Besondere Begleitung statt Sonderprogramme in den FWD

Anette Vacano/ Wolfgang Hinz-Rommel

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Einleitung

Die Diakonie Württemberg legt seit vielen Jahren Wert darauf, die Entwicklungen in der Gesellschaft bewusst wahrzunehmen und im Bereich der Freiwilligendienste gezielt mit Projekten oder inhaltlichen Anpassungen darauf zu reagieren.

So entstanden etliche Projekte, die entsprechenden Bewerber*innen angeboten werden konnten. Das FSJplus (2005-17) ist dafür ein herausragendes Beispiel. Es verband das FSJ mit dem Erwerb der Mittleren Reife im Rahmen eines 24-monatigen Programms. Andere Angebote wurden aus dem Projektstatus in den Regelbetrieb übernommen und laufen bis heute.

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Von exklusiven Sonderprogrammen hat sich die Diakonie Württemberg in den letzten Jahren bewusst entfernt. Was die Freiwilligen aktuell brauchen, sind keine Sonderprogramme, sondern »be-sondere« Programme: kein fester Programmablauf mit durchgeplanten Terminen, sondern möglichst individuelles Eingehen auf die Bedürfnisse der Teilnehmenden. Dies bedarf einer größeren Flexibilität, mehr Suchen nach individuellen Lösungen und eine intensivere Zusammenarbeit mit den Einsatzstellen. Mit diesen Anforderungen sind die Bildungsreferent*innen neu gefordert.

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Neue Herausforderungen

Die Erwartungen der Einrichtungen in Bezug auf Freiwilligendienste sind durch den Fachkräftemangel stark gestiegen. Das bezieht sich sowohl auf die gewünschte Anzahl an Freiwilligen als auch auf die Tätigkeitsbereiche. Die Freiwilligen bekommen mehr Verantwortung, sie werden wirklich gebraucht. Für viele ist das positiv und durchaus leistbar. Sie wachsen daran.

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Es gab jedoch schon immer junge Menschen im Freiwilligendienst, für die die Aufgaben in den Einsatzstellen sehr herausfordernd sind. In den letzten Jahren ist die Anzahl der Freiwilligen, die tendenziell überfordert sind, stark gestiegen. Überfordert von den Tätigkeiten, den Rahmenbedingungen oder auch belastet durch private Probleme.

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Wenn nun die hohen Anforderungen der Einsatzstellen und die Belastung der Freiwilligen aufeinandertreffen, kann dies zu einer vorzeitigen Beendigung des Freiwilligendienstes führen. Nicht weil es bei Anleitenden in den Einsatzstellen an Motivation bei der Begleitung von »schwierigen« Freiwilligen fehlt, sondern weil es ihnen im dichten Arbeitsalltag nicht möglich ist, ausreichend Zeit für die Anleitung zu finden. Dies steht zudem im Widerspruch zu dem Wunsch, die Freiwilligen für die Ausbildung in einem sozialen Beruf zu gewinnen.

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Im Freiwilligendienst kommt den pädagogischen Mitarbeitenden die Aufgabe zu, bei Fragen, Problemen und Krisen Ansprechperson für beide Seiten, Freiwillige und Einsatzstellen, zu sein. Bei einer Seminargruppengröße von i. d. R. 25 Freiwilligen ist es kaum möglich sich für Einzelne einzusetzen, die einen erhöhten Bedarf an persönlicher Begleitung mitbringen. Aus diesem Grund wurden zusätzliche Angebote notwendig.

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»Be-sondere« Begleitung

Der Diakonie Württemberg ist es wichtig, allen jungen Menschen, die dies möchten, einen Freiwilligendienst zu ermöglichen. Um dies zu gewährleisten, werden den Bewerber*innen im Rahmen des Vermittlungsverfahrens zusätzliche Unterstützungsangebote vorgestellt, die sie bei Bedarf in Anspruch nehmen können. Dadurch wird die individuelle Passung des Freiwilligendienstes erhöht.

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Wir bewerben diese besonderen Programme und Angebote nicht explizit, sondern bieten sie gezielt bei Bedarf an. Der Bedarf dafür kann von Seiten der Bewerber*innen, aber auch von Mitarbeitenden der Einsatzstellen formuliert werden. Seit Jahren werden das FSJfocus zur beruflichen Orientierung und das FSJmittendrin zur Vermeidung von Schulabbrüchen den Bewerber*innen im Rahmen des Vermittlungsverfahrens vorgestellt. Sie können sich bewusst für die Teilnahme entscheiden. Alle Seminargruppen sind sehr heterogen zusammengesetzt, was Alter, Herkunft, Schulbildung oder Geschlecht angeht. Freiwillige mit einer besonderen Begleitung sind in den Gruppenkontext integriert, das »Besondere« wird nicht hervorgehoben, fällt nicht auf.

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Besonderer Förderbedarf – besondere Förderung

Aktuell wurden zwei neue Unterstützungsangebote entwickelt und befinden sich in der Erprobung.Das FSJ onTop geht seit Herbst 2018 niedrigschwellig auf unterschiedliche Herausforderungen ein.

Freiwillige mit einem Bedarf an besonderer Begleitung bringen ganz unterschiedliche Problemlagen mit. Diese erstrecken sich von starken psychischen Belastungen bis hin zu Depressionen, über Perspektivlosigkeit, fehlendem sozialen und familiärem Rückhalt, Teilleistungsschwächen, Diagnosen wie ADHS oder Autismus, biografischen Brüchen und traumatischen Erlebnissen, Ängsten, Gewalt- und Mobbingerfahrungen.

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Häufig wird der Bedarf für eine zusätzliche Begleitung nicht gleich zu Dienstbeginn deutlich, sondern erst, wenn die Freiwilligen Vertrauen gefasst haben oder durch die erhöhte Belastung im Freiwilligendienst. Auch wenn zu Beginn der Fokus des FSJ onTop auf den Freiwilligen lag, die ihren Dienst schon begonnen haben, wird der Bedarf zunehmend schon im Beratungssetting deutlich. Hierbei handelt es sich neben Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen und Behinderungen auch um junge Menschen, für die die Rahmenbedingungen wie das Übernachten während der Seminarblöcke oder die Vollzeitbeschäftigung nicht leistbar sind.

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In der pädagogischen Begleitung ist die individuelle Unterstützung in Form von zusätzlichen Einsatzstellenbesuchen und Beratungsangeboten sehr gut angelaufen. Ebenso haben bereits mehrere Angebote eines ganzen »Praxisbegleitungstages« der Freiwilligen in den Einsatzstellen durch die Projektmitarbeitenden stattgefunden. Gerade von Seiten der Anleitenden in den Einsatzstellen gab es durchweg positive Rückmeldungen und ein Gefühl, mit den hohen Anforderungen nicht alleine da zu stehen. Auch ein begleiteter Hospitationstag bei einer Bewerberin mit einer körperlichen Behinderung wurde inzwischen durchgeführt und konnte zum Zustandekommen des Freiwilligendienstes beitragen. Der schon mehrmals durchgeführte Infotag für interessierte Freiwillige im Kleingruppenrahmen wurde von diesen als positiv und stärkend wahrgenommen. In nächster Zeit sollen noch weitere Maßnahmen, Inhalte und Rahmenbedingungen erprobt werden. Das Angebot eines zusätzlichen Seminartags nur für Projektteilnehmende ist in Planung, mögliche Themen könnten Selbstbehauptung, berufliche Orientierung und Zukunftsgestaltung sein.

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Erste Rückmeldungen machen bereits zum jetzigen Zeitpunkt die Dankbarkeit der Freiwilligen deutlich, sich in einem geschützten Rahmen öffnen zu können, Rückhalt zu verspüren und dabei Bewältigungsstrategien für herausfordernde Lebenssituationen entwickeln zu können.

Was das FSJ onTop von anderen Projekten und Programmen unterscheidet, ist die Möglichkeit, dass sich die Freiwilligen jederzeit, im Dienst oder auch schon vor Dienstbeginn, für die Teilnahme entscheiden können und diese auch einfach beenden können. Dadurch erfahren sie ihre Selbstwirksamkeit und Eigenverantwortlichkeit – nicht der Träger entscheidet, was gut für sie ist, sondern die Freiwilligen selbst wissen, was sie brauchen.

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Das FSJ Kompass

Das FSJ Kompass wendet sich an Geflüchtete und setzt die Bemühungen der Diakonie fort, ihnen einen sinnvollen und gelingenden Freiwilligendienst anzubieten.

Der Einsatz im Rahmen eines FSJ bietet Geflüchteten ein Angebot zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Deutschland und zur aktiven Gestaltung einer Übergangsphase, nicht nur zwischen Schulzeit und beruflicher Laufbahn, sondern zwischen prägenden Erfahrungen im Herkunftsland und einem häufig völlig anderen Alltag jetzt. Vielfach geht dies mit dem noch laufenden Asylverfahren einher.

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Nach dem Auslaufen des Sonderprogramms im BFD für Geflüchtete wurde ein neues Projekt konzipiert. Neu am Projekt FSJ Kompass ist nicht die Zielgruppe, sondern die Idee der Lotsenfunktion. Die individuellen Herausforderungen jedes einzelnen geflüchteten Menschen im Freiwilligendienst sollen begleitet und unterstützt werden. Für die Aufgaben, die über die üblichen Anforderungen an eine Seminarleitung hinausgehen, gibt es eine Lotsin bzw. einen Lotsen, die/der geflüchtete junge Menschen, die sich für einen Freiwilligendienst interessieren, kontinuierlich und individuell begleitet: vom Eingang der Bewerbung, im ausführlichen Bewerbungsgespräch, durch die Zeit des Freiwilligendienstes und darüber hinaus. Ein ausführliches Gespräch dient dem Erstkontakt, dem Kennenlernen und Informieren. Auch wenn die Beratung nach den derzeitigen Regelungen des Bundes nicht förderfähig ist, wird beim Lotsensystem genau darauf aufgebaut. Dabei ist große personelle Kontinuität in der Begleitung zu garantieren. Gerade bei Geflüchteten ist der Informations- und Begleitungsbedarf vor Dienstbeginn sehr hoch. Ein Sprachkurs muss gefunden werden, evtl. steht ein Wohnortwechsel an, von der Ausländerbehörde ist teilweise eine Beschäftigungserlaubnis nötig.

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Die Lotsin/ der Lotse trifft Absprachen mit der Einsatzstelle, hält Rücksprache mit der Seminarleitung und organisiert bei Bedarf Verweisberatung, Vermittlung der richtigen Maßnahmen zum Erwerb der deutschen Sprache und Begleitung bei existenzsichernden Terminen (Behördengängen). Zudem findet bei Bedarf eine Kompetenzfeststellung und berufsorientierende Perspektivberatung statt. Dazu wird jeweils aktiv mit Kooperationspartnern zusammengearbeitet. 

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Die Geflüchteten sind in die Seminargruppen integriert und können zusätzlich an weiteren Bildungstagen teilnehmen, mit möglichen Themenschwerpunkten wie: Berufsorientierung und Bewerbungstraining, »Alltagsdeutschland«, Strukturen und Demokratieverständnis in Deutschland, Reflexionsangebote und Empowerment.

Die Lotsenfunktion beinhaltet neben der individuellen Begleitung der Freiwilligen auch die Begleitung der Anleitenden. Die Einsatzstellen erhalten Informationen zum Programm und Beratung zur Umsetzung. Es sollen Fortbildungstage für Anleitende und Beauftragte zu relevanten Themengebieten wie Diskriminierung und Rassismus initiiert und Anleitenden ein Forum ermöglicht werden, sich über die Begleitung von geflüchteten Freiwilligen auszutauschen.

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Beratung

Das Beratungs- und Vermittlungssetting, zu dem alle Bewerber*innen eingeladen werden, wird nicht nur dazu genutzt, für die Bewerber*innen eine Stelle zu finden und sie allgemein zu informieren, sondern auch um erste Weichen zu stellen.

Aktuell haben die Bewerber*innen in der teilweise langen Zeit zwischen der Beratung/Vermittlung und dem Dienstbeginn keinen direkten Kontakt mit dem Träger. Sehr viele orientieren sich in dieser Zeit auch wieder um, mit weitreichenden Folgen für uns als Träger als auch für die Einsatzstellen.

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Daher wurden folgende Maßnahmen zur Verbesserung des Beratungssettings entwickelt, die in nächster Zeit umgesetzt werden sollen:

Bessere Anpassung der Informationsweitergabe an die Zielgruppe (z.B. statt einer PowerPoint ein neues Medium wie Prezi nutzen, Filme über die Inhalte der Bildungstage zeigen und O-Töne von ehemaligen Freiwilligen über ihre persönliche Entwicklung während des Freiwilligendienstes abspielen).

Ein ausführlicheres Beratungsgespräch, Zeit um hinzuhören, was die/der Bewerber*in an Fragen und Problemen mitbringt, um eine passende Einsatzstelle zu finden und bei Bedarf die passende pädagogische Begleitung direkt anbieten zu können.

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Direkte Unterstützung schon vor Dienstbeginn gewährleisten (Sprachkurse, Unterkunft, Entwicklung alternativer Seminarmodelle ohne Übernachtung usw.).

Die pädagogische Arbeit fängt hier an. Es ist ein anspruchsvolles Aufgabengebiet, das eigens geschulte Bildungsreferent*innen erfordert. Leider ist die Beratung und Vermittlung derzeit nicht förderfähig und so fehlen für garantierte Beratung im oben beschriebenen Sinn noch die Ressourcen.

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Lotsenfunktion: vor Dienstbeginn – während des Dienstes – nach dem Dienst

In den Zukunftsperspektiven der Diakonie Württemberg für das freiwillige Engagement ist formuliert:

»Wir sind anerkannte und relevante Akteurin bei biografischen Übergängen. Wir bieten Begegnungen und praktische Erfahrungen in verschiedenen Lebenswelten sowie Orientierung, Beratung und Reflexionsmöglichkeiten für Menschen in biographischen Übergängen.«

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Dabei ist das Lotsenmodell von großer Bedeutung und wird im FSJ Kompass zum ersten Mal erprobt. Auch Menschen mit einer Behinderung können einen Freiwilligendienst absolvieren, wenn wir dies in Kooperation mit einer Einsatzstelle ermöglich können. Dabei geschieht Inklusion ganz selbstverständlich, da alle Freiwilligen in inklusiven Seminargruppen begleitet werden. Die Sicherstellung der entsprechenden Barrierefreiheit liegt konsequent in der Verantwortung der Lotsin/ dem Lotsen.

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Vision

Die Zukunft wird zeigen, ob es gelingt die Übergänge individuell passend und gut zu gestalten. Dabei wird insofern Neuland betreten, als die Zeit vor Dienstbeginn sowie nach dem Ende des Freiwilligendienstes streng genommen nicht in die Zuständigkeit des Trägers fällt. Gerade diese Zeiten sind aber oft von besonderer Bedeutung für einen gelingenden Übergang.

Der bedarfsorientierte Einsatz von Lotsinnen und Lotsen bietet die Chance, die Freiwilligendienste mit einer größeren Nachhaltigkeit für alle Beteiligten zu gestalten.

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Es gibt eine große Bereitschaft bei den Bildungsreferent*innen, diese zusätzliche Aufgabe zu übernehmen, da sie ständig erleben müssen, dass sie die Teilnehmenden nicht in dem Maß unterstützen können, wie dies fachlich geboten wäre. Die Anzahl der jungen Menschen, die einen Freiwilligendienst machen wollen, geht tendenziell zurück, in den Einsatzstellen zeichnet sich ein großer Fachkräftemangel ab. Wir halten es für lohnenswert, alle Freiwilligen mitzunehmen und Spielräume zu schaffen, damit sie ihre Wahrnehmung und Reflexionsfähigkeit entwickeln können, Entscheidungen zu fällen und Verantwortung zu übernehmen lernen und die Planung der eigenen Lebensgestaltung in die Hand zu nehmen.

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Die neue Möglichkeit, den Freiwilligendienst in Teilzeit zu absolvieren, könnte zukünftig weitere Kombinationen möglich machen, um noch mehr Menschen zu erreichen:

  • FWD und Abendschule
  • FWD und ambulante Therapien
  • FWD und Sprachkurse
  • FWD und Pflege von Angehörigen
  • FWD und Erziehung eigener Kinder

Es bleibt spannend!

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Beitrag im Newsletter Nr. 11 vom 29.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor*innen

Annette Vacano, Teamleitung, Abteilung Freiwilliges Engagement, Diakonisches Werk Württemberg.

Kontakt: vacano.a(at)diakonie-wuerttemberg.de

Wolfgang Hinz-Rommel, Abteilungsleitung Freiwilliges Engagement, Diakonisches Werk Württemberg

Kontakt: hinz-rommel.w(at)diakonie-wuerttemberg.de

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