»COURAGE IST GUT, AUSDAUER BESSER«

Susanne Saliger/ Rainer Hub

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»COURAGE IST GUT, AUSDAUER BESSER«

Theodor Fontane, von dem diese Aussage stammt, hat sich Ende des 19. Jahrhunderts mit deren sozialreformatorischen Gesellschaftsentwicklungen auf bürgerliche und emanzipatorische Haltungen, nicht auf Freiwilligendienste, bezogen. Dennoch bedienen wir uns im 200. Jubiläumsjahr des Autors dieses Synonyms und haben es als Titel und roten Faden gewählt, da es geeignet scheint Situation und Entwicklung der Freiwilligendienste zu umreisen.

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Grund: Ohne zivilgesellschaftliche Anregungen (»Ein Jahr für Dich und Andere«) und Überlegungen zu jeweiligen Weiterentwicklungen »Vom Wunsch zur Wirklichkeit« kämen die Freiwilligendienste nicht aus. Es bedarf immer wieder der »Courage« sich Gehör zu verschaffen - wobei dann stets (meist viel) »Ausdauer« benötigt wird um theoretisch identifizierte Eckpunkte in praktische Wirklichkeit von Freiwilligendienstleistenden zu überführen.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Freiwilligendienste sind (k)ein Spielball der Politik.

Seit der großen Konversion und dem Ausbau der Freiwilligendienste, bedingt durch die Aussetzung der Wehrpflicht und dem damit einhergehenden Wegfall des Zivildienstes vor bald 10 Jahren (Beschluss vom Herbst 2010, in Kraft getreten zum 1.7.2011), sind die Freiwilligendienste vermehrt und immer wieder Diskurs politischer Debatten. Natürlich geht diese Bedeutsamkeitszunahme mit dem Einsatz von deutlich mehr öffentlichen Mitteln einher.

Beides gut so. Nicht gut, wenn damit andere gesellschafts- und sozialpolitische Herausforderungen gemeistert werden sollen. Statt Probleme zu lösen, muss der handlungsleitende Fokus stärker auf engagementpolitische Interessen gesetzt werden.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Freiwilligendienste und ihre Entwicklungsabsichten sind von politischen Akteuren aller politischen Ebenen nachhaltig ernst zu nehmen.

Was sollen Freiwilligendienstleistende und zivilgesellschaftliche Anbieter von wechselnden politischen Ansagen halten, wenn bspw. Debatten geführt werden, die ein (weit) umfangreicheres Finanzvolumen ausmachen als die aktuellen Freiwilligendienste kosten?

Vergangenen Sommer begonnene konservative Ideenäußerungen können mit bis zu 12 Milliarden Euro jährlich beziffert werden. Nach der Zuständigkeitsklärung in der Großen Koalition war man Ende des Jahres bereits wieder bei ca. 1 Milliarde Euro pro Jahr angekommen.

Die Finanzen dafür waren zwar nicht hinterlegt (auch weil sie nicht Teil des Koalitionsvertrages sind), eine Ideenskizze wurde erfreulicherweise aber geliefert.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Überlegungen für ein engagementpolitisches Konzept für die Freiwilligendienste sind zügig wieder aufzunehmen.

Im Zuge der Beratungen zum Bundeshaushalt 2019 wurden die Mittel für den Bundesfreiwilligendienst (BFD) um 45 Mio. Euro und die Jugendfreiwilligendienste um 20 Mio. Euro (erfreulicherweise zunächst) auf insgesamt 328 Mio. Euro erhöht. Damit konnten die bisher benötigten Mittel für das Sonderprogramm »Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug« erhalten werden. Die Bundesregierung wollte so einen nächsten wichtigen Schritt gehen, dass jede/r, der/die will, einen Freiwilligendienst machen kann - unabhängiger von Geldbeutel oder Herkunft.

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Bevor sich zu dem erwähnten Konzept mit dem Ausbau eines »Jugendfreiwilligenjahres« weitere Überlegungen über die grundsätzlich positive Resonanz, sowohl Seitens der Zivilgesellschaft als auch Seitens des Parlaments, hinaus anstellen ließen und Diskurse zur Konkretisierung und Ergänzung geführt werden konnten, wurde die Debatte zum einjährigen Bestehen der Großen Koalition Mitte/Ende März im Keim erstickt. Diese gilt es aber zu führen.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Die Eckpunkte des Bundeshaushalts 2020 sind bezogen auf weitreichende Reduzierungen bei den Freiwilligendiensten zu überdenken.

Bis zum Entwurf des Bundeshaushalts 2020 Ende Juni, müssen an den sich bereits auf den Freiwilligendienstjahrgang 2019/2020 auswirkenden Zahlen Änderungen vorgenommen werden, sodass Absenkungen im Vergleich zum aktuellen Haushalt von 50 - 65 Millionen Euro ausbleiben.

Denn die Ankündigungen vom Herbst 2019 wären sonst eine Makulatur, indem

  • die Kosten der pädagogischen Begleitung, die seit Jahren nicht angepasst wurden, in den Jugendfreiwilligendiensten wieder wegfallen
  • parallel dazu der Ausbau von 5.000 Plätzen im BFD nicht ermöglicht wird
  • der Aufwuchs von 625 Plätzen im nachgefragten FÖJ ab sofort wieder gestrichen ist
  • der Ausbau an 660 Plätzen für Internationale Jugendfreiwilligendienste ab sofort wieder gestrichen ist und
  • die Ermöglichung von ca. 5000 inklusiven Freiwilligendiensten ab sofort - wieder - nicht ermöglicht ist.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: 20 Jahre nach der Idee einen Freiwilligendienst auch in Teilzeit zu ermöglichen, trat zum 1. Mai 2019 eine Gesetzesänderung in Kraft.

Lange hat es gedauert, von den ersten Überlegungen einen Freiwilligendienst für bestimmte Zielgruppen bzw. -personen auch in Teilzeit zu ermöglichen, und dabei den Charakter einer Bildungs- und Orientierungszeit weiter beizubehalten. Gut, dass nach den Ermöglichungen im Rahmen des Bundesfreiwilligendienstes für über 26jährige 2011 und dem Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug 2016, dies zum 1. Mai 2019 auf Prüfung des Einzelfalles in allen Formaten denkbar ist. Die Regelung, dass die entscheidenden beiden Akteure, Freiwillige und Einsatzstelle, sich dazu verständigen müssen, ist gut und ohne deren Einigung kommt ein entsprechender Antrag nicht zustande.

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Gut Ding musste wieder mal lange Weile haben, um auch bei den Freiwilligendiensten die Vereinbarkeit von Privatleben inkl. Familie, (Aus-)Bildung/ Beruf und Engagement analog (und digital) zu anderen gesellschaftlichen Bereichen flexibel zu ermöglichen.

Der Praxischeck bzgl. Qualität und Quantität steht drei Wochen nach in Kraft treten des Gesetzes noch aus.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Freiwilligendienste müssen inklusiver werden.

Seit der UN - Behindertenrechtskonvention sind, bezogen auf die o. g. 20 Jahre, »erst« 10 Jahre »verstrichen«, allein passiert ist noch wenig bis nichts. Zwar fehlen Absichtserklärungen dazu in keiner Sonntagsrede, aber wenn es ernst wird und an die Umsetzung geht, kommt wenig dabei raus bzw. werden bereits getroffene Beschlüsse wieder einkassiert. So geschehen jüngst quasi auch durch den Bundesminister der Finanzen. 

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Weit über den Bereich des Engagements und die Freiwilligendienste hinaus muss dieses gesellschaftliche Anliegen dringend endlich Boden unter die Füße bekommen. Inklusion ist zu ermöglichen statt Leistungen von Dolmetscher*innen in den Freiwilligendiensten wieder zu verhindern. Von Mitteln für Rollstuhlrampen u. ä. im öffentlichen Raum inkl. Bussen ganz zu schweigen.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Freiwilligendienste müssen internationaler werden.

Ende dieses Monats wählen die Bürger*innen der europäischen Länder der EU ihr neues Parlament. Die aus Brüssel stammende und im Herbst 2016 geäußerte Absicht den Kontinent und das Zusammenleben der b. a. W. nun doch wieder/ noch 27 Länder durch Begegnungen der Jugend Europas zu stärken und dafür den Europäischen Freiwilligendienst unter dem Motto »Ein Jahr für Dich und Europa!« in einem Europäischen Solidaritätskorps deutlich ausgebaut aufgehen zu lassen, ist gut. Meint auch die zuständige Bundesministerin: »Solidarität ist einer der Grundwerte der Europäischen Union. Das Europäische Solidaritätskorps ist eine großartige Chance für junge Menschen, sich freiwillig für ein soziales und vielfältiges Europa zu engagieren«. Prima, dass es im Herbst 2019 starten kann. 

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Von den angestrebten 100.000 Teilnehmenden pro Jahr werden wir zwar eine ganze Weile noch entfernt bleiben, aber zusammen mit anderen Angeboten zivilgesellschaftlicher Akteure und nationaler Programme wie weltwärts und Kulturweit, sind dies attraktive Möglichkeiten auch die Formate internationaler Freiwilligendienste weiter zu stärken. Ziel muss es sein neben den nationalen Programmen FSJ, FÖJ und BFD deren Anteile an Outgoing und Incoming- Freiwilligen-diensten sukzessive auszuweiten. Diese Formate müssen so konzipiert und finanziell ausgestattet sein, dass sie für junge Erwachsene aller Bildungsabschlüsse möglich sind. Wichtig dafür wäre, Einsatzstellen mit Unterkunftsmöglichkeiten bereitzustellen. Ein Aspekt, der im o. g. Konzept des »Jugendfreiwilligenjahr« übrigens leider fehlt.

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Courage ist gut, Ausdauer besser: Freiwilligendienste müssen weiterhin durch eigene Qualitätsstandards diesem besonderen Engagements entsprechen.

Die Qualität der Freiwilligendienste muss durch eigene spezifische Standards gesichert werden, die diese besondere Form des Engagements adressieren. Die Freiwilligen wie auch die Einsatzstellen, deren Zielgruppen und auch die Mitarbeitenden der Freiwilligendienstträger brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Systematische Qualitätsarbeit, die in den vergangenen Jahren anspruchsvoller geworden ist, erfordert personelle und zeitliche Ressourcen, was im Fördervolumen wie auch in der Förderfähigkeit konkreter Qualitätsmaßnahmen, wie z.B. Qualitätszirkeln, Qualitätshandbüchern, Kollegialen Beratungen, Evaluationen oder Zertifizierungen, berücksichtigt werden muss. 

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Courage ist gut. Ausdauer besser: Die Politik muss sich an ihren formulierten Zielen und Aussagen messen lassen.

Nach weitreichenden Auffassungen in Staat und Zivilgesellschaft ist Engagementpolitik Gesellschaftspolitik. Seit langem gilt, dass »in politischen Betrachtungen der zukünftigen Gesellschaft und ihrer Arbeitswelt Freiwilligendienste eine zunehmende Rolle spielen. Oft stehen sie dabei im Spannungsfeld zwischen klassischer Erwerbsarbeit und engagierten Betätigungen. Soziologische Studien gehen davon aus, dass die Gesellschaft sich zunehmend von einer Arbeits- hin zu einer Beschäftigungs- oder Tätigkeitsgesellschaft entwickeln wird. In ihr haben Freiwilligendienste einen festen Platz« (Diakonie AG Freiwilligendienste 1999).

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Damit verbunden ist, im besten Sinne des Wortes, dass Freiwilligendienste »gute Geldanlagen« sind. Freiwilligendienste können - ohne Verzweckung - gesellschaftspolitisch eine gewichtige Rolle spielen - wenn sie nicht zum Spielball finanzpolitischer Überlegungen für eine schwarz-rote Null genutzt oder gar instrumentalisiert werden.

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Vielmehr muss sich die Bundesregierung an dem in der Öffentlichkeit kommunizierten Ausbaukonzept messen lassen indem die schrittweise Umsetzung aller angekündigten Bestandteile dessen anzugehen sind. Ergänzt auch um die dringend notwendige Digitalisierung des zuständigen Bundesamtes. Denn sollte der Eckwertebeschluss für 2020 umgesetzt werden, würde dies leider die Kürzung in Höhe von 50 Mio. Euro im Vergleich zum Jahr 2019 bedeuten. Der Mittelansatz für 2019 würde sich ins Gegenteil wenden und zu einer immensen Belastung für die Anbieter und einer dementsprechenden Verunsicherung bei den zukünftigen Freiwilligendienstleistenden und Einsatzstellen führen. Übrigens: Politikverdrossenheit käme noch oben drauf.

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Courage ist gut. Ausdauer besser: Zivilgesellschaft vor, Politik muss Sonntagsreden umsetzen.

Die Courage seitens der Zivilgesellschaft ist wieder mal gefordert. Für Ausdauer hingegen bleibt allen Beteiligten bis zum Haushalt 2020 und den Eckpunkten 2021 wenig Zeit. Möge die Erkenntnis von Günter Beckstein, ehemals bayrischer Ministerpräsident, auf die Eckpunkte des Bundeshaushalts bezogen auf die Freiwilligendienste im Bundeshaushalt 2020 ff. zutreffen: »In der Politik ist alles möglich-auch dessen Gegenteil.«

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Beitrag im Newsletter Nr. 11 vom 29.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor*innen

Susanne Saliger, QUIFD-Agentur und Rainer Hub, Diakonie Deutschland, sind Sprecherin und Sprecher der BBE AG Freiwilligendienste. Der Beitrag spiegelt Sichtweisen der Autorin/ des Autors wieder.

Kontakt: saliger(at)ehrenamt.de und rainer.hub(at)diakonie.de

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