Das BBE und »Engagement macht stark!« – ein EKG der Bürgergesellschaft?!

Hannes Jähnert/ Peter Kusterer

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Der digitale Wandel bestimmt derzeit den Diskurs in Wirtschaft, öffentlicher Verwaltung und Bürgergesellschaft. Die Nutzung und Gestaltung der Digitalisierung wird besonders mit der Innovationsfähigkeit von Unternehmen, immer öfter aber auch mit der von Ämtern und Behörden sowie der organisierten Bürgergesellschaft verbunden. Viel Geld wird investiert – ganz besonders in der Wirtschaft.

Im Rahmen des »Zentralen Innovationsprogramm Mittelstand« des Bundeswirtschaftsministeriums beispielsweise werden jährlich 559 Millionen Euro Fördermittel für kleine und mittelständische Unternehmen bereitgestellt. Zum Vergleich: Für die Digitalisierung in den Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege stellte das Bundesfamilienministerium für 2019 gerade 3,3 Millionen bereit.

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Bild: »Investitionen für die Digitalisierung« (bereitgestellt durch den Bund, in Millionen EURO für 2019)
Die Grafik zeigt »Investitionen für die Digitalisierung« (bereitgestellt durch den Bund, in Millionen EURO für 2019). 559 Millionen Euro für mittelständische Unternehmen und 3,3 Millionen Euro für die Wohlfahrtspflege.

Dieses Missverhältnis hat zwei Gründe: Zum einen ist die Innovationsfähigkeit für die deutsche Wirtschaft Wettbewerbsvorteil Nummer 1 im globalisierten Marktgeschehen – das trifft für die Bürgergesellschaft in Deutschland nur bedingt zu, da sie hier kein Markteilnehmer im engeren Sinne ist. Zum anderen wandte sich die deutsche Wirtschaft früher dem digitalen Wandel zu. Während beispielsweise im öffentlichen Diskurs um den Strukturwandel von Ehrenamt und Bürgergesellschaft die Rolle von Internet und Social Media lange Zeit recht stiefmütterlich behandelt wurde, haben Unternehmen die sich bietenden Chancen schon früher ergriffen und sich auch über ihre Wirtschaftsverbände viel aktiver in die Diskussion eingebracht. 

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Die Bürgergesellschaft in der digitalen Öffentlichkeit

Nehmen wir die Häufigkeit von Suchmaschinenanfragen für »Diskursbegriffe«: Schlagworte wie »Automatisierung«, »Cloud Computing«, »Industrie 4.0« oder »Machine Learning«. Sie bezeichnen bestimmte Wandlungsprozesse und werden mit entsprechenden Bedarfen verbunden. Und so auch zum Indikator für öffentliche Aufmerksamkeit politischer Fachdebatten. Ein Blick auf Google-Trends zeigt, dass die wirtschaftspolitischen Debatten, die sich heute mit dem großen Begriff der Digitalisierung klammern lassen, erhebliches öffentliches Interesse auf sich ziehen.

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Google Trends ist ein Online-Dienst des gleichnamigen Suchmaschinenbetreibers, der die Analyse von Suchanfragen an die Google Suchmaschine seit 2004 möglich macht. Ausgegeben werden Graphen, die das Aufkommen der eingegebenen Suchbegriffe in Relation zum totalen Suchaufkommen darstellen. Anhand der Graphen lässt sich einerseits analysieren, wann welche Begriffe besonders häufig gesucht wurden. Andererseits lassen sich anhand der Analysen von Kombinationen verschiedener Suchbegriffe (bspw. Grippe-Symptome) auch Vorhersagen treffen.

Bild: Google Trends für die Begriffe »Automatisierung«(grün), »Cloud Computing« (blau), »Industrie 4.0«(rot) und »Machine Learning« (gelb)
Die Grafik zeigt Google Trends für die Begriffe »Automatisierung«(grün), »Cloud Computing« (blau), »Industrie 4.0«(rot) und »Machine Learning« (gelb)

Zum Vergleich: Für den Suchbegriff »Engagement 2.0« liegen bei Google-Trends nicht einmal genügend Daten vor, um überhaupt einen Graphen anzuzeigen – dem einzigen thematisch vergleichbaren Schlagwort aus dem Diskurs zum digitalen Wandel in der Bürgergesellschaft, der seit etwa 2011 lanciert wird!

Das kann zwei Gründe haben: Entweder es gibt überhaupt keinen öffentlichen Diskurs über den Wandel von Ehrenamt und Bürgergesellschaft – zumindest keinen, der über die Google-Suche findbar wäre. Oder die Debatten sind so wolkig, unbestimmt und allgemein, dass sie vollkommen konturlos in den ganz großen Schlagworten unserer Zeit (»Digitalisierung«, »Künstliche Intelligenz« etc.) untergehen.

Beides muss zu denken geben. Umso mehr, wenn die Antwort jetzt sein sollte: die Engagementdebatten fänden eben primär »analog« oder »offline« statt. Denn das hieße, den Diskurs wissentlich auf eine Sphäre mit kleiner werdenden Schnittmengen zur wachsenden digitalen Öffentlichkeit zu beschränken.

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Die geringe Wahrnehmbarkeit wie auch die Unbestimmtheit des engagementpolitischen Diskurses im Netz hinterfragt die Rolle des BBE als Mitgestalterin engagementpolitischer Debatten. Eine Wissens- und Kompetenzplattform, die Fachdiskurse bündeln und Impulse in die Engagementpolitik geben will, ist nur so erfolgreich, wie die tausenden Seiten mit klugen Gedanken, Theorien und Analysen zur Bürger- und Zivilgesellschaft in Deutschland und Europa auch ihren Weg in die politische Öffentlichkeit finden; wie sie im Land der 30 Millionen Engagierten auch dort wirken, wo sich die Menschen – kommunikativ – heute und künftig bewegen.

Natürlich braucht es die Fachdiskurse und vielen bewährten Formate des BBE für die Demokratie- und Engagementpolitik! Sie finden in Netzwerken, denen formale Hierarchien fremd sind, statt und sind grunddemokratisch. Aber den Schatz an Wissen und Kompetenz, an Texten und Veröffentlichungen gilt es besser zu heben und an die öffentlichen Debatten im Zeichen der digitalen Transformation von Gesellschaft anschlussfähig zu halten.

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»Engagement macht stark!« – eine Kampagne mit digitalem Potential

Die »Woche des bürgerschaftlichen Engagements« hat sich klug von einem mehr singulären Event einer Woche zu einer mehrmonatigen Kampagne entwickelt und dabei mit Fotoaktion und Engagementkalender auch digitale Formate zum Erfolg geführt. Allein mit dem Kalender, in dem inzwischen über 8.000 Projekte (!) zu finden sind, spricht »Engagement macht stark!« mehr Engagierte direkt an, als je zuvor. Der neue Webauftritt ist frisch und modern – und doch: gerade in Zeiten von Social Media liegt hier ein Pfund, dessen Potenzial es noch erheblich besser auszuschöpfen gilt.

Was es dafür braucht ist digitale Anschlussfähigkeit: die Verschränkung von Mitmach-Kampagne und Fachdiskursen, Reden und Tun, Machen und Wollen. »Engagement macht stark!« bietet zweifelsohne die Möglichkeit, die Resonanz aus dem Feld der Bürgergesellschaft im Sinne einer »more musical democracy« (Nancy S. Love) für den Fachdiskurs aufzunehmen und mit fachlichen Impulsen so auch mehr bewegen zu können.

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Das EKG der Bürgergesellschaft

Wie digitale Anschlussfähigkeit aussehen kann, zeigt beispielsweise ZEIT ONLNE seit kurzem mit dem Open-Data-Projekt »Darüber spricht der Bundestag«. Nach Schlagworten durchsuchbar, werden hier alle 4.216 Protokolle von Bundestagssitzungen der letzten 70 Jahre – 200 Millionen (!) transkribierte Worte – analysierbar gemacht. Zeitpunkt und Häufigkeit ihrer Verwendung geben aufschlussreiche Einblicke, die unter dem Hashtag #bundeswoerter in den Sozialen Medien fleißig geteilt und diskutiert werden. So werden die großen Linien der Debatten und ihr Wandel über die Zeit transparent, ohne auf einzelne Statements, die man diskutieren kann oder nicht, abzuheben. Eine völlig neue Form der Aktivierung von Bürgerinnen und Bürgern, die leichter anschlussfähig ist und zur Teilhabe anregt.

Darüber spricht der Bundestag stellt, anders als Google Trends, die absolute Häufigkeit der gesuchten Begriffe im Zeitverlauf graphisch dar. Ähnlich wie bei Google Trends lassen sich damit einerseits historische Verläufe der Diskursrichtungen andererseits auch Trendanalysen und (in gewissem Maße) Vorhersagen treffen.

Bild: »Darüber spricht der Bundestag« Beispiel-Analyse für die Begriffe »Volk« (pink) und »Bürger«(blau)
Die Grafik zeigt eine Beispiel-Analyse für das Angebot »Darüber spricht der Bundestag« für die Begriffe »Volk« (pink) und »Bürger« (blau)

Man stelle sich vor, das BBE würde auf diese Weise Einblicke in das gesammelte Wissen über das Engagement geben: Es ließe sich daraus ein interaktives EKG der Bürgergesellschaft entwickeln. Ein Impuls, an dem Engagementpolitiker und -politkerinnen kaum vorbei kämen und der auch für die Debatten in den Formaten des BBE sehr fruchtbar wäre.

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Auf dem Weg nach vorn

Das tiefe Fundament des Wissens, der Kompetenz und der Erfahrung aus 17 Jahren Arbeit im Netzwerk und 15 Jahren Aktionswoche, gepaart mit dem Mut, den Sprung zu wagen und einfach anzufangen, kann dem BBE als Netzwerk und dem bürgerschaftlichen Engagement insgesamt gerade in Zeiten des digitalen Wandels eine leuchtende Zukunft bescheren. Voraussetzung dafür ist allerdings, die eigene digitale Transformation mutig und im direkten Austausch mit Engagierten zu beschreiten. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Potentiale groß – packen wir‘s an.

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Beitrag im Newsletter Nr. 20 vom 2.10.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autoren

Hannes Jähnert ist Engagementblogger und Freizeitforscher, Themenpate für Kommunikation im BBE und Referent für Soziale Innovation & Digitalisierung im Bundesverband des Deutschen Roten Kreuz.

Kontakt: kontakt(at)hannes-jaehnert.de

Twitter: twitter.com/foulder

Weitere Informationen: www.hannes-jaehnert.de

Peter Kusterer, im Hauptberuf Corporate Citizenship Manager der IBM Deutschland, schreibt hier nicht als Vertreter seines Unternehmens, sondern als Bürger mit fast 40 Jahren praktischer Erfahrung in der Informationstechnologie, als Vater, als Themenpate Kommunikation des BBE, als Diplom-Kaufmann der Universität zu Köln, und ja, auch als IBMer.

Kontakt: KUSTERER(at)de.ibm.com

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