Mit Service-Learning demokratisches Engagement von Kindern und Jugendlichen in Europa stärken

Einleitung

Wie erreichen wir Kinder und Jugendliche in Europa für bürgerschaftliches Engagement? Wie wird Demokratie vor Ort für sie sichtbar und erfahrbar? Wie können wir Demokratiekompetenz bei jungen Menschen in Europa aktiv fördern? Und was verstehen wir überhaupt unter »Demokratiekompetenz«?

Service-Learning – Lernen durch Engagement (LdE) kann zu diesen wichtigen Fragen einen Beitrag leisten. Die schulische Lernform ermöglicht es allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Herkunft, sich mit ihren Kompetenzen für Andere und für die Gesellschaft einzubringen – und zwar als Teil von Schule, angebunden an Unterricht und Lernen. Sie können dabei eigene Stärken ausbauen, Meinungen und Vorannahmen kritisch hinterfragen und ihre Demokratiekompetenz stärken. Die Stiftung Lernen durch Engagement arbeitet – zunächst als Programm der Freudenberg Stiftung und seit Februar 2017 als eigenständige Organisation – seit 15 Jahren an der Verbreitung und Implementierung von Service-Learning in Deutschland und pflegt darüber hinaus Kontakte zu europäischen Partnern.

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1. Der Europarat: Kompetenzen für eine demokratische Kultur

Die europäischen Demokratien sind mehr denn je auf die demokratische Beteiligung ihrer Bürger*innen für ein friedliches Zusammenleben angewiesen. Eine lebendige demokratische Kultur zeigt sich dabei nicht nur in funktionierenden Institutionen und Gesetzen, sondern auch in demokratischen Werten, Einstellungen und Handlungen. Dem bürgerschaftlichen Engagement als unverzichtbarer Bestandteil einer demokratischen Kultur kommt daher auch im europäischen Kontext eine große Bedeutung zu.

Wollen wir Kinder und Jugendliche für demokratisches Engagement erreichen, ist Schule ein zentraler Ansatzpunkt. Im deutschen Diskurs wird Schule zunehmend als Ort des Demokratielernens gestärkt, in dem Kinder und Jugendliche nicht nur relevantes Wissen über Demokratie und ihre Konzepte lernen, sondern auch lernen, sich aktiv zu beteiligen, sich für ihre und die Belange andere Menschen einzusetzen und sich demokratisch zu engagieren (Kultusministerkonferenz, 2018). Auch auf europäischer Ebene gibt es, initiiert durch den Europarat, seit längerem einen Diskurs über demokratische Kompetenzen. Bereits 2016 hat der Europarat die Competencies for Democratic Culture vorgestellt, die 2018 in den Reference Framework of Competencies for Democratic Culture (RFCDC; Europarat, 2018) eingingen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird das Potenzial von Service-Learning – Lernen durch Engagement als praxiserprobte und durch die Wissenschaft unterstützte Lernform für eine qualitätsvolle und nachhaltige Demokratiebildung an Schule besonders deutlich.

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2. Was ist Service-Learning - Lernen durch Engagement?

Service-Learning oder Lernen durch Engagement (kurz: LdE) ist eine Lehr- und Lernform, die bürgerschaftliches Engagement von Schülerinnen und Schülern mit fachlichem Lernen im Unterricht verbindet (Seifert, Zentner & Nagy, 2012). Service-Learning kann in allen Schulformen, Altersstufen und Unterrichtsfächern stattfinden, wie ein Blick in die Praxis zeigt:

  • Schüler*innen einer 8. Klasse diskutieren über die Rechte von Flüchtlingen in Europa und weltweit und organisieren in Zusammenarbeit mit einer Menschenrechtsorganisation einen Flashmob, um Aufmerksamkeit für Europas Umgang mit den Flüchtlingen zu schaffen.
  • Schüler*innen lernen im Politikunterricht die demokratischen Rechte und Pflichten von Bürger*innen kennen und gründen gemeinsam mit einer Jugendeinrichtung eine politische Interessenvertretung für Jugendliche, da ihre Anliegen in der Kommune zu wenig gehört werden.
  • Schüler*innen beschäftigen sich mit der bevorstehenden Europawahl und deren Bedeutung und rufen die Kampagne »Wir wählen für Europa – Europa wählt für uns« ins Leben, um zum Wählen aufzurufen.

Bei Service-Learning setzen sich Schüler*innen für das Gemeinwohl ein. Dies kann im sozialen, ökologischen, kulturellen oder – wie die obigen Beispiele zeigen – im politischen Bereich stattfinden. Sie tun etwas für andere, ihr Umfeld und die Gesellschaft und sammeln dabei demokratische Erfahrungen, stets in Kooperationen mit Engagementpartnern (Service). Die Kinder und Jugendlichen engagieren sich als Teil des Unterrichts und verbunden mit dem fachlichen Lernen (Learning).

Mit der Kombination aus bürgerschaftlichem Engagement und schulischem Lernen verfolgt Service-Learning zwei Ziele:

  • die Veränderung von Unterricht und Lernkultur – denn die Schüler*innen lernen Wissen und Kompetenzen praktisch anzuwenden, verstehen fachliche Inhalte tiefer und erkennen die Relevanz von schulischem Lernen
  • die Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft – denn die jungen Menschen werden an bürgerschaftliches Engagement herangeführt und erwerben dabei Sozial- und Demokratiekompetenz (Seifert, Zentner & Nagy, 2012).

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3. Qualitätsstandards bei Service-Learning – Lernen durch Engagement

Damit Service-Learning seine Wirkung auf die akademische, demokratische, persönliche und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen tatsächlich entfalten kann, ist die Qualität der Umsetzung entscheidend (vgl. Root & Billig, 2008; Reinders, 2016). Aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen wurden daher im bundesweiten Netzwerk Lernen durch Engagement sechs LdE-Qualitätsstandards abgeleitet, die Schulen als Orientierung für die Umsetzung dienen (Seifert, Zentner & Nagy, 2012):

  • Realer Bedarf: Das Engagement der Schülerinnen und Schüler reagiert auf einen realen Bedarf. Sie übernehmen dabei Aufgaben, die von allen Beteiligten als sinn- und bedeutungsvoll wahrgenommen werden.
  • Curriculare Anbindung: Service-Learning ist Teil des Unterrichts, und das Engagement wird mit Unterrichtsinhalten verknüpft.
  • Reflexion: Es findet eine regelmäßige und bewusst geplante Reflexion der Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler statt.
  • Schülerpartizipation: Die Schülerinnen und Schüler sind aktiv an der Planung, Vorbereitung und Ausgestaltung des Service-Learning-Projektes beteiligt.
  • Engagement außerhalb der Schule: Das praktische Engagement der Schülerinnen und Schüler findet außerhalb der Schule und in Zusammenarbeit mit Engagementpartnern statt.
  • Anerkennung und Abschluss: Das Engagement und die Leistungen der Schülerinnen und Schüler werden durch Feedback im gesamten Prozess und bei einem Abschluss gewürdigt.

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4. Demokratiekompetenz bei Lernen durch Engagement

Die Umsetzung von Lernen durch Engagement entlang der genannten pädagogischen Qualitätsstandards orientiert sich dabei am Modell der Demokratiekompetenz bei Lernen durch Engagement, das von der Stiftung Lernen durch Engagement in Zusammenarbeit mit Prof. Markus Gloe (LMU München) entwickelt wurde und eng an die European Competencies für Democratic Culture angelehnt ist. Das Kompetenzmodell hilft, den oft als abstrakt wahrgenommenen Begriff der Demokratiekompetenz für die Praxis an Schule anwendbar zu machen und unterstützt Lehrer*innen und Schüler*innen unmittelbar bei der Umsetzung von Lernen durch Engagement. Es richtet den Blick auf die Fragen: Aus welchen Teilkompetenzen setzt sich Demokratiekompetenz zusammen? Wie genau wollen wir diese durch LdE stärken? Worin wird sich das zeigen? Wie muss unser LdE-Projekt daher ausgestaltet sein und umgesetzt werden?

Dem Kompetenzmodell liegt der philosophische Ansatz von Demokratie als Lebensform (nach den Ideen des Pädagogen und Philosophen John Dewey) zugrunde, auf dem auch Service-Learning beruht. Danach wird Demokratie nicht nur als Herrschaftsform verstanden, sondern auch als eine Form des Zusammenlebens und der gemeinsam gelebten Erfahrung, bei der jeder einzelne Mensch durch sein (Alltags-)Handeln die Gesellschaft mitgestalten kann. Das auf dieser Basis entwickelte Modell der Demokratiekompetenz bei Lernen durch Engagement definiert – wie Abbildung 1 zeigt – Teilkompetenzen in den drei Bereichen Wissen und kritisches Denken (kognitiv), praktische Handlungsfähigkeit (instrumentell) und Einstellungen und Werte (affektiv).

Aus der Forschung wissen wir, dass Lernen durch Engagement die Demokratiekompetenz von Kindern und Jugendlichen auf allen drei Ebenen positiv beeinflussen kann, z. B. durch die Stärkung von:

  • demokratischem und sozialem Verantwortungsbewusstsein (Billig, Root & Jesse, 2005; Furco, 2002)
  • Schul- und Lernmotivation, Problemlösefähigkeiten, spezifischem demokratiepolitischem Wissen und tieferem Verständnis von Lerninhalten (Billig, 2007; Celio et al., 2011; Conway et al., 2009; Morgan & Streb, 2001; Yorio & Ye, 2012)
  • aktiver gesellschaftspolitischer Partizipation, prosozialem Verhalten, Selbstwirksamkeit, Kommunikations-, Team- und Empathiefähigkeit (Conway et. al., 2009; Melchior & Bailis, 2002; Metz et al. 2003)

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Abbildung 1: Modell der Demokratiekompetenz bei Lernen durch Engagement (Mauz, in Vorbereitung) 

Damit Service-Learning tatsächlich dazu beitragen kann, dass Kinder und Jugendliche – europaweit – diese für den Erhalt unserer Demokratie bedeutsamen Kompetenzen erlernen, ist die feste Verankerung von LdE in der Schule eine wichtige Gelingensbedingung. Durch die Einbindung in den regulären Unterricht und das Lernen der Kinder an allen Schulformen ermöglicht LdE allen Kindern und Jugendlichen, unabhängig von ihrer Herkunft oder ihren Vorerfahrungen, demokratisches Handeln und den Wert von Demokratie direkt zu erfahren und ihr Interesse an einer demokratischen Mitgestaltung der Gemeinschaft zu entdecken: Sie wenden Demokratiewissen praktisch an, gestalten Schule und Umfeld mit, bringen sich aktiv ein und erleben, dass Partizipation Spaß macht und sie als Menschen stärkt.

Dieses Potenzial sehen sowohl die Kultusministerkonferenz in Deutschland (KMK, 2018) als auch der Europarat (2018) und empfehlen in ihren Beschlüssen und Konzepten Service-Learning – Lernen durch Engagement als wichtige Lernform für Demokratiebildung an Schulen und zum Erwerb der Competencies for Democratic Culture. So betont z. B. die KMK die Bedeutsamkeit der »Vermittlung eines differenzierten Demokratiebegriffs, der zwischen demokratischen Umgangsformen im Hinblick auf Demokratie als Lebensform und den Demokratieprinzipien im Hinblick auf die politische Ausgestaltung als Herrschaftsform unterscheidet« (KMK, 2018, S. 8). Sie empfiehlt Schulen »die Eröffnung und Pflege von Gelegenheiten zur aktiven und ernsthaften Beteiligung der Schülerinnen und Schüler im Sinne demokratischer Partizipation und des Engagements für unsere Demokratie, etwa über die Methode des Service-Learning/Lernen durch Engagement« (S. 9), die sie auch als innovative Form des bürgerschaftlichen Engagements bezeichnet (S. 7).

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5. Stiftung und Netzwerk Lernen durch Engagement – Service-Learning in Deutschland

Um diese innovative Form der Förderung von bürgerschaftlichem Engagement und Demokratiekompetenz möglichst vielen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen, setzt sich die Stiftung Lernen durch Engagement dafür ein, qualitätsvolles und nachhaltiges Service-Learning an Schulen zu verbreiten. Daran arbeitet sie deutschlandweit mit einem großen Netzwerk aus Schulen und Partnern und kooperiert mit Bildungspolitik und -verwaltung. Durch die Pflege von Kooperationen sowie gemeinsamen Praxisprojekten mit europäischen Partnern gibt die Stiftung außerdem ihre Erfahrungen mit Service-Learning weiter und profitiert von der europäischen Perspektive in ihrer Arbeit.

Gemeinsame Vision ist eine demokratische Gesellschaft, in der alle Menschen ihre Kompetenzen und Persönlichkeit individuell entfalten und dabei Verantwortung für ein solidarisches Miteinander übernehmen, getragen von gelebter Vielfalt und gegenseitiger Anerkennung. Die Stiftung LdE setzt dabei auf das Potenzial von Kindern und Jugendlichen und macht sich für eine Schule stark, die echte Teilhabe und demokratisches Handeln erlebbar macht und junge Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft – in ihren persönlichen, sozialen und kognitiven Kompetenzen fördert.

Die Stiftung ist in drei Handlungsfeldern aktiv: (1) qualitätsvolle Umsetzung von Lernen durch Engagement in der schulischen Praxis unterstützen, (2) Bildungspolitik überzeugen, (3) öffentliche und fachliche Wahrnehmung von Service-Learning stärken.


Weitere Informationen und Materialien: www.servicelearning.de.

Literatur

Billig, S. H. (2007). Unpacking what works in service-learning: Promising research-based practices to improve student outcomes. In J. C. Kielsmeier, M. Neal & N. Schultz (Hrsg.), Growing to greatness 2007: The state of service-learning. (Saint Paul, MN: National Youth Leadership Council, 18-28.

Billig, S. H., Root, S., & Jesse, D. (2005). The relationship between quality indicators of service-learning and student outcomes: Testing professional wisdom. In S. Root, J. Callahan, & S. H. Billig (Hrsg.), Improving service learning practice: Research on models to enhance impacts. Greenwich, CT: Information Age, 97-115.

European Council (2018). Reference Framework of Competencies for Democratic Culture. Verfügbar unter https://www.coe.int/en/web/education/competences-for-democratic-culture (7.11.2018)

Furco, A. (2002). Is service-learning really better than community service? A study of high school service program outcomes. In A. Furco & S. H. Billig (Hrsg.), Service-learning: The essence of the pedagogy (S. 23-50). Greenwich, CT: Information Age.

Kultusministerkonferenz (2018). Demokratie als Ziel, Gegenstand und Praxis historisch-politischer Bildung in Schule. Verfügbar unter https://www.kmk.org/fileadmin/Dateien/veroeffentlichungen_beschluesse/2009/2009_03_06-Staerkung_Demokratieerziehung.pdf (7.11.2018)

Mauz, A. (in Vorbereitung). Modell der Demokratiekompetenz bei Lernen durch Engagement. Berlin: Stiftung Lernen durch Engagement.

Melchior, A. & Bailis, L. (2002). Impact of Service-Learning on civic attitudes and behaviours of middle and high school youth. Findings from three national evaluations. Service-learning: The essence of the pedagogy. Greenwich, CT: Information Age.

Metz, E., McLellan, J. & Youniss, J. (2003). Types of voluntary service and adolescents´ civic development. Journal of Adolescents Research 18 (2), 188-203.

Morgan, W. & Streb, M. (2001). Building citizenship: How student voice in service-learning develops civic values. Social Science Quarterly, 82(1), 154-169.

Reinders, H. (2016). Service-Learning – Theoretische Überlegungen und empirische Studien zu Lernen durch Engagement. Weinheim: Beltz.

Root, S. & Billig, S. H. (2008). Service-learning as a promising approach to high school civic engagement. In J. S. Bixby & J. L. Pace (Hrsg.), Educating democratic citizens in troubled times: Qualitative studies of current efforts (S. 107-127). New York: State University of New York Press.

Seifert, A., Zentner, S. & Nagy, F. (2012). Praxisbuch Service-Learning. »Lernen durch Engagement« an Schulen. Weinheim: Beltz.

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 8 vom 30.8.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Franziska Nagy studierte Publizistik, Politologie und Soziologie an der LMU München und der FU Berlin. Seit 2010 arbeitet sie zum Thema Service-Learning – Lernen durch Engagement an Schulen mit dem Ziel, allen Kindern und Jugendlichen gute Bildungserfahrungen und Zugang zu gesellschaftlichem Engagement zu ermöglichen und sie in ihrer Demokratiekompetenz zu stärken. Anfangs als Projektmitarbeiterin der Freudenberg leitet sie seit 2017 die Bereiche Politik, Wissenschaft und Kooperationen bei der Stiftung Lernen durch Engagement, einer Ausgründung der Freudenberg Stiftung.

Kontakt: franziska.nagy(at)lernen-durch-engagement.de

Weitere Informationen: www.servicelearning.de 

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