»Einfach mal Zeit haben, Erfahrungen zu machen«

»Einfach mal Zeit haben, Erfahrungen zu machen«

Katharina Leinius gehört zu der ersten Gruppe an Freiwilligen, die mit kulturweit ausgereist sind. 2009 arbeitete sie für ein halbes Jahr im Goethe-Institut in Bukarest. Für sie war es eine gute Möglichkeit, nach dem anstrengenden Bachelor-Studium durchzuatmen. Von kulturweit ist Katharina Leinius letztlich nicht losgekommen. Heute arbeitet sie selbst als Freiwilligenbetreuerin im Berliner kulturweit-Büro.

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Grünpflanzen, bunte Poster und jede Menge Sprachführer schmücken das kulturweit-Büro in der Berliner Beletage-Wohnung. Katharina Leinius sitzt mit ihren Kopfhörern über einen Laptop gebeugt: »Wenn Sie den Aufenthalt verkürzen wollen, gibt es die Option natürlich auch. Ich würde Ihnen aber noch einmal empfehlen, sich vorher zu überlegen, was sind ihre Erwartungen, was interessiert Sie, und wo können Sie sich vielleicht doch noch einbringen.«

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Die 34-Jährige ist für die Betreuung der kulturweit-Freiwilligen sowie deren Sicherheit zuständig. Dass Freiwillige eher abbrechen wollen, weil sie sich an der Partnerstelle nicht gut eingebunden fühlen, das sind die eher harmlosen Fälle. Mit ihren Belangen finden die Freiwilligen bei Katharina Leinius ein offenes Ohr. Denn diese ist selbst ein alter Hase, was den Freiwilligendienst angeht. Nach dem Abitur machte sie einen einjährigen Freiwilligendienst in Sussex, Großbritannien. Ein paar Jahre später, nach Abschluss ihres Bachelors in »Public Administration and European Studies«, brauchte sie eine Verschnaufpause und bewarb sich erneut für einen Freiwilligendienst, dieses Mal bei kulturweit. Ihr gefiel der Bildungs- und Kulturschwerpunkt von kulturweit, da sie damals überlegte, im Bereich internationale Zusammenarbeit zu arbeiten. 

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Bei ihrer Bewerbung gab sie sich offen für alle Regionen. Lateinamerika wäre schön gewesen, aber eigentlich war es ihr egal. Hauptsache mal etwas Anderes. Ausgewählt wurde sie für das Goethe-Institut in Bukarest und im September 2009 begann dann die Reise nach Rumänien. Sie gehörte damit zu der ersten von kulturweit organisierten Ausreise. »Wir waren die Versuchskaninchen«, schmunzelt Katharina Leinius. »Aber dafür, dass wir die Ersten waren, die ausgereist sind, hat alles ziemlich gut funktioniert.«

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Bukarest im Jahr 2009. Das war eine Zeit des Wandels. Denn zwei Jahre zuvor war Rumänien der EU beigetreten. »Die Stadt war eine Großbaustelle«, erinnert sich Katharina Leinius. Was ihr besonders auffiel war der Gegensatz zwischen dem westlich, modernen Rumänien und den Überresten der Ceaușescu-Ära, die sich im Stadtbild und in den Erzählungen der Menschen immer wieder fanden. Die Aufbruchsstimmung hatte auch viele junge Rumänen angesteckt. Viele suchten nach Möglichkeiten, für eine Weile nach Deutschland zu kommen, dort zu studieren und Karriere zu machen. Als ehemalige Studentin aus Deutschland wurde Katharina Leinius von jungen Menschen immer wieder nach Stipendien und Studienmöglichkeiten in Deutschland ausgefragt.

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Auch für das Goethe-Institut in Bukarest, in dem Katharina Leinius ihren Freiwilligenaufenthalt begann, war dies eine Zeit des Umbruchs. Im Herbst 2009 wurde dort die Initiative »Schulen: Partner der Zukunft« gestartet. Die Initiative des Auswärtigen Amtes hat es zum Ziel, an Partnerschulen weltweit Deutschunterricht einzuführen oder auszubauen. Vier Schulen waren dafür in Rumänien und im benachbarten Moldawien ausgewählt worden. Und Katharina Leinius fand sich binnen kurzer Zeit mitten in den Vorbereitungen dafür.

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Zunächst half sie bei der Organisation der PASCH-Eröffnungsveranstaltung, die gerade einmal zwei Monate nach ihrer Ankunft stattfand. Es war eine arbeitsreiche Zeit, aber am Ende ging alles gut: Die Deutschschüler hatten einen Auftritt, die PASCH-Kooperationsverträge wurden unter Beisein des deutschen Botschafters unterschrieben, und Katharina Leinius war zufrieden, ihre erste große Aufgabe so gut abgeschlossen zu haben. Die nächsten Monate ging es für sie dann darum, Unterrichtsmaterial für den Deutschunterricht und Fortbildungen für die Deutschlehrer der Region zu organisieren. Zwei bis dreimal die Woche ließ sie die Büroarbeit hinter sich, und machte sich durch das immer kälter werdende Bukarest zu einer der PASCH-Schulen auf, wo sie Konversationsunterricht gab. Dafür wählte sie Liedertexte der Berliner Band Seeed aus, die sie mit den Schülern durchging. Warum Seeed? Katharina Leinius lacht: »Keine Ahnung, ich brauchte einfach leicht verständliche Texte.«

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So arbeitsreich der Aufenthalt klingt, für Katharina Leinius war es eher das Gegenteil: Eine Chance zu sich zu kommen, den Unistress abzuschalten, und sich klar zu machen, wie sie ihr Leben zukünftig weiter gestalten will. »Das Gute war, dass ich Freiwillige war. So hatte ich keinen Stress, musste keine Ergebnisse abliefern, wurde nicht bewertet. Ich hatte einfach mal Zeit, etwas Anderes auszuprobieren.«

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Nach ihrer Rückkehr aus Bukarest machte sie einen Master in »Security Studies« in London. Doch dank der Erfahrungen aus ihrem Freiwilligendienst war ihr bald klar, dass sie keine akademische Karriere einschlagen wollte, sondern lieber mit Menschen arbeiten möchte.

»Durch die Arbeit vor Ort habe ich gelernt, dass meine Arbeit nicht unbedingt bewertet werden muss, sondern dass es für mich wichtig ist, die Sinnhaftigkeit meines Handelns zu sehen.« Beim Goethe-Institut hatte sie das Gefühl, mit Menschen zu arbeiten und im ganz kleinen Rahmen etwas Einfluss auf deren Leben zu haben. Wenn sie jetzt bei kulturweit die Freiwilligen betreut, kommt diese Sinnhaftigkeit wieder zur Geltung. Sie kann die Freiwilligen bei ihren Erfahrungen begleiten und ihnen helfen, möglichst viel aus ihrem Freiwilligenaufenthalt mitzunehmen. Sie beobachtet auch, dass viele der Freiwilligen, genau wie sie selbst damals, sehr gestresst von dem Leistungsdruck in der Schule oder der Uni sind. Basierend auf ihren eigenen Erfahrungen aus dem Freiwilligendienst rät sie ihnen dann: »Das muss jetzt kein Erfolg werden. Der Freiwilligendienst ist eine Chance, Pause zu drücken. Einfach mal Zeit haben, Erfahrungen zu machen.«

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Beitrag im Newsletter Nr. 11 vom 29.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Alice Kohn verfasste diesen Text als freie Journalistin im Auftrag der Deutschen UNESCO-Kommission.

Kontakt zu kulturweit: Anna Veigel leitet den internationalen kulturellen Freiwilligendienst kulturweit, der durch die Deutsche UNESCO-Kommission in Kooperation mit dem Auswärtigen Amt durchgeführt wird.

Kontakt: veigel(at)unesco.de

Weitere Informationen: Zum Pageflow über Katharina Leinius stories.unesco.de/10-jahre-kulturweit-katharina

Der Hintergrund des neuen Formats der Pageflows ist der zehnte Geburtstag von kulturweit. Dazu werden im Laufe des Jahres zehn multimediale Portraits ehemaliger Freiwilliger veröffentlicht. Vier davon sind mittlerweile online und u.a. hier zu finden. www.kulturweit.de/perspektiven/10-jahre-kulturweit

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