Jeder kann die Welt verändern – Anne Franks Botschaft für Jugendliche heute

»Wie herrlich ist es, dass niemand eine Minute zu warten braucht, um damit zu beginnen, die Welt langsam zu ändern!« Dies schrieb Anne Frank am 26. März 1944 in eine Textsammlung, die später als »Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus« veröffentlicht wurde. Für viele Jugendliche, die sich im Rahmen der Angebote des Anne Frank Zentrums engagieren, ist dieser Satz Inspiration und Motivation zugleich.

Das Anne Frank Zentrum ist die deutsche Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Mit Ausstellungen und Bildungsangeboten erinnert das Zentrum an Anne Frank und ihr Tagebuch. Es schafft Lernorte, in denen sich Kinder und Jugendliche mit Geschichte auseinandersetzen und diese mit ihrer heutigen Lebenswelt verbinden. Sie lernen gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und sich für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie zu engagieren.

Dies geschieht in unterschiedlichsten Bildungsformaten, die darauf setzen die Beteiligung von Jugendlichen zu fördern und somit langfristig und nachhaltig ihr bürgerschaftliches Engagement zu stärken.

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Jugendliche für Jugendliche – bundesweite Anne Frank Wanderausstellungsprojekte

Das Anne Frank Zentrum setzt seit über 20 Jahren Wanderausstellungsprojekte im gesamten Bundesgebiet um. Kern dieser Projekte bildet die Arbeit mit sogenannten Peer Guides, die nach dem Prinzip »Jugendliche für Jugendliche« Schulklassen und Jugendgruppen durch die Ausstellung begleiten. Durch die Arbeit der Peer Guides wird die Ausstellung zum jugendgerechten Lernort. An jedem Ausstellungsort werden bis zu 30 Jugendliche zu Peer Guides ausgebildet. In den Trainingsseminaren lernen sie die Inhalte und Hintergründe der Ausstellung kennen und erfahren, wie sie diese an Gleichaltrige vermitteln können. Die Erfahrungen des Anne Frank Zentrums zeigen, dass Jugendliche unabhängig von Herkunft, Sozialisation und Vorwissen diese Aufgabe verantwortungsvoll übernehmen. Durch die Tätigkeit als Peer Guides werden die Jugendlichen zur Geschichte des Nationalsozialismus und des Holocaust weitergebildet sowie für aktuelle Fragen von Diskriminierung und Zivilcourage sensibilisiert. Zugleich fördert die Ausbildung wichtige Kompetenzen für die Arbeit mit Gruppen: Die Peer Guides erlernen das Präsentieren oder die Moderation von Diskussionen.

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Anne Frank Botschafter*innen für Demokratie und Vielfalt

Peer Education stärkt aber auch das Selbstbewusstsein und die Bereitschaft für jugendliches Engagement: Laut einer 2012 durchgeführten Projektevaluierung wollen 90 Prozent der Peer Guides auch nach Ende des Ausstellungsprojekts weiter für die Gesellschaft aktiv sein. Vor diesem Hintergrund hat das Anne Frank Zentrum das Anne Frank Botschafter*innen-Programm entwickelt.

Was verbirgt sich dahinter und wer kann Anne Frank Botschafter*in werden? Anne Frank Botschafter*innen engagieren sich für eine demokratische Gesellschaft. Sie realisieren selbstständig eigene Projekte in ihren Heimatorten in ganz Deutschland. Dabei sind der Kreativität der Jugendlichen keine Grenzen gesetzt: von lokalhistorischen Geschichtsprojekten über Konzerte gegen Rechts, Workshops, Poetry Slams, öffentlichen Diskussionsforen oder Ausstellungen und Filmen ist alles dabei. Mit ihren Aktivitäten leisten sie einen wichtigen Beitrag, um an Anne Frank und den Holocaust zu erinnern. Damit setzen sie sich auch gegen Antisemitismus, Rassismus und jede Form von Diskriminierung ein.

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Wie unterstützt das Anne Frank Zentrum die Jugendlichen? Alle, die als Peer Guides in Anne Frank Wanderausstellungen tätig waren, werden zwei Mal jährlich zu einem Seminar nach Berlin eingeladen. Die Jugendlichen absolvieren in Vorbereitung darauf ein internetbasiertes E-Learning. Bei dem viertägigen Training in Berlin lernen sie andere engagierte Jugendliche kennen und entwickeln in einer Zukunftswerkstatt eigene Projektideen in ihren Heimatorten. Auf dem Seminar lernen die jungen Menschen, wie sie Projekte organisieren, finanzieren und öffentlich bewerben. Sie erlangen Kernkompetenzen, die für bürgerschaftliches Engagement grundlegend sind. Außerdem diskutieren sie mit Expertinnen und Experten inhaltlich ihre Ideen. Bis zur Realisierung ihres Projektes berät und unterstützt das Anne Frank Zentrum die Jugendlichen in diesem Prozess.

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Nachdem sich die Jugendlichen in ihren Orten mit eigenständigen Projekten engagiert haben, werden sie als Anne Frank Botschafter*innen ausgezeichnet. Dazu führt das Anne Frank Zentrum jedes Jahr eine öffentliche Ehrung mit zahlreichen Ehrengästen aus Politik und Gesellschaft durch. Dadurch erfahren die Jugendlichen Anerkennung für ihr zivilgesellschaftliches Engagement. Und sie werden Teil des internationalen Anne Frank Botschafter*innen-Netzwerks. Sie werden regelmäßig zu Aktivitäten und Treffen wie etwa einem jährlichen Jugendcamp, dem internationalen Jugendtreffen anlässlich der Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag oder lokalen Vernetzungstreffen eingeladen.

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Bürgerschaftliches Engagement als Motivationsfaktor

Eine Evaluierung des Anne Frank Botschafter*innen-Projekts ergab 2017 [1] Folgendes: Gesellschaftliches Gestaltungsinteresse und solidarische Wertüberzeugungen dominieren im Motivbündel, warum Jugendliche Anne Frank Botschafter*innen werden: 89 Prozent der Befragten wollten sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung und 75 Prozent der Befragten wollten sich für das Gemeinwesen engagieren. Allerdings soll das Engagement für andere und die Gesellschaft auch das eigene Leben substanziell bereichern. Engagement soll Spaß machen, was durch das Zusammensein mit interessanten und sympathischen Mitstreiter*innen entsteht. Während der Erwerb von neuen Kenntnissen für viele Befragte wichtig ist, spielt der Nachweis der Erfahrung im Lebenslauf eine eher untergeordnete Rolle.

Im Hinblick auf das Engagement der Jugendlichen ist folgender Befund ebenfalls interessant: Das formulierte Ziel des Projekts, wonach sich die Botschafter*innen auch nach der Ehrung weiter gesellschaftlich engagieren sollen, wird weitestgehend eingelöst. Der Großteil der Botschafter*innen engagiert sich nach der Umsetzung des eigenen Projekts weiterhin in verschiedenen Bereichen. Viele der Teilnehmer*innen sind auch weiterhin im sozialen und schulischen Bereich aktiv. Lediglich ein Fünftel der Befragten gab an, sich nach der Botschafter*innen-Ehrung nicht mehr engagiert zu haben.

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Zivilgesellschaftliche Infrastruktur als Erfolgsfaktor

Die Erfahrungen und Evaluationsergebnisse zeigen, dass jugendliches Engagement neben der individuellen Unterstützung und Beratung durch das Anne Frank Zentrum auch von lokalen Unterstützungs-Strukturen durch Erwachsene lebt. Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die von den Anne Frank Botschafter*innen initiierten Projekte ist die zivilgesellschaftliche Infrastruktur vor Ort. Dies gilt auch für die Arbeit der Peer Guides in den Ausstellungsprojekten.

Umgekehrt ist es interessant, weshalb sich viele lokale zivilgesellschaftliche Organisationen für ein Anne Frank Wanderausstellungsprojekt entscheiden: Sie sehen in diesem nicht nur ein spannendes Angebot der historisch-politischen Bildung, sondern ebenso eine Möglichkeit der Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft.

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Im Rahmen einer Befragung der Ausstellungspartner*innen in 2018 [2] stand bei der Frage, was besonders gut gelingt, der Peer Guide Ansatz an erster Stelle. Fast durchgängig wird er als besonders motivierend für Jugendliche bewertet. Damit bildet der Peer Guide Ansatz das zentrale Erfolgskonzept des Projekts. Zudem wiesen die Befragten den Peer Guides das größte Potenzial für die Nachhaltigkeit des Projekts zu.

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Engagementförderung in ländlichen und strukturschwachen Regionen

Das Anne Frank Zentrum geht mit seinen Wanderausstellungen bewusst auch in strukturschwache Regionen, in denen Unterstützungsangebote oft fehlen. Durch die Initiierung von Trägerkreisen, die gemeinsam die Wanderausstellungen organisieren, hilft das Anne Frank Zentrum bei der Entstehung entsprechender Netzwerke, die oft über die Ausstellung hinaus arbeiten. Dabei ist es wichtig, die Vielfalt der Partner zu berücksichtigen, um breite gesellschaftliche Bündnisse zu ermöglichen. In den Trägerkreisen der Anne Frank Wanderausstellungen treffen sich Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und Verwaltung. Jugendämter, Schulen, Kirchengemeinden, Migrant*innen- und Minderheiten-Selbstorganisationen, jüdische Gemeinden und lokale Geschichtsvereine gehören zu den vielfältigen Partnern, die im Idealfall am Gelingen des Projekts beteiligt sind. Es sind dieselben Organisationen, die später auch die Anne Frank Botschafter*innen bei ihren Projekten unterstützen.

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Da auch diese Strukturen und Netzwerke nachhaltig gepflegt werden müssen, veranstaltet das Anne Frank Zentrum seit fünf Jahren Vernetzungstreffen für die lokalen Partner im gesamten Bundesgebiet. Dabei geht es einerseits um die Vernetzung und den Erfahrungstransfer, andererseits aber auch um die Weiterbildung und den Wissenstransfer. Jedes Jahr gibt es ein anderes Schwerpunkt-Thema. 2019 ist es »Inklusion und historisch-politische Bildung«. Das Vernetzungstreffen wird von Beginn an in Kooperation mit dem Verein »Gegen Vergessen – für Demokratie« und wechselnden lokalen Partnern umgesetzt.

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Zukunftsperspektive – die Förderung eines kritischen Geschichtsbewusstseins als Daueraufgabe

Eine an jugendlichen Lebenswelten orientierte, sinnstiftende Erinnerungsarbeit ist kein Selbstläufer. Jede Generation muss aufs Neue die Frage für sich beantworten, was Anne Franks Geschichte mit ihrem Leben heute zu tun hat. Ein Blick in die empirische Sozialforschung zeigt, dass unter Jugendlichen kein Konsens darüber zu herrschen scheint, dass der Nationalsozialismus eine verbrecherische Diktatur war. In der sogenannten Mitte-Studie der Friedrich Ebert Stiftung von 2018 wird mit Aussagen wie »Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten« oder »Ohne Judenvernichtung würde man Hitler heute als großen Staatsmann ansehen« das gemessen, was die Autorinnen und Autoren als »Verharmlosung des Nationalsozialismus« zusammenfassen. Gegenüber den Vorjahren der Erhebung gibt es keine signifikanten Veränderungen, abgesehen von einem Aspekt: Es sind nicht mehr die Älteren, die Aussagen dieser Art zustimmen, sondern die Jüngeren. Während nur 1,7 Prozent der über 60-Jährigen die oben erwähnten Meinungen teilen, sind es 7 Prozent (!) der 16- bis 30-Jährigen. Die Jüngeren haben sich hier nicht nur angeglichen – wie in anderen Dimensionen rechtsextremer Einstellungen –, sondern sie haben die Älteren sogar überholt. [3]

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Vor dem Hintergrund solcher Zahlen möchte das Anne Frank Zentrum zukünftig Jugendliche noch stärker dabei unterstützen, ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln, das sie

  • zu einer vernunftgeleiteten Werte- und Urteilsbildung und einer mündigen Haltung zu Werten der Demokratie und des Rechtsstaats befähigt,
  • in ihrer Identitätsbildung unterstützt und
  • in ihren Handlungskompetenzen und in ihrem zivilgesellschaftlichen Engagement stärkt.

Dafür sollen ab 2020 gemeinsam mit Jugendlichen und lokalen Kooperationspartnern jährlich in mindestens 15 Regionen Deutschlands Projekte initiiert werden, die die historische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sinnstiftend mit der Lebenswelt der Jugendlichen heute verbindet. Dabei wird das Peer Guide Prinzip als Methode in neuen Formaten weiterentwickelt werden. Ein Schwerpunkt wird auf lokalen Erinnerungsprojekten liegen, in denen die Verfolgungsgeschichten von Minderheiten mit Phänomenen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in Verbindung gebracht werden (z. B. die Verfolgung der Sinti und Roma während der NS-Zeit mit Antiziganismus und Rassismus heute). Dies soll zum Beispiel mit neuen Lernformaten wie den sogenannten »Memory Walks« gelingen, in denen nach dem Prinzip des »Blended Learnings« digitale Bildungsformate mit Präsenzseminaren und konkreten, lokalen Spurensuchen verbunden werden.

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erinnern & engagieren

Das Anne Frank Zentrum ist die deutsche Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam. Mit Ausstellungen und Bildungsangeboten erinnert das Zentrum an Anne Frank und ihr Tagebuch. Es schafft Lernorte, in denen sich Kinder und Jugendliche mit Geschichte auseinandersetzen und diese mit ihrer heutigen Lebenswelt verbinden. Sie lernen gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und sich für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie zu engagieren. Das Anne Frank Zentrum zeigt eine ständige Ausstellung in Berlin und Wanderausstellungen in ganz Deutschland. Es setzt bundesweit Projekte um und entwickelt Materialien zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus und Holocaust sowie mit Antisemitismus, Rassismus und Diskriminierung heute. Das Anne Frank Zentrum hat seinen Sitz in Berlin und ist ein gemeinnütziger Verein. Das Zentrum ist als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt und Mitglied im Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.

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Endnoten

  1. Im Auftrag des Anne Frank Zentrum hat CAMINO gGmbH 2017 eine Online-Befragung unter den 170 seit 2012 geehrten Anne Frank Botschafter*innen durchgeführt. An der Befragung haben sich 56 Jugendliche (40 weiblich, 16 männlich) beteiligt, also etwa 34 Prozent. Die Ergebnisse der Evaluation können beim Anne Frank Zentrum angefordert werden: zentrum(at)annefrank.de
  2. Im Auftrag des Anne Frank Zentrums hat die SOCIUS gGmbH 2018 70 Kooperationspartner*innen aus den Jahren 2012 bis 2017 angeschrieben und zur Teilnahme an einer standardisierten Befragung aufgefordert. 22 Partner*innen sind dem nachgekommen.
  3. Zick, Andreas / Küpper, Beate / Berghan, Wilhelm (2019): Verlorene Mitten, feindselige Zustände. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2018/19. Hrsg. von der Friedrich Ebert Stiftung. Dietz Verlag, Bonn.

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Beitrag im Newsletter Nr. 19 vom 19.9.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Patrick Siegele ist Direktor des Anne Frank Zentrums und Lehrbeauftragter am Institut für Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin. Zwischen 2015 und 2017 war er Koordinator des unabhängigen Expertenkreises Antisemitismus, beauftragt vom Deutschen Bundestag. Er ist Mitglied im Beirat des Bündnisses für Demokratie und Toleranz sowie im Forum gegen Rassismus beim Bundesministerium des Innern.

Kontakt: siegele(at)annefrank.de

Weitere Informationen:

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