Thementag Inklusion

Freiwilliges Engagement von Jugendlichen: Erwünscht!

Millionen Menschen packt sie jedes Jahr von Neuem: Die Freude am Ehrenamt. Rund ein Viertel aller Deutschen engagiert sich freiwillig für die Gesellschaft. Im Rahmen der Woche des bürgerschaftlichen Engagements (12. bis 21. September) veranstaltete die Aktion Mensch einen »Thementag Inklusion« in Berlin. Im Fokus stand die Frage: Wie können sich Menschen mit und ohne Behinderung ehrenamtlich noch besser einbringen?

Mittwochvormittag, in einer Seitenstraße in Berlins trendigem Bezirk Prenzlauer-Berg: Rund 50 Interessierte haben den Großstadttrubel hinter sich gelassen und tauchen in eine Welt ein, in der die Phantasie mächtiger ist als die Wirklichkeit. Sie sind in die Ludothek des Vereins Fördern durch Spielmittel gekommen. Es ist ein Laden, in dem Kinder Spielzeuge ausleihen können. In den Regalen kuscheln sich bunte Stofftiere aneinander und stapeln sich Brett- und Geschicklichkeitsspiele. Vor den Eingängen des Vereins flattern die Fahnen der Aktion Mensch. Sie ist dieses Jahr offizieller Partner der Woche des bürgerschaftlichen Engagements, die das Bundesnetzwerks Bürgerschaftliches Engagement (BBE) zum zehnten Mal ausrichtet. Sie findet bundesweit mit rund 2700 Veranstaltungen statt.

»Inklusion und Ehrenamt« ist in diesem Jahr eines der drei Schwerpunktthemen, auf das die Aktion Mensch mit ihrem Thementag speziell aufmerksam machte. Und das beim Verein Fördern durch Spielmittel, denn er ist ein Musterbeispiel für echte Inklusion: Er beschäftigt in seinen Zweckbetrieben, einer Tischlerei und einer Schneiderei, gleichberechtigt Menschen mit und ohne Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Auch viele Ehrenamtler helfen Woche für Woche in der Ludothek aus. Zwar ist noch keiner dabei, der eine Behinderung hat. Aber offen ist der Geschäftsführer Siegfried Zoels dafür sehr und im Laufe der Veranstaltung wird sich abzeichnen: Es könnte bald der Fall sein.

Zur Einstimmung die Tischlerei, die Schneiderei und die Werkzeugräume des Vereins angeschaut und in fünf Minuten eine Spielzeugmaus gebastelt, sind die Besucher nun gespannt auf ein Gespräch über Inklusion im Ehrenamt. Den meisten von ihnen ist das Thema nicht ganz fremd. Sie kommen aus Elternberatungsstellen, Sportverbänden und inklusiven Stadtteilprojekten, von Freiwilligenverbänden und kirchlichen Organisationen. Beste Voraussetzungen für die Veranstaltung: Hier treffen sich genau die Menschen, die im Sinne des Thementags miteinander neue Projekte anstiften können.

Christina Marx, Bereichsleiterin Aufklärung bei der Aktion Mensch und Moderatorin des Gesprächs, hat an diesem Tag ein besonderes Anliegen: Wie können vor allem Jugendliche für ein ehrenamtliches Engagement begeistert werden? Denn: »Wenn wir über Inklusion sprechen, dann reden wir eigentlich von einem Gesellschafts- und einem Wertemodell. Es geht um Solidarität, Teilhabe und Vielfalt. Es ist wichtig, dass gerade Jugendliche sich in diese gesellschaftliche Debatte einbringen, deswegen ist das bürgerschaftliche Engagement von jungen Menschen extrem wichtig«, sagt sie.

Neben ihr auf dem Podium sitzen Siegfried Zoels von Fördern durch Spielmittel und Andreas Pautzke vom BBE, auch Anne Piest und Marc Ludwig von der Servicestelle Jugendbeteiligung. Seit 2001 informiert, berät und vernetzt die Servicestelle Jugendliche und Jugendinitiativen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Besonders in Schulen wollen sie noch mehr Freiwillige gewinnen. Seit Einführung der Ganztagsschule ist das der Ort, an dem die Jugendlichen ihre meiste Zeit verbringen. »Dort findet die meiste Beteiligung statt«, sagt Marc Ludwig. »Aber das muss noch ausgearbeitet werden«.

Ludwig und seine Kollegen setzen auch selbst Projekte zur Förderung von Jugendbeteiligung um. Seit März diesen Jahres beteiligen sie sich daran, eine neue Form der Jugendkommunikation von der Aktion Mensch zu gestalten. Für die JAM (Junge Aktion Mensch)-Plattform haben sie einen Jugendbeirat mit 16 Jugendlichen gebildet, die sich für dieses Format in ihrer Freizeit engagieren. Zwei Rollstuhlfahrerinnen sind dabei und ein Gehörloser. »Wir möchten die Meinung der Jugendlichen einbeziehen«, erklärt Projektleiterin Anne Piest die Idee dahinter. »Sie sollen für sich selber sprechen können«.

Für sich selber sprechen, das bedeutet auch: sich selbst verwirklichen zu können. Genau das ist für Andreas Pautzke, dem stellvertretenden Geschäftsführer des BBE, so wichtig am bürgerschaftlichen Engagement. Denn Ehrenamt heißt nicht: Arbeiten und dafür kein Geld bekommen. Sondern Ehrenamt heißt: sich gebraucht fühlen, heißt: soziale Teilhabe an der Gesellschaft, heißt: Anerkennung bekommen. Für alle Menschen dieser Gesellschaft. »Wir brauchen einen anderen Blickwinkel auf die Inklusion beim Ehrenamt«, sagt er. Menschen mit Behinderung sollten nicht nur Empfänger sondern auch Mitwirkende sein. »Man sollte nicht nur sehen: Sie können Manches nicht, deswegen muss man helfen. Sondern ein Mensch mit Behinderung kann sehr Vieles und er hat den Anspruch, die Gesellschaft mitzugestalten, sich zu verwirklichen«.

Aus dem Publikum steht Florian Wagener auf, der sich bei cultures interactive engagiert. Es ist ein Berliner Verein, der politische Bildung mithilfe von Jugendkulturen wie Rap, Graffiti oder Breakdance an junge Leute vermitteln will. Ehrenamtlich arbeiten schon viele Jugendliche dort. Wagener möchte aber seine Programme für Schüler und junge Erwachsene mit Behinderung stärker öffnen und fragt in die Runde: Sollte man bei Projekten eigentlich das Label »Inklusion« groß aufhängen oder schlicht die Rahmenbedingungen für ein inklusives Miteinander schaffen? Die Meinungen gehen da sicherlich auseinander. Anne Piest von der Servicestelle Jugendbeteiligung geht sehr pragmatisch dran: »Solange es nicht die Norm ist, sollte man darauf aufmerksam machen«, findet sie. »Sonst reden sich manche ein, sie könnten dort nicht mitmachen«.

Unter den Besuchern entspinnt sich schließlich eine Diskussion darüber, wann ein Projekt überhaupt inklusiv ist. Sie geben ehrlich zu: Das sei schwer zu wissen. Wie muss die Methodik von Workshops dann gedacht werden, damit sie alle Teilnehmer erreicht? Wie viele Pausen sind nötig? Wie müssen die Rahmenbedingungen gestaltet werden? Wie müssen die Gebäude ausgestattet sein, damit sie wirklich barrierefrei sind? Die Besucher sagen, sie hätten größtenteils kaum Erfahrung damit. Claudia Engelmann von der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung meldet sich mit einem Vorschlag: »Können wir ein neues Netzwerk gründen, in dem man sich über Praxisprojekte für Jugendliche und ehrenamtliches Engagement austauscht?« Florian Wagener nickt sofort interessiert.

Klar ist, viele Menschen in Deutschland wollen sich für die Gesellschaft einsetzen. Eine Umfrage der Aktion Mensch aus dem vergangenen Jahr hat herausgefunden: Neben denen, die sich bereits engagieren, wären ungefähr noch einmal so viele bereit, freiwillig eine Aufgabe für die Gesellschaft zu übernehmen. Die Aktion Mensch hatte daraufhin ihre Freiwilligendatenbank nochmals neu strukturiert, damit Interessierte noch schneller diejenige Aufgabe finden, die sie sich wünschen.

Manchmal geht es aber auch auf direktem Weg. Wie an diesem Thementag in Berlin. Zu der Veranstaltung ist auch Stefan Schenck gekommen und stellt sich als Vizepräsident des Behinderten-Sportverbands Berlin vor. Ehrenamt spielt gerade im Sport eine große Rolle und er will sich mit anderen Engagierten aus diesem Bereich austauschen. Doch Schenck hat auch einen Sohn, der das Down-Syndrom hat und im Rahmen eines Schul-Projekts eine ehrenamtliche Aufgabe sucht. Als Siegfried Zoels erzählt, dass in seiner Ludothek auch Ehrenamtler mitarbeiten, da kommt Schenck eine Idee. Sein Sohn hat schon bei anderen Organisationen Serviceerfahrung gemacht. Könne er vielleicht zukünftig in der Ludothek aushelfen? Siegrfried Zoels findet das prima. Jetzt muss Schenck nur noch seinen Sohn fragen, ob er Lust darauf hat. Das nächste ehrenamtlich-inklusive Engagement ist auf den Weg gebracht.

Autorin: Wiebke Schönherr


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