer aus Bosnien-Herzegowina, Deutschland und Frankreich, um sich über die pädagogische Aufarbeitung von Krieg und Massenverbrechen auszutauschen. Beim Projekt »Juniorbotschafter für die europäische Zivilgesellschaft« lernen mazedonische, deutsche und französische Studierende die europäischen Institutionen kennen und geben ihr Wissen im Rahmen eines Festivals weiter. Und deutsche Pfadfinder erleben beim Graffitisprayen mit Gleichaltrigen aus Frankreich und Montenegro, was europäische Einheit bedeuten kann. Auf dem Westbalkan, der wie einst Deutschland und Frankreich tiefe Spaltungen überwinden muss, wurde 2016 nach dem Vorbild des DFJW sogar ein Jugendwerk (RYCO) gegründet, um Jugendliche aus Albanien, Bosnien-und-Herzegowina, Montenegro, Mazedonien, Serbien und aus dem Kosovo einander näher zu bringen.

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Austausch ist Demokratieerziehung

Die Forschung zeigt jedes Mal aufs Neue: Mobilitätserfahrungen haben das Potenzial, individuelle Biografien und Gesellschaften zu prägen: Die Begegnung mit dem Nachbarland ist nicht nur ein Gewinn für den persönlichen Horizont und den Lebenslauf. Der Austausch mit Gleichaltrigen anderer Nationalitäten nimmt Berührungsängste und macht Lust auf die andere Sprache und Kultur. Wer plötzlich in einem anderen Land selbst zum Fremden wird, übt sich zudem in Toleranz und lernt, sich selbst oder seine Heimat aus neuen Blickwinkeln zu betrachten. Jugendaustausch ist Demokratieerziehung, er kann einen entscheidenden Beitrag im Kampf gegen Nationalismus und Populismus leisten.

Diese Überzeugung motiviert uns, stetig mehr junge Menschen mit passgenauen Angeboten zu erreichen und sie zu ermutigen, gesellschaftliche Entwicklungen als Bürgerinnen und Bürger Europas aktiv mitzugestalten.

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 2 vom 4.3.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorinnen

Béatrice Angrand ist seit 2009 Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW). Vorher leitete sie das Institut Français in Rostock sowie das Centre culturel français in Timisoara (Rumänien). Zudem war sie beim europäischen Kulturkanal ARTE zehn Jahre lang als persönliche Beraterin des Vorsitzenden tätig.

Kontakt: angrand(at)ofaj.org

Weitere Informationen 

Johanna Haag ist Pressereferentin des DFJW und hat in Mannheim und Paris Kommunikation-, Kultur- und Sozialwissenschaften studiert.

Kontakt: Haag(at)ofaj.org

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