Welche Bedeutung hat bürgerschaftliches Engagement für die Fähigkeit der Gewerkschaft, Kampfkraft zu haben?

Ohne bürgerschaftliches Engagement wäre die Welt definitiv ärmer. Viele Bereiche des öffentlichen und sozialen Lebens würde es überhaupt nicht geben, kein Rotes Kreuz, keine Sportvereine, keine Gewerkschaften, somit auch keine Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). 

Bürgerschaftliches Engagement schon bei der Gründung

Die Gründungsväter der GDL haben vor über 150 Jahren eine Hilfskasse zur Verbesserung der mangelhaften Altersversorgung der Lokomotivführer geschaffen. Die Lokomotivführer hatten zwar nicht das Geld für eine Hilfskasse. Sie erfüllten aber schon damals die unentbehrlichen Voraussetzungen für einen Erfolg – bürgerschaftliches Engagement. Die Gründer

  1. wussten genau, wo den Kollegen der Schuh drückt,
  2. hatten das Engagement mit der nötigen Überzeugungskraft und
  3. konnten sich auf die Solidarität ihrer Kollegen verlassen.

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Basis kennt die Probleme vor Ort

Das ist heute nicht anders. Die GDL könnte die Interessen ihrer 34.000 Mitglieder nicht ohne bürgerschaftliches Engagement vertreten. Sie spricht allerdings lieber vom Ehrenamt. Ihre mehr als 1.000 ehrenamtlichen Kollegen sind vor Ort und kennen die Sorgen und Nöte der Lokomotivführer und Zugbegleiter genau. Oftmals sind es sogar ihre eigenen. Die Probleme in einem Rund-um-die-Uhr-Betrieb an sieben Tagen die Woche, wie sie das Zugpersonal hat, können sich Beschäftigte, die von 9 bis 17 Uhr im Büro arbeiten, oft gar nicht vorstellen. Kollegen hatten bis vor kurzem eine Woche vor Weihnachten noch nicht gewusst, ob sie an Heiligabend Züge führen müssen. Der Wunsch der Arbeitgeber nach permanenter Flexibilität des Zugpersonals erfordert spezielle Regelungen.

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Probleme müssen beseitigt werden

Die spezifischen Probleme der Basis bilden daher die Grundlage der Arbeit der GDL. Die entscheidenden Fehler zu erkennen, ist absolut notwendig. Allerdings reicht die Diagnose nicht. Sie müssen beseitigt oder zumindest reduziert werden. Auch dabei ist Ehrenamt unerlässlich, sei es in der betrieblichen Interessenvertretung oder in der Tarifpolitik. Sind die Mitarbeiter permanent überlastet, müssen neue Mitarbeiter eingestellt werden. Da kann ein Betriebsrat nicht laufend Überstunden genehmigen.

Die GDL musste schon öfter erleben, dass konstruktive Verhandlungen nicht die notwendigen Verbesserungen für die Lokomotivführer und Zugbegleiter bringen, auch nicht, wenn die Unternehmen satte Gewinne einfuhren. Überhaupt hätte so mancher Arbeitgeber nicht mit der GDL Tarifverhandlungen geführt, wenn er nicht gemusst hätte. Und keine Bahn würde mit der GDL Tarifverträge schließen, wenn sie keine Mitglieder im Unternehmen hätte.

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Ehrenamt für Vertrauen und Solidarität

Nur starke Gewerkschaften können dann den notwendigen Druck aufbauen. Ist keine Betreuung vor Ort vorhanden, fehlt auch das Vertrauen. Ein ehrenamtlich tätiger Kollege vor Ort steht den Beschäftigten näher als eine Zentrale in Frankfurt. Das Ultima-Ratio-Mittel Arbeitskampf wäre ohne Vertrauen und Solidarität der Mitglieder ein stumpfes Schwert.

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Organisationsgrad ist entscheidend

Und hier schließt sich der Kreis. Die Berufsgewerkschaften haben einen höheren Organisationsgrad, weil sie speziell auf die Probleme ihrer Mitglieder ausgerichtet sind.

Sind in Deutschland insgesamt nur noch rund 18 Prozent der Beschäftigten Mitglied in einer Gewerkschaft, organisiert die GDL drei Viertel des Zugpersonals. Der GDL-Flächentarifvertrag gilt sogar in 97 Prozent der Eisenbahnverkehrsunternehmen in Deutschland. Die GDL hat hauptsächlich deshalb so viele Mitglieder, weil die Betreuung vor Ort funktioniert und die Basis und die GDL-Spitze die gleichen Ziele haben. Deshalb stehen Lokomotivführer und Zugbegleiter insbesondere im Streik solidarisch zusammen und lassen sich von den Arbeitgebern auch nicht einschüchtern. Die Betreuung von Ort erfolgt nun einmal im Ehrenamt.

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Digitalisierung schwächt das Ehrenamt

Digitalisierung ist eine große Herausforderung für das Ehrenamt. Mit großer Werbetrommel hat die Deutsche Bahn gerade bekannt gegeben, dass bis zum Ende des kommenden Jahres alle Mitarbeiter ein Dienst-Handy oder -Tablet haben sollen. So sehr diese Geräte die Arbeit erleichtern können, bergen sie auch große Gefahren. Neben den zahlreichen technischen Unzulänglichkeiten schwächt die Digitalisierung auch das Ehrenamt. Einsatzstellen, die Treffpunkte für den beruflichen und sozialen Austausch sind, werden wegrationalisiert. Die Informationen kommen ja direkt über Smartphone und Tablet. Darüber hinaus stellt sich so mancher Arbeitgeber vor, dass das Zugpersonal damit ständig erreichbar sein solle. Müssen Beschäftigte immer damit rechnen, dass sie zu Arbeit gerufen werden, haben sie weder Zeit noch Interesse für ein Ehrenamt – schon gar nicht, wenn sie ihre Kollegen nirgends mehr treffen. Darüber hinaus sehen Arbeitgeber die Digitalisierung als Instrument zur Verringerung des Personals. Das gipfelt darin, dass die Deutsche Bahn Milliarden verschleudert, damit ein Lokomotivführer, der 800 Leute oder Tausende Tonnen Fracht transportieren kann, abgeschafft werden soll. Das Geld sollte besser in Assistenzsysteme und Ausbildung sowie in bessere Arbeitsbedingungen investiert werden.

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Starke Gewerkschaften: damit Ehrenamt noch Zukunft hat

Gewerkschaften können die Digitalisierung nicht verhindern, allerdings können sie für vernünftige Rahmenbedingungen sorgen. Am effektivsten geht das mit einem Tarifvertrag. Und hier steht wieder das Ehrenamt, denn mit kollektivem Betteln werden keine Tarifverträge geschlossen. Das funktioniert nur durch eine starke Gewerkschaft, deren Mitglieder geschlossen hinter ihren Zielen stehen – und das kann ohne Ehrenamt nicht erreicht werden.

Nach der Umfrage »Freiwilligensurvey« engagiert sich jeder Dritte in Deutschland ehrenamtlich. Starke Gewerkschaften können mithelfen, dass das auch in Zukunft so bleibt.

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Beitrag im Newsletter Nr. 12 vom 14.6.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Claus Weselsky ist Bundesvorsitzender der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer.

Kontakt: presse(at)gdl.de

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