Eine demokratische Schule - was heißt das überhaupt?

Einleitung

Unsere Demokratie steckt in turbulenten, vielleicht gefährlichen Zeiten - davon ist Tag für Tag zu lesen. Ob erstarkender Rechtsextremismus, zunehmende soziale Ungleichheit oder die Klimakrise und ihre Folgen: die gesellschaftlichen Herausforderungen sind riesig. In diesem Zusammenhang gewinnen die Demokratiebildung und die Forderung nach partizipativen Schulen wieder an Aufmerksamkeit und Bedeutung. Aber was muss eine demokratische Schule leisten, damit sie diesen Titel auch verdient hat? Und wie tragen Angebote der außerschulischen politischen Bildung schon heute dazu bei, dass die demokratische Schule eines Tages (hoffentlich) flächendeckende Realität wird?

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Schule heute: häufig noch weit entfernt von Demokratiebildung

Wenn wir einen Blick darauf werfen, wie Schule zurzeit funktioniert, sehen wir - in der Mehrzahl der Schulen - noch immer eine starre Struktur mit wenig Spielraum für die persönliche Entfaltung der Jugendlichen. Wir sehen wenig Raum und Wertschätzung für Engagement, sei es in der Schüler*innenvertretung (SV) oder in anderen selbstorganisierten Angeboten. Wir sehen Lernformen, die aus längst vergangenen Zeiten stammen, mit festen Hierarchien zwischen Lehrkräften und Schüler*innen. Und wir sehen einen gravierenden Mangel an Angeboten zur politischen Bildung, welche die Jugendlichen dazu ermutigen will, eigene Perspektiven auf wichtige Themen zu entwickeln.

»Mit Betreten des Schulgeländes verlassen Sie den demokratischen Sektor der Bundesrepublik Deutschland«. Dieser plakative Spruch der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz scheint nach wie vor eine zentrale Herausforderung junger Menschen im Kern zu treffen: Die deutschen Schulsysteme ermöglichen noch nicht in ausreichendem Maße Mitsprache und Mitentscheidung der Schüler*innen. Sie geben ihnen zu wenig die Chance, Verantwortung zu übernehmen und ihren Lernraum nach ihren Wünschen und Bedürfnissen zu gestalten.

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Beteiligung in Theorie und Praxis

Demokratieerziehung ist ein Leitprinzip fast aller deutschen Schulgesetze - und dennoch wird dieses Ziel in der Schule (bestenfalls) theoretisch vermittelt, doch nur selten praktisch umgesetzt. Dabei kommt der Schule als wichtigster Lern- und Sozialisationsort aller Kinder und Jugendlichen eine zentrale Bedeutung zu: hier wird der Grundstein für die künftigen Einstellungen und Werte der Schüler*innen gelegt. Und keine andere Institution erreicht im weiteren Lebensverlauf auch nur annähernd so viele Menschen einer Altersgruppe, wie es die Schule bei Kindern und Jugendlichen tut.

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Bereits praktizierte Beteiligung in der Schule wird ihrem Anspruch häufig nicht gerecht. Denn Beteiligung wird erst dann wirklich bedeutsam, wenn sie konkrete Perspektiven für eine spätere Umsetzung in Aussicht stellt und die Möglichkeit besteht, auch wirklich Einfluss auf relevante Bereiche zu nehmen. Plakativ ausgedrückt: Die Themen, die Jugendliche bewegen, sind deutlich weitreichender als Schulfeste, Projektwochen und Weihnachtsbasare. Auch diese Dinge sind zwar schön und gut, doch entsteht aus ihnen noch keine echte Partizipation. Im Gegenteil: die Erfahrung als Schüler*in zeigt schnell, dass sich durch solches Engagement wenig bis nichts an den Strukturen, den Lernbedingungen, dem Alltag an ihrer Schule verändert. Einer solchen Beteiligung wird deshalb häufig eine geringe Bedeutung beigemessen. Von »Erwachsenen« wird dies dann häufig so interpretiert, dass die Jugendlichen ohnehin kein Interesse an einer weitergehenden Partizipation im Schulalltag hätten. Das Gegenteil ist jedoch meistens der Fall.

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Unsere Traumschule

Dem Status Quo stellen wir unsere Vision einer demokratischen Schule entgegen: in einer demokratischen Schule werden Schüler*innen in alle Entscheidungsprozesse mit einbezogen - von Fragen der Schulorganisation über die Unterrichtsgestaltung bis hin zur Strukturierung der Lehrpläne. Erst wenn Schüler*innen von Betroffenen zu Beteiligten werden und überhaupt die Möglichkeit haben, selbst echte Verantwortung zu übernehmen, kann sich eine demokratische Schulkultur entwickeln.

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Doch nicht nur die Grundstruktur unserer Schulen muss sich ändern, damit diese Vision Wirklichkeit werden kann: auch die Art des Lernens kann nicht länger auf klar abgegrenzten Schulfächern und gleichen Leistungsanforderungen an unterschiedliche Schüler*innen basieren. Eine partizipative Schule braucht neben echter Mitbestimmung in Belangen »rund um die Schule« auch eine demokratische Lernkultur, die es den Jugendlichen ermöglicht, sich z.B. fach- und klassenübergreifend in Projekten eigene Schwerpunkte setzen zu können. Es ist kein Geheimnis mehr, dass Lernprozesse ungleich erfolgreicher sind, wenn sie (möglichst) freiwillig und mit einer gewissen intrinsischen Motivation stattfinden. Diese Erkenntnis muss endlich dazu führen, dass unsere Schulen Freiräume für die selbstständige Aneignung von Inhalten bieten. Der Frontalunterricht hat schon lange ausgedient und könnte durch eine Vielzahl anregender Lernumgebungen und Sozialformen ersetzt werden, die sich flexibel an die Erfordernisse verschiedener lernender Schüler*innen anpassen. Methoden wie das Schüler*innen-Feedback, Lerntagebücher oder freier Lernzeiten warten nur darauf, »in der Fläche« eingeführt und ausprobiert zu werden - natürlich gemeinsam mit den Schüler*innen.

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Nicht der Anspruch für Partizipation, sondern die Hürden sind oft zu hoch

Wenn wir beim SV-Bildungswerk von unserer Arbeit und unserer Zielvorstellung einer demokratischen Schule sprechen, wird uns oft entgegnet, dass das ja ein ziemlich hoher Anspruch sei, den wir an die Schüler*innen stellen. Es wird befürchtet, dass dem viele Schüler*innen gar nicht gerecht werden könnten oder wollten. Dabei liegt Beteiligung kein komplizierter Prozess zugrunde. Sich zu Themen und Sachverhalten zu äußern, von denen man selbst betroffen ist, ist in den meisten anderen Lebensbereichen völlig normal - und so könnte es auch in der Schule sein.

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Eine große Schwierigkeit, der wir immer wieder begegnen, ist, dass Beteiligungsprozesse noch immer meistens von Erwachsenen konzipiert werden. Somit entstehen sie klar aus einer völlig anderen, manchmal sogar gegensätzlichen Perspektive. Dadurch fehlt einem Prozess oftmals von Anfang an die notwendige Augenhöhe, die für erfolgreiche Beteiligung unerlässlich ist. Jugendliche möchten gefragt werden: »Was sind deine Ideen?« - und nicht nur »Was hältst du davon?«. Wenn sie nur vor die Wahl zwischen bereits vollendeten Tatsachen gestellt werden, kann von echter Beteiligung keine Rede mehr sein.

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Was bedeutet zeitgemäße Demokratiebildung für uns?

Die gute Nachricht ist: es gibt zahlreiche Mittel, Wege und Methoden, mit denen eine gute Demokratiebildung in der Schule gelingen kann. Ein wichtiges Werkzeug dabei gibt es schon seit langer Zeit: die Schüler*innenvertretung (SV). Als gesetzlich legitimiertes und vorgesehenes Gremium ist sie zum einen ein Werkzeug, um die Interessen aller Schüler*innen zu bündeln und in der Auseinandersetzung mit Schulleitung, Lehrkräften und verschiedenen Konferenzen für diese einzutreten. Zum anderen ist sie ein Ort, an dem junge Menschen Selbstwirksamkeit, Verantwortungsübernahme und demokratische Entscheidungsfindungsprozesse ganz praktisch erlernen und ausprobieren können. Auch wenn die gesetzlich vorgesehenen Rechte der SV im Vergleich zu denen der Lehrer*innen- und Elternschaft in vielen Bundesländern noch stark ausbaufähig sind, besitzt sie durch ihre Mitbestimmungs- und Anhörungsrechte sowie ihre demokratische Verfasstheit das Potenzial, positive Veränderungen im Sinne der Schüler*innenschaft an den einzelnen Schulen sowie durch regionale und landes- bzw. bundesweite Zusammenschlüsse auch schulübergreifend durchzusetzen und für eine demokratische »Schule von unten« einzutreten.

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Formate der Demokratiebildung dürfen nicht nur theoretisches Wissen vermitteln - z.B. über unser politisches System - sondern müssen Demokratie als Lebensform praktisch erfahrbar machen. Hier sind Formate gefordert, die aus den starren Grenzen des derzeitigen Schulsystems ausbrechen und fach- und klassenübergreifend umgesetzt werden. Idealerweise sollten solche Projekte von Jugendlichen selbst ausgehen oder ihnen maximale Mitsprachemöglichkeiten einräumen.

Schüler*innenvertretungen arbeiten bereits heute in demokratischen Strukturen und sind somit ein Ort, an dem Demokratiebildung ganz selbstverständlich in die Tat umgesetzt wird. Gerade deshalb kommt ihnen eine zentrale Rolle bei der Demokratisierung des Lebensraums Schule zu: dort wird nicht nur theoretisch gelernt, sondern auch praktisch umgesetzt (und dabei von den Schüler*innen natürlich unglaublich viel Neues gelernt, was klassischer Unterricht niemals leisten könnte).

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SV heißt Schule verändern! - Demokratiebildung in der Arbeit des SV-Bildungswerks

In den Projekten des SV-Bildungswerks wird zeitgemäße Demokratiebildung Tag für Tag gelebt. Der Verein und seine Projekte sind vollständig nach dem Peer-Prinzip ausgerichtet, d.h. Jugendliche lernen von und mit anderen Jugendlichen. Als Peers (Gleichaltrige) können wir unsere Mitschüler*innen wirkungsvoller davon überzeugen, sich zu engagieren, als dies über klassische Ansätze wie z.B. durch Lehrkräfte gelingt.

Genau an diesem Punkt setzt beispielsweise unser SV-Berater*innen-Netzwerk an: Jugendliche werden zu Multiplikator*innen - sogenannten SV-Berater*innen - ausgebildet und geben ihr Wissen dann in selbstgestalteten Seminaren an Gleichaltrige in anderen Schulen weiter. So geben sie dort wichtige Anstöße, wie gute SV-Arbeit aussehen kann, und arbeiten mit den Teilnehmenden zu den unterschiedlichsten Fragestellungen und Herausforderungen. Das Konzept haben Jugendliche selbst entwickelt - neben der Peer-Education sind Ansätze aus der Demokratiepädagogik die wichtigste theoretische Grundlage.

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Im Projekt Schule·Klima·Wandel verfolgen wir das Ziel, den Lernort Schule nachhaltig zu verändern und Jugendliche zu ermutigen, Gestalter*innen einer klimafreundlichen Schule und Gesellschaft zu werden. Unsere ebenfalls jugendlichen Klima-Botschafter*innen kommen an Schulen und erarbeiten dort gemeinsam mit den Teilnehmenden zum Beispiel Grundlagen und Ursachen des Klimawandels, welche Folgen zu erwarten sind und wie sie selbst in ihrem Umfeld für das Klima aktiv werden können.

In unserer täglichen Arbeit stellen wir immer wieder fest, welche tollen Ideen und großartigen Projekte aus unseren Unterstützungsangeboten heraus entstehen. Das bekräftigt uns darin, dass es sich lohnt, weiter für eine demokratische Schule zu kämpfen.

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Leider stehen wir in unserer Arbeit immer wieder selbst vor Herausforderungen, vor allem strukturellen: die fehlende institutionelle Förderung unserer Arbeit und die Notwendigkeit, mit wechselnden Projektfinanzierungen zu arbeiten, kosten viel Zeit und Energie. Aber wir lassen uns nicht entmutigen!

Denn Jugendliche sind Expert*innen in eigener Sache – und können Zukunft selbst gestalten. Vor allen Dingen wollen sie sie noch gestalten können. Nur oft werden sie noch nicht einmal gefragt.

Es wird Zeit, dass wir Schule gemeinsam mit Jugendlichen neu denken, statt dass sie immer noch ein veraltetes System über sich ergehen lassen müssen. Die Schule der Zukunft findet auf Augenhöhe statt!

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Beitrag im Newsletter Nr. 19 vom 19.9.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Christian Mohr ist Geschäftsführender Vorstand beim Bildungswerk für Schülervertretung und Schülerbeteiligung e.V. (SV-Bildungswerk). Er leitet das SV-Berater*innen-Netzwerk und ist für die Betreuung des Peer-Netzwerks, die inhaltliche Weiterentwicklung und die Ausbildungen verantwortlich. Außerdem moderiert er freiberuflich Seminare zur politischen Bildung für verschiedene Träger und engagiert sich in verschiedenen Gremien für einen demokratischen Wandel in Schule und Gesellschaft.

Kontakt: christian.mohr(at)sv-bildungswerk.de

Weitere Informationen:

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