Verlieb dich in Frankreich!

Verlieb dich in Frankreich!

Als Frankreich 1998 die Fußballweltmeisterschaft souverän im eigenen Land gewann, blickten wir alle mit großem Respekt auf die Grande Nation: Frankreich – das bedeutete stets Sehnsucht nach gelebter kultureller Vielfalt, Sommer an der Côte d’ Azur und einer gewissen »Leichtigkeit des Seins«. Es galt als chic, französisch zu sprechen und viele Deutsche erzählen heute noch von ihren Klassenreisen in die Provence, die Camargue, die Normandie oder die Bretagne. Rund 20 Jahre später gewinnt Frankreich erneut die Fußballweltmeisterschaft, doch es ist ein völlig anderes Nachbarland, auf das wir da blicken: Die romantische Sicht auf Frankreich ist der Sorge um den Terror gewichen, der schwächelnden Wirtschaft und dem Front National. Der besorgte Eindruck verstellt dabei möglichweise auch den Blick auf die Kulturnation, die Frankreich allerdings immer noch ist und an die uns ihr junger Präsident Emmanuel Macron durch viele emotionale Reden, auf die Kanzlerin Angela Merkel lange Zeit die Antwort schuldig blieb, erinnert.

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Warum diese anfängliche deutsche Zurückhaltung? Denn eigentlich herrscht doch zwischen Paris und Berlin ein gutes Verhältnis. Wenn wir uns erinnern, dann wissen wir allerdings, dass das deutsch-französische Verhältnis zunächst keine Liebesheirat, sondern ein hart ausgehandeltes Zweckbündnis war. Diese Allianz im Zentrum Europas beginnt mit dem Élysée-Vertrag von 1963 und De Gaulles kategorischem Nein zum britischen Beitritt in die Westeuropäische Union, die Adenauer als treibende Kraft der Westanbindung noch favorisiert hatte. Auch wenn dieser Vertrag dem konservativen Deutschen anfänglich nicht geschmeckt haben mag, legte dieser gleichwohl den Grundstein für eine europäische Erfolgsgeschichte. Von den regelmäßigen und bis heute durchgeführten Regierungskonsultationen bis hin zum gemeinsamen Vorgehen im Irak-Krieg und die gemeinsame Ablehnung der US-amerikanischen Haltung dazu, über die Europäische Währungsunion und die Direktwahl des Europäischen Parlaments ist Europa durch die deutsch-französische Zusammenarbeit stabiler, krisensicherer und vor allem friedlicher geworden als je zuvor in ihrer Geschichte.

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Das Verhältnis diesseits und jenseits des Rheins ist gut, es könnte allerdings noch besser sein! Der jüngst verabschiedete Aachener Vertrag weist daher in die richtige Richtung, erst recht weil die Euroskeptiker und Revanchisten beider Länder – sowohl beim Front National als auch bei weiten Teilen der AfD – eines Besseren belehrt werden müssen, was die freundschaftliche Beziehung zwischen Berlin und Paris betrifft. Von unschätzbarem Wert ist dabei, dass sich die deutsch-französischen Beziehungen keineswegs nur auf Regierungshandeln beschränken. Die vielen nach 1963 entstanden frankophilen Vereine und Gesellschaften, deutsch-französische Schulen und Städtepartnerschaften zeigen deutlich, dass es eine aktive zivilgesellschaftliche Komponente gibt, die die kleinen Freundschaften des Alltags pflegen oder gar erst möglich machen. Ein Beispiel für die schon früh einsetzende Annäherung der deutschen und französischen Zivilgesellschaft waren die Treffen von Geschichtslehrerinnen und Historikern. Ihre Aufgabe bestand darin, die Geschichts- und Schulbücher vom Mythos der »Erbfeindschaft« zwischen beiden Ländern zu bereinigen. Das Resultat waren die »deutsch-französischen Empfehlungen« von 1951, die das Ziel verfolgten, einen für beide Seiten akzeptablen Kompromiss zu finden, wie historische Erzählungen darzustellen seien. Seit 2006 wird daher das dreibändige »Deutsch-Französische Schulgeschichtsbuch« herausgegeben, mit denen sowohl Schülerinnen der Oberstufe als auch Schüler des Lycées aus der Geschichte lernen können.

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Vor allem auch junge Menschen nutzen heute über soziale Netzwerke Kontaktmöglichkeiten, organisieren sich über ihre Smartphones und lernen sich auf Reisen kennen und lieben. »Verlieb Dich in Frankreich« gilt für die einen, die das Land kulturell und kulinarisch bewundern und für die anderen, die in Frankreich dank Erasmus-Programm nicht nur studieren, sondern sogar ihren Partner fürs Leben finden und bi-nationale Familien gründen. Auch das seit 1963 bestehende Deutsch-Französische-Jugendwerk ermöglichte inzwischen rund 9 Millionen jungen Deutschen und Franzosen die Teilnahme an zahlreichen Austauschprogrammen, Auslandsaufenthalten und Schulpartnerschaften. Diese Jugendlichen und jungen Erwachsenen können sich heute ein Europa kaum vorstellen, an denen Passkontrollen an innereuropäischen Grenzen alltäglich sind und Geld vor jeder Reise bei der Bank umgetauscht werden muss. Europa ist für sie eine Selbstverständlichkeit und mit gleicher Selbstverständlichkeit verteidigen sie dieses Europa, das längst ihr Europa geworden ist. 

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Dass die Politik der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland gelang, ist auch das große Verdienst von Simone Veil, die trotz ihrer Verfolgung als Jüdin im Nazi-Deutschland ihr politisches Handeln auf die Verständigung zwischen unseren beiden Ländern ausrichtete: »Wir waren überzeugt: Wenn die Sieger von 1945 nicht so schnell wie möglich die Versöhnung mit Deutschland vorantreiben, so werden die Wunden eines bereits in Ost und West geteilten Europas niemals vernarben und die Welt wird in einen neuen Konflikt hineingeraten, der noch viel vernichtender sein wird als alle Vorangehenden.«

Unser Frankreichbild ist jedoch zweifellos auch durch beeindruckende und prominente Frauen geprägt, die als »kulturelle Migrantinnen« Deutschland verließen: Marlene Dietrich, die mit ihrer Losung »Nie wieder Deutschland!« den hiesigen Faschismus anprangerte und in Frankreich eine neue vor allem auch kulturell anregende Heimat fand, zählt etwa dazu. Oder Romy Schneider, die nicht der Prototyp des deutschen »Fräuleinwunders« bleiben wollte, fand ihr Glück bei der Suche nach anspruchsvollen Rollen eher im Paris der Nach-68-Jahre.

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Durch ihre Filme »Der Swimmingpool«, »César und Rosalie« oder »Die Dinge des Lebens« können wir noch heute lernen, wie französische Regisseure schwere Stoffe im Film zugleich mit zarter Leichtigkeit und großem Tiefgang erzählen können. Wir ahnen, dass der französische Mann medial nicht nur über die Ausstrahlung des draufgängerischen »Latin Lovers« verfügt, sondern auch über einen fast lausbubenhaften Charme, wie wir ihn bei Alain Delon, Jean Paul Belmondo, Philippe Noiret oder Dany Boone, Vincent Cassel und Patrick Bruel beobachten können. 

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Und dann singen sich diese Herren auch noch in unsere Herzen! Während Serge Gainsbourg seine Lebensgefährtin Jane Birkin erotisierend ein »Je t’aime« in die Mikros hauchen lässt, bieten uns Michel Delpeche und Joe Dassein weitaus harmloser einen Flirt oder einen Spaziergang auf den Champs Élysées an – Hits der 70er und 80er Jahre, die auch in Deutschland jeder kennt. Dass Johnny Hallyday, der den Rock’n Roll nach Frankreich brachte und auch noch nach seinem Tod als französischer Elvis gilt, erst Giscard d’Estaing und dann Nicolas Sarkozy unterstützte, verziehen wir ihm allerdings erst, als er im Auftrag des französischen Präsidenten François Hollande am ersten Jahrestag des Attentats auf »Charlie Hebdo« auf der Pariser Place de la République sang. 

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Wie traumatisiert ein ganzes Land sein kann, hatten wir Deutsche da längst begriffen und uns solidarisiert: Hatte sich die Grande Nation zur Jahrtausendwende bei der Expo 2000 in Hannover noch unter dem Motto »Mensch, Natur und Technik – Eine neue Welt entsteht« als überaus technikaffin präsentiert und den Eindruck hinterlassen, dass die ehemalige Kolonialmacht durchaus auch bereit war, den Weltraum zu erobern, zeigten die Attentate in Paris, Nizza und Strasbourg wie unendlich schmerzvoll der Angriff auf das weltoffene und freiheitliche Denken sein kann, dem die Französinnen und Franzosen sich dank Montaigne, Voltaire und Molière oder auch Foucault, Bourdieu und Glucksmann doch so verbunden fühlen. 

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Wer Frankreich in den vergangen drei Jahrzehnten durch seine kulturelle Diversität zu schätzen gelernt hatte, die sowohl bretonische als auch korsische Klänge in sich aufnahm oder über eine lebendige afrikanische, maghrebinische Künstlercommunity oder die populäre Raï-Szene verfügt, verstand die Welt nicht mehr. Nicht nur weil offensichtlich die Integration von Zuwanderinnen und Migranten nicht nur in den Banlieus misslungen zu sein schien, sondern auch weil die Attacke der IS-Kämpfer durch die Tötung von 130 Menschen in der Konzerthalle des Bataclan mitten ins kosmopolitische Herz trifft. Zugleich machen die Morde die Verletzlichkeit der »Stadt der Liebe« und sogar eines ganzen Landes deutlich sichtbar, das doch so stolz war auf seine »Force de Frappe«, weil der Feind immer außerhalb des eigenen Grenzraumes vermutet wurde und jeder in Frankreich Geborene doch eigentlich Franzose war und dazu gehören sollte. Der brutale und schonungslose Gegner des französischen »Art de Vivre«, der offenen Kultur, so viel wird klar, ist durchaus auch französischer Herkunft. 

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Wenn man heute über die Champs Elysées oder über die Promenade des Anglais in Nizza spaziert, auf der so viele Menschen zu Tode kamen, begreift man intuitiv, welch riesige Hoffnungen an Macrons Präsidentschaft geknüpft wurden und welche große Herausforderung der französische Präsident zu bewerkstelligen hat: ein ganzes Land zu versöhnen und zu ermutigen, es erneut zu wirtschaftlicher Stärke zu führen, aus der Selbstbewusstsein erwächst, den Kampf gegen Antisemitismus, Nationalismus, Chauvinismus und für kulturelle Diversität zu führen und Menschen, die die Hoffnung auf ein würdiges Leben längst aufgegeben und sich stattdessen für Kriminalität und Extremismus entschieden haben, nicht durch eine Law-und Order-Politik abzusondern. Die Lösung kann nur, das weiß Macron, darin liegen, die Zivilgesellschaft, ihre citoyennes und ihre citoyens (ganz gleich, ob sie gelbe Weste oder rote Schals tragen) national zusammenzuhalten, ihre Entbehrungen ernst zu nehmen und sozialpolitische Maßnahmen rasch umzusetzen – auch wenn sie ihm dafür keineswegs dankbar sein werden.

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Wer also heute die deutsch-französische Zusammenarbeit nur unter ökonomischen Gesichtspunkten bewertet, den Aachener Vertrag trotz seiner sechs Kapitel und seiner 28 Artikel – etwa zu Europa, Frieden und Entwicklung, zu Forschung und Mobilität, zu Kultur und Bildung oder zu Klima und Umwelt – lediglich als sicherheitspolitischen Papiertiger begreifen will, oder argwöhnischer noch, franko-deutsche Machtstrategien zur Beherrschung Europas darin vermutet, übersieht, wie sehr sich unsere Gesellschaften inzwischen einander angenähert haben und der Vertrag in vielen Feldern vor allem eine gängige Praxis verankert. 

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Allerdings: Bereits jetzt schon von der »Erbfreundschaft« zu sprechen, wäre etwas ungelenk, politisch aber durchaus wünschenswert. So zeigt sich eine Zukunft voller Herausforderungen und – viel wichtiger noch – voller neuer Chancen und Möglichkeiten. Dabei waren und sind das friedliche Europa und die deutsch-französische Freundschaft nie allein prägend, sondern es sind ebenfalls die festumrissenen Ideen, Vorhaben und über viele Jahrzehnte gepflegte Freundschaften. Doch je mehr Europa wuchs, je mehr Mitglieder sich der EU anschlossen, umso mehr wurde die Integration der einzelnen Volkswirtschaften in den Binnenmarkt drängend und dringend. Und spätestens mit dem Ende des Kalten Krieges aber auch durch das Wiedererstarken von Nationalegoismen wird es von Jahr zu Jahr notwendiger, dass internationale Krisen und Konflikte – auch die innereuropäischen – nur in einem geeinten Europa, in dem die deutsch-französische Zusammenarbeit eine große Bedeutung erlangt hat, zu lösen sind. 

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Dies haben sowohl die Regierungen in Berlin als auch in Paris erkannt und konkrete Vorhaben vereinbart. Hieran sollten wir – schon aus Gründen der europäischen Kohäsion – weiterarbeiten; so soll etwa die Zusammenarbeit in den Grenzregionen vereinfacht werden, indem die »Eurodistrikte« mit eigenen Kompetenzen ausgestattet werden. Die deutsch-französischen Grenzgebiete können so zur Avantgarde werden, indem sie neue Formen der Kooperation erproben, um sie dann auf andere Regionen zu transferieren. Profiteur dieser Initiative ist zweifellos die Zivilgesellschaft, vor allem dann, wenn diese Projekte den diffusen Ängsten in Internetplattformen oder den auf die Straße getragenen Protesten der Gelbwesten und ihrer Sorge ob der Globalisierung und des Strukturwandels, der drohenden Vernichtung von Arbeitsplätzen und einer gesellschaftlichen Entsolidarisierung Rechnung tragen. Im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung müssen Deutschland und Frankreich nicht nur ökonomisch, sondern auch sozial und kulturell noch enger zusammenarbeiten. 

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Es wird nicht ausreichen, einen integrierten deutsch-französischen Wirtschaftsraum zu entwickeln, der durch Austausch, Handel und Entwicklung von neuen bahnbrechenden Errungenschaften geprägt sein kann und der uns auch für den außereuropäischen Markt noch konkurrenzfähig bleiben lässt. Rekurrierend auf die voranschreitende Digitalisierung haben Deutschland und Frankreich zudem beschlossen, Vorschläge für eine europäische Digitalunion zu unterbreiten und die EU somit zu befähigen, zum Vorreiter bei Innovationen zu werden und den Vorsprung des Silicon Valleys zu reduzieren.

So nah sich Deutschland und Frankreich auch geografisch sind, so grundverschieden sind jedoch die Bedürfnisse in der Energieversorgung, in der Organisation der Wirtschaft oder bei der Produktion unserer Schlüsselindustrien – schließlich ist das Hexagon mit seinen Städten zwischen Mittelmeer und Nordsee eine gelenkte Volkswirtschaft unter starkem staatlichem Einfluss geblieben. Nicht nur geopolitisch ist daher auf die Divergenzen zu achten, sondern auch auf die Kompromissfindung wie sie beispielsweise bei Nordstream II gelungen ist. Wer dabei allerdings die sozialpolitische Dimension aus dem Auge verliert, riskiert, das Verhältnis zu gefährden und die Proteste sogar noch anzuheizen.

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Dass die wegweisendsten Ideen zur Erneuerung der deutsch-französischen Freundschaft nicht nur von den Regierungen der beiden Länder ausgingen, sondern vom Deutschen Bundestag und der Assemblée Nationale, zeigt nochmals deutlich deren Verbundenheit. Zum weiteren Vorgehen wollen beide Parlamente nun eine Arbeitsgruppe erstellen, sobald das Parlamentsabkommen, das die diesjährigen bilateralen Verträge begleiten wird, ratifiziert wurde. Die grundlegenden Handlungsfelder wurden allerdings schon vereinbart und werden zusätzlich von einer Gruppe aus deutschen und französischen Abgeordneten begleitet. Die Ergebnisse dieser Projekte sollen ebenfalls zu einer Stärkung der zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit führen. Die parlamentarische Stimme in den deutsch-französischen Beziehungen wird daher in Zukunft noch lauter und wegweisender sein. Packen wir es also an! Vive l’amitié franco-allemande!

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 2 vom 4.3.2019

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Dr. Daniela De Ridder, MdB ist seit 2013 Abgeordnete des Deutschen Bundestages für den Wahlkreis Mittelems. Im Jahr 2017 wurde sie als Bundestagsabgeordnete für den Wahlkreis Mittelems wiedergewählt. Seit 2018 ist Dr. Daniela De Ridder Stellvertretende Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses sowie stellvertretende Vorsitzende des Unterausschusses »Zivile Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und vernetztes Handeln« im Deutschen Bundestag. Zudem ist sie Stellv. Vorsitzende der Deutsch-Französischen Parlamentariergruppe.

Kontakt: daniela.deridder(at)bundestag.de

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