Kulturkampf Heimat/en in Europa?

Einleitung

»Globalisten« nennt der AfD-Vorsitzende Gauland diejenigen Menschen, deren »Bindung [..] an ihr jeweiliges Heimatland schwach ist. In einer abgehobenen Parallelgesellschaft fühlen sie sich als Weltbürger. Der Regen, der in ihren Heimatländern fällt, macht sie nicht nass. Sie träumen von der one world und der Weltrepublik«. Dem gegenüber stellt er und mit ihm die neue populistische Rechte nicht nur in Deutschland traditionellere und teilweise abgehängte Bevölkerungsschichten; »diejenigen, für die Heimat noch immer ein Wert an sich ist und die als Erste ihre Heimat verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen«.

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Der Begriff »Heimat« ist somit im deutschsprachigen Diskurs umkämpft. Es stehen sich gegenüber: ein Heimatbegriff, der Vielfalt zulässt, Zugewanderten Mehrfachidentitäten und »Heimaten« ermöglicht und sich für europäischen Austausch und Globalisierung öffnet. Und die »Heimat« der Gaulands, Höckes u.a., die auf Ausschließung, Grenzziehung zwischen »uns« und »den Anderen« und völkisch-nationalistische Homogenisierung abzielt. Aber auch in anderen Ländern Europas finden sich ähnliche Konstellationen: Polens damaliger Außenminister Witold Waszczykowski äußerte sich 2016: »Als müsse sich die Welt nach marxistischem Vorbild automatisch in nur eine Richtung bewegen – zu einem neuen Mix von Kulturen und Rassen, eine Welt aus Radfahrern und Vegetariern, die nur noch auf erneuerbare Energien setzen und gegen jede Form der Religion kämpfen. Das hat mit traditionellen, polnischen Werten nichts mehr zu tun«. Die polnische Opposition nahm den Ball auf und hat bei den Demonstrationen gegen den Abbau von Bürgerrechten durch die PiS-Regierung verlässlich Fahrräder dabei.

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»Anywheres« und »Somewheres«

Doch was ist dran an dem Bild des Kulturkampfes zwischen den »Anywheres« und »Somewheres«, den »Egal wo«- und »Irgendwo«-Menschen, wie sie der britische Autor David Goodhart nennt? Während die einen sich von einem EU-gefördertem Projekt zum nächsten Studienaufenthalt in einer europäischen Großstadt bewegen, versauern die anderen in abgeschnittenen Regionen mit sinkenden Immobilienpreisen und schlechter Netzabdeckung? Als Kontaktstellen für europäische Förderprogramme, die kulturellen Austausch, Städtepartnerschaften, zivilgesellschaftliche Projekte u.v.m. unterstützen, stehen wir mitten in dieser Debatte: wer wird gefördert, wer setzt sich bei knappen Budgets durch? Fließt europäisches Geld nur zu den weltgewandten, kulturell aufgeschlossenen Eliten in Berlin und Hamburg oder auch zum Trachtenverein in der Oberlausitz? Denn das Paradigma der EU Kulturpolitik lautet »Einheit durch Vielfalt«. Wie kann diese Vielfalt verschiedene Vorstellungen von Heimat(en) beinhalten? Oder größer gedacht: Wie können »Heimat« und »Heimaten« koexistieren und angemessen gesellschaftlich beteiligt sein?

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Die Wahrheit liegt in Bayern?

Die Wahrheit, bzw. die Brücke zwischen der globalistischen und kommunitaristischen Position findet sich vielleicht in Orten wie der bayrischen Gemeinde Vaterstetten: hier trifft sich ein engagierter Arbeitskreis der Partnerschaftsvereine auch aus den umliegenden Gemeinden, die Austausche mit den jeweiligen französischen, kroatischen, spanischen, äthiopischen etc. Partnerstädten planen und durchführen. Mal zum Stammtisch, mal zum (kroatischen) Kochkurs, mal wird ein Maibaum auf die Reise zur Partnerstadt geschickt. An der Partnerschaftsarbeit ist ein vielfältiger Durchschnitt der Bevölkerung beteiligt, unterschiedliche Altersgruppen und politische und berufliche Hintergründe sind vertreten. Nun ist die sogenannte Kontakthypothese bereits seit langem widerlegt, nach der durch den Kontakt mit einer anderen Kultur automatisch interkulturelle Kompetenz erworben werde. Und doch scheinen aktive ehrenamtliche Strukturen in der Partnerschaftsarbeit einen Weg zu weisen, wie sich Ortsgebundenheit und starker Bezug auf die lokale Heimat mit Interesse an Austausch und Offenheit für andere kulturelle Einflüsse verbinden lassen. Und sich dafür sogar EU-Mittel finden lassen…

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Von Heimat-Schecks und -Zeugnissen

Das Land Nordrhein-Westfalen hat neben Bayern als zweites Bundesland ein Heimatministerium geschaffen. Im Landesprogramm »Heimat.Zukunft.Nordrhein-Westfalen Wir fördern, was Menschen verbindet« des Ministeriums (das auch noch für die Bereiche Kommunales, Bau und Gleichstellung zuständig ist) werden u.a. sogenannte Heimat-Schecks, Heimat-Zeugnisse und Heimat-Werkstätten gefördert. Ziel der Förderungen ist es »Menschen für lokale und regionale Besonderheiten zu begeistern, die positiv gelebte Vielfalt [..] deutlicher sichtbar werden zu lassen und das Interesse und die Offenheit gegenüber Neuem und anderem (sic) zu erweitern«. Auch hier geht es also um eine Verschränkung von Ortsgebundenheit und Tradition mit Diversität und Aufgeschlossenheit gegenüber neuen und fremden Impulsen und Menschen.

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In dem sich auf europäischer Ebene immer stärker abzeichnenden Konflikt zwischen Staaten und politischen Bewegungen, die auf Nationalismus, Abgrenzung gegen Fremde und »illiberale Demokratie« (V. Orban) setzen und offenen Gesellschaften, die Migration und europäischer Zusammenarbeit positiv gegenüberstehen, könnte diese »dritte Position« auch für die europäische Zivilgesellschaft eine attraktive Option sein. Wer sagt denn, dass man sich entscheiden muss zwischen Weltoffenheit und dem Interesse, vor Ort den eigenen Lebensraum verbindlich kulturell und politisch mitzugestalten? Warum sollten nicht Heimatvereine und Migrantenselbstorganisationen neue Bündnisse eingehen, wenn es um Entscheidungen zum öffentlichen Raum, zu Treffpunkten, Bibliotheken, Parks etc. geht – also zu dem Rahmen, in dem Zusammenleben lokal gestaltet wird? Das würde demokratische Prozesse und Mitbestimmung stärken, Räume für Aushandlungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen öffnen und einen Beitrag zum friedlichen Zusammenleben in einer offenen Gesellschaft leisten.

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KULTUR.MACHT.HEIMATen

Die Kontaktstelle »Europa für Bürgerinnen und Bürger« wird gemeinsam mit dem Creative Europe Desk KULTUR (CED KULTUR) und der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. ein Forum auf dem 10. Kulturpolitischen Bundeskongresses KULTUR.MACHT.HEIMATen zu diesem Thema durchführen. Im größeren Kontext wird es bei dieser Veranstaltung und der gesamten Debatte darum gehen, zu zeigen, dass niemand Angst haben muss, die »Heimat [zu] verlieren, weil es ihr Milieu ist, in das die Einwanderer strömen« (A. Gauland). Der »Kulturkampf um Heimat« ist ein von den Rechtsradikalen mit wenig aktualisierter Agenda aufgezwungener Diskurs. Für viele Akteure in Stadt und Land ist die Erkenntnis gesichert, dass Veränderung normal ist; dass Einwanderung, Austausch, Konflikte, Verteilungsfragen, Neuausrichtung, … zum Zusammenleben in Demokratien dazu gehören. Viele Projekte mit und ohne europäische Förderung belegen dies eindrücklich und sollen auf dem Bundeskongress vorgestellt werden. Das bedeutet »Heimat« im Europa des 21. Jahrhunderts.

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Beitrag im Newsletter Nr. 5 vom 7.3.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Jochen Butt-Pośnik ist Leiter der Kontaktstelle »Europa für Bürgerinnen und Bürger« bei der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V.

Kontakt: butt-posnik(at)kontaktstelle-efbb.de

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