Partnerschaft von Unternehmen mit der Zivilgesellschaft

Sektorenübergreifende Partnerschaften zwischen Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Organisationen können ein bedeutendes und höchst effektives Instrument für die Bearbeitung gesellschaftlicher Herausforderungen sein. Partnerschaften bewähren sich aus gesellschaftspolitischen ebenso wie aus ökonomischen und aus bürgergesellschaftlichen Gründen. 

Unternehmen finden in sektorenübergreifenden Partnerschaften die Gelegenheit, im direkten, längerfristigen Kontakt mit ausgewählten Stakeholders ihre gesellschaftliche Verantwortung glaubwürdig unter Beweis zu stellen. Die Begegnung mit und das Feedback der zivilgesellschaftlichen Partnerorganisation(en) vertieft das Verständnis für zivilgesellschaftliche Handlungsformen, Motive und Akteure. Dieses Verständnis wiederum erleichtert die Antizipation, die Identifizierung und letztlich die Vermeidung möglicher Konflikte. 

Zivilgesellschaftliche Organisationen finden in sektorenübergreifenden Partnerschaften mehr als nur den Zugang zu materiellen Ressourcen. Viele Kompetenzen der Wirtschaft – Management Skills und Effizienz, aber auch Dinge wie Innovativität und Lösungsorientierung – nutzen auch der Bürgergesellschaft. Partnerschaften mit Unternehmen verhelfen zu neuen Öffentlichkeiten. 

Zwischen Marktwirtschaft und Zivilgesellschaft besteht Affinität...

Die Entstehung und der Erfolg von Marktwirtschaften wird von zivilgesellschaftlichen Strukturen zumindest erleichtert, wenn nicht gar erst ermöglicht. Denn Marktwirtschaft setzt einen gewissen sozialen Zusammenhalt voraus, sie braucht ein Minimum an Vertrauen und sozialem Kapital, und das sind Ressourcen, die die Zivilgesellschaft bietet. Umgekehrt braucht Zivilgesellschaft den Markt. Fehlt die für funktionierende Marktwirtschaften typische Dezentralisierung von ökonomischen Entscheidungen und ökonomischer Macht, hat die Zivilgesellschaft schlechte Karten. Im internationalen historischen Vergleich beobachtet man viel Parallelität zwischen der Durchsetzung marktwirtschaftlicher Ordnung und dem Ausbau von Zivilgesellschaft. So sehr Unternehmer und Unternehmen sich primär nach der Logik des Marktes verhalten und verhalten müssen, so wichtig können sie als zivilgesellschaftliche Akteure sein.

...und Spannung

Andererseits gibt es Varianten des Kapitalismus, Typen von Kapitalisten und Formen des marktwirtschaftlichen Unternehmertums, die sich überhaupt nicht auf zivilgesellschaftliches Engagement einlassen und vom gesellschaftlichen Zusammenhalt zehren statt ihn zu stärken. Diese Negativbeziehung zwischen Unternehmertum und Zivilgesellschaft findet sich wohl vor allem in besonders mobilen, räumlich fluiden, nirgends sesshaften Formen früheren und heutigen Unternehmertums, in der New Economy gestern und im internationalen Finanzkapitalismus heute.

Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen

So unbestreitbar es einerseits ist, dass Unternehmer und Manager eine Verantwortung für die ökonomisch erfolgreiche Führung ihres Unternehmens besitzen, so unbestreitbar ist es, dass sich ihre Verantwortung keineswegs darauf beschränken kann.

Nicht in ihrer Funktion als individuell rationale Profitmaximierer, sondern als eine zentrale gesellschaftliche Gruppierung mit besonderen Machtbefugnissen und wirtschaftlichen Ressourcen, die gesellschaftlich erzeugt wurden und letztlich der Gesellschaft wieder zugute kommen sollen, sind Vertreter der Wirtschaft auch als Gesprächs- und Verhandlungspartner der Politik und anderer gesellschaftlicher Gruppen gefragt und gefordert. Aus all dem erwächst eine besondere, über betriebswirtschaftliche Kalküle hinausgehende Verantwortung.

...mehr als die Erfüllung ökonomischer Aufgaben und Funktionen

Für den Begriff gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen bzw. der Wirtschaft muss eine Mindestbedingung gegeben sein: Auch wenn sich ein Akteur einen eigenen Nutzen (z. B. Reputationsgewinn, finanzielle Verbesserung der eigenen Lage) durch sein Handeln verspricht, so kann von einer gesellschaftlichen Verantwortung erst dann gesprochen werden, wenn ein evidenter bzw. konkret nachweisbarer Nutzen für andere Gruppen oder die Allgemeinheit durch praktische Schritte angestrebt wird – ein Nutzen, der sich im Fall der Wirtschaft nicht unmittelbar und zwangsläufig aus ihrer charakteristischen ökonomischen Tätigkeit ergibt (z. B. die Verbilligung eines Produkts, die auch dem Verbraucher zugute kommt; die Produktion von Filtern für ein Heizkraftwerk, um die Luftverschmutzung zu reduzieren; das Produkt eines Pharma-Konzerns, das Schmerzen lindert).

Viele Unternehmer und Manager bekennen sich ausdrücklich zu einer gesellschaftlichen Verantwortung, die ihnen ein besonderes Engagement, zumindest ein Hinausgehen über unternehmerische Routine, abverlangt. Nicht immer sind dabei ökonomische Opfer vorausgesetzt. Wirtschaftsunternehmen werden besonders dann zu gesellschaftlich verantwortlichem Handeln bereit sein, wenn mit dem Nutzen für die Gesellschaft auch ökonomische Vorteile für das eigene Unternehmen einhergehen.

Probleme und Risiken

Es bestehen durchaus Risiken einer Kooperation mit Unternehmen für zivilgesellschaftliche Organisationen, die ernst genommen werden sollten:

  • Bei einer Beschränkung der Kooperation auf Fragen des Geldes steht Leistungsaustausch statt Partnerschaft im Vordergrund; Erwartungen eines Sponsors an Gegenleistungen folgen einer anderen Logik als Partnerschaften mit einem gemeinsamen Ziel! Bei Sponsoring steht für zivilgesellschaftliche Organisationen im Tausch gegen Geld immer auch die Frage im Raum: Wie hoch sind die Kosten meiner Gegenleistung?

  • Aus der Selbsthilfe kennen wir das Spannungsfeld zwischen der Not von Betroffenen und den Interessen von Unternehmen aus der Pharmaindustrie: Wie stark ist unternehmerisches Handeln hier von den ökonomischen Interessen (in diesem Fall v. a. den Forschungs- und Entwicklungsinteressen) geleitet, wie stark ist es wirklich an den Bedarfen der Betroffenen orientiert? Der Verdacht der Instrumentalisierung durch Wirtschaftsinteressen ist Gift für Kooperationen!

  • Die eigenen Kompetenzen und auch die gemeinnützigen Ziele des zivilgesellschaftlichen Partners müssen durch den Partner aus der Wirtschaft wertgeschätzt und anerkannt werden; oftmals besteht der Verdacht seitens zivilgesellschaftlicher Organisationen, dass ihre Kompetenzen bei der Wirtschaft nicht hinreichend geschätzt und anerkannt werden. Dies freilich ist Voraussetzung gemeinsamer Problemlösungen.

  • Bei zivilgesellschaftlichen Organisationen gibt es oft ein breites Meinungsspektrum zu Kooperationsvorhaben mit Unternehmen inklusive kritischer Stimmen – diese Meinungsvielfalt sollte seitens des Partnerunternehmens nicht als störende Irritation wahrgenommen und bewertet werden. Letztlich wird es auf klare Kriterien fachlicher und organisatorischer Art ankommen, die eine Kooperation zugrunde liegen. Die Unterdrückung kritischer Stimmen zu Kooperationen mit der Wirtschaft wäre für zivilgesellschaftliche Akteure ein zu hoher Preis!

Vorteile der Kooperation mit Unternehmen

Zivilgesellschaftliche Partnerorganisationen können in folgenden Hinsichten profitieren:

  • bei der Professionalisierung ihrer Mitglieder,
  • bei der die Ressourcenmobilisierung, d. h. beispielsweise Geld,
  • Kompetenzen von Unternehmensmitarbeiterinnen und -mitarbeitern,
  • Räume,
  • Unternehmensdienstleistungen pro bono,
  • bei der Netzwerkbildung und der Gewinnung von Unterstützern und Bündnispartnern,
  • bei einer größeren Eigenständigkeit gegenüber der Politik durch Partner aus der Wirtschaft.

Erforderlich ist die jeweilige Kenntnis der Rollen der Partner aus Zivilgesellschaft und Wirtschaft und die gemeinsame Bereitschaft, bei kooperierenden gesellschaftlichen Verantwortungsrollen nach geteilten Standards zu handeln und zu verfahren. Für Partnerschaften bedeutet dies, dass eine Balance zwischen dem sog. Business Case und dem Social Case angestrebt werden muß, damit beide Seiten ihren Nutzen erzielen können. Das heißt: Partnerschaften mit Unternehmen sollten aus Sicht zivilgesellschaftlicher Organisationen eine bestimmte, zwischen den Partnern verabredete Aufgabe adressieren, gesellschaftlichen Bedarf treffen und in diesem Sinne gesellschaftlichen Nutzen bringen. Die Partner müssen mit ihren je spezifischen Kompetenzen und Ressourcen zusammen passen und sich gleichermaßen für die Ergebnisse sowie den Erfolg der Partnerschaft verantwortlich fühlen. Dann werden sie auch gegenseitiges Vertrauen und – neben der projektbezogenen Zusammenarbeit – auch eine Beziehung zueinander entwickeln, die das Potenzial für eine »strategische Partnerschaft« bietet.


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