Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum – Eine Rezension

Erik Hildebrandt

Jan Schametat, Sascha Schenk, Alexandra Engel, »Was sie hält – Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum«, Weinheim, Beltz Juventa, 978-3-7799-3714-2, 29,95 Euro

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Einleitung

Der ländliche Raum ist vieles. Steht er auf der einen Seite für Naturidyll, Entschleunigung und Ort enger Sozialbeziehungen, so gilt er allgemeinhin auch als infrastrukturell ausgedünnt, als Internetversorgungswüste und durch Abwanderung sowie mangelnde Kultur- und Freizeitangebote als »gähnend leer«. Oft ganz unabhängig davon, wie es in den einzelnen Regionen tatsächlich aussieht und wie vor allem die Wahrnehmung der dort Wohnenden ist, bietet der mediale Diskurs vor allem Hiobsbotschaften und beschwört Ausblutung und Verfall. Der Blick aufs Land ist defizitorientiert und es verwundert wenig, wenn sich das über kurz oder lang auch in der (Selbst-)Wahrnehmung der dort Lebenden niederschlägt. Gerade junge Menschen machen dann eben das, was man tut, wenn es heißt, das alles schlecht und ohne Zukunft ist: Sie gehen, sobald sie können.

Die vorliegende Studie »Was sie hält – Regionale Bindung von Jugendlichen im ländlichen Raum« war Teil des Projektes »H!ERgeblieben«, welches von September 2015 bis Januar 2018 im Rahmen des Modellvorhabens »Land(auf)schwung« durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) gefördert wurde. Ziel des Gesamtprojektes war es, herauszufinden, ob sich eine Herausstellung regionaler Stärken, z. B. im Rahmen eines Kampagnenformats, auf die Migrationsentscheidung von Jugendlichen auswirkt und sich so Bildungs(abwanderung) aus ländlichen Regionen verringern lässt. Die Wissenschaftler_innen, tätig am Zukunftszentrum Holzminden-Höxter bzw. der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen fragten sich dazu, welches die Bindefaktoren sind, die Jugendliche auf dem Land halten. In Projekt und Studie ging also um nichts weniger, als um eine Umkehr der Perspektive.

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Empirische Grundlagen und Ergebnisse

Dazu führten sie Interviews mit 444 Schüler_innen der 9. Klasse verschiedenster Schultypen aus den Nachbarkreisen Höxter und Holzminden, entwickelten aus den Ergebnissen ein Typen-Regressionsmodell mit insgesamt 7 Einstellungstypen und sprachen Empfehlungen zur regionalen Berufsorientierung aus. Das Buch dokumentiert Ansatz, Aufbau, Methodik und Ergebnisse der Studie.

Die Autor_innen beginnen mit einer überblicksartigen Darstellung der Diskurse zu den Themen Migration, den Einflussfaktoren hinsichtlich der Entscheidung für ein Gehen oder Bleiben, den regionalen Bindungsfaktoren (Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten, Partizipation und Engagement, Soziale Bindungen und regionale Identität) sowie der Zielgruppe der Landjugendlichen im Kontext Schule und Berufsorientierungsphase.

Kapitel vier wirft einen Blick auf die Methodik und widmet sich der Vorgehensweise, inklusive einer genaueren Betrachtung der Untersuchungsregion, der durchgeführten Vorstudie zur Erhebung erster Kategorien und Identifikation regionsspezifischer Deutungen sowie der darauf folgenden quantitativen Erhebung selbst.

Im Kapitel fünf werden die Erhebungsergebnisse vorgestellt, wobei einer ersten deskriptiven eine tiefergehende analytische Betrachtung folgt. Aufbauend auf einer Faktorenanalyse zu den Einstellungsdimensionen und einer Clusteranalyse zu den Einstellungstypen entwickeln sie hier auch ihr Typen-Regressionsmodell regionaler Bindungen, in welchem sie die Einstellungstypen ob ihrer Neigung zum Bleiben oder Gehen verorten.

Das abschließende sechste Kapitel diskutiert die Ergebnisse der Untersuchung. Laut Schametat, Schenk und Engel ist die positive Bewertung der Region (Freizeitangebot, Einkaufsmöglichkeiten, Mobilität) der stärkste Einflussfaktor, was die immer wieder betonte Wichtigkeit des Berufsangebots für die regionale Bindung stark relativiert. Wem also die Region nicht gefällt, den hält auch das Angebot an Arbeit und Beruf nicht. Als zweitwichtigster Faktor stehen die sozialen Kontakte wie Familie, Freunde und die Eingebundenheit in Vereine, Clubs und Organisationen. Als dritten Bindefaktor identifizieren die Autor_innen das Thema Freizeit, welche in der Wahrnehmung der Jugendlichen beim Leben auf dem Land besser gefüllt werden kann als es in der Stadt möglich wäre. Auf Rang vier folgt die Ortsgröße: Je kleiner der Wohnort, desto größer die Bindungsneigung – und das unabhängig vom Bildungshintergrund bzw. der Schulform der Jugendlichen. 

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Als übergreifende Erkenntnisse formulieren die Autor_innen, dass die Berufswahlentscheidung in der Berufsorientierungsphase und die Wahrnehmung der Möglichkeiten in der Region zentralen Einfluss auf die Migrationsentscheidung haben. Da in einer anderen Studie zur Region (Beierle/Tillmann/Reißig 2016) weniger als die Hälfte der Jugendlichen angab, einen guten Überblick über die hiesigen Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten zu haben und es einem Drittel schwer fällt, sich einen Überblick über die nötigen Informationen zu verschaffen, stellt sich damit die Frage nach der Passgenauigkeit der Angebote der Schulen, Kreise und der Agentur für Arbeit. Die Autor_innen schließen sich deshalb den Empfehlungen von Beierle/Tillmann/Reißig an, eine zielgruppengerechtere, übergeordnet-regional aufgestellte Strategie zur Berufsorientierung und -beratung, sinnvollerweise als Kombination aus Anlaufstelle und Onlineformat, zu etablieren. Gleichzeitig betonen sie, dass sich die Kommunikation der Region aber eben auch auf die verschiedenen Bindungsfaktoren konzentrieren muss, da selbst das beste Wissen über das Berufsangebot allein nicht ausreicht, junge Menschen zu halten. 

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Fazit

Die Studie richtet sich an das Fachpublikum, Akteure der Kommunal-, Bildungs- und Landespolitik sowie sozialwissenschaftlich interessierte Leser_innen. Die Vorgehensweise ist klar strukturiert und der Einblick in Zugang, Methodik, Ablauf und Entscheidungen aus Sicht des Forschungsteams detailliert und sehr gut nachvollziehbar. Auch die Einordnung in den Fachdiskurs ist umfassend und der vollzogene Perspektivwechsel spannend und wichtig. Darüber hinaus bieten die den einzelnen Kapiteln vorangestellten kurzen Einleitungen die Möglichkeit zum schnellen Überblick über wichtige Aspekte des kommenden Kapitels, was den Zugang erleichtert. Zu wünschen gewesen wäre ein kurzer Exkurs zur Art und Weise, wie die Berufsorientierung in den Kreisen Höxter und Holzminden stattfindet und ein ebensolcher Blick auf innovative Initiativen anderer Regionen, um eine bessere Anknüpfung in die Praxis zu ermöglichen und die Empfehlungen handhabbarer werden zu lassen.

Dass es in der Berufsorientierung und -beratung an zielgruppenorientierten und regionalen Strategien, aber auch ausreichend Personal, Mittel und Zeit in den Schulen mangelt, ist ebenso wenig neu wie die Erkenntnis, dass der ländliche Raum mehr braucht als eine Fokussierung auf die Förderung von Landwirtschaft. Diese Feststellungen mit qualitativ hochwertigen Studien argumentativ unterfüttern zu können – gerade aufgrund der Wichtigkeit des Themas für Jugendliche und den ländlichen Raum als Ganzen –, ist wichtig. Umso schöner deshalb, mit diesem Buch eine solche in den Händen zu halten.

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Beitrag im Newsletter Nr. 2 vom 25.1.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Erik Hildebrandt, Referent »Demokratiestärkung im ländlichen Raum« (Elternzeitvertretung), Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE).

Kontakt: erik.hildebrandt(at)b-b-e.de 

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