Vom Wert des Engagements für die Demokratie

Demokratie lernen mit dem »Schüler*innenHaushalt« und verbale Zivilcourage für ein vielfältiges Miteinander bei »junge gegenargumente«.

»Im Endeffekt können nur Menschen aus Fleisch und Blut eine Verfassung verteidigen. Sich selber verteidigen kann ein auf Papier geschriebenes Dokument nicht.« - Yascha Mounk

Seit Mitte Juni herrscht beinahe Ausnahmezustand in Hongkong. Auslöser war ein Gesetz, dass es erlaubt hätte, Straftäter*innen an die Volksrepublik China auszuliefern. Die Bevölkerung wehrte sich und schon nach kurzer Zeit zeichnete sich die Angst vor einem Verlust der bestehenden Freiheitsrechte der Sonderverwaltungszone in Hongkong ab. Der Protest hat etwas wachgerüttelt: Die Menschen haben begriffen, dass ihre bisher bestehenden Rechte und Freiheiten in Gefahr sind und treten zunehmend auch für mehr Demokratie ein.

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In den Vereinigten Staaten von Amerika tritt ein Präsident mit rassistischen, sexistischen und grundsätzlich menschenverachtenden Äußerungen gegenüber Kongressabgeordneten an die Öffentlichkeit.

In Großbritannien kündigt der neue Premierminister nach nur fünf Wochen im Amt an, das Parlament in eine Zwangspause zu schicken und versucht so offensichtlich jede Bemühung der Abgeordneten gegen einen ungeordneten Austritt aus der Europäischen Union zu unterbinden.

Und schließlich tritt bei Wahlen im Osten der Bundesrepublik Deutschland eine Partei an, dessen Spitzenkandidat nachweislich bei einem Zeltlager einer in der Tradition der Hitlerjugend stehenden Organisation teilgenommen hat, und erzielt Ergebnisse weit über 20 Prozent.

All diese Beispiele führen nur allzu deutlich vor Augen, dass dringend Handlungsbedarf besteht, wenn es um den Zustand der Demokratie in Deutschland und der Welt geht.

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Die Schule – Ein Ort des Lernens mit Konfliktpotenzial

Wenn in Deutschland über Bildung gesprochen wird, dann richtet sich der Blick immer zuerst auf die Schulen. Und das zurecht, denn es gibt eine von den Ländern geregelte Schulpflicht, die die Schulen als zentrale Einrichtung des Lernens festsetzen.

Hier tritt der erste offensichtliche Konflikt zu Tage: Da es sich zunächst einmal um einen staatlichen Zwang handelt, der dem Schulbesuch zugrunde liegt, kann schnell argumentiert werden, dass schon aus diesem Grund jedes Bemühen demokratischen Lernens verworfen werden muss. Ein echter Einsatz für eine demokratische Gesellschaft kann niemals aufgezwungen werden.

Doch die Schulpflicht setzt zunächst einmal den gesetzlichen Rahmen des Lernens und garantiert die Umsetzung des Rechts auf Bildung. Es bedeutet nicht, dass deswegen ein demokratisches Lernen nicht stattfinden kann.

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Schule als Institution wird vielfach verschrien und dafür gibt es sicherlich auch genügend Anlässe (Willkür in der Notenvergabe, kaum relevante Lernerfahrungen, unzureichende Vorbereitung aufs Berufsleben, hierarchische Strukturen usw., doch grundsätzlich gibt es die Möglichkeit, dass Schule ihren Lernraum so angenehm und so vielfältig wie möglich gestaltet. Zieht man dann noch aktuelle Erhebungen der Kultusministerkonferenz zur Entwicklung von Ganztagsschulen hinzu, zeichnet sich immer deutlicher das Bild einer Schule ab, die zunehmend auch Lebensraum ist und sein kann.

Diese Ausgangssituation vor Augen, erschließen sich mehrere Anforderungen im Bereich des »Demokratielernens« in der Schule:

  • demokratische Elemente müssen im ganzen Schulalltag mitgedacht werden und zur Anwendung kommen
  • Schüler*innen müssen in ihren Entscheidungen und Wünschen ernst genommen werden
  • Schule muss die Möglichkeit bieten sich durch Initiativen aus der Schulgemeinschaft heraus zu verändern

Nur wenn diese Aspekte wirklich Anklang bei Lehrer*innen, Schüler*innen, Schulleitungen und Elternschaften gefunden haben, kann wirklich nachhaltiges Demokratielernen stattfinden.

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Echte Beteiligung macht den Unterschied - Demokratie lernen mit dem Schüler*innen Haushalt

Die Servicestelle Jugendbeteiligung e.V. (SJB) setzt vor diesem Hintergrund seit mehreren Jahren sehr erfolgreich den Schüler*innenHaushalt in Berlin um. Sie macht Demokratie so sowohl für Schüler*innen als auch für Lehrkräfte im Kosmos Schule erlern- und erlebbar.

Beim Schüler*innenHaushalt stehen die Ideen der Schüler*innen im Mittelpunkt. Schüler*innen bestimmen in einem demokratischen Prozess über ein eigenes Budget und gestalten so gemeinsam ihre Schule. Da das Geld aus Haushaltsmitteln der Bezirke bzw. des Senats kommt, muss anschließend geprüft werden, ob die Vorschläge mit den Titeln kompatibel sind, bevor sie dann zur Abstimmung gestellt werden. Diese Prüfung lässt die Schüler*innen den Umgang mit Vorgaben und Beschränkungen erfahren und zeigt auf, dass auch die Demokratie kein Wunschkonzert ist.

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Bei der anschließenden Wahl dürfen übrigens ausschließlich Schüler*innen abstimmen – andere Mitglieder der Schulfamilie werden bewusst nicht zur Wahlurne gebeten. Die Servicestelle Jugendbeteiligung e.V. unterstützt den Prozess durch demokratiepädagogische und prozessqualifizierende Workshops für Schüler*innen, Lehrer*innen und Sozialarbeiter*innen, berät bei allen Fragen zu Umsetzung und Ablauf und unterstützt die schulinterne Reflektion.

Das Projekt stammt ursprünglich aus Recife in Brasilien, wurde 2014 von der Bertelsmannstiftung nach Deutschland geholt und nach einigen Modellumsetzungen an die SJB übergeben. Seitdem erreichen wir jedes Jahr mehr Schüler*innen in Schulen. Im aktuellen Durchgang 2019 sind es 33 Schulen in vier Berliner Bezirken, für 2020 ist eine deutliche Steigerung und Ausweitung auf weitere Bezirke vorgesehen. Die stetige Ausweitung des Projektes spricht für sich.

Die Schüler*innen, die im sogenannten Koordinationsteam die Prozessorganisation des Schüler*innenHaushaltes verantworten, erhalten die Möglichkeit, sich abseits bekannter Schulstrukturen und -gremien aktiv für eine Verbesserung ihrer Schule und dem dortigen Aufenthalt einzusetzen. Sie erleben so, wie ihr Engagement einen Unterschied macht.

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Auch alle andere Schüler*innen, die nicht im Koordinationsteam sind, können Ideen einreichen, diese diskutieren, abstimmen und profitieren schließlich von den daraus resultierenden Anschaffungen. Die Neuaustattung eines Freizeitraums, Fußballtore für den Schulhof, ein grünes Klassenzimmer oder auch Uhren für die Klassenräume sind nur einige wenige Beispiele dafür.

Aber das Projekt zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Beteiligungsvorhaben nicht von außen diktiert, sondern durch Schüler*innen in jeder Schule individuell gestaltet werden: Jede Schule ist anders strukturiert, weist anderes Personal auf und hat eine einzigartige Raumsituation und Schulkultur. Indem sich die Schüler*innen mit all diesen Gegebenheiten und verschiedenen Bedürfnissen auseinandersetzen lernen sie, was es heißt, einen demokratischen Prozess zu organisieren. Sie erleben, welche Herausforderungen dabei auftreten können und erarbeiten eigenständig Lösungen.

Die größte Lernerfahrung liegt dabei häufig im Umgang mit verschiedenen Meinungen und Interessen, für die es einen Ausgleich zu finden gilt. Es wird ein Anlass geboten, mit verschiedenen Akteur*innen der Schule zu diskutieren und eigene Positionen zu beziehen.

Institutionenlehre im Politikunterricht oder ein Schema zum Gesetzgebungsverfahren: dies sind relevante Themen und tragen einen erheblichen Teil zu einer starken Demokratiebildung bei! Doch durch den Schüler*innenHaushalt werden politische Prozesse nachvollziehbar und auf die eigene Lebenswelt anwendbar. Schüler*innen erleben hautnah, dass sie etwas bewirken und einen Einfluss auf Entscheidungen haben können.

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Die Demokratie kann sich nicht selbst verteidigen- mit »junge gegenargumente« für eine vielfältige Demokratie

Im Kern des Schüler*innenHaushalt, aber auch in anderen demokratischen Prozessen, steht die kommunikative Aushandlung von Sichtweisen, Bedürfnissen und Überzeugungen. Hierfür braucht es eine demokratische Redekultur. Außerhalb des häufig vorhandenen Schutzraums Schule im Kontext des Schüler*innenHaushaltes sieht es allerdings ganz häufig anders aus. Das Projekt junge gegenargumente haben wir ins Leben gerufen, weil wir der Überzeugung sind, dass viele junge Menschen ein Problem damit haben, wie der Ton in öffentlichen wie nicht-öffentlichen Debatten verroht und von anti-demokratischen Narrativen geprägt wird – und gleichzeitig eine gewisse Ratlosigkeit und Ohnmacht herrscht, wie damit umgegangen, bzw. sich dagegen gewehrt werden kann.

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Mit junge gegenargumente möchten wir junge Menschen darin bestärken sich gegen Hass und für ein demokratisches Miteinander zu engagieren. In verschiedenen Trainings werden Jugendliche zu Multiplikator*innen ausgebildet, die später eigenständig Bildungsangebote für junge Menschen gegen Hatespeech anbieten. Sie unterstützen die Teilnehmer*innen darin selbstbestimmt demokratische Gegennarrative zu entwickeln und ein demokratisches Miteinander verbal zu verteidigen. Mit Hilfe des jugendlichen Peer-Netzwerkes kann so ein direkter und niedrigschwelliger Zugang zu jungen Menschen gefunden werden. Die Engagierten hinter junge gegenargumente machen sich so für eine wichtige Stütze der demokratischen Kultur stark: Respekt und Achtung gegenüber Allen, sowie den Mut, verbal Zivilcourage zu zeigen.

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Was die Demokratie braucht

Die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen in Verbindung mit der Annahme der Angebote der Servicestelle Jugendbeteiligung e.V. und zahlloser anderer Initiativen und Vereine zeigen, das Yascha Mounk recht hat, wenn er sagt, eine Verfassung könne sich nicht selbst verteidigen.

Die Bundesrepublik Deutschland mag theoretisch eine starke Ausprägung der Gewaltenteilung mit vielen Kontrollmechanismen haben. Diese systemischen Voraussetzungen bleiben jedoch nur solange bestehen, wie es eine starke Zivilgesellschaft gibt, die diese Errungenschaften stetig verteidigt.

Damit es diese Zivilgesellschaft geben kann, braucht es Erfahrungsräume zum Erleben und Erproben von Demokratie, die (jungen) Menschen ermöglichen eine eigene Haltung und ein demokratisches Wertesystem zu entwickeln und sich für dieses stark zu machen.

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Beitrag im Newsletter Nr. 19 vom 19.9.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Tammo Amadeo Kratzin hat 2018 Abitur in Göttingen gemacht und im Anschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Servicestelle Jugendbeteiligung e.V (SJB). absolviert. Zum Wintersemester 2019/20 tritt er ein Studium der Rechtswissenschaften in Freiburg am Breisgau an, bleibt der SJB aber verbunden und engagiert sich weiterhin in Projekten.

Kontakt: post(at)jugendbeteiligung.info

Website: www.servicestelle-jugendbeteiligung.de

Twitter: @sjb_ev

Facebook: @jugendbeteiligung

Instagram: sjb_jugendbeteiligung

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