Unterstützung in der Nachbarschaft Struktur und Potenzial für gesellschaftliche Kohäsion

Prof. Dr. Sabine Fromm/ Prof. Dr. Doris Rosenkranz

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Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Veränderungen – Demografische Alterung, Pluralisierung und Destandardisierung von Lebensläufen, wachsende Kinderlosigkeit und Erosion familiärer Netzwerke oder Zunahme der regionalen Mobilität, um nur einige zu nennen – stellt sich die Frage, welche Bedeutung Nachbarschaft und nachbarschaftliche Unterstützung heute im Gefüge privater sozialer Netzwerke haben kann. Nachbarschaft ist jedoch nicht nur ein Thema der privaten Lebensführung. Die Frage, wie nachbarschaftliche Beziehungen gelebt werden können, betrifft das gesellschaftliche Miteinander insgesamt und gehört damit auch zum Gestaltungsbereich kommunaler Daseinsvorsorge. Insbesondere für die kommunale Seniorenarbeit und -politik ist es von Bedeutung, ob und wie die Förderung von nachbarschaftlichem Austausch zur Unterstützung älterer Menschen im Besonderen und zur Sozialraumentwicklung im Allgemeinen beitragen kann. In Kooperation von Technischer Hochschule Nürnberg und Sozialreferat der Stadt Nürnberg, insbesondere dem Amt für Senioren und Generationenfragen, entstand so die Idee für die vorliegende empirische Studie.

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Mittels einer groß angelegten, bevölkerungsrepräsentativen Befragung in Nürnberg wurden erstmals in Deutschland die Strukturen, Bedingungen und Potenziale informeller – privater – nachbarschaftlicher Unterstützungen detailliert und repräsentativ für eine Kommune untersucht und darüber hinaus ihr Potenzial für soziale Kohäsion analysiert. Im Zentrum der Studie stehen informelle, nicht organisierte Unterstützungen in der Nachbarschaft. Damit sind private, nicht durch Dritte organisierte und unentgeltlich erbrachte Hilfen gemeint, wie etwa das gelegentliche Einkaufen für erkrankte Nachbarn, das Aushelfen mit Kleinigkeiten, Annehmen von Paketen oder das Versorgen von Haustieren während des Urlaubs. Über diese Formen nachbarschaftlicher Unterstützung ist bisher kaum etwas bekannt. 

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Anders als etwa im Freiwilligensurvey wurde in der Studie zwischen Nachbarn und anderen Personen im privaten sozialen Netzwerk, insbesondere Freunden unterschieden, so dass hier erstmals Erkenntnisse explizit zu informellen Unterstützungsleistungen unter Nachbarn vorliegen. Insgesamt 15 verschiedene Unterstützungsformen wurden daraufhin untersucht, ob, wie häufig und unter welchen Bedingungen sie geleistet bzw. angenommen werden – und auch, aus welchen Gründen dies nicht der Fall ist. Jede der Unterstützungsformen lässt sich auf mehreren Dimensionen anordnen: Häufigkeit des Auftretens, zeitliche Intensität, soziale Intensität, Verbindlichkeit, Symmetrie der Hilfeleistungen. Schließlich spielt auch die zeitliche und räumliche Gelegenheitsstruktur eine bedeutende Rolle.

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Darüber hinaus konnte untersucht werden, welche institutionellen Unterstützungsangebote die Befragten sich über ihre Nachbarschaften erschließen: An wen in ihrer Nachbarschaft bzw. in ihrem Quartier wenden sich die Anwohner, wenn sie Informationen über Unterstützungsleistungen oder Angebote für bestimmte Zielgruppen oder Anlässe benötigen. In diesem Kontext wurde auch das Interesse bzw. die Beteiligung an digitalen Nachbarschaftsplattformen erfragt.

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Mit der Verknüpfung von Befragungsdaten und kleinräumig aggregierten administrativen Daten zur Beschreibung des jeweiligen Sozialraums konnten Einstellungen zu und Bewertungen von Nachbarschaft, die Muster geleisteter und angenommener privater nachbarschaftlicher Hilfen und das Potenzial für nachbarschaftliche Unterstützung in Abhängigkeit von unterschiedlichen individuellen Merkmalen und sozialräumlichen Kontexten untersucht werden. Ergänzt werden die Ergebnisse der Befragung durch einen Beitrag aus der Sicht kommunaler Altenhilfeplanung, der Chancen und Grenzen von Nachbarschaft für eine sozialraumorientierte Seniorenarbeit diskutiert.

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Insgesamt zeigt sich, dass nachbarschaftliche Hilfeleistungen weder sozialstaatliche Aufgaben ersetzen noch sozialplanerisch eingefordert werden können, dass sie jedoch ein wichtiger Baustein im sozialen Miteinander und eine Komponente gesellschaftlicher Kohäsion sein können.

In einem Folgeprojekt untersuchen die Autorinnen die Chancen und Grenzen digitaler Nachbarschaftsplattformen. Erste Ergebnisse werden gegen Ende 2019 publiziert werden.

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Beitrag im Newsletter Nr. 13 vom 27.6.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorinnen

Prof. Dr. Sabine Fromm lehrt Soziologie und Forschungsmethoden an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht u.a. zu sozialer Ungleichheit und sozialer Kohäsion. Sie gehört zum akademischen Leitungsteam des Kompetenzzentrums »Soziale Innovationen, Methoden und Analysen (KoSIMA)« an der TH Nürnberg (https://www.th-nuernberg.de/einrichtungen-gesamt/kompetenzzentren/kompetenzzentrum-soziale-innovationen-methoden-und-analysen-kosima/).

Prof. Dr. Doris Rosenkranz lehrt Soziologie und Forschungsmethoden an der Technischen Hochschule Nürnberg und forscht u.a. zu Bürgerschaftlichem Engagement und Freiwilligenmanagement, Kohäsion und den Implikationen demographischen Wandels. Sie ist u. a. Mitglied im Vorstand der Zukunftsstiftung Ehrenamt Bayern (https://www.stmas.bayern.de/ehrenamt/infrastruktur/zukunftsstiftung.php) und Sprecherin der Hochschulkooperation Ehrenamt (http://hochschul-kooperation-ehrenamt.de/home/).

Kontakt: sabine.fromm(at)th-nuernberg.de, doris.rosenkranz(at)th-nuernberg.de

Weitere Informationen zur Studie: www.springer.com/de/book/9783658223229

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