Schleicher/ Horsthemke: Eine Illustration von Chancen und Herausforderungen von Bürgerforschung am Beispiel des Projektes Transformationsstadt – BürgerInnen forschen für ein Gutes Leben

Katharina Schleicher/ Lana Horsthemke

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Einleitung

Anfang des Jahres 2018 rief der Naturschutzbund Deutschland (NABU) wieder zur Stunde der Wintervögel auf, wobei interessierte BürgerInnen für einen Zeitraum von drei Tagen dazu angehalten wurden, Vögel zu zählen und dem NABU zu melden. Dieses Beispiel ist hier bewusst gewählt, denn die bekanntesten Beispiele für Citizen Science (oder auch »Bürgerforschung«) sind wohl öffentliche Aufrufe zur kollektiven Datenerhebung in naturwissenschaftlichen Bereichen – vor allem wenn es um die Erhebung größerer Datenmengen geht. Doch beispielsweise an der Definition des Grünbuches Citizen Science, welches Bürgerforschung als »die Beteiligung von Personen an wissenschaftlichen Prozessen, die nicht in diesem Wissenschaftsbereich institutionell gebunden sind« (Grünbuch Citizen Science, S. 4) beschreibt, lässt sich illustrieren: der Rahmen für die Ausgestaltung und Anwendung von Citizen Science kann deutlich weiter gefasst werden. Welche weiteren Anwendungsmöglichkeiten hat Bürgerwissenschaft also noch und welche Potenziale und Herausforderungen gehen damit bei der Zusammenarbeit von Praxis und Wissenschaft einher?

Ein Blick auf die Online-Plattform »Bürger schaffen Wissen« zeigt: die Anwendungsbereiche und Potenziale von Citizen Science gehen weit über Datenerhebung im naturwissenschaftlichen Bereich hinaus. Ob gemeinsames Erforschen von Stadtgeschichte, Techniken des Selbermachens oder urbane Landwirtschaft: Disziplinen übergreifend findet man wissenschaftliche Projekte, an denen BürgerInnen auf unterschiedliche Art und Weise beteiligt sind.

Jedoch ist Bürgerforschung nicht nur in unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen zu finden, sondern es sind auch sehr unterschiedliche Arten der Einbindung von BürgerInnen möglich. Bei der einfachsten Art der Beteiligung stellen Bürgerinnen Sensoren, beispielsweise zur Messung der Luftqualität zur Verfügung, die automatisiert Daten an WissenschaftlerInnen übertragen oder stellen Rechenleistung ihrer Computer bereit. Weiterhin können BürgerInnen bei der Erhebung größerer Datenmengen helfen, wie bei der Stunde der Wintervögel oder bei einfachen aber zeitaufwendigen Auswertungen helfen. Komplexer wird die Einbindung, wenn die BürgerInnen auf Augenhöhe mit den WissenschaftlerInnen in transdisziplinären Prozessen zusammenarbeiten und bereits in die Entwicklung der Fragestellung eingebunden sind. Bei der intensivsten Stufe von Bürgerforschung sind die BürgerInnen dann in allen Schritten der Forschung involviert oder sogar maßgeblich selbst für die Projekte verantwortlich (zur Kategorisierung vgl. auch Haklay 2013). Ziel ist bei all diesen Formen der Zusammenarbeit immer das Generieren neuen Wissens, oftmals aber zusätzlich die Bearbeitung realweltlicher Probleme, wobei die Einbeziehung der Bürgerschaft es erleichtern oder gar ermöglichen soll, geeignete Lösungen zu finden.

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Lokales Wissen zum Guten Leben

Das Projekt Transformationsstadt – BürgerInnen forschen für ein Gutes Leben, welches sich im Bereich der Sozialwissenschaften verorten lässt, dient im Folgenden als Beispiel, denn es vereint verschiedene Ebenen von Bürgerforschung. In dem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt entwickeln Projektpartner aus Wissenschaft und Praxis [1] bis Mitte 2019 ein Open-Data GeoPortal für Daten zum Thema Gutes Leben – eine Plattform für Bürgerforschung. Als thematische Rahmung für das »Gute Leben« wurde der »Better-Life-Index-urban« gewählt, eine lokale Adaption des Better-Life-Index der OECD. Dieser beschreibt und misst in 12 Dimensionen das Gute Leben, beispielsweise Gemeinschaft, Infrastruktur, Wohnen, Engagement, Umwelt oder Sicherheit. Im GeoPortal des Guten Lebens sollen BürgerInnen in Zukunft lokales Wissen aus ihren Quartieren auf einer Karte festhalten und finden können, wie zum Beispiel Initiativen und deren Netzwerkpartner, oder auch auf visuell aufbereitete Daten der Kommunen zugreifen können. Gleichzeitig kann das Portal auch WissenschaftlerInnen als Datenquelle dienen – und umgekehrt die Veröffentlichung von Forschungsdaten für eine breitere Zielgruppe ermöglichen. So wird eine große und vielschichtige Datenbank aus verschiedenen Wissensquellen geschaffen die helfen kann, Probleme im eigenen Quartier zu erkennen und zu erforschen. Mit einfachen Analysetools können Daten direkt im Portal analysiert werden und so neue Erkenntnisse über die Umgebung gewonnen werden. So soll eine Infrastruktur für Citizen Science geschaffen werden, welche BürgerInnen, Initiativen und Wissenschaft dauerhaft miteinander verzahnt, einen Wissensaustausch fördert und so das Gute Leben stärkt. 

Potenziale und Herausforderungen am Beispiel Transformationsstadt

Während das im Projekt zu entwickelnde Portal ein Instrument für Bürgerforschung darstellt, bewegt sich das Projekt selbst zwischen trandisziplinärer Zusammenarbeit und partizipativer Forschung und beinhaltet Bürgerwissenschaft dort, wo BürgerInnen erste Daten in das GeoPortal einspielen und so selbst mitforschen können. Während das Projekt sich zwischen diesen verschiedenen Ansätzen bewegt, verschwimmen die Grenzen dazwischen teilweise – ohnehin auch aufgrund der unterschiedlichen Definitionen von Bürgerwissenschaft.

So finden sich im Projekt verschiedene Intensitäten der Zusammenarbeit wieder: sowohl das Sammeln von Daten durch BürgerInnen als auch die enge Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen zivilgesellschaftlichen und wissenschaftlichen Institutionen, denn der Entwicklungsprozess des Portals erfolgt auf zwei verschiedene Arten im Co-Design: Das Portal wird zum einen projektintern gemeinsam von Partnern der Wissenschaft und Zivilgesellschaft und zum anderen auch zwischen dem Projektteam und BürgerInnen gestaltet.

Schon die Ursprungsidee für das Portal ist in Kooperation und auf Augenhöhe zwischen den transdisziplinären Verbundpartnern entstanden. Im Projekt ergänzen sich somit unterschiedliche Expertisen eines Teams aus Wissenschaft und Praxis. Der transdisziplinäre Charakter des Projektes stellt dabei Chance und Herausforderung zugleich dar: Während unterschiedliche Sprachen und Arbeitsweisen, beispielsweise zwischen ProgrammiererInnen und SozialwissenschaftlerInnen sehr fein abgestimmte Arbeits- und Kooperationsprozesse erfordern, um Missverständnisse zu vermeiden, schafft eben diese Diversität an Fähigkeiten innovative Lösungen.

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Zusätzlich zu dieser projektinternen Kooperation in einem zivilgesellschaftlich-wissenschaftlichen Verbund, besteht im gesamten Co-Design Prozess des Portals für BürgerInnen die Möglichkeit, sich in verschiedenen Bereichen des Projektes mit ihrem Wissen und ihren Ideen einzubringen, mit zu programmieren, zu gestalten und zu planen. Ab der ersten Testversion des GeoPortals im Winter 2018 kann dieses dann von BürgerforscherInnen genutzt werden, die ihr lokales Wissen eintragen, beispielsweise zur nachhaltigen Ernährung. Diese verschiedenen Beteiligungsmöglichkeiten im Projekt durchzuführen und zu bewerben, bringt einige Herausforderungen mit sich, insbesondere in Bezug auf die Kommunikation des Projektes. BürgerInnen richtig anzusprechen, Beteiligungsmöglichkeiten greifbar zu machen und ein Interesse für Forschung zu wecken, setzt innovative Kommunikationskanäle und -ansätze voraus. Außerdem stellt sich die Frage, wie die Datenqualität gewährleistet werden kann, wenn BürgerInnen selbst ihr lokales Wissen in das Portal eintragen können.

Gelingt diese Form der Zusammenarbeit, bringt Bürgerwissenschaft jedoch wertvolle Vorteile mit sich. Wenn die entstandenen Daten, wie im Projekt Transformationsstadt vorgesehen, öffentlich zugänglich sind, trägt diese Form der Bürgerforschung zur Öffnung der Wissenschaft und Verbreitung des gewonnenen Wissens bei und könnte ein Schritt in Richtung einer Demokratisierung der Wissenschaft sein. Außerdem lernen die beteiligten Akteure nicht nur die Perspektiven der jeweils anderen kennen, sondern die BürgerforscherInnen können beim Erheben oder Auswerten von Daten auch einen tieferen Einblick in ihre Umgebung bekommen. Viele Bürgerforschungsprojekte beinhalten explizit auch Bildungselemente, beispielsweise wenn SchülerInnen als »Plastikpiraten« mehr über Umwelt und Naturschutz lernen. Als eine spezifische Form von Beteiligung ist anzunehmen, dass auch Bürgerwissenschaft und partizipative Forschung durch die Bildungseffekte unterstützend auf dem Weg hin zu einer Nachhaltigkeitstransformation sein könnte.

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Fazit

In welchem Verhältnis Wissenschaft und Zivilgesellschaft Citizen Science betreiben und wie intensiv die Praxis eingebunden wird, ist keine rein normative Frage (im Sinne von ›je mehr Augenhöhe, desto besser‹), sondern eine Frage der Zielsetzung und Sinnhaftigkeit. Citizen Science ist nicht für alle Forschungsvorhaben ein geeigneter Ansatz und nicht alle zivilgesellschaftlichen Projekte profitieren zwingend von Forschung oder einer Kooperation mit wissenschaftlichen Institutionen. An vielen Stellen ist aber auch die Möglichkeit der Zusammenarbeit durch vorhandene Ressourcen begrenzt, da diese auf beiden Seiten oft zusätzliche Zeit und Dialog in Anspruch nimmt. Gelingt Citizen Science, kann dies zu einem besseren gegenseitigen Vertrauen und Verständnis von bzw. in Wissenschaft führen und es können Synergieeffekte geschaffen und genutzt werden.

Das volle Potenzial von Citizen Science bleibt in Zukunft noch weiter zu erforschen und auszutesten. Das Projekt Transformationsstadt und zahlreiche weitere Bürgerforschungsprojekte werden projektbegleitend evaluiert, sodass wir hoffen, weiter aus dieser Art von Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Praxis zu lernen und mehr über die Potenziale des gemeinsamen Forschens schlussfolgern zu können.

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Endnoten

  1. Verbundpartner ist neben den Forschungsinstituten Wuppertal Institut und dem Zentrum für Transforma-tionsforschung und Nachhaltigkeit die zivilgesellschaftliche Initiative Utopiastadt.

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Literatur

Bonn, A., Richter, A., Vohland, K., Pettibone, L., Brandt, M., Feldmann, R., Goebel, C., u. a. 2016. »Grünbuch Citizen Science Strategie 2020 für Deutschland.« Helmholz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig, Leipzig, Museum für Naturkunde Berlin, Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung (MfN), Berlin-Brandenburgisches Institut für Biodiversitätsforschung (BBIB), Berlin.

Haklay, Muki. 2013. »Citizen Science and Volunteered Geographic Information: Overview and Typology of Participation«. In Crowdsourcing Geographic Knowledge, herausgegeben von Daniel Sui, Sarah Elwood, und Michael Goodchild, 105–22. Dordrecht: Springer Netherlands.

Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD). 2017. How’s Life? 2017 - Measuring Well-Being. Paris: OECD Publishing.

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Beitrag im Newsletter Nr. 20 vom 2.10.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorinnen

Katharina Schleicher ist Doktorandin im Fach Politikwissenschaft und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit der Bergischen Universität Wuppertal. Dort ist sie als wissenschaftliche Koordinatorin des BMBF-geförderten Projektes »Transformationsstadt – BürgerInnen forschen für ein Gutes Leben« tätig. Sie studierte Soziologie und Rechtswissenschaften an der Universität Konstanz (B.A.) und Global Studies im Erasmus Mundus Programm an den Universitäten Leipzig und Roskilde, Dänemark.

Kontakt: schleicher(at)uni-wuppertal.de

Lana Horsthemke ist Studentin im Fach Sozialwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und Projektassistentin im Projekt Transformationsstadt am Zentrum für Transformationsforschung und Nachhaltigkeit der Bergischen Universität Wuppertal.

Das Projekt »Transformationsstadt« wird im Rahmen des Förderbereichs Bürgerforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Es gehört zu 13 Projekten, die bis Ende 2019 die Zusammenarbeit von Bürgern und Wissenschaftlern inhaltlich und methodisch voranbringen und Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen geben sollen.

Weitere Informationen: www.transzent.dewww.transformationsstadt.de/geoportal

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