Maschek: »Music for social change« – »Sozialer Wandel durch Musik«

Einleitung

In den letzten Jahren etablieren sich weltweit immer mehr Kulturinitiativen, die Musik als Mittel für sozialen Wandel einsetzen. Im Zentrum steht oft die Frage, welche sozialen Kompetenzstrukturen der/s Einzelnen gefördert werden sollen und welche Rolle die Kultur in diesem Prozess spielen kann.

Superar ist eine jener europäischen Initiativen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Kultur mit dem Sozialen zu verbinden und so das musikalische Erbe Europas jenen Kindern und Jugendlichen zugänglich zu machen, die sonst kaum oder wenig Zugang zu musikalischer oder kultureller Förderung hätten. Durch kostenfreien und hochwertigen Musikunterricht in den Fächern Chor und Orchester versucht Superar, soziale, religiöse und nationale Grenzen zu überwinden und somit einer Exklusion proaktiv entgegenzuwirken. Angelehnt an die Initiative El Sistema, die bereits seit 1975 in Venezuela gesellschaftspolitisch wirksam ist, arbeitet Superar bewusst mit den heterogenen Lebensrealitäten der Kinder und Jugendlichen – regelmäßiges gemeinsames Musizieren bildet daher nicht nur die Stimme und das Musikverständnis der Teilnehmenden, die positive Erfahrung eines gemeinsamen Schaffensprozesses stärkt auch die Chancen der Kinder und Jugendlichen in der Gesellschaft von Morgen als eigenständige und verantwortungsvolle Europäische Bürger zu agieren und fördert so ein wertschätzendes Miteinander.

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Gegründet im Jahr 2009 als unabhängiger Verein von der Caritas der Erzdiözese Wien, dem Wiener Konzerthaus und den Wiener Sängerknaben, lautet die Kernfrage für Superar, welche Programme und Prinzipien geschaffen werden müssen, damit Ausgrenzung nicht entstehen bzw. wirksam und nachhaltig abgebaut werden kann. Der zu Grunde liegende gesellschafts- und bildungspolitische Impuls ist die kompetente zukunftsorientierte Förderung jedes einzelnen Kindes. Das Heranführen an das Potential der individuellen stimmlichen Möglichkeiten und der Umgang mit dem Instrument trainieren Konzentration, Leistungsbereitschaft, Kreativität und Selbstbewusstsein - durch die gemeinsame künstlerische Arbeit werden Kommunikationsfähigkeit, Rücksichtnahme, Gemeinschaftssinn, Toleranz und Kritikfähigkeit nachhaltig gestärkt.

Der Verein Superar versteht gelebte Inklusion und Partizipation als elementares Menschenrecht und im Kontext einer engagierten Initiative als tragende Säule einer offenen und experimentierfreudigen Betriebskultur. Die soziale Innovation, für die Superar steht, wirkt weit über Wien und Österreich hinaus und ist von einem starken Netzwerkcharakter geprägt: Superar ist eine Brücke – nicht nur zwischen Kindern und Jugendlichen verschiedener Nationen und Kulturen sondern auch zwischen vielen Personen und Organisationen, vor Ort und international, die sich einen sozialen Wandel durch Musik zum Ziel gesetzt haben. Derzeit nehmen in Österreich um die 1800 Kinder an Superar Programmen teil, knapp 1400 Kinder werden in den Superarprogrammen in sechs weiteren Ländern (Bosnien, Rumänien, Schweiz, Liechtenstein, Slowakei, Ungarn) unterrichtet. Jeder Standort verfolgt, je nach regionalen Anforderungen, unterschiedliche integrative und bildungsfördernde Schwerpunkte. Das Headquarter von Superar (drei Proberäume, Verwaltungsbüros) befindet sich seit Oktober 2014 im Objekt 19 der ehemaligen Alten Ankerbrotfabrik in Wien Favoriten. Da sich Superar als Beitrag zur gesellschaftlichen Integration versteht, bilden Schulen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund die primäre Zielgruppe.

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Superar Prinzipien

  • Regelmäßigkeit: Der Gesangs- und Orchesterunterricht für Superar - Kinder und Jugendliche findet mindestens zweimal, meistens jedoch viermal in der Woche in Kindergärten, Schulen und Gemeindezentren statt.
  • Gruppenunterricht: Auch der Instrumentalunterricht findet immer in der Gruppe statt, betreut durch ausgewiesene Musikpädagogen, die in der Lage sind, unterschiedliche Leistungsniveaus zu berücksichtigen und alle teilnehmenden Kinder nach ihren Fähigkeiten zu fördern. Automatisch entsteht dadurch auch Verantwortungsbewusstsein innerhalb der Gruppe, indem die Fortgeschrittenen die jüngeren Kolleg*innen unterstützen.
  • Kostenfreiheit: Die Teilnahme an jedem der Projekte sowie die Bereitstellung der Instrumente sind für die TeilnehmerInnen kostenfrei. Damit unterstützt Superar den Zugang zu musikalischer Bildung und Kultur unter dem Aspekt der Chancengleichheit.
  • Künstlerischer Anspruch: Superar legt bei der Zusammenstellung der Unterrichtseinheiten sowie bei der Auswahl der Lehrenden hohe pädagogische, künstlerische und musikalische Maßstäbe an. Regelmäßige Fortbildungen der Lehrenden stützen die hohe Qualität des Unterrichts.
  • Weiterentwicklung: Superar ist als Aufbauprogramm organisiert und bietet Module für Fortgeschrittene, um jedem Kind eine künstlerische Weiterentwicklung zu ermöglichen.
  • Sichtbarkeit: Das Selbstwertgefühl der Kinder und der gesellschaftliche Zusammenhalt werden durch regelmäßige Auftritte – auch auf renommierten Bühnen – von Anfang an gefördert.
  • Internationaler Austausch: Sowohl innerhalb der Strukturen von Superar als auch in Zusammenarbeit mit dem Netzwerkpartner Sistema Europe soll allen TeilnehmerInnen die Möglichkeit geboten werden, gemeinsames Musizieren über Grenzen hinweg erleben und erfahren zu können.

Diesen demokratischen Zugang zu Kultur zu schaffen heißt aber auch, die Herausforderung anzunehmen, die Perspektive bewusst zu wechseln und möglichst vielfältige und auch niederschwellige Zugänge zu Musik und Kultur bereitzustellen.

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Durch die respektvolle Förderung und Führung der Kinder sowie durch die große Begeisterung bei öffentlichen Auftritten wird die Bewegung auch in die unmittelbare Umgebung der Kinder und Jugendlichen getragen; so wird den Angehörigen durch die Konzerte in renommierten Häusern ebenfalls der Zugang zu europäischen Kulturinstitutionen ermöglicht. Die sich dadurch ändernde gesellschaftliche Durchmischung im Publikum bietet Kultureinrichtungen die Gelegenheit, ihre Ansätze in der Musikvermittlung zu überdenken und neue Konzepte zur Zukunft von Publikumsentwicklung und -aufbau aufzustellen.

Der gegenseitige Respekt und das positive gesellschaftliche Miteinander wird auch durch ein internationales musikpädagogisches Konzept erreicht: Das gemeinsame Superar-Repertoire baut einerseits auf klassische deutschsprachige Musik um das traditionelle Erbe Europas weiterzugeben, andererseits wird in möglichst vielen verschiedenen Sprachen gesungen, wobei die Herkunftssprachen der Teilnehmenden besonders berücksichtigt werden. Jedes Jahr wird ein thematischer Schwerpunkt gewählt (zum Beispiel »Musik aus unseren Ländern«, »Die Rechte der Kinder«, »Musik aus dem Orient«), und dieses länderübergreifende Konzept ermöglicht Kindern aus verschiedenen Standorten, unmittelbar miteinander zu musizieren und in Austausch zu treten, auch wenn sie die Sprache des Gegenübers nicht sprechen – denn der Name ist Programm: Das Wort »superare« kommt ursprünglich aus dem Lateinischen und bedeutet »(sich selbst) übertreffen« bzw. »(Grenzen) überwinden«.

Sozialer Gemeinschaftsgeist ist demnach möglich und kann durch Kulturarbeit gefördert werden. Der Bedarf und die Nachfrage sind groß und auch in Deutschland arbeitet Superar derzeit am Aufbau neuer Programme. Diese Kulturinitiativen leisten ihren Beitrag zur Stärkung des Individuums und der Gesellschaft anhand von musikalischer Bildung und versuchen, das Leben der Kinder und Jugendlichen durch Kultur zu bereichern sowie das Zusammenleben der Menschen in Wien und Europa über alle sozialen, kulturellen, religiösen und sprachlichen Schranken hinweg zu verbessern.

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Beitrag im Newsletter Nr. 12 vom 6.12.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Dr. Michaela Maschek ist international als Dozentin tätig und seit September 2018 bei Superar für Forschungsfragen zuständig.

Kontakt: michaela.maschek(at)superar.eu 

Weitere Informationen: www.superar.eu

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