Franza: Europäisches Kulturerbe und digitale Nutzerkultur – Chancen für benachteiligte Bürgerinnen und Bürger

Einleitung

Man muss genauer hinschauen, um Kulturerbe im Bremer Stadtteil Gröpelingen zu entdecken: Das ehemalige Hafenarbeiterviertel ist geprägt von monumentalen Industriebauten und weitläufigen, industriell genutzten Hafenarealen.

»Viertel mit besonderem Entwicklungsbedarf« wurde Gröpelingen von Stadtentwicklern lange genannt: Erwerbslose, Geringqualifizierte, Jugendlichen aus sogenannten bildungsfernen Familien und Schulabbrecher machen einen hohen Anteil der Stadtteilbevölkerung im Bremer Westen aus. Auch haben im »Quartier der 100 Sprachen« viele Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete eine neue Heimat gefunden, die sie mit »Alt-Gröpelingern« teilen.

Um den Anwohnern, insbesondere benachteiligten Personen, durch digital-partizipative Kunst- und Kulturaktionen die Möglichkeit zu geben, sich aktiv an der Gestaltung des Stadtteils zu beteiligen und sich zu vernetzen, wurde in Gröpelingen das Digital Impact Lab [1] ins Leben gerufen, ein digitalgestützter Kreativ- und Partizipationsraum des M2C Instituts für angewandte Medienforschung in Bremen [2]. »Mit digitalen Mitteln die Stadt verändern!«, so das Motto des Labs.

In Kooperation mit Sozialträgern (vor allem dem Deutschen Roten Kreuz) und weiteren Akteuren der Zivilgesellschaft (lokale Vereine und Initiativen), sowie Forschungseinrichtungen werden hier nationale und europäische Projekte realisiert. Eines der Vorhaben, das sich dem Thema europäisches Kulturerbe widmet, ist das über das EU-Programm »Europa für Bürgerinnen und Bürger (EfBB)« mit 150.000 Euro geförderte Projekt »P.U.n.C.H.« – »Participation of Underrepresented Citizens for the valorisation of the Cultural Heritage«.

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Grundlage für das »P.U.n.C.H.«- Projekt ist die Annahme, dass über Kulturerbe die Lebensqualität der Menschen verbessert werden kann: Kulturerbe fördert Verbindung, schafft Zugangsmöglichkeiten, ermöglicht Austausch und Dialog. Da Kulturerbe sowohl lokal verankert und gleichzeitig auch europäisch bedeutsam ist, eignet es sich besonders gut zum Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Nationalitäten. Die letzte Euro-Barometer-Umfrage zum Kulturerbe (466) [3] zeigt, dass eine große Mehrheit der Europäer stolz auf das gemeinsame Kulturerbe ist und einig darin, dass es das Gefühl der Zugehörigkeit zu Europa verbessern kann.

»Doch unser europäisches Kulturerbe ist nicht nur eine Chance für den europäischen Zusammenhalt, sondern kann und soll auch zu einer Chance für benachteiligte Bürgerinnen und Bürger werden« so Martin Koplin, Direktor des M2C Instituts, das mit dem Digital Impact Lab von deutscher Seite am EfBB-Projekt teilnimmt.

Die Erfahrung des Labs zeigt, dass durch digital-künstlerische Methoden benachteiligte (junge) Menschen besser erreicht werden können, als durch klassische Instrumente der sozialen Arbeit: In einem informellen, außerschulischen Rahmen stehen den Teilnehmer/innen Fotografie, Videokunst, Fassadenprojektionen u.a. kreative Methoden zur Verfügung, um Antworten auf die Frage zu finden: Wie ist mein Gröpelingen geprägt von Geschichte, Erinnerung und Ästhetik?

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Doch im Digital Impact Lab nehmen nicht nur die digital-partizipativen Kunst- und Kulturaktionen des Projekts ihren Anfang. Es agiert vielmehr auch als nachhaltiger Impulsgeber für eine integrative Beteiligung benachteiligter Bürgerinnen und Bürger. Denn eine weitere Erfahrung des Labs zeigt: Partizipation an gesellschaftlichen Themen (wie zum Beispiel am Kulturerbe) kann durch digitale Instrumente und Kulturaktionen im Stadtteil gesteigert werden. Gerade benachteiligte Personen finden durch solche Maßnahmen neue Energien für nachhaltiges, lokales Engagement.

Neben Deutschland sind 12 Länder aus Süd- und Osteuropa sowie aus den Westbalkanstaaten beteiligt. Antragsteller ist die 5.500 Einwohner zählende Gemeinde Dąbrowa in Südwestpolen aus dem Verwaltungsbezirk Oppeln. Jeder der 16 Partner wird zunächst in seiner Region der Frage nachgehen, wie über das kulturelle Erbe benachteiligte Personen erreicht werden können. Best-Practice-Beispiele aus jedem Partnerland werden dann auf sechs internationalen Treffen (Konferenzen und Workshops) vorgestellt und bieten Anlass für europäische Diskussion und Austausch. Die hohe geografische Reichweite und die Einbeziehung unterschiedlicher Fokusgruppen in den jeweiligen Ländern lassen eine spannende europäische Zusammenarbeit zum europäischen Kulturerbe erwarten. Offizieller Kick-off des Projekts war der 1. Dezember 2018.

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EU-Förderung von Projekten zum europäischen Kulturerbe – Rückblick auf ein Themenjahr

Auf Wunsch der Mitgliedstaaten hat die Europäische Kommission die Beschäftigung mit dem europäischen Kulturerbe zu einem Förderschwerpunkt des EU-Programms »Europa für Bürgerinnen und Bürger« im Jahr 2018 erklärt. Die Ergebnisse der Einreichfrist vom 1. März 2018 zeigen: Zahlreiche Antragsteller sind diesem Aufruf gefolgt – Über 50 Prozent der Antragsteller für Bürgerbegegnungen, 25 Prozent der Antragssteller für Vernetzungsprojekte und 18 Prozent der Antragsteller für zivilgesellschaftliche Projekte haben den thematischen Schwerpunkt ihrer Projektarbeit auf das europäische Kulturerbe gelegt. [4] Projekten mit benachteiligten Gruppen (zum Beispiel bildungsferne Personen) wurde bei der Auswahl, wie in jedem Jahr, besondere Bedeutung zugemessen.

Genau wie das Europäische Jahr des kulturellen Erbes verfolgt das Bürgerschaftsprogramm das Ziel, Europa seinen Bürgerinnen und Bürgern wieder näher zu bringen: Europa soll nicht als etwas Fernes erfahrbar sein, sondern als etwas, was uns im Alltag begegnet. In den geförderten transnationalen Bürgerschaftsprojekten boten daher nicht nur Hochkultur und herausragende Sehenswürdigkeiten Anlass für Austausch und lokales Engagement, sondern insbesondere lokale Bauwerke, Bräuche, Handwerke, traditionelle Speisen und Tänze.

Man muss genauer hinschauen, um Kulturerbe in Gröpelingen zu entdecken, doch auf fotografischen Erkundungstouren, vorbei an Hafenanlagen und Industriebauten werden die Möglichkeiten der Fotografie genutzt, um eigene Eindrücke, Ideen und Gedanken direkt in Bilder zu fassen. So wird Kulturerbe mit digitaler Nutzerkultur verbunden und im Alltag lebendig gehalten. »Damit sich die Reichhaltigkeit dieses Erbes mit allen entfalten kann«, so Koplin.

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Beitrag im Newsletter Nr. 12 vom 6.12.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Jeanette Franza ist Mitarbeiterin der Kontaktstelle Deutschland des Programms »Europa für Bürgerinnen und Bürger« bei der Kulturpolitischen Gesellschaft e. V. Nach ihrem Studium der Französischen Philologie, der Politischen Wissenschaft und des Öffentlichen Rechts war sie für verschiedene europäische und nationale Projekte im Bildungsbereich tätig.

Kontakt: franza(at)kontaktstelle-efbb.de 

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