Weislein: ART FOR A CHANGE: Schaffensmotto des inklusiven Wiener Tanztheater-Vereins »Ich bin O.K.«

Einleitung

ART FOR A CHANGE: Unter diesem Leitmotiv hat es sich der Kultur- und Bildungsverein »Ich bin O.K.« zur Aufgabe gemacht, Menschen mit und ohne Behinderung in das kulturelle Leben mit einzubinden und durch künstlerische Tätigkeit gesellschaftliche Inklusion voranzutreiben. In den wöchentlich stattfindenden Tanzkursen ist jeder Menschen mit Interesse an Bewegung, Tanz und Gemeinschaft herzlich willkommen; unabhängig von Geschlecht, Alter, Herkunft oder persönlichen Voraussetzungen – denn es sind gerade Attribute wie Vielfalt und Diversität, die unsere Gesellschaft bereichern und die es zu fördern gilt.

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Wie alles angefangen hat...

Österreich 1979: Katalin Zanin wusste als schwangere ungarische Einwanderin und mit nur einer Niere selbst zu 40% »behindert«, um das Gefühl ausgegrenzt und diskriminiert zu werden. Wie viel schwieriger die Situation für Menschen mit sichtbaren Behinderungen war, konnte die engagierte Psychologiestudentin nur erahnen und wollte dem ein positives Zeichen im Sinne der Integration entgegensetzen. Katalin schien die universelle Sprache des Tanzes als geeignetes Mittel dafür und gründete den Tanztheaterverein »Ich bin O.K.«. Seit damals gilt es als Ziel des Vereins, Menschen mit und ohne Behinderung einen gleichberechtigten Stellenwert im kulturellen Leben zu ermöglichen, soziale Barrieren abzubauen und Sensibilität für eine inklusive Gesellschaft zu fördern.

»Ich bin O.K.« wurde für eine stetig wachsende Gruppe junger Künstler*innen mit und ohne Behinderung ein Ort der Wärme und Freude, erinnert sich Sohn und heutiger künstlerischer Leiter der »Ich bin O.K.« Dance Company Attila Zanin. Doch es war keine einfache Zeit und der Weg musste erst geebnet werden. Restaurant-Besuche wurden beispielsweise zur Farce, wenn Gäste sich darüber beschwerten, dass sie nicht mit den spastisch gelähmten Rollstuhlfahrern in einem Raum essen wollten. Doch zum Glück gab es wesentlich mehr Erfolge zu feiern, als Rückschläge zu bedauern.

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Große Fortschritte in der Anerkennung inklusiver Kunst

Das erste große Engagement ließ nicht lange auf sich warten. 1985 wurde die Gruppe rund um Dr. Zanin anlässlich des »Very Special Arts Festival« ins Weiße Haus nach Washington eingeladen. Es folgten Jahre in enger Kooperation mit »Aktion Mensch«, Tanzworkshops in Neu-Delhi in Indien (mit Maria Dinold), eine Einladung ins österreichische Parlament durch den damaligen Nationalratspräsidenten und späteren Bundespräsidenten Heinz Fischer und viele weitere großartige Meilensteine.

Zur Jahrtausendwende tanzte die Gruppe unter der Leitung von Renato Zanella und in Kooperation mit dem Staatsopernballett das »Off Ballet Special I«, ein Jahr später eröffnete sie den 45. Wiener Opernball unter Ioan Holender, damals Direkter der Wiener Staatsoper.2002 wurden sie erneut für das »Off Ballet Special« engagiert. Doch das sollten bei weitem nicht die einzigen Verbindungen zu diesen traditionsreichen österreichischen Institutionen bleiben.

Einen (gesellschaftlichen) Wandel durch Kunst in Bewegung zu setzen hing für Katalin schon von Beginn an ganz eng mit der Anerkennung des künstlerischen Ausdruckes von Menschen mit Behinderung zusammen. Und mit zunehmendem öffentlichen Interesse, schien diese Idee langsam Gestalt anzunehmen.

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Eine Vision wird in die zweite Generation weitergetragen

Nach 30 Jahren im Dienst der sozialen, vor allem aber auch kulturellen Sache, beschloss Katalin den Verein an die zweite Generation, Hana Zanin Pauknerová und Sohn Attila Zanin zu übergeben, wenngleich sie niemals aufgehört hat im Sinne gesellschaftlicher Gleichberechtigung und künstlerischer Anerkennung der Menschen mit Behinderung zu werken.

Die Kurse wurden erweitert, das Angebot ausgebaut. Hana und Attila gründeten bereits ein Jahr nach Übernahme des Vereins die »Ich bin O.K.« Dance Company, in der TänzerInnen mit fortgeschrittenem Können die Möglichkeit gegeben werden soll, gemeinsam mit professionellen ChoreografInnen, RegisseurInnen und verschiedenen anderen KünstlerInnen anspruchsvolle Choreografien zu erarbeiten. Ebenso etablierte sich ein regelmäßiger Spielbetrieb und die beiden produzierten von nun an jährlich abwechselnd eine große Tanztheaterproduktion mit dem Tanzstudio und der Dance Company.

Die Entwicklung des Tanzstudios

Das Tanzstudio ist auf über 120 Mitglieder angewachsen und bietet nicht weniger als 16 verschiedene Tanzkurse an. Klassiker wie Gesellschaftstanz, Kreativtanz, Modern und HipHop Tanz stehen schon seit vielen Jahren auf dem Kursprogramm. Doch der Plan wird jährlich überarbeitet und den Bedürfnissen und Wünschen der Tänzer*innen angepasst. So gibt es mittlerweile auch Kindergruppen für 3-6 und 6-12 Jährige, Musical Dance und dergleichen mehr.

In den gut besuchten Kursen arbeiten ausgebildete Tanzpädagog*innen gemeinsam mit Menschen mit und ohne Behinderung an der Weiterentwicklung künstlerischer Ausdrucksformen. Die Tänzer*innen erlernen Techniken, die sie während des Semesters weiter ausbauen können, erproben Choreographien, beteiligen sich an Aktivitäten, die das Gemeinschaftsgefühl stärken und üben sich ebenso in freiem Tanz und Improvisation. Das pädagogisch künstlerische Konzept orientiert sich dabei speziell an den individuellen Lebensumständen, Fähigkeiten und persönlichen Interessen der Tänzer*innen. Diese profitieren davon nicht nur auf der Bühne, sondern gewinnen auch für ihr alltägliches Leben wichtige Fertigkeiten.

Viele Auftritte bei Bällen, Konferenzen, Messen und diversen Festen, sowie aufwendige Produktionen wie »Der Zauberer von OK«, »Aladins Erkenntnis« oder »Übern Zaun schau’n« schaffen große Öffentlichkeit für die Tanzstudio-TänzerInnen. Dennoch ist das Studio ein Ort geblieben, an dem jede/r unabhängig von individuellen Voraussetzungen oder finanziellen Möglichkeiten seinen Platz und seine Berechtigung findet. Man trainiert und tanzt auf Augenhöhe, in der Gruppe, gemeinsam und vor allem mit viel Herzlichkeit.

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Die Entwicklung der Dance Company

Auch die Dance Company entwickelte sich großartig. Durch Kooperationen mit internationalen Choreograf*innen, Dramaturg*innen und Künstler*innen ohne Behinderung wurden in der kleinen beständigen Gruppe immer wieder neue Impulse gesetzt. Seit Gründung der Company war es das Ziel durch die Zusammenarbeit mit renommierten Kulturschaffenden eine Verknüpfung mit der bestehenden etablierten Kunstwelt zu erzielen und Austausch zu fördern. Dabei sollten und sollen auch in Zukunft externe Einflüsse der bestehenden künstlerischen Szene genutzt werden, um die Kunstform Tanztheater durch innovative Ansätze weiterzuentwickeln und ein modernes, zeitgenössisches Programm zu erarbeiten.

Ein Konzept, das rasch Interesse weckte. Regelmäßige Einladungen zu internationalen Festivals und Konferenzen wie zúm Beispiel zur Internationalen Tanzwoche Dresden, einer Tagung zum Thema Well-Being ins berühmte Londoner Sadler’s Wells und Gastspielreisen nach Spanien, Tschechien, Deutschland, Russland, Albanien usw. stehen jährlich am Programm. Aber auch in der Heimat ist die Company mit ihren sozialkritischen Produktionen wie zum Beispiel »Kein Stück Liebe« oder »Pal, mein Bruder!« und anspruchsvollen Choreografien immer beliebter geworden.

2016 und 2017 zeigte die Company Eigenproduktionen im Rahmen des renommierten ImPulsTanz Festivals. 2017 gab es dann endlich eine Wiedersehen mit dem Staatsopernballett – gemeinsam war man für die Eröffnung der Special Olympics World Winter Games in Schladming engagiert worden und es entstand eine wirklich wunderbare Zusammenarbeit.

2018 eröffnete ein Tanzpaar des Vereins als erstes Debütantenpaar mit Down Syndrom den Wiener Opernball und diese Tradition soll sich fortsetzen. Auch 2019 wird wieder ein Tanzpaar aus dem Verein entsandt um Teil des Jungdamen- und Jungherrenkomittees zu werden.

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»Dance Assist« – ein Wunsch geht in Erfüllung

Zusätzlich wurde 2017 ein langgehegter und wohl bedachter Traum von Hana und Attila endlich Wirklichkeit. Mit Unterstützung des Sozialministeriumsservice und der pädagogischen Begleitung von Maria Dinold und Helga Neira Zugasti konnte eine Ausbildungsschiene für junge Menschen mit Behinderung als TänzerIn und TanzassistentIn unter dem Namen »Dance Assist« realisiert werden. So können die jungen Menschen in ihrem Wunsch nach Professionalisierung unterstützt werden und künftig hoffentlich in diesem Feld am ersten Arbeitsmarkt tätig sein.

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Ein Resümee

»Ich bin O.K.« hat einige Erfolge zu verzeichnen. Dennoch ist es auch nach knapp 40 Jahren keine Selbstverständlichkeit den täglichen Betrieb aufrechterhalten zu können, da eine regelmäßige Förderung aus öffentlicher Hand fehlt. Denn es ist gerade die ambivalente Positionierung zwischen sozialem Engagement und künstlerischer Arbeit, die es erschwert, finanzielle Unterstützung zu erhalten. Gleichzeitig ist es genau diese Organisationsform, die es ermöglicht allen Mitgliedern gerecht zu werden. Nämlich jenen, die aus Freude an der Gemeinschaft und zwecks der persönlichen Weiterentwicklung einmal in der Woche zu einem Tanzkurs kommen, aber auch jenen, die für ihre Kunst und durch ihre Kunst leben wollen und dies auf einer professionellen Weise tun möchte.

ART FOR A CHANGE ist ein Motto, welches »Ich bin O.K.« auch in Zukunft leiten wird, denn es hat dem Verein dabei geholfen einen Wandel mit in Bewegung zu setzen und den Diskurs über (Menschen mit) Behinderung in der Kunst zu verändern.

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Beitrag im Newsletter Nr. 12 vom 6.12.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Mag. Stephanie Weislein ist seit Anfang 2015 im Verein »Ich bin O.K.« im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Projektorganisation tätig. Ihr Studium der Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien hat sie mit einer Diplomarbeit zum Thema »Ausbildungs- und Arbeitssituation von Journalistinnen und Journalisten mit Behinderungen in Österreich« verfasst und beschäftigt sich seit damals mit Inklusion und behindertenpolitischen Themenbereichen.

Kontakt: akzeptanzen(at)ichbinok.at

Weitere Informationen: www.ichbinok.at

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