»Sport und Flüchtlinge« – ein Programm das wirkt

Einleitung

»Sport und Flüchtlinge« ist ein Programm der Sportjugend Hessen und wird gefördert durch das Hessische Ministerium des Innern und für Sport. Es unterstützt Städte und Gemeinden, um Sport- und Bewegungsangebote mit Flüchtlingen zu initiieren. Die vielfältigen Sport- und Bewegungsangebote in Hessen bieten sehr gute Möglichkeiten, Flüchtlingen schnell und unkompliziert das Ankommen in den Städten und Gemeinden zu erleichtern. Städte und Gemeinden können ihre Förderanträge beim Hessischen Ministerium des Innern und für Sport einreichen. Sportvereine wiederum können bei ihrer Stadt oder Gemeinde eine Förderung beantragen, wenn sich diese am Programm beteiligt. 

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Vernetzung als zentrales Element

Das Programm hat seit 2016 vielfältige Erfahrungen darin gesammelt, wie es gelingt Geflüchtete über und in den Sport zu integrieren. Die Sportjugend Hessen versteht Integration dabei als gleichberechtigte Teilhabe im und am Sport unter Wahrung kultureller Vielfalt. Dabei hat sich gezeigt, dass die Vernetzung vor Ort für den Erfolg der Arbeit sehr wichtig ist. Mittlerweile ist hessenweit ein Netzwerk im Sport entstanden mit Integrationskoordinator*innen auf Sport Kreisebene als regionale Unterstützer und ca. 300 Sport-Coaches in den teilnehmenden Städten und Gemeinden.

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Was macht ein Sport-Coach?

Im Programm »Sport & Flüchtlinge« nehmen die (ehrenamtlichen) Sport-Coaches eine zentrale Rolle ein. Sie sind sportaffine Personen, die entweder in Sportvereinen tätig sind oder sich im Rahmen der Freiwilligenarbeit für Flüchtlinge engagieren und in der Regel viele örtliche Akteure kennen. So können sie unkompliziert Kontakte zwischen den Flüchtlingen, der Asylbetreuung und den Sportvereinen vor Ort herstellen und die Geflüchteten - vor allem in der ersten Zeit - zu den Sportangeboten begleiten. Der Einsatz von Sport-Coaches in der jeweiligen Stadt oder Gemeinde ist Voraussetzung für die Förderung durch das Programm. Jede Kommune erhält vom Land Hessen mind. 6.000 Euro, die für Aufwandsentschädigungen und Projektförderungen verwendet werden können.

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Wie wurde »Sport & Flüchtlinge« so erfolgreich?

Den größten Erfolg machen die engagierten Sport-Coaches aus. Doch entscheidend ist auch das Netzwerk, in das diese Kümmerer eingebunden sind. Sie haben regionale Ansprechpartner beim Sportkreis und eine Hotline bei der Sportjugend Hessen. Dort können sie bei Fragen oder Unsicherheiten immer eine qualifizierte Unterstützung und Beratung erwarten. Wichtig ist uns auch, dass die größtenteils ehrenamtlichen Sport-Coaches einmal im Jahr eine Qualifizierung besuchen. Diese dient sowohl der inhaltlichen Stärkung für die Tätigkeit als auch dem Aufbau von Netzwerkstrukturen. Zusätzlich gibt es regelmäßige regionale Treffen und optionale Zusatzschulungen. So kamen in vier Jahren über 1.200 Bildungstage [1] zusammen. Auch europaweit hat das Programm Anerkennung erfahren und wurde 2018 mit dem #BeInclusive-Award der EU ausgezeichnet. Als Modellprojekt wurde es außerdem beim EU-Sport-Forum 2019 in Bukarest vorgestellt.

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Neue Zielsetzung

Seit 2019 gibt es einen ergänzenden Schwerpunkt im Programm, die sog. zweite Fördersäule. Diese Entstand aus den gemachten Erfahrungen der vergangenen Jahre und hat zum Ziel Geflüchtete für ein ehrenamtliches Engagement zu begeistern und zu qualifizieren. Dies wird mit 2 Maßnahmen umgesetzt: Erstens sind sogenannte Sport-Coach-Tandems in den Kommunen förderfähig, also wenn der bisherige Sport-Coach (in der Regel ohne Zuwanderungshintergrund) die Arbeit zukünftig mit einem Geflüchteten als Tandem ausführt. So soll der Kontakt in die Migranten- und Geflüchtetencommunities verbessert und erleichtert werden. Zweitens sind Ausbildungstandems förderfähig. Ziel ist es, Ausbildungsduos mit einem Muttersprachler und einem Geflüchteten zu bilden, die dann gemeinsam eine Regelausbildung (z. B. Trainerschein, ÜL-Ausbildung,…) besuchen. Der Muttersprachler hilft bei Verständnisfragen und evtl. schriftlichen Ausarbeitungen und bekommt gleichzeitig einen neuen Blick durch den Geflüchteten wie durch eine interkulturelle Brille, was indirekt zu einer interkulturellen Öffnung des Sports insgesamt führt.

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Erfolge und Hindernisse

Eine Evaluation [2] Anfang 2017 zeigte, dass bereits im ersten Jahr knapp 7.000 Geflüchtete in Sportprojekte eingebunden werden konnten. Das genutzte Angebot ist vielfältig und sehr breit gefächert. Fußball ist die dominierende Sportart, aber auch andere Ballsportarten wie Schwimmen, Gymnastik, Tanz, Kraft- und Kampfsport oder Radfahren werden aktiv betrieben. Neue Sportarten in Deutschland wie Cricket werden ebenfalls durch Geflüchtete forciert. Häufig sind die Angebote von Sportvereinen und Sport-Coaches verbunden mit weiteren integrativen Angeboten wie Sprachkursen, Kinderbetreuung und Begegnungscafés. Wenn Geflüchtete nicht an bestehenden Angeboten teilnehmen, sind neue, durch Sport-Coaches initiierte Angebote immer »gemischt« und richten sich an Geflüchtete und Autochthone.

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Hindernisse gilt es manchmal für Sport-Coaches zu überwinden. Da Geflüchteten das deutsche Sportvereinssystem mit ehrenamtlichem Engagement oft unbekannt ist, gilt es hier aufzuklären und zu vermitteln. Immer wiederkehrende Themen sind Pünktlichkeit, regelmäßige Trainingsbesuche, Mitgliedsbeiträge und der Umgang mit zur Verfügung gestellter Sportkleidung und Trainingsmaterialien. Da Flüchtlinge oft noch im Findungsprozess sind, kommt es häufig zu Wohnortwechseln, was dann den Austritt aus dem Sportverein zur Folge hat. Schwer fällt vielen Vereinen zu akzeptieren, wenn gut integrierte Sportler abgeschoben werden, die teilweise ein fester Bestandteil von Trainingsgruppen und Mannschaften waren.

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Was hat »Sport & Flüchtlinge« bewirkt?

Durch die direkten und alltäglichen Begegnungen im Sport können viele Vorurteile schnell widerlegt werden. »Viele stellen fest: Das sind ja ganz normale Menschen« (O-Ton eines Sport-Coaches). Manchmal sind gerade Eltern, die große Sorgen und Ängste um ihre Kinder hatten, nun der Arbeit und dem Kontakt mit den Flüchtlingen gegenüber sehr positiv eingestellt und helfen teilweise aktiv mit. So hat der Kontakt mit Geflüchteten im Sportverein zum Abbau von Unsicherheiten, Ängsten und Vorurteilen beigetragen.

Der persönliche Kontakt beim Sport macht die Menschen ebenso sensibler für die Bedürfnisse der Flüchtlinge und trägt dazu bei, dass Menschen hilfsbereit werden. Die differenziertere Wahrnehmung von Geflüchteten fördert Verständnis und Empathie. »Durch die Integration in Vereinen bekommen die Flüchtlinge ein Gesicht und einen Namen. Sie sind jetzt nicht mehr ›die Flüchtlinge‹ sondern Ali, Mohammad oder Mujtaba« (O-Ton eines Sport-Coaches).

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Ebenso stellen die Menschen in den Sportvereinen nach einer gewissen Zeit fest, dass die Mitwirkung der Geflüchteten durchaus eine Bereicherung darstellt. Vor allem kleinere Vereine freuen sich über neue junge aktive Mitglieder. Gerade im ländlichen Raum konnten so neue Mannschaften gegründet werden oder weiterhin am Spielbetrieb teilnehmen. Der Kontakt führt zu einem wichtigen Perspektivwechsel: Die Geflüchteten werden zunehmend als Bereicherung erlebt. Teilweise sind Geflüchtete als Trainer, Schiedsrichter oder Übungsleiter aktiv und beteiligen sich als Helfer bei Festen. Dies stärkt ebenfalls die Akzeptanz der neuen Mitbürger.

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Was ist wichtig?

Integration geschieht nicht von alleine, es benötigt Menschen, die sich darum kümmern. Im Landesprogramm »Sport & Flüchtlinge« übernehmen Sport-Coaches diese Aufgabe seit 2016 erfolgreich. Dabei stehen ihnen regionale Ansprechpartner im Sportkreis und bei der Sportjugend Hessen zur Seite. Durch eine finanzielle Unterstützung der Städte und Gemeinden können Projekte finanziert und Aufwandsentschädigungen an Helfer bezahlt werden. Durch regelmäßige, verpflichtende Schulungen und regionale Treffen wird einerseits die Qualität gesichert, andererseits das hessenweite Netzwerk gestärkt.

Mittlerweile wird ebenso versucht, die Geflüchteten für ehrenamtliches Engagement zu gewinnen und dafür gezielt über Tandemlösungen zu fördern. Dass es funktioniert, zeigt sowohl die wissenschaftliche Evaluation, die gelebte Praxis und die europaweite Wahrnehmung und Auszeichnung.

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Netzwerk für die Integration in und durch den Sport

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Beitrag im Newsletter Nr. 9 vom 2.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Frank Eser ist Leiter des Referats Integration.

  • Programmleitung »Integration durch Sport«
  • Dipl. Päd. seit 2002 verantwortlich für die Entwicklung und Konzeptionierung der Integrationsarbeit in der Sportjugend und dem Landessportbund Hessen.

Kontakt: feser(at)sportjugend-hessen.de

Weitere Informationen:

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