Hinsehen und Handeln

Sind Sie Mitglied in einem Sportverein? Dann sind Sie Teil einer beeindruckend großen Gruppe von insgesamt mehr als 27 Millionen und wissen aus eigenem Erleben, wie gut es Ihnen tut, sich gemeinsam mit anderen sportlich zu bewegen. Unterstützen Sie ihren Sportverein, wenn es darum geht, Veranstaltungen zu organisieren oder Kinder am Wochenende zum Auswärtsspiel zu bringen? Dann gehören Sie zu den mehr als sechs Millionen freiwilligen Helferinnen und Helfern, ohne die viele Aktivitäten gar nicht möglich wären. Sind Sie in Ihrer Freizeit als Trainer*in, Übungsleiter*in oder Kampfrichter*in im Einsatz? Damit ermöglichen Sie so wie insgesamt nahezu eine Million Menschen in unserem Land mit Ihrem Wissen und Ihrem pädagogischen Geschick qualitativ hochwertiges Sporttreiben. Haben Sie in Ihrem Verein ein Ehrenamt inne? Dann zählen sie zu den etwa 750.000, die in den Vorständen Verantwortung für die Geschicke des gemeinnützigen Sports übernommen haben [1]. Sie wissen, was es heißt, die täglichen Herausforderungen zu meistern – sei es das Gewinnen von Ehrenamtlichen, das Stellen von Fördermittelanträgen oder das Vergeben von Hallenzeiten, so dass alle zufrieden sind. Wenn Sie zu den im Sportverein Engagierten gehören, gestalten Sie selbst die vielfältigen Angebote für Menschen wirklich jeden Alters, unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religion mit. Dabei geht es überwiegend um Breitensport, es geht um Gesundheit und Miteinander. Sie tragen dazu bei, die Möglichkeiten des Sports für soziale Integration und Inklusion nutzbar zu machen und machen sich Gedanken um die künftige Entwicklung ihres Vereins. Ja, Sie wissen aus »erster Hand«, was Sportvereine leisten. 

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Sollten Sie meine Eingangsfrage mit »Nein« beantwortet haben und Sportvereine nicht aus unmittelbarem Erleben kennen, haben Sie womöglich ein deutlich anderes Bild. Falls dieses Bild ausschließlich aus der medialen Berichterstattung gespeist wird, halten Sie es vielleicht sogar nicht unbedingt für erstrebenswert, Mitglied im Sportverein zu werden. Der Fokus der Medien ist auf den Leistungssport eingeengt, zudem neigen sie dazu, Aufmerksamkeit eher über Skandalisierung zu erzeugen. Allein in den vergangenen Wochen haben diverse Beiträge wieder düstere Schatten auf den organisierten Sport geworfen und das Vertrauen in ihn erschüttert: seien es die Enthüllungen im Blutdoping-Skandal rund um einen Erfurter Sportarzt oder der Fall eines Verbandspräsidenten, dessen verschleierte Nebeneinkünfte und angenommene Geschenke auch das wirklich gemeinnützige Tun zahlloser Ehrenamtlicher in Zweifel brachte, seien es offensichtliche Bündnisse von Neonazis und sogenannten Fußballfans oder seien es bestürzende Berichte über Fälle von sexualisierter Gewalt. Wer möchte freiwillig Mitglied eines solchen Sportsystems sein, wer würde die eigenen Kinder in solchen Sportvereinen anmelden? 

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Ja, das sind unangenehme Themen, und so manch ein Sportfunktionär möchte sie wohl noch immer lieber negieren oder bagatellisieren. Daher ist es wichtig und verdienstvoll, wenn Medien derartige Vorfälle thematisieren. Noch viel wichtiger ist es jedoch, dass der Sport selbst solch inakzeptable Verhaltensweisen aus der Tabuzone holt, sie klar benennt und sich damit auseinandersetzt. Nur so kann die Glaubwürdigkeit gestärkt und Vertrauen geschaffen werden, dementsprechend agiert auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB). Lassen Sie mich dies am Beispiel der Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt etwas genauer verdeutlichen. 

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Gerade dieses Thema hat in der gesellschaftlichen Wahrnehmung in den letzten Jahren eine völlig neue Dimension erhalten, angeregt zum einen aus den nicht länger zu vertuschenden gravierenden Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche, zum anderen aus der weltweit intensiv geführten #MeToo-Debatte. Auch der Sport ist mit Fragen bezüglich seines Gefährdungspotenzials für sexualisierte Gewalt konfrontiert. Wir hören von verstörenden Fällen, aber was wissen wir jenseits von Behauptungen und Vermutungen gesichert über das Ausmaß sexueller Übergriffe im Sport? Empirische Ergebnisse dazu finden sich in der 2016 veröffentlichten Studie »Safe Sport«, erarbeitet von Wissenschaftler*innen der Deutschen Sporthochschule Köln und des Universitätsklinikums Ulm. In den Hauptbefunden der Studie heißt es, dass etwa ein Drittel der 1.799 befragten Kaderathlet*innen bereits einmal sexualisierte Gewalt erfahren hat. Zugrunde gelegt wurde dafür ein weites Begriffsverständnis, das Formen wie verbale und gestische sexualisierte Übergriffe, sexualisierte Handlungen ohne Körperkontakt und sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt erfasst. Diese Zahl besagt zugleich, dass das Ausmaß an sexualisierter Gewalt im Spitzensport ebenso groß ist wie in der Allgemeinbevölkerung. Dies ist freilich keine Aussage, die zu Zufriedenheit veranlasst, es ist eine alarmierende Zahl, jeder einzelne Fall ist einer zu viel und fordert den Sport, den Kampf gegen sexualisierte Gewalt zu intensivieren.

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Wie der Stand der Prävention und Intervention in den Mitgliedsorganisationen und Sportvereinen gegenwärtig ist, hat die Studie ebenfalls untersucht. Es wurde deutlich, wie bedeutsam der Beitrag von DOSB und dsj bei der Prävention sexualisierter Gewalt ist. Alle Landessportbünde, gut 90 Prozent der Spitzenverbände und 85 Prozent der Verbände mit besonderen Aufgaben bestätigten, dass sie Unterstützung durch den obersten Dachverband erhalten. Insbesondere die dsj wird im Kampf gegen sexualisierte Gewalt seit Jahren als engagierte Impulsgeberin wahrgenommen. Gerade der Schutz von Kindern und Jugendlichen ist ein besonders hohes Gut. Dennoch, und auch das zeigt die Studie: Auch im Erwachsenenbereich gibt es Opfer, mehr als ein Drittel der Befragten war erstmals im Alter über 18 Jahren von sexualisierter Gewalt betroffen. Und die Täter sind ganz überwiegend Erwachsene. 

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Die Auseinandersetzung ist deshalb zugleich ein Thema des gesamten DOSB. Aktivitäten gab es bereits vor der Münchner »Erklärung des deutschen Sports zur Prävention und zum Schutz vor sexualisierter Gewalt« 2010, die das Prinzip »Vorbeugen und Aufklären, Hinsehen und Handeln!« bekräftigte. Bereits 2008 wurde die bundesweite Aktion »Starke Netze gegen Gewalt: Keine Gewalt gegen Mädchen und Frauen!« initiiert. Mit dem Einrichten einer Ombudsstelle sowie einer Ethikkommission hat der DOSB seine Good-Governance-Aktivitäten auch in diesem Bereich ausgebaut. Auf der Mitgliederversammlung 2018 wurde ein Beschluss gefasst, mit dem Anliegen, den Schutz vor jeglicher Form von Gewalt und Diskriminierung, insbesondere sexualisierter Gewalt, dauerhaft in den Sportorganisationen zu verankern. Das einstimmige Votum der Delegierten für den Antrag sendet ein klares Signal im Kampf des organisierten Sports gegen sexualisierte Gewalt und ist ein Bekenntnis zur gesamtverbandlichen Verantwortung. 

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Ziel ist es, dass der Kampf gegen sexualisierte Gewalt in jedem Verband und jedem Verein als ein bedeutsames Thema verstanden wird. Und das nicht im Sinne »noch einer zusätzlichen Aufgabe«. Sondern als grundlegendes Handlungsprinzip, als ganz selbstverständliche Haltung. Denn es sind die Sportvereine, in denen Menschen zum gemeinsamen Sporttreiben zusammenfinden, in denen sie Nähe – soziale, emotionale und auch körperliche Nähe erfahren. Gemeinsame Trainingslager und Wettkampffahrten, Trainer und Trainerinnen als vertraute Personen, miteinander jubeln, sich gegenseitig trösten - sind Ausdruck dieser besonderen Nähe. Daraus darf keine gefährliche Nähe werden. Sportvereine können und sollen mit all dem, was sie für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bieten, Selbstvertrauen geben und ebenso Vertrauen zu anderen ermöglichen. Mit sportlicher Aktivität können Ängste abgebaut und die Gewissheit der eigenen Fähigkeiten gestärkt werden. Fundamental dafür ist ein Klima des gegenseitigen Respekts und der Wertschätzung sowie eine Kultur des Hinsehens. In einem solchen Klima kann im Miteinander des Vereins auch die Aufmerksamkeit und Sensibilität gedeihen, um etwa Betroffenen von Gewalt im familiären Bezug (dem häufigsten Tatort) zu helfen, durch ein soziales Umfeld mit Personen, denen sie sich anvertrauen können und die für Hilfe sorgen. Vereine können auch in diesem Sinne eine Schutzfunktion ausüben. Dafür braucht es entsprechendes Wissen und Handlungskompetenz innerhalb des gesamten Sportsystems. 

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Und es braucht die Zusammenarbeit mit weiteren zivilgesellschaftlichen Organisationen ebenso wie mit politischen Entscheidern von der lokalen bis auf die Bundesebene. So hatten im Deutschen Bundestag der Sportausschuss in seiner Sitzung am 20. März 2019 und der Unterausschuss »Bürgerschaftliches Engagement« am 10. April 2019 jeweils die Problematik »Sexualisierte Gewalt im Sport« auf die Tagesordnung gesetzt und dazu Vertreter von DOSB und dsj eingeladen. Die Diskussion in den Ausschüssen zeigte, dass Sport und Politik den Kampf gegen sexualisierte Gewalt als gemeinsames Anliegen verstehen müssen.

Damit letztlich jeder der mehr als 90.000 Sportvereine unter dem Dach des DOSB ein sicherer Ort ist, der Schutz bietet und stark macht gegen jegliche Form von Gewalt und Diskriminierung, ist jedes einzelne Vereinsmitglied zu beteiligen. Es liegt eine enorme Kraft darin, wenn alle und voran die gut 8 Millionen freiwillig Engagierten genau hinschauen, sensibel wahrnehmen, klar ansprechen und couragiert handeln. So lässt es sich guten Gewissens sagen: Ja, ich bin Mitglied im Sportverein.

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Endnoten

  1. Daten aus Sportentwicklungsberichten und Bestandserhebungen des DOSB

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Beitrag im Newsletter Nr. 9 vom 2.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Dr. Petra Tzschoppe ist Fachgebietsleiterin für Sportsoziologie an der Universität Leipzig und seit 2014 Vizepräsidentin für Frauen und Gleichstellung des DOSB.

Kontakt: tzschoppe(at)dosb.de

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