Bedarfe und Hürden im inklusiven Freiwilligendienst

Einleitung

Mittlerweile gehören Auslandsaufenthalte und ehrenamtliches Engagement ganz selbstverständlich in die persönliche Lebensplanung vieler junger Menschen. Die Bandbreite reicht von mehrwöchigen Kurzzeitangeboten, wie etwa internationalen Jugendbegegnungen und Workcamps bis hin zu Langzeitangeboten, wie zum Beispiel Freiwilligendiensten. Mit einer Teilnahme an solchen Angeboten sollen persönliche Eigenschaften wie etwa Sprachkenntnisse, Selbstständigkeit, Anpassungsfähigkeit und interkulturelle Kompetenz gestärkt und für zukünftige Arbeitgeber im Lebenslauf aufgezeigt werden. 

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Doch nicht alle Jugendliche haben die gleichen Zugangschancen zu den oben genannten Angeboten des Auslandsengagements. Studien zur Zielgruppenerreichung in internationalen, non-formalen Bildungsangeboten [1] haben aufgezeigt, dass Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung häufig noch nicht im ausreichenden Maß erreicht werden und somit nicht, wie in der UN-Behindertenrechtskonvention rechtlich bestimmt, partizipieren können. Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev) arbeitet seit zehn Jahren an der Aufhebung von Zugangsbarrieren, insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene mit Beeinträchtigung/Behinderung, zu Formaten des Auslandsengagements und ist dabei Anlaufstelle für Beratung, Schulung und Vernetzung der involvierten Akteure. Die Angebote des Vereins richten sich sowohl an (potentielle) Engagierte und Rückgekehrte mit Beeinträchtigung/Behinderung als auch an die Träger der unterschiedlichen Formate eines Auslandsengagements, an Beratungsstellen und Selbstvertretungsorganisationen von/für Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung und nicht zuletzt an die Fördergeldgeber der Freiwilligendienstprogramme. 

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Um die Wissenslücken über Bedarfe von Organisationen für ein erfolgreiches inklusives Arbeiten, insbesondere mit Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung, zu schließen und Barrieren in der Gestaltung von staatlichen Förderprogrammen des Auslandsengagements aufzuzeigen, arbeitet bezev seit 2017 mit dem Frankfurter Evaluationsinstitut INBAS-Sozialforschung GmbH zusammen. Als Teil des mehrstufigen Befragungskonzepts führte INBAS-Sozialforschung GmbH, im Auftrag von bezev, im Sommer 2018 eine erste Online-Befragung durch, die Bedarfe und Hürden im inklusiven Freiwilligendienst ermittelt. Die ersten Zwischenergebnisse der Studie werden im Folgenden dargestellt und diskutiert [2]. 

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Zwischenergebnisse der Befragung

Im Mittelpunkt der ersten teilstandardisierten, schriftlichen Online-Befragung (n=71) standen die Organisationen, die von bezev beraten, begleitet, vernetzt und befähigt werden, also vor allem

  • Träger und Zentralstellen des Auslandsengagements (39,5%), • Beratungsstellen für Mobilitätsangebote (24%),
  • Bildungseinrichtungen (12,5%),
  • Selbst- und Interessensvertretungsorganisationen (8,5%) und
  • Organisationen der Behindertenhilfe / Beratungsstellen für Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung (7%). [3]

Die Online-Erhebung fragte sowohl nach Vorerfahrungen und Hürden im inklusiven Arbeiten als auch nach Bedarfen der Organisationen und deren Freiwilligen. Darüber hinaus wurden der nachhaltige Erfahrungsaustausch und die Vernetzung interessierter Organisationen in der Befragung thematisiert.

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Informative Hürden

Die befragten Organisationen hatten insbesondere Erfahrungen mit folgenden Formaten des Auslandsengagements: Freiwilligendiensten (insbesondere weltwärts, Internationaler Jugendfreiwilligendienst, Europäisches Solidaritätskorps), Jugendbegegnungen und Workcamps. Im Vergleich zur grundsätzlich hohen Bekanntheit der Formate des Auslandsengagements war nur etwa einem Drittel der Befragten (n=23) bewusst, dass viele dieser Formate gezielte Maßnahmen und Unterstützungsangebote zur Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung haben. Am bekanntesten waren mit Abstand die Fördermöglichkeiten im weltwärts-Freiwilligendienst und Erasmus+/Jugend in Aktion bzw. Europäischen Solidaritätskorps (ESK). Dies liegt vorrangig darin begründet, dass beide Programme vergleichsweise proaktiv mit dem Thema Inklusion umgehen und geeignete Strukturen schaffen, um auf Programmebene die unterrepräsentierte Zielgruppe der Jugendlichen mit Beeinträchtigung/Behinderung stärker einzubeziehen. Die ermittelte Informationslage über Fördermöglichkeiten für inklusionsbedingte Mehrbedarfe in internationalen Freiwilligendienstprogrammen ist als unzureichend zu deuten und stellt für Organisationen eine Hürde dar in ihren Bemühungen inklusiv zu arbeiten. 

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Trotz der allgemein dürftigen Informationslage zu inklusionsspezifischen Fördermöglichkeiten, gaben knapp 60% der teilnehmenden Organisationen in der Befragung an, bereits Erfahrungen mit inklusiver Arbeit im Bereich Auslandsengagement gemacht zu haben; insbesondere mit dem weltwärts-Programm und Erasmus+/Jugend in Aktion bzw. ESK. Neben den genannten (1) informativen Hürden, berichten die befragten Organisationen aus ihrer Arbeit mit Freiwilligen mit Beeinträchtigung/Behinderung weiterhin von (2) sozialen Hürden, (3) physischen Hürden, (4) ökonomischen Hürden und (5) institutionellen Hürden.

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Soziale Hürden

Soziale Hürden wurden sehr häufig von den befragten Organisationen thematisiert, insbesondere in der Zusammenarbeit mit anderen Trägern, die der Aufgabe der Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung skeptisch gegenüberstehen. Die gesellschaftliche Stigmatisierung von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung als HilfeempfängerInnen staatlicher Fürsorgeleistungen führt noch immer dazu, dass sie nicht als aktive BürgerInnen mit den gleichen Rechten und Chancen auf soziales Engagement gesehen werden und deshalb nicht als potentielle Zielgruppe der Programme gelten. Die befragten Organisationen gaben an, dass sie aufgrund von fehlenden Ressourcen oder Offenheit der Auslandspartner keine spezifische Zielgruppenansprache für Jugendliche mit Beeinträchtigung/Behinderung umsetzen. 

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Die Notwendigkeit gezielter Zielgruppenansprache für Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung ergibt sich aber durch die in der Vergangenheit geschaffenen gesellschaftlichen Parallelstrukturen, in denen die Erfahrungen von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung in vielen Lebensbereichen oftmals durch Exklusion geprägt wurden. Dadurch fehlt ihnen bisher das kollektive Selbstbewusstsein und das passende Sprachrohr, eine soziale Teilhabe selbstverständlich einzufordern. Deshalb ist es umso wichtiger, dass Organisationen proaktiv ihre Kommunikationsmedien, -wege und -inhalte an die Bedarfe der Zielgruppe anpassen. Diese Umstellung ist nicht zwangsweise mit mehr Aufwand oder Ressourcen verbunden, sondern vielmehr mit einem inklusiven Mitdenken von Gruppen, die bisher noch nicht erreicht werden. Die Notwendigkeit eines Umdenkens in der Zielgruppenerreichung spiegelt sich auch in der Beratungs- und Schulungspraxis von bezev wieder, da neben organisatorischen und finanziellen Fragestellungen, Organisationen am häufigsten den Bedarf an den Themen inklusive Zielgruppenansprache und barrierefreie Öffentlichkeitsarbeit äußern.

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Physische Hürden

Physische Hürden werden vor allem bei motorischen und visuellen Beeinträchtigungen/Behinderungen relevant und werden in der Befragung im Kontext der Barrierefreiheit von Gebäuden und der Mobilität im Einsatzort genannt. Gerade die physische Zugänglichkeit der Umwelt im In- und Ausland wird häufig als absolut wahrgenommen, doch auch physische Hürden haben eine sozial-informative Komponente: Menschen, die auf dem Papier die gleiche Beeinträchtigung/Behinderung haben, können sehr unterschiedliche Bedarfe und Fähigkeiten haben physische Hürden zu überwinden. Es ist also wichtig im Kontext der physischen Barrierefreiheit stets die individuellen Mehrbedarfe und möglichen Lösungswege zu sehen und nicht abzuwarten, bis perfekte, barrierefreie Konditionen angeboten werden können.

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Ökonomische Hürden

Ökonomische Hürden wurden als ein zentrales Problem durch die befragten Organisationen identifiziert. Die finanzielle Leistbarkeit eines ehrenamtlichen Engagements von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung im Ausland, hängt nicht zuletzt mit der Anspruchsgrundlage auf Leistungen der Teilhabe, Eingliederungshilfe und Pflege nach den Gesetzbüchern V, IX, XI und XII zusammen. Die aktuelle Rechtslage hindert Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung daran, sich ehrenamtlich im Ausland zu engagieren, da bei einem längeren und/oder außer-europäischen Auslandsaufenthalt die Leistungen nach spätestens 6 Wochen ausgesetzt werden. Einige Programme des Auslandsengagements, wie etwa weltwärts und Eramsus+/Jugend in Aktion bzw. das ESK haben auf diese Herausforderung reagiert und Möglichkeiten zur Förderung der entstehenden Mehrkosten geschaffen. Dies ist noch längst nicht bei allen Angeboten des internationalen Engagements der Fall und bleibt eine Baustelle für die Zukunft.

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Institutionelle Hürden

Institutionelle Hürden sind solche negativen Bedingungen, die im jeweiligen Format des Engagements liegen. Jugendfreiwilligendienste sind im Bereich der non-formalen Jugendbildung verankert. Daraus ergibt sich eine starre Altersbegrenzung für TeilnehmerInnen, die nicht immer auf Jugendliche mit Beeinträchtigung/Behinderung übertragbar ist, da sich ihr Bildungs- und Lebensweg häufig aufgrund von Behandlungen, längeren Krankenhausaufenthalten und häufigeren Schulwechseln verzögert. Auch erlangen Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung im Vergleich zu ihrer Altersgruppe erst spät Autonomie und Selbstständigkeit, da sie (und ihre Erziehungsberechtigten) in vielen Fällen einen höheren Organisationsbedarf für Teilhabe und Partizipation haben.

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So bedeutet in diesem Fall die Praxis der gleichen Zugangsbedingungen zu Angeboten des Auslandsengagements nicht Gerechtigkeit, sondern vielmehr eine institutionelle Benachteiligung von Jugendlichen mit Beeinträchtigung/Behinderung. In Zukunft müssen also Entscheidungsträger dafür sensibilisiert werden, dass das Recht auf Partizipation und soziale Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung auch durch institutionelle Anpassungen zum Nachteilsausgleich umgesetzt werden muss.

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Erfahrungen mit inklusiver Arbeit

Organisationen, die bisher noch keine Erfahrungen mit inklusiver Arbeit gemacht haben, gaben als Grund dafür an, dass sie (1) bisher keine oder wenige Anfrage von BewerberInnen mit Beeinträchtigung/Behinderung erhalten haben, (2) es keine Möglichkeiten gibt, eine angemessene Barrierefreiheit im Ausland herzustellen oder (3) das Thema Inklusion bisher keine Berücksichtigung in der Organisation gefunden hat. Diese Aussagen müssen den Antworten zur Zielgruppenansprache gegenübergestellt werden: Hier gaben nämlich nur 13 % der befragten Organisationen an, Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung auch gezielt anzusprechen; weitere 10 % der befragten Organisationen hatten dies für die Zukunft geplant.

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Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Organisationen bisher wenig Zulauf von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung verzeichnen konnten. Aus Erfahrung der befragten Organisationen, die eine spezifische Zielgruppenansprache für Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung machen, kann bereits ein proaktiver Hinweis in der Außendarstellung, zum Beispiel, dass die Organisation offen für Bewerbungen von Menschen mit Beeinträchtigung/Behinderung ist, zu steigenden Bewerbungszahlen führen. Die Organisationen, die noch keine Erfahrungen gesammelt haben, formulieren die Bedarfe zu einer inklusiven Umsetzung ihrer Arbeit entsprechend: (1) höhere BewerberInnenzahlen mit Beeinträchtigung/Behinderung, (2) verbesserte Infrastruktur im Ausland und (3) Verfügbarkeit von zusätzlichen Ressourcen in der Organisation.

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Insgesamt lässt sich aus der Befragung kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Stand der Vorerfahrungen der Organisationen und dem geäußerten Beratungs- und Schulungsbedarf ableiten. Der Bedarf nach Informationen, Austausch und Vernetzung zum Thema inklusives Auslandsengagement ist durchweg in allen Akteursgruppen hoch. Vor allem Träger und Zentralstellen der Freiwilligendienstformate und Beratungsstellen für Bildungsmobilitätsangebote geben an Interesse an Vernetzung zum inklusiven Arbeiten zu haben. 

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Ausblick

Die bestehenden Angebote des Auslandsengagements müssen an den genannten Stellen notwendige Anpassungen erfahren, um die soziale Teilhabe aller Menschen zu gewährleisten. Zentral dabei ist es, weg vom defizitorientierten Fokus auf Beeinträchtigung/Behinderung eines Menschen hin zu einem bedarfsorientierten Ansatz zu gelangen, der die Fähigkeiten und Interessen der jungen Freiwilligen in den Mittelpunkt stellt. Dabei ist auch der Einbezug von Selbstvertretenden mit Beeinträchtigung/Behinderung elementar für die inklusive Gestaltung von Formaten des Auslandsengagements, gemäß dem Slogan »Nichts über uns, ohne uns«.

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Endnoten

  1. Vgl. JUGEND für Europa: Die Umsetzung des EU-Programmms Erasmus+ JUGEND IN AKTION in Deutschland, Bonn 2017 und vgl. DEVAL: weltwärts-Freiwillige und ihr Engagement in Deutschland, Bonn 2017 und vgl. Papadopoulos 2018
  2. Der Abschlussbericht der Evaluation durch INBAS-Sozialforschung GmbH ist für den Sommer 2020 geplant und kann bei Franziska Koch (koch@bezev.de) angefragt werden.
  3. 8,5 % der Teilnehmenden machten keine Angaben zum Organisationstyp.
  4. Gefördert wird die Arbeit des Kompetenzzentrums durch das weltwärts-Programm des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie durch die Stiftung Deutsche Behindertenhilfe/Aktion Mensch und das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen.

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Beitrag im Newsletter Nr. 11 vom 29.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Franziska Koch koordiniert seit 2017 das Kompetenzzentrums für inklusives Auslandsengagement [4] bei Behinderung und Entwicklungszusammenarbeit e.V. (bezev) in Essen.

Kontakt: koch(at)bezev.de

Webseite: www.bezev.de

Facebook: fb.me/bezevEssen

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