Stöver: Europäisches Jahr des Kulturerbes. Oder: Wie erbt man eigentlich Kultur?

Einleitung

2018 ist das Europäische Jahr des kulturellen Erbes. Die Europäische Kommission hat dieses Jahr ausgerufen, um die Menschen in Europa für ihr kulturelles Erbe zu begeistern und damit das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu stärken. Das Motto ist »Unser Erbe: Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft.« Was aber ist eigentlich genau Kulturerbe? Wer vererbt und erbt Kultur? Und wie kann Erbe verbinden?

Diese Fragen zielen auf einen grundlegenden Aspekt ab: Erbe braucht Menschen. Ohne eine Erbin oder einen Erben, die oder der das Hinterlassene annimmt und nutzt, wird ein Erbe irgendwann bedeutungslos. Das kennen die meisten Menschen wahrscheinlich aus der ganz persönlichen Erfahrung: Der materielle Wert der goldenen Uhr der Großmutter ist sicherlich begrenzt, der persönliche Wert aber unschätzbar. In Bezug auf etwas Abstraktes wie Kultur fällt es schon schwerer, genaue Abgrenzungen zu schaffen. Es ist nicht einfach zu bestimmen, wer welche Kultur erben soll und welcher Wert sich für wen daraus ergibt. Aber auch hier gilt: Kulturerbe braucht Menschen. Zwei Beispiele sollen davon berichten, wie Kultur vererbbar gemacht wird und was Kulturerben mit ihrem Erbe machen.

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Kulturelles Erbe machen – Tanzfonds Erbe

Das erste Beispiel zeugt davon, wie das Ausformulieren eines kulturellen Erbes im digitalen Zeitalter gelingen kann. Der »Tanzfonds Erbe« wurde 2011 ausgerufen und hat seitdem 60 Projekte gefördert, in denen Werke, Choreograf*innen und Themen des modernen Tanzes recherchiert, aufgearbeitet und schließlich in einem digitalen Archiv zur Verfügung gestellt wurden. Das Ziel hinter dem »Tanzfonds Erbe« war und ist es, die Geschichte des modernen Tanzes sichtbar und damit auch für nachfolgende Generationen zugänglich zu machen. Ausgerufen wurde der Fonds durch die Kulturstiftung des Bundes, das gemeinnützige Büro Diehl+Ritter wurde als Projektträger und ausführende Organisation ausgewählt.

Eine besondere Herausforderung bei dem Vorhaben war die Frage, wie man den Tanz als immaterielles Erbe bewahren kann. Antworten darauf fanden die 60 Projekte, die durch den Fonds gefördert wurden. Es stand ihnen offen, ob sie durch Neuinterpretationen oder Rekonstruierungen, durch Aufführungen oder Ausstellungen, Lectures oder Workshops eine Auseinandersetzung mit dem von ihnen gewählten Thema finden. Das Ergebnis ist eine Mischung aus Videodokumentationen, Interviews, Texten und Aufführungen, aus denen ein reichhaltiges Archiv entstanden ist, welches unter tanzfonds.de abrufbar ist.

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Eine besondere Auszeichnung erhielt der »Tanzfonds Erbe« 2016 mit dem Europäischen Preis für Kulturerbe (auch als Europa Nostra Preis bekannt). Mit diesem Preis zeichnet die Europäische Kommission jedes Jahr Projekte aus, die sich im besonderen Maße um den Erhalt kulturellen Erbes bemühen und dazu innovative wie nachhaltige Lösungen finden.

Kulturerbe ist also etwas, was ganz konkret erarbeitet werden kann und muss, soll es für zukünftige Generationen noch zugänglich sein. Der »Tanzfonds Erbe« zeigt damit sehr praktisch, wie Kulturerbe gemacht werden kann. Eine weitere Frage, die sich aber stellt, lautet: Wie wird man eigentlich zum Kulturerben und wie schafft Kulturerbe (europäische) Verbindungen?

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Ein Europäisches Kooperationsprojekt als Erbengemeinschaft

Von solchen Verbindungen weiß man in europäischen Kooperationsprojekten einiges. Gefördert werden diese Projekte durch das Kulturförderprogramm KREATIVES EUROPA KULTUR der Europäischen Union. Die Projekte müssen aus einer europäischen Zusammenarbeit bestehen, sprich mindestens drei Kultureinrichtungen aus Europa [1] finden sich zusammen und arbeiten über mehrere Jahre an einem Thema. Die beteiligten Partner organisieren gemeinsame Aktivitäten und schaffen somit einen Mehrwert nicht nur für den nationalen Raum sondern für ganz Europa. Das Programm ist spartenoffen, gefördert werden somit auch Projekte mit dem Schwerpunkt Kulturerbe – und das nicht erst seit 2018.

Ein Beispiel für ein solches Projekt ist das Große Kooperationsprojekt [2] »Ceramics and its Dimensions«. Das Projekt startete im November 2014 und endete im November dieses Jahres. Unter Leitung des Porzellanikons - Staatliches Museum für Porzellan Hohenberg a.d. Eger/Selb kamen in den vier Jahren 16 weitere offizielle Partner aus 11 europäischen Ländern zusammen. Die Partner, weitere Porzellanmuseen, aber auch Universitäten und Firmen, beschäftigten sich mit dem gemeinsamen europäischen Erbe im Bereich Keramik, ließen aber auch die Frage nach der Zukunft keramischer Produkte nicht außer Acht. Wenn man so will, kann man diese Gruppe der Projektpartner als eine Erbengemeinschaft betrachten, die aktiv mit ihrem Erbe arbeitet. Denn in den beteiligten Museen und Institutionen wurde und wird Keramik gesammelt, erforscht und ausgestellt. In dem gemeinsamen Projekt ging es dann unter anderem um die Erweiterung dieses Erbes. Das Wissen um Objekte, aber auch um Techniken, Materialien, Stile wurde aufgearbeitet und systematisiert. Und das immer im europäischen Verbund. Ein Ergebnis ist beispielsweise eine europäische Datenbank, die die Verwendung von Keramik in der Architektur dokumentiert.

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Aber dieser besonderen Erbengemeinschaft ging es in dem Projekt nicht nur um den reinen Erhalt, sondern auch um die Sichtbarmachung in der Gegenwart und die drängende Frage nach der Zukunft. In einer Wanderausstellung brachte jeder Partner die Besonderheiten der nationalen oder regionalen Keramik genauso zum Ausdruck wie die Verbindungen in der europäischen Keramik. Und um die Frage der Zukunft drehten sich gleich mehrere Aktivitäten: junge Keramiker*innen, Künstler*innen und Studierende wurden durch Workshops in das Projekt integriert, erhielten die Möglichkeit international zu kooperieren, wurden individuell gefördert oder erhielten Zugang zur Industrie.

Während der Abschlussveranstaltung des Kooperationsprojektes kam in einer Diskussionsrunde die Frage auf, warum Keramik denn nun europäisches Kulturerbe sei und als solches sowohl Aufmerksamkeit wie auch finanzielle Unterstützung brauche. Die Antworten waren leidenschaftlich: Die Diskutant*innen aus Italien, Serbien, Deutschland, Großbritannien und weiteren Ländern betonten, dass Keramik nie halt an nationalen oder regionalen Grenzen gemacht habe. Keramik sei ein universelles Ausdrucksmittel, das Menschen durch die Jahrhunderte genutzt haben, um ihre unmittelbare Umwelt zu gestalten – und das nicht nur in der Küche und auf dem Essenstisch, sondern auch in der Architektur, im Bereich Dekoration und der industriellen Produktion. Diese Errungenschaften könne und dürfe man heute in Europa nicht vernachlässigen und müsse man nutzen. Und spätestens dieser Moment zeigte die besondere Leistung der enthusiastischen Erbinnen und Erben. Sie sind nicht nur ihrem Anspruch gerecht geworden, das ihnen vermachte Erbe zu bewahren und Ideen für die Zukunft zu entwickeln, sondern sie zeigen, dass die Zukunft in der europäischen Zusammenarbeit liegt.

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Menschen machen Kulturerbe

Was die beiden Beispiele auch zeigen, ist, dass Kulturerbe Arbeit bedeutet – besonders dann, wenn eine Erbengemeinschaft aus 11 Ländern kommt. Europäische Kultur (ver-)erben heißt dann eben auch, ein professionelles Projektmanagement zu haben, dank interkultureller Kompetenz Menschen zusammenzubringen, persönliches Engagement weit über das beruflich Geforderte zu zeigen und dabei Nerven wie Drahtseile zu haben.

Kulturerbe ist kein Selbstläufer, der sich durch die bloße Benennung materialisiert und Wirkung entfaltet. Kulturerbe wird von Menschen geschaffen, so wie es exemplarisch der Tanzfonds Erbe zeigt. Und Kulturerbe wird von Menschen genutzt, um über alte Verbindungen neue entstehen zu lassen, so wie man es in »Ceramics and its Dimensions« getan hat. In dem Motto zum Europäischen Jahr des kulturellen Erbes »Unser Erbe: Bindeglied zwischen Vergangenheit und Zukunft« steckt also auch die folgende Botschaft: Kulturerbe lebt vom Handeln.

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Endnoten

  1. Am Programm teilnahmeberechtigte Länder sind die 28 EU Mitgliedsstaaten, die EWR Staaten Island und Norwegen sowie Albanien, Armenien, ehemalige jugoslawische Republik Mazedonien, Republik Serbien, Montenegro, Bosnien und Herzegowina, Georgien, Republik Moldau, Tunesien, Ukraine und Kosovo.
  2. Kooperationsprojekte gibt es in zwei Kategorien: Kleine Kooperationsprojekte bestehen aus min. 3 Organisationen aus 3 verschiedenen, teilnahmeberechtigen Ländern und die Ko-Finanzierung beträgt 60 Prozent beziehungsweise maximal 200.000 Euro. In Großen Kooperationsprojekten finden sich mindestens 6 Organisationen aus 6 verschiedenen, teilnahmeberechtigten Ländern zusammen und erhalten eine Ko-Finanzierung von 50 Prozent beziehungsweise 2.000.000 Euro.

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Beitrag im Newsletter Nr. 12 vom 6.12.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Lea Stöver ist die Leiterin des Creative Europe Desk KULTUR, der nationalen Kontaktstelle für die EU Kulturförderung. Gemeinsam mit ihrem Team informiert sie insbesondere über die Fördermöglichkeiten im Programm KREATIVES EUROPA KULTUR. Der CED KULTUR berät kulturelle Einrichtungen in Deutschland zu den Förderbereichen des Programms und leistet Hilfestellung bei der Antragsstellung. Im Zentrum des Förderprogramms stehen Europäische Kooperationsprojekte, zu denen sich mindesten drei Einrichtungen zusammenfinden, um gemeinsam ein Projekt auf europäischer Ebene umzusetzen.

Kontakt: stoever(at)ced-kultur.eu 

Weitere Informationen: kultur.creative-europe-desk.de

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