Städte leben Vielfalt. Ergebnisse von Fallstudien zum sozialen Zusammenhalt in vier Städten (Resümee)

Dr. Frank Gesemann/ Kristin Schwarze/ Alexander Seidel

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Kurzes Resümee und Handlungsempfehlungen

Der Zusammenhalt in deutschen Städten ist vergleichsweise hoch, zeigt sich aber in den Städten in räumlicher Hinsicht sehr differenziert. Unsere Studie bestätigt daher die Befunde anderer Untersuchungen, die auf die wachsende Spaltung deutscher Städte verweisen. Sie zeigt, dass die Unterschiede zwischen den untersuchten Stadtteilen in allen Dimensionen des gesellschaftlichen Zusammenhalts sehr hoch ausfallen, aber in den Dimensionen Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und Gesellschaftliche Teilhabe besonders ausgeprägt sind. Unsere Studie bietet zudem eine Fülle von Hinweisen, dass die Auswirkungen der Flüchtlingszuwanderung auf den sozialen Zusammenhalt weithin überschätzt werden. Bemerkenswert sind dagegen die hohe Akzeptanz, das Ausmaß der Kontakte und die positiven Erfahrungen mit Geflüchteten, die in allen Untersuchungsorten mit einem sehr großen Engagement der lokalen Bevölkerung korrespondieren.

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Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass der soziale Zusammenhalt insbesondere vor Ort gelebt wird. Damit verbunden ist auch eine Verantwortung für die Kommunen, ihre politische Gestaltungsaufgabe anzunehmen und auszufüllen, wobei wir vor allem vier Handlungsbereiche sehen:

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(1) Kommunen können das Miteinander in einer vielfältigen Stadtgesellschaft durch eine aktive und inklusive Politik fördern, die den mehrdimensionalen Charakter und die dichte Verwobenheit der verschiedenen Dimensionen und Bereiche von Zusammenhalt beachtet. Zusammenhalt kann als das Ergebnis des Zusammenwirkens der drei Dimensionen Soziale Beziehungen, Verbundenheit und Gemeinwohlorientierung mit ihren jeweiligen Elementen verstanden werden. Eine inklusive Politik zur Förderung von Zusammenhalt sollte insbesondere das soziale Miteinander im Ortsteil fördern, Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und Vertrauen in Institutionen stärken sowie Engagement und Beteiligung in einer vielfältigen Demokratie ermöglichen.

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(2) Kommunen sollten eine aktive Politik der Vielfalt verfolgen, die die hohe Akzeptanz von Diversität in der Bevölkerung als Ressource nutzt, aber auch den Ängsten und Befürchtungen jener Minderheiten begegnet, die Migration und Vielfalt als Bedrohung erleben oder ablehnen. Dazu können alltägliche Begegnungen von Einheimischen und Zugewanderten sowie die Vermeidung ihrer sozialräumlichen Segregation erheblich beitragen. Der Schaffung von niedrigschwelligen Begegnungsorten und -gelegenheiten sollte daher besondere Bedeutung zukommen. Zur Politik der Vielfalt trägt auch das intensive bürgerschaftliche Engagement mit und von Geflüchteten bei, das entsprechende Anerkennung und öffentliche Förderung erfahren sollte.

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(3) Kommunen sind gefordert, den sozialräumlichen Unterschieden stärker entgegenzuwirken. Die wachsende Polarisierung innerhalb der Städte erfordert eine aktive, inklusive und miteinander verknüpfte Bildungs-, Integrations- und Stadtentwicklungspolitik sowie eine Schärfung stadtpolitischer Steuerungsmöglichkeiten. Die Städte können diese großen Herausforderungen aber nicht allein bewältigen. Um das weitere sozialräumliche Auseinanderdriften zu verhindern, sind erweiterte Bund/Länder-Programme vom Typus »Soziale Stadt« notwendig. Diese müssten zusätzliche Mittel für eine Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur, insbesondere von Kitas, Schulen und Gemeinschaftseinrichtungen, in sozial benachteiligten Quartieren bereitstellen sowie die lokale Flüchtlings- und Gemeinwesenarbeit und die Integrationsleistungen der Kommunen angemessen gegenfinanzieren.

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(4) Kommunen sollten die lokale Demokratie stärken und inklusiv ausgestalten. Die Chancen und Potenziale der Vielfalt werden sich auf Dauer nur dann produktiv entfalten, wenn es gelingt, die lokale Demokratie zu stärken und inklusiver auszugestalten. Gefordert ist dabei vor allem die Stärkung der Engagement- und Beteiligungschancen von Menschen in sozial benachteiligten Stadtteilen. Das starke Engagement für Geflüchtete, die aktive Rolle von Migrantenorganisationen sowie die Offenheit vieler lokaler Vereine und Initiativen legen es nahe, Kommunalpolitik in Richtung einer vielfältigen Demokratie weiterzuentwickeln, die stärker auf Aktivierung, Dialog und Beteiligung setzt und damit die Rolle der Bürger- und Zivilgesellschaft im politischen Prozess stärkt. Dies dürfte auch ein aussichtsreicher Weg sein, dem Vertrauensschwund von Politik, Parteien und Parlamenten etwas entgegenzusetzen.

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Beitrag im Newsletter Nr. 10 vom 16.5.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor*innen

Dr. Frank Gesemann ist Diplom-Politologe und Geschäftsführer von DESI – Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration. Langjährige Evaluations- und Forschungserfahrungen insbesondere in den Bereichen Migration und Integration, Engagement und Zivilgesellschaft.

Kristin Schwarze ist Diplom-Sozialwissenschaftlerin, Projektleiterin und seit 2015 Gesellschafterin am IfS Institut für Stadtforschung und Strukturpolitik GmbH. Vielfältige Evaluations- und Forschungserfahrungen zu Themen der integrierten Stadt(teil)entwicklung, Integration und Partizipation.

Alexander Seidel ist M.A.-Humangeograph und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am DESI Institut. Arbeits- und Forschungsschwerpunkte in den Bereichen Stadtentwicklung, Segregation und Zivilgesellschaft.

Kontakt: info(at)desi-sozialforschung-berlin.de

Literatur

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