Bildung und Engagement – Argumente für die Erstreckung eines aufgehobenen Kooperationsverbotes des Bundes in der Bildung auf die Engagementförderung

Demokratisches Lernen

Die Handlungsräume des Engagements sind zugleich wichtige Lern- und Bildungsorte. Sie sind zudem wichtige Erfahrungsorte eines politischen Lernens, von Werte- und Haltungsbildung in praktischen Lernzusammenhängen. Nur in den Erfahrungs- und Handlungsbezügen des Engagements, die verbunden sind mit dem Ziel, die »Gesellschaft zumindest im Kleinen zu gestalten« (Freiwilligensurvey), können sich demokratische Haltungen ausbilden und Wertbezüge und Spielregeln des Miteinander vielfältiger Akteure praktisch erfahren werden. Dies gilt auch für den Umgang mit und die Abgrenzung von unzivilen Formen des Engagements, die sich menschenfeindlich auswirken. Politische Bildung müsste sich den Lernorten der zivilgesellschaftlichen Praxis stärker öffnen und gemeinsam Strategien von Civic Education in lokalen Bildungslandschaften entwickeln und umsetzen.

Engagement- und demokratiepolitischer Verständigungsbedarf

Erforderlich ist zudem eine Stärkung der repräsentativen Demokratie durch neue, dialogische Beteiligungsformate und deliberativ verfasste direktdemokratische Verfahren. Das BBE empfiehlt vor diesem Hintergrund eine Demokratie-Enquete im Deutschen Bundestag, die ja im Sondierungspapier bereits als »Expertenkommission« grundgelegt ist. Sie könnte die mittel- und langfristigen Ziele einer modernen Demokratiepolitik in deren Verbindungen zur Engagementpolitik ausleuchten und Handlungsempfehlungen erarbeiten. Hier könnten auch die Initiative der »Allianz für Demokratie« (die die Bertelsmann-Stiftung koordiniert hat) als auch die Impulse von Mehr Demokratie aufgenommen und erörtert werden. 

Nach oben

Integriertes Curriculum für das Hauptamt in zivilgesellschaftlichen Infrastrukturen

Für das Hauptamt in den das Engagement begleitenden Infrastrukturen der Vereine und Verbände wie auch in den übergreifenden Infrastruktureinrichtungen des Engagements (Freiwilligenagenturen und -zentren, Seniorenbüros, Selbsthilfekontaktstellen, Mehrgenerationenhäuser, Bürgerstiftungen etc.) bedarf es eines integrierten Curriculums. Zu integrieren sind dabei Kompetenzen u.a. in folgenden Bereichen:

  • Engagementförderung
  • Partizipationsförderung
  • Umgang mit unzivilen Haltungen und Handlungen
  • Zugang zu Verwaltung/ Politik und Unternehmen/ Wirtschaft
  • Vernetzungskompetenzen
  • Digitale Kompetenzen und insgesamt kommunikative Kompetenzen
  • Beratungs-, Informations- und Vermittlungskompetenzen
  • Kooperationen in kommunalen Bildungslandschaften

Die Bundeszentrale für politische Bildung, selber Mitglied im BBE, könnte etwa als transparente und partizipative Plattform für Praxis und Wissenschaft einen solchen Curriculumsprozess auflegen und dabei auch die Hochschulen und Fachhochschulen sowie die Einrichtungen der politischen Bildung, der Jugend- und Erwachsen-/ Seniorenbildung und Vertreter der kommunalen Bildungsräume mitnehmen.

Selbstwirksamkeitserfahrungen eines eigensinnigen Engagements: Inklusion und eine Tätigkeit in Würde

Die informellen und non-formalen Lernräume des Engagements entfalten ihre Wirkung nur unter Berücksichtigung des Eigensinns jeglichen Engagements. Dazu gehört zentral die Freiwilligkeit des Engagements. Unter dem bisherigen Regime von Hartz IV hat man zwar Spielräume für Engagement gegeben, die Lernorte des Engagements aber nicht systematisch in ihrer Bedeutung erkannt und unterstützt wie genutzt. Engagement ermöglicht Erfahrungen von Selbstwirksamkeit und Würde und schafft Zugänge zu informellem und non-formalem Lernen. Eine kooperativ-partnerschaftliche Beschäftigungspolitik kann hier mit entsprechenden Fortbildungsangeboten ansetzen und so durchaus auch Zugänge zum ersten Arbeitsmarkt schaffen. Dies gelingt aber nur, wenn Engagement-Lernräume dem Prinzip der Freiwilligkeit verpflichtet sind.

Nach oben

Citizen Sciences und Zivilgesellschaftsforschung

Für den neuen Bereich der Citizen Sciences, d.h. der Förderung eines vielfältigen Engagements von Bürgerinnen und Bürgern in den Feldern der Wissenschaft, gab es erste gute Ansätze. Hier müsste freilich energisch fortgeschritten werden.

Zudem ist das inter- und transdisziplinäre Feld der Zivilgesellschaftsforschung zu entwickeln. Erste Ansätze gibt es jetzt beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) mit einem »Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung« und beim Maecanata-Institut in Berlin. Das BBE bietet mit seiner Arbeitsgruppe zur »Zivilgesellschaftsforschung« wichtige Anknüpfungen für den transdiziplinären Diskurs zwischen Theorie und Praxis. Doch wäre diese Entwicklung nachhaltig fortzusetzen und zu vertiefen.

In diesem Zusammenhang ist nicht zuletzt auch das Verhältnis von Zivilgesellschaft und Wirtschaft stärker in den Blick zu nehmen.

Zusammenfassung:

Wie dargestellt, ist Engagement ein komplexer und facettenreicher Lernort, dessen Bedeutung für Staat und Wirtschaft und natürlich für die Zivilgesellschaft und ihre Werte und Spielregeln groß ist. Die Infrastrukturen der Zivilgesellschaft in den Vereinen und Verbänden wie auch in den übergreifend tätigen Infrastruktureinrichtungen der Engagement- und Partizipationsforschung benötigen für die nachhaltige Begleitung und Qualifizierung der zivilgesellschaftlichen Lernräume verbindliche Strukturförderungen und eine Bundeskompetenz der dauerhaften Förderung.

Nach oben


Beitrag im Newsletter Nr. 3 vom 8.2.2018


Zurück zum Newsletter

Autor

Dr. Ansgar Klein ist Geschäftsführer des BBE, Publizist und Privatdozent für Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Kontakt: ansgar.klein(at)b-b-e.de 

Redaktion

BBE-Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
Michaelkirchstr. 17/18
10179 Berlin
Tel: +49 30 62980-115
E-Mail: newsletter(at)b-b-e.de 
http://www.b-b-e.de


Aktuelle Meldungen

16.02.2018

Assistenz: BBE-Projekt »PatInnen, MentorInnen, LotsInnen«

Das BBE sucht zum 1. April 2018 eine Assistenz für das Projekt »PatInnen, MentorInnen, LotsInnen in…

mehr…

15.02.2018

Studentische Hilfskraft: Servicestelle Jugendbeteiligung

Die Servicestelle Jugendbeteiligung sucht Unterstützung im Programmbereich Demokratieförderung…

mehr…

16.01.2018

Otto-Wels-Preis für Demokratie 2018: Ausschreibung

Unter dem Titel »Bürgerschaftliches Engagement – Miteinander stärken, Heimat gestalten« verleiht…

mehr…