Wohin die Reise geht. Das Forum Digitalisierung und Engagement des BBE

»Was sind eure Digital Development Goals?« Diese Frage beschäftigte so viele Menschen auf der Plattform Twitter, dass »D3 – So geht Digital« von der Stiftung Bürgermut aus der Fragestellung eine eigene NPO-Blogparade initiierte. Dieser Beitrag reiht sich in die Parade ein und stellt das BBE-Projekt »Forum Digitalisierung und Engagement« vor. Das Forum hält keine fertige Liste an »Digital Development Goals« bereit, es lädt ein in einem koordinierten und strategischen Diskussionsprozess zum Verhältnis von Zivilgesellschaft und Digitalisierung solche Fragen zu entwickeln.

Der so genannte digitale Wandel bestimmt seit geraumer Zeit die Debatten in Politik und Wirtschaft. Angetrieben von der Entwicklung »smarter« Computer-Technologien wird mit Labels wie »Arbeit 4.0« oder »Industrie 4.0« auf einen recht diffusen Zusammenhang von Produktivitätssteigerung, Innovationsstrategien und ihren Auswirkungen auf Gesellschaft und Individuum Bezug genommen. Während die Infrastruktur für digitale Technologien (Breitbandversorgung, Rechnerkapazitäten etc.) noch dringend ausgebaut werden muss, diskutiert man überall schon über die konkreten gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung.

Auch in der Bürgergesellschaft ist das Thema mittlerweile angekommen, ohne dass es bislang eine konzise Debatte mit gemeinsamen Bezugspunkten gäbe. Bisher dominieren eher punktuelle Diskussionen über einzelne Punkte wie zum Beispiel die Potentiale von Kollaborationsplattformen wie Wikipedia oder auch die Gefahren für die politische Kultur durch »Hate Speech« und »Filterblasen«. So wie man bis vor Kurzem noch über Social Media und ihre Anwendungsmöglichkeiten nachdachte, steht jetzt die ungleich größere Frage im Raum, was der digitale Wandel für das bürgerschaftliche Engagement und seine Akteure eigentlich bedeutet, wo die Chancen und Risiken liegen und wie man angesichts der Komplexität der technischen Systeme sowie ökonomisch dominierender Internet-Konzerne (Google, Facebook...) zu einem reflektierten Umgang mit dem digitalen Wandel kommen kann. Das mag für die »Digital Natives« unter den Gemeinnützigen (betterplace, Open Knowlegde Foundation, Stiftung Neue Verantwortung und viele andere) selbstverständlich sein. Für die allermeisten Organisationen der Bürgergesellschaft ist es das jedoch nicht. Daher wird das Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE) ab sofort (der Projektstart war am 15.11.) über zwei Jahre eine strukturierte Diskussion organisieren, um digitale Pioniere und digitale Novizen, aber auch alle anderen Interessierten zu gemeinsamen Perspektiven zu motivieren.

Das »Forum Digitalisierung und Engagement« ist als koordinierter und strategischer Diskussionsprozess angelegt. Es geht darum, die Bürgergesellschaft in Deutschland mit ihren vielen gemeinnützigen Organisationen (Vereine, Verbände, Initiativen, Stiftungen…) zu einem politisch-aktiven Umgang mit dem Mega-Thema Digitalisierung zu befähigen. Statt wie bislang nur zu reagieren, soll die Bürgergesellschaft gegenüber Staat und Wirtschaft bei der Gestaltung des digitalen Wandels selbstbewusster und kreativer werden. Das BBE nutzt dabei seine in den letzten 17 Jahren gewachsene Funktion als Wissens- und Kompetenzplattform für über 30 Millionen bürgerschaftliche Engagierte in Deutschland, um die Akteure trisektoral (Staat, Wirtschaft, Zivilgesellschaft) zu vernetzen und in einen Austausch von Erfahrungen, Meinungen und Handlungsansätzen zu bringen. Am Ende des Prozesses sollen Handlungsempfehlungen für Politik (Bundestag und Bundesregierung) und Wirtschaft (Unternehmen, KMU, Spitzenverbände der Deutschen Wirtschaft), aber auch »Selbstbeauftragungen« für die Bürgergesellschaft selbst auf den Weg gebracht werden.

Die Voraussetzungen für ein solches Projekt sind derzeit gut. Einige Akteure in der Mitgliedschaft des BBE beschäftigen sich bereits in unterschiedlicher Weise mit den Folgen der Digitalisierung. So bietet etwa die Deutsche Telekom unter dem Label »Digitalisierung. Einfach. Machen« konkrete Tools an und fördert den Diskurs auf vielen Ebenen (z. B. im Zusammenhang mit der »Charta der digitalen Vernetzung«). »Zivilgesellschaft in Zahlen« (ZiviZ) hat in Kooperation mit der Robert Bosch Stiftung, dem Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI), dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), der Stiftung Bürgermut sowie der Stiftung WHU (Otto Beisheim School of Management) im Februar 2019 den ersten Digital Social Summit durchgeführt, bei dem praktische und gesellschaftspolitische Fragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung intensiv diskutiert wurden. Zudem planen das BMFSFJ, das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) und das BMI im Zuge der Gründung einer Deutschen Engagementstiftung, den Schwerpunkt Digitalisierung und Engagement als thematische Säule zu etablieren.

Der Ansatz des Projekts zielt auf die Etablierung eines überwölbenden Diskurses der Digitalisierung in der Bürgergesellschaft. Die zahlreichen, meist praktischen Aktivitäten sollen in einen allgemeinen und praxistauglichen Bezugsrahmen gerückt werden. Durch die Veranstaltungen des Projekts (2 Konferenzen und 5 Dialogforen) sollen Positionierungen für die Bürgergesellschaft erarbeitet werden.

Das Besondere an dem Format ist, dass die beteiligten Organisationen ihr Verhältnis zum digitalen Wandel aus ihrer spezifischen Fachlichkeit heraus entwickeln sollen. Also nicht: Digitale Novizen orientieren sich auf einem neuen Feld, sondern: Expertinnen und Experten auf den diversen Feldern des bürgerschaftlichen Engagements erarbeiten sich eine jeweils individuelle Arbeitsgrundlage für den Umgang mit digitalen Umgebungen und Instrumenten. Dadurch operieren die beteiligten Organisationen nicht als Laien, die sich nun »die Digitalisierung« erklären lassen, sondern als professionelle Akteure, die ihre Organisationen und damit auch das darin gebundene bürgerschaftliche Engagement auf Weiterentwicklungspotenziale befragen und diese gemeinsam mit anderen entwickeln. Der Erfahrungsaustausch zwischen Organisationen aus verschiedenen Bereichen der Zivilgesellschaft (Soziales, Kultur, Sport, Klimaschutz, Integration etc.) soll dabei besonders hervorgehoben werden.

Von dieser Perspektive ausgehend soll diskutiert werden,

  • welche Aspekte des digitalen Wandels jeweils wichtig sind,
  • welche Probleme und Herausforderungen damit verbunden sind,
  • welche Lösungen und Ansatzpunkte sich abzeichnen oder entwickeln lassen,
  • welche Unterstützung aus Politik und Verwaltung nötig ist und eingefordert werden muss.

Die Frage lautet also nicht, was »Digitalisierung des bürgerschaftlichen Engagements« allgemein bedeutet, sondern ganz konkret, wie der digitale Wandel sich auf »meine« gemeinnützige Organisation auswirkt und was genau zu unternehmen ist, um zu einer selbstbestimmten Haltung und damit in eine gestaltende Perspektive zu gelangen. Im Einzelnen wird es dabei um Fragen wie Social-Media-Kommunikation, Organisationsentwicklung, digitale Alternativen (zu Twitter, Facebook & Co.) oder auch Demokratie-Entwicklung und Stärkung des Gemeinwohls mit Hilfe digitaler Tools bzw. digital vernetzten Denkens gehen.

Das Projekt zielt in erster Linie auf gemeinnützige Organisationen der Bürgergesellschaft und ihre Spitzenverbände ab, die zu einem relevanten Teil Mitglieder des BBE sind (z. B. Deutscher Kulturrat, Deutscher Olympischer Sportbund, Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen). Es soll aber auch Wissenschaft und Medien adressieren, um für eine möglichst weite Verbreitung der diskutierten Themen zu sorgen. Es wird in engem Austausch mit der AG Digitalisierung des BBE stehen und sowohl innerhalb als auch außerhalb des Netzwerks Verbreitung finden. Daher freut sich das BBE über Anregungen, Positionen und Mitwirkungswünsche und wird versuchen, einen möglichst breiten Beteiligungsprozess rund um das Thema Digitalisierung und bürgerschaftliches Engagement zu organisieren.


Beitrag im Newsletter Nr. 24 vom 28.11.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Dr. Serge Embacher ist Leiter des Arbeitsbereichs »Fachprojekte« des BBE und Projektleiter des neuen »Forum Digitalisierung und Engagement«.

Kontakt: serge.embacher(at)b-b-e.de

Weitere Informationen: Zur Projektseite »Forum Digitalisierung und Engagement« des BBE www.b-b-e.de/projekte/forum-digitalisierung-und-engagement/

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