Jugendkulturen heute - Potentiale und Gefährdungen für Bildung, Demokratie und gesellschaftliches Engagement

Jugendkulturen sind präsent – auch wenn manche behaupten, dass ihre Bedeutung für junge Menschen für die Gestaltung eigener Freiräume und das Erproben kultureller und politischer Artikulationen in Zeiten rasanter gesellschaftlicher Veränderungen, von Kommerzialisierungsprozessen und schier unbegrenzter Möglichkeiten zurückgegangen ist. Seit ihrer Entstehung vor rund 120 Jahren haben sich eine Fülle an jugendlichen Repräsentationsformen gebildet, entwickelt und verändert – angefangen beim Wandervogel und den Wilden Cliquen, über Swingkids, Edelweißpirat*innen, Halbstarke, Existentialist*innen, Hippies, Skinheads, Metalheads oder Punks bis hin zu HipHop, Techno, Cosplay, Gaming, Influencer*innen oder K-Pop. Angaben zur Anzahl heute existierender Jugendkulturen schwanken stark, je nach Blickwinkel und Definition. Trendscouts und Marketing schätzen hier höher als sozial- und kulturwissenschaftliche Forschung, deren Fokus stärker auf Vergemeinschaftungs- als auf Kommerzialisierungspotentialen liegt.

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Bildung, Engagement und Jugendkulturen stehen in einem engen Zusammenhang. Denn Jugendkulturen bilden, vor allem informell – über Geschichte, Sozialräume, Geschlechterverhältnisse, Ausgrenzungen, Abgrenzungen, aber insbesondere auch über Anerkennung, Respekt und Wertschätzung, Zusammenhalt und Teilhabe. Sie sind nach wie vor wichtige Orte, in denen vor allem junge Menschen die Möglichkeit haben, Wissen und Engagement jenseits erwachsener Angebote und Bewertungen zu erfahren. Beispielsweise im Hip-Hop, der immer noch sehr präsenten Jugendkultur in Deutschland, eine Kultur, die sich vor dem Hintergrund von Rassismuserfahrungen und Gentrifizierung in den USA gebildet und weltweit weiterentwickelt und verändert hat und in der heute vielfältige Diskussionen auch über Sexismus, Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus, Integration oder Inklusion stattfinden. Jugendkulturen existieren nicht im luftleeren Raum – sie sind Sprachrohr, Spiegel und Seismograph gesellschaftlicher Verhältnisse – sowohl im Hinblick auf demokratisches Engagement als auch im Hinblick auf Abwertung und Ausschluss. Und sie sind akut gefährdet: durch Vereinnahmungen für gesellschaftliche Verwertungen, Kommerzialisierungen, Selbstoptimierungsdruck junger Menschen und durch die Instrumentalisierungs- und Unterwanderungsversuche von Rechtsextremist*innen und Rechtspopulist*innen. Rechter Rap, rechter Techno, rechter Hardcore, rechter Metal oder rechte Graffiti sind trotz ihrer Widersprüche zum Hintergrund der jeweiligen Entstehungsgeschichte verbreitet. Die vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestufte so genannte Identitäre Bewegung diskutiert offen im Internet darüber, welche Jugendkulturen und Musikrichtungen sich für die »Bewegung« nutzen lassen, um mehr junge Menschen mit attraktiven »Styles« zu rekrutieren. Gerade hier gilt es, Jugendkulturen davor zu schützen und über Bildung und Engagement Geschichte, Entwicklungen und emanzipatorische und auf Gleichwertigkeit setzende Potentiale von Jugendkulturen zu vermitteln und zu unterstützen.

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Culture on the Road: Bildungsprogramm des Archiv der Jugendkulturen zur Stärkung von gesellschaftlichem Engagement für emanzipatorische Vielfalt

Die Potentiale von Jugendkulturen für die kulturelle und politische Bildung, die Gewalt- und Extremismusprävention, für Demokratieengagement und emanzipatorische Vielfaltgestaltung hat das Archiv der Jugendkulturen e. V. schon vor mehr als 20 Jahren erkannt. Auf der Basis eigener Expertise, Recherchen, Vernetzungen und Erfahrungen mit der Vielfalt, Ambivalenz, Ambiguität und hohen Differenziertheit in Jugendkulturen und den darin verhandelten Diskursen über politische Haltungen, Diskriminierungen, gesellschaftliche Entwicklungen, Partizipation und Empowerment entwickelte das Archiv der Jugendkulturen das Bildungsprogramm »Culture on the Road«. Das Bildungsprogramm ist Modellprojekt im Bundesprogramm entimon des BMFSFJ und kofinanziert von der bpb. Aktuell ist es nur noch bis Ende 2019 im Bundesprogramm Demokratie leben! gesichert. Seit 2002 touren junge, vom Archiv geschulte authentische Jugendszenengänger*innen aus HipHop-, Punk-, nicht-rechten Skinhead-, Techno-, Fußballfan-, Skateboard-, Comic-, Gaming-, Hardcore- oder Medien-Szenen durch ganz Deutschland (und international). Sie erarbeiten in einer engen Verbindung aus Methoden der politischen und kulturellen Jugend- und Erwachsenenbildung zusammen mit Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen in Schulen, Jugendzentren, Behörden oder Ausbildungsstätten politische Bildungsthemen wie Rechtsextremismus, Radikalisierung, Rassismus, Antisemitismus, Sexismus, Hate Speech, Verschwörungsphantasien oder Fake News bzw. Strategien und Interventionen gegen Diskriminierungen im Kontext von Jugendkulturen. 

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Das Programm setzt da an, wo sich Jugendliche aus sich selbst heraus für gesellschaftliche Themen interessieren und intrinsisch motiviert engagieren können und vielleicht auch möchten: bei ihren Interessen, Wünschen, Vorlieben – für Musik, Kunst, Medien, Bewegung, Mode. Es setzt auf den Dreiklang aus Kontakt (in der direkten Begegnung und Interaktion mit in Jugendszenen und für emanzipatorische Vielfalt einstehenden Menschen, teilhabender Kooperation (in Form von kooperativem Lernen) und Kreativität (in der gemeinsamen Entwicklung einer Choreographie, eines Videoclips, Rap-Songs, Tracks, Blogs, Fanzines, Comics …).

Weitere wichtige Arbeitsbereiche des Archivs in diesem Kontext sind außerdem das Modellprojekt Diversity Box zu sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, die Wanderausstellung »Der z/weite Blick« über Jugendkulturen und Diskriminierungen, Interviews mit Szenengänger*innen über Engagement für Gleichwertigkeit in Szenen sowie vom Archiv konzipierte Intervention Sets zu Rechtsextremismus, antimuslimischen Rassismus, Sexismus und Antisemitismus als jugendgerecht aufbereitete Alternativen zur klassischen Bildungsbroschüre.

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Die Erfahrungen, die das Archiv der Jugendkulturen seit beinahe 20 Jahren mit seinen Arbeitsansätzen macht, zeigen, wie wichtig es ist, Bildung und Engagement im Kontext von Demokratieförderung, Vielfaltgestaltung und Extremismusprävention auf vielen Ebenen zu denken und zu fördern – im formalen Bereich gleichermaßen wie in nonformalen und informellen Settings, in denen sich Jugendkulturen vor allem entwickeln. Jugendliche lassen sich Bildung, Demokratie und Engagement von Älteren nur eingeschränkt top down verordnen. Sie haben ein sehr feines Gespür dafür, wo ihre Freiräume beginnen und wo sie enden. Dies zu erkennen, zu akzeptieren und Jugendliche darin zu unterstützen, sich kreativ und wertschätzend für eine demokratische Gesellschaft zu engagieren, ist ein jahrzehntelanges Grundanliegen und -verständnis des Archiv der Jugendkulturen.

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Beitrag im Newsletter Nr. 19 vom 19.9.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Gabriele Rohmann ist Sozialwissenschaftlerin und Journalistin. Sie leitet das auch von ihr mitbegründete Archiv der Jugendkulturen e. V. in Berlin.

Kontakt: gabi.rohmann(at)jugendkulturen.de

Weitere Informationen:

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