Fankultur und Engagement: der Fan-Verband Eiserner V.I.R.U.S.

Der Fan-Verband Eiserner V.I.R.U.S. (Verein Infizierter Rotweißer Union-Supporter) hat sich im Jahr 2001 gegründet. Wir haben uns damals zusammengefunden, weil wir der Meinung waren: Wir wollen mehr, als nur im Stadion zur Mannschaft zu stehen. Wir fühlen uns als Gemeinschaft, so wollen wir uns auch organisieren, um das auszuleben. Das nennen wir Fankultur.

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Was gehört zur Fankultur?

Lieder und Sprechchöre zu intonieren, gehört natürlich auch zur Fankultur. Nach unserem Verständnis fußt diese aber auf weiteren und weitreichenderen Aktivitäten. Zu einer Fan-Kultur trägt bei, wenn es Gemeinschaftserlebnisse gibt – im Stadion, aber auch außerhalb. Man kann unser Wirken und Bestreben somit durchaus als integrative Sozialarbeit sehen. Zu Zeiten unserer Gründung 2001 sahen wir Union-Fans mit ein paar Freunden ins Stadion gehen, mit ihrer Familie oder auch allein. Ein Teil war in kleineren Fanclubs organisiert, typischerweise bis zu 50 Leute. Und das war’s. Über ein Internet-Forum fanden sich damals einige zusammen mit der Idee: Wir wollen etwas aufsetzen, das darüber hinaus geht und die Fans zusammenführt – allein schon, damit man im Stadion mal gemeinsame Aktionen starten kann. Etwa eine Choreographie, die über mehrere Ränge geht. Darüber hinaus wollten und wollen wir gemeinschaftliche Erlebnisse initiieren, auch jenseits des Stadions.

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Die Aktivitäten

Der Eiserne V.I.R.U.S. organisiert seit Jahren allerlei Veranstaltungen für Fans, wie zum Beispiel jedes Jahr ein Drachenboot-Rennen auf der Regattastrecke in Berlin-Grünau. Das zieht inzwischen mehr als tausend Leute an, und auch der 1. FC Union startet mit einem Team -- ebenso wie die Fanmannschaften. Darüber hinaus veranstalten wir Bowling-Turniere für Union-Fans, Grillabende oder auch mal ein Fan-Camp bei einem großen Turnier wie einer Weltmeisterschaft, dann fahren wir irgendwohin und schauen dort gemeinsam die Spiele. Unsere »Stammtische« dienen dem Austausch über verschiedenste Themen: Union Berlin betreffend oder über Fußball allgemein oder auch darüber hinaus. Eine dieser Veranstaltungen monatlich gibt es mindestens.

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Sonderzüge zu organisieren, ist keine einfache Angelegenheit

Zur Arbeit des Eisernen V.I.R.U.S. zählt natürlich auch die Organisation von Auswärtsfahrten. Damals, 2001, gab es den großen Wunsch unter den Union-Fans, auch einmal per Sonderzug zum Auswärtsspiel zu fahren. Wir haben diese Idee aufgegriffen. Einen Sonderzug zu organisieren, ist für uns als Privatleute allerdings gar nicht so einfach – und auch mit einem finanziellen Risiko verbunden. Die Eisenbahn- Gesellschaften, die Sonderzüge anbieten, rufen doch ziemlich hohe Preise auf. Gegen ein Wochenend-Ticket der Bahn oder gecharterte Fanbusse kann man da nicht ankommen. Aber es ist uns gelungen, bei weit entfernten Auswärtszielen ein bis zwei Sonderzüge pro Jahr zu organisieren – was von der Fanszene durchaus honoriert wird. Bis der Sonderzug tatsächlich auf dem Gleis steht, ist einiges an Arbeit nötig. Der Ablauf ist: Wir fragen bei der Bahn an und bestellen einen Sonderzug. Den Preis dafür muss der Eiserne V.I.R.U.S. dann zunächst aufbringen und über den Verkauf der Fahrkarten wieder einspielen. Wir müssen einen Ordnungsdienst stellen, dazu kooperieren wir mit dem 1. FC Union. Hinzu kommen Musik und Bewirtung. Wenn nicht einen Sonderzug, so organisiert der Eiserne V.I.R.U.S. zu jedem Auswärtsspiel auf jeden Fall einen oder mehrere Busse, mit denen der Fan preisgünstig zum Spiel kommt.

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Auch beim Verkauf von Fan-Artikeln aktiv

Darüber hinaus verdingen wir uns auch im Verkauf von Fan-Artikeln. Als wir uns 2001 gegründet haben, war das Angebot des 1. FC Union äußerst schmal und ideenlos. Damals sagten wir uns beim Eisernen V.I.R.U.S.: Wir legen selbst etwas auf. Das konnten wir bis heute aufrechterhalten, weil wir – anders als der Verein – nicht so gebunden sind. Soll heißen: Wir können frechere Sprüche auf die T-Shirts machen. Auf einem unserer ersten T-Shirts stand: »Leckt uns doch am Arsch, wenn ihr keine Unioner seid.« So ein T-Shirt kann der Klub natürlich nicht als offiziellen Fan-Artikel anbieten. Sprüche wie jener sind zwar frech, aber sie sind identitätsstiftend und fördern insofern eine Gemeinschaft. Diese Fan-Artikel gehen nach wie vor gut, und der 1. FC Union erkennt das auch an. Wir dürfen sie nach wie vor bei Heimspielen mit einem Extra-Stand im Stadion An der Alten Försterei verkaufen, wenn auch freilich ohne die geschützten Markenzeichen von Union zu verwenden. Dass der Verein es toleriert, dass wir ihm etwas Kaufkraft wegnehmen, ist für uns eine hohe Anerkennung unserer Arbeit. Der Eiserne V.I.R.U.S. engagiert sich darüber hinaus bei Choreos und bezieht dabei die »normalen« Fans mit ein, die sich nicht zu einer Ultra-Gruppe gehörig fühlen.

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Soziales Wirken als wichtiger Bestandteil der Arbeit

Neben unseren Aktivitäten beim Organisieren von Fanreisen, Fanveranstaltungen und Verkauf von Fan-Artikeln haben wir als Eiserner V.I.R.U.S. das unbedingte Anliegen, sozial wirken zu wollen. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir finanzschwachen Unionern unter die Arme greifen: etwa bei Fahrten zu Auswärtsspielen oder beim Erwerb einer Dauerkarte für die Heimspiele. Wir unterstützen Projekte wie die »Alte Försterei 2«, eine vom Union-Fan Dario Urbanski auf dem Gelände einer Straußenfarm in Oudtshoorn in Südafrika gebaute und betriebene Sportanlage, wo - durch den Fußball vermittelt - wichtige Sozialarbeit betrieben wird. Zudem engagiert sich der Eiserne V.I.R.U.S. auch innerhalb der Stiftung des 1. FC Union Berlin. Die haben wir mittlerweile insgesamt mit einem hohen vierstelligen Betrag unterstützt, den wir erwirtschaftet haben. Darauf sind wir durchaus stolz. Natürlich haben wir als Fußball-Fans auch ein Fußballteam. Innerhalb der Anhängerschaft des 1. FC Union gibt es eine Fan-Liga, und wir bieten die Möglichkeit, beim Eisernen V.I.R.U.S. Fußball zu spielen.

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All unsere Aktivitäten dienen dazu, die Gemeinschaft und den Zusammenhalt unter den Union-Fans zu stärken. Dabei wollen wir ein Werte-Gefüge verfestigen. Das ist durchaus fußballbezogen – etwa eiserne Union-Regeln wie:

a) Ein Unioner verlässt das Stadion nicht, bevor das Spiel zu Ende ist.

b.) Ein Unioner pfeift die eigene Mannschaft nicht aus.

c.) Wir gehen erst dann, wenn wir die Mannschaft verabschiedet haben. Zudem: Rivalitäten unter Union-Fans werden friedlich ausgetragen. Und nicht zuletzt: Keine ethnische oder sexuelle Diskriminierung.

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Ein wichtiger Faktor: Die Rechte der Fans

Zu den Eisernen Regeln gehört natürlich auch: Wie benimmt man sich auswärts. Wie benimmt man sich auf den Fahrten zu den Auswärtsspielen. Nämlich friedlich. Das leben wir vor und versuchen es, in die Fanszene hineinzutragen. Das geht hin und wieder auch mal daneben, wir können nicht für alle die Hand ins Feuer legen. Doch wenn es mal zu Ausfällen kommt, ist uns wichtig, das zu thematisieren und somit Wiederholungen vorzubeugen. Die Aufarbeitung von Vorfällen bedingt freilich im Extremfall auch, dass wir Leute von Auswärtsfahrten ausschließen, wenn sie unbelehrbar sind.

Wir beim Eisernen V.I.R.U.S. achten jedoch nicht nur auf das Verhalten der Fans, wir wirken auch darauf hin, dass den Fans ihre Rechte zugestanden werden. Das betrifft vor allem unsere Auswärtsfahrten. Da gibt es leider regelmäßig Probleme. So gibt es zwei Vereine in der 2. Liga, zu denen ich mit meiner Freundin zuletzt zum Auswärtsspiel kam und sie aufgefordert wurde, ihre kleine Handtasche zu leeren und ihre Wertsachen und andere Dinge mit bloßen Händen in den Block zu tragen. Während ihr verwehrt wurde, die Tasche mitzunehmen, war das bei den Heim-Fans erlaubt. Gegen solch diskriminierendes Verhalten wenden wir uns.

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Zu diesem Zweck haben wir übrigens extra einen Pokal ausgerufen, mit dem wir jährlich einen Verein auszeichnen, der die Auswärts-Fans freundlich und fair behandelt. Zudem umfasst unsere Arbeit – speziell bei Auswärtsspielen – leider den Umgang mit unangemessenen Polizeieinsätzen. Wenn ich mich auf ein Auswärtsspiel vorbereite, gehe ich nicht davon aus, dass ich mich mit gewaltbereiten Fans auseinandersetzen muss. Ich mache mir aber regelmäßig viele Gedanken darüber, wie ich gewaltsamen Polizeieinsätzen wie Einkesselungen und ähnlichen Schikanen aus dem Weg gehen kann. Ganz normale Zuschauer empfinden Polizei auswärts nicht als Freund und Helfer, sondern als Gefahrenfaktor. Deshalb haben sich viele Fans in der Initiative ProFans zusammengeschlossen, auch, um auf diese Umstände aufmerksam zu machen. Insbesondere die Ultra-Szene ist eine Jugendkultur, und Jugendkulturen überschreiten auch mal Grenzen. Aber es muss gegenseitiges Verständnis und Toleranz geben – von beiden Seiten. Dazu leisten überzogene Polizeieinsätze keinen Beitrag. Sozialpädagogische Arbeit dagegen schon, und dafür verwenden wir uns im Eisernen V.I.R.U.S. und betrachten uns als ein Teil dieser Arbeit.

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Finanzierung

Noch ein Wort zur Form des Eisernen V.I.R.U.S.: Wir haben uns 2001 ganz bewusst außerhalb der Strukturen des 1.FC Union Berlin gegründet, weil damals die Faninteressen bei Union noch nicht so verankert waren. Inzwischen sind sie das, so gibt es bei Union mittlerweile die FuMA, die Fan- und Mitglieder-Abteilung, die sich als vereinseigenes Gremium gebildet hat, ähnlich wirkt wie wir und sich mit uns durchaus ergänzt. Die Kosten der Aktionen werden durch Mitglieds-Beiträge finanziert Ein Fan-Verband wie der Eiserne V.I.R.U.S. will natürlich finanziert sein. Klar ist dabei: Unsere Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, ihre finanziellen Aufwendungen (Fahrtkosten etc.) werden nicht vergolten.

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Die Kosten unserer Aktionen finanzieren wir durch die Mitglieds-Beiträge. Wer Mitglied im Eisernen V.I.R.U.S. ist, bezahlt rund zehn Euro im Quartal, Arbeitslose, Schüler oder Schwerbehinderte sechs Euro im Jahr. Als Mitglied des Eisernen V.I.R.U.S. bekommt man einen Rabatt auf die Auswärtsfahrten, der sich auf drei bis fünf Euro beläuft, wenn die Fans mit unseren Bussen oder den Sonderzügen fahren. Unsere Fan-Artikel verkaufen wir zudem mit einem kleinen Gewinn und haben dadurch Erlöse, mit denen wir Kosten decken. Auch aus den Auswärtsfahrten und unseren Veranstaltungen erlösen wir Geld, das zur Deckung der Ausgaben beiträgt, wobei wir unsere Auswärtsfahrten nicht gewinnorientiert kalkulieren, sondern kostendeckend. 

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So hatten wir auch schon Fahrten, nach deren Ende wir Verluste kompensieren mussten, zum Beispiel, wenn in den Wagen Schäden entstehen, die wir dann begleichen müssen. Es gelingt uns jedoch regelmäßig, durch den Verkauf von Getränken – zu volkstümlichen Preisen wohlgemerkt – einen kleinen Gewinn zu erzielen. Den Fan kostet es in der Regel für Hin- und Rückfahrt zwischen 60 und 75 Euro, wenn er mit dem Fanzug zu einem Auswärtsspiel fahren möchte. Der Preis für die Bereitstellung eines Zuges hängt derweil von der Entfernung ab und ob wir einen Zug für 650 oder für 800 Fans benötigen. Wenn wir alle Fahrkarten verkaufen, erwirtschaften wir regelmäßig einen kleinen Gewinn. Wenn der Zug indes nicht voll wird, kommt auch schon mal ein Verlust zustande.

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Bei seinen Aktivitäten hängt der Eiserne V.I.R.U.S. natürlich vom Arbeitseinsatz seiner Mitglieder ab. Dabei haben wir Mitglieder, die nur Fußball spielen wollen, andere finden unsere Ziele gut und wollen mit ihrem Beitrag etwas dafür leisten, haben aber sonst keine großen Ambitionen. Und es gibt die Aktiven, die das Vereinsleben gestalten wollen. Es ist in der Regel ein relativ kleiner Teil unserer gesamten Mitglieder, auf deren Schultern sich die Arbeit verteilt. Wenn du eine Aktion planst, die alle vom Hocker reißt, hast du viele, die dabei mitmachen wollen. Aber für die Alltagsarbeit, die jede Woche, jeden Monat anfällt, bleiben auch bei uns deutlich weniger Leute übrig, die so viel Motivation entwickeln. Wenn wir etwa Fan-Artikel verkaufen, muss es eben vier, fünf Leute geben, die bei den Spielen am Stand sind und vor der Partie, in der Halbzeitpause oder auch hinterher Artikel verkaufen. Da braucht es erheblichen Enthusiasmus für die Sache.

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Anerkennung und Motivation

Grundsätzlich muss man aber sagen: Bei unserer »Zielgruppe«, den Fans, finden die Aktivitäten durchaus großen Anklang. Wir haben das gute Gefühl, dass wir einen positiven Einfluss auf die Fankultur nehmen – das motiviert uns immer wieder, zumal wir beim 1. FC Union Berlin durchaus anerkannt sind. Fanclub-Kollegen anderer Vereine müssen da leider häufig deutlich um die Anerkennung ihrer Arbeit kämpfen. Auch bei den Verbänden wie dem DFB werden die Bemühungen von Fanprojekten und Fanclubs bedauerlicherweise eher wenig wertgeschätzt.

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Gesamtgesellschaftlich gesehen, verbindet man mit »Ehrenamt im Fußball« zumeist Verbandsfunktionäre – die nach den beschämenden Affären der letzten Jahre nicht immer gut angesehen sind – und, völlig zu Recht natürlich, ehrenamtliche Trainer, Betreuer sowie Schiedsrichter. Diese leben ihre Fußball-Leidenschaft in einer Weise aus, in der sie anderen Menschen nützen und etwas für die Gesellschaft tun. Ehrenamtliche Arbeit in Fanorganisationen, die auch viel Zeit und Enthusiasmus erfordert, wird dagegen weniger wahrgenommen. Das ist schade, aber für uns gewissermaßen auch sekundär. Uns ist die Anerkennung der Leute wichtig, für die wir etwas tun. So haben wir das Gefühl, etwas Gutes und Wertvolles zu bewirken.

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Beitrag im Newsletter Nr. 9 vom 2.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Sig Zelt ist Beiratsmitglied und Arbeitsgruppenleiter im Eisernen V.I.R.U.S., einem Fan-Verband des Zweitligisten 1. FC Union Berlin. Darüber hinaus fungiert Zelt als Sprecher der bundesweiten Fan-Initiative ProFans.

Kontakt: unionberlin(at)profans.de

Weitere Informationen:

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