Was haben wir gelernt?

Die Zeiten großen Flüchtlingszustroms und auch die Welle der Hilfsbereitschaft sind erstmal vorbei. Das lässt Zeit für eine Zwischenbilanz.

Für Integrationsbeauftrage und andere in der Integrationsarbeit tätigen Fachleute sind die Jahre ab 2015 ein kompletter Neustart. Plötzlich war das Thema ganz oben auf der Agenda der Öffentlichkeit. Seither hat es ein paar Plätze auf der Hitliste eingebüßt, ist aber immer noch unter den Top 10 und wird dort wohl auch noch einige Zeit bleiben.

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2015 kamen die Bilder in den Medien von den fast endlosen Kolonnen der Menschen, die Richtung Zentraleuropa unterwegs waren. Für einige Zeit hat Deutschland die Grenzen aufgemacht und viele Menschen aufgenommen. Was humanitär großartig war, wurde zum Kraftakt für das Gemeinweisen und seine haupt- und ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer. Schnell wurden nicht nur (Not)-Unterkünfte, sondern auch Unterstützungsstrukturen aufgebaut. Erste Schritte, Asylverfahren durchstehen, Deutschlernen, Arbeit, Schule, Ausbildung, Wohnen – das alles musste neu organisiert und geschafft werden. Während sich die »Stimmung im Lande« von der Willkommenskultur in Richtung zur stufenweisen Verschärfung des Asylrechts wandelte, kämpfte sich die überwiegende Mehrheit der Neuankömmlinge mit ihren Unterstützern durch den Aufgabenberg. Viele sind bis heute noch dabei. 

Vor 2015 war die Integration von Zugewanderten eines der Themen, die gerne mit Lippenbekenntnissen über seine Wichtigkeit versorgt wurden. Die schiere Menge der Neuankömmlinge veränderte die Lage. Brisant wurde das Thema nach der Kölner Silvesternacht, dem Freiburger Studentinnenmord und weiteren Übergriffen durch Asylbewerber. Diese Ereignisse und die mediale Berichterstattung darüber haben die Wahrnehmung der Neuankömmlinge in unserem Land stark zum Negativen gewendet.

Doch wie heißt es so schön? Integration findet vor Ort statt. Genauer gesagt, in den Kommunen, in denen die Geflüchteten nach dem Königsteiner Schlüssel (das ist die Festlegung, welches Bundesland welche Aufnahmequoten zu erfüllen hat) gelandet sind. Was dort geschehen ist und geschieht, zeigt eine andere Seit der Realität. Nämlich die, welche Maßnahmen der Flüchtlingshilfe die Integration wirklich fördern und welche nicht.

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Während vor einigen Jahren Geflüchtete in ihren Gemeinschaftsunterkünften jahrelang warten mussten, bis sie arbeiten durften, geht das heute recht schnell. Die Neuankömmlinge nach 2015 hatten rasch Zugang zu Deutschkursen. Diese waren zum Teil durch Ehrenamtliche organisiert, zum Teil mit staatlichen Mitteln und ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern für Deutsch als Fremdsprache ausgestattet. Die Qualität war nicht immer gut, der Zugang manchmal holprig. Aber der frühe Start mit der Sprache erleichterte vielen die rasche Arbeitsaufnahme. Viele Ehrenamtliche brachten am Anfang einfach gebrauchte Kleidung und sonst wie das nötigste. Später wurden es zwar weniger Helferinnen und Helfer, aber die Verbliebenden halfen beim Anträge stellen, beim Deutsch lernen, Arbeit finden, in Gesundheitsfragen und bei der Suche nach einer Wohnung. 

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Die rasche und intensive Unterstützung hat natürlich noch lange nicht die vollständige Integration aller Neuzugewanderten erreicht. Immer noch nicht sind alle Asylverfahren wirklich abgeschlossen. Doch zeigt sich, dass viele derjenigen, die schon arbeiten oder eine Ausbildung machen, von ihren Betrieben sehr geschätzt werden. Die rasche und intensive Unterstützung trägt bereits erste Früchte. Manche Geflüchtete sprechen schon deutlich besser Deutsch als Türkeistämmige, die vor Jahrzehnten als Gastarbeiter gekommen waren. Kann es also sein, dass ein rascher Fuß in der Tür der Gesellschaft hilft, das Entstehen sogenannter Parallelgesellschaften zu vermeiden? 

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Wer von haupt- oder ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern unterstützt wird, kann schnell Menschen aus der Bestandsbevölkerung zu seinem Bekanntenkreis zählen. Man lädt sich gegenseitig ein, hat auch die ersten privaten Kontakte. Bei Türkeistämmigen, Geflüchteten vor 2015 und den Spätaussiedlern haben solche Kontakte länger gedauert. Es kann gut sein, dass dadurch das »Unter-sich-Bleiben« gefördert wurde.

Kontakte der Geflüchteten mit der Bestandsbevölkerung konfrontieren auch mit unseren Sitten, Gebräuchen und unseren Wertvorstellungen. So lernt man zum Beispiel relativ schnell, dass in Deutschland Pünktlichkeit ein wichtiger Wert ist. Zeitangaben sind in vielen Kulturen dehnbare Begriffe, das ist bei uns einfach anders. Wie vieles andere auch.

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Unsere Kultur bietet aber auch vieles. Es gibt eine gewisse Verlässlichkeit. Züge und Busse kommen in der Regel zu angekündigten Zeit oder es gibt meist eine Information über die Verspätung.

In Deutschland herrscht Frieden. Anschläge sind sehr selten, man kann sich- bei aller Vorsicht - auch nach Einbruch der Dunkelheit noch auf die Straße trauen.

Wenn man zu einer Behörde geht, bekommt man nach komplizierten, aber nachvollziehbaren Regeln Auskünfte und Bescheide. Bei uns ist es weder üblich, einen Geldschein ins ausgefüllte Formular zu legen noch muss man damit rechnen, einfach ohne Grund weggeschickt zu werden.

Einen Polizisten oder eine Polizistin kann man in aller Regel nach dem Weg fragen. Der Versuch kann in vielen Ländern gefährlich werden. Und so weiter. Und so weiter.

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Ausschlaggebend ist der Kontakt zur deutschen Wohnbevölkerung, zu den Behörden, zu den Arbeitgebern, zu Lehrenden in der Schule – kurz zu der umgebenden Gesellschaft. Geflüchtete, die allein ohne Familie gekommen sind, müssen sich manchmal schneller mit der Gesellschaft konfrontieren als Familien. Dort stützen sich die Mitglieder gegenseitig und geben einander Halt. In diesen Fällen muss bei der Integration ein Ansatz für das gesamte System Familie gewählt werden. 

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Der »richtige« Ansatz zur Integration ist der persönliche Kontakt zur Bestandsbevölkerung. Die Bestandsbevölkerung darf aber auch aus einem Gastarbeiterland stammen, vor 2015 als Geflüchtete gekommen sind oder einen Spätaussiedlerhintergrund haben. Auch dieser Personenkreis hat sich als hilfreich und ehrenamtlich in der Flüchtlingsarbeit tätig gezeigt.

Noch einmal zurück zur These »Integration findet vor Ort statt.«: So individuell die Neuankömmlinge sind, so unterschiedlich sind auch Deutschlands Städte und Gemeinden. Eine Kommune braucht langfristig Mittel und ein sich weiterentwickelndes Fachwissen, um Integrationsprozesse zu fördern. Und sie braucht Freiheitsgrade, Methoden und Unterstützungssysteme vor Ort, die sich anpassen können.

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Das alles könnte die Integrationsarbeit stärken und ihr neuen Schub geben. Wir müssen aus dem Blaulichtmodus der ersten Zeit der Flüchtlingsarbeit herausfinden. Es gibt ein gewisses Agreement unter den Flüchtlingshelfern. Wie kann man das für die Weiterentwicklung der Gesellschaft nutzbar machen? Das sind nur einige Beispiele, das Thema ist angerissen, nicht zu Ende gedacht. Doch das Weiterdenken könnte sich lohnen. Vielleicht gelingt es, Integration in Zukunft zu dem zu machen, was es sein könnte: Nämlich ein Prozess zur Weiterentwicklung unserer Gesellschaft.

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Beitrag im Newsletter Nr. 18 vom 5.9.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Inge Baumgärtner ist Integrationsbeauftragte von Sinsheim, einer Stadt mit 35.000 Einwohnern in Baden-Württemberg. Mit Engagierten jeden Alters arbeitet sie seit über 20 Jahren in verschiedenen Arbeitsgebieten. Den Magister mit Hauptfach Soziologie hat sie in Heidelberg erworben.

Kontakt: Inge.Baumgaertner(at)percussion-world.net

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