Zur Situation des deutschen Spendenwesens im Jahr 2017

Burkhard Wilke

Einleitung

Dieser Beitrag dokumentiert wichtige Entwicklungen des deutschen Spendenwesens im zu Ende gehenden Jahr 2017. Dabei schließt er an die Informationen des im Dezember vergangenen Jahres erschienenen Spenden-Almanachs 2016 an. Die statistischen Erkenntnisse zur Spendenentwicklung in Deutschland sind nach wie vor lückenhaft, die einzelnen Erhebungen bedienen sich zudem unterschiedlicher Methoden und kommen somit auch zu teils deutlich voneinander abweichenden Resultaten. Der Zahlenteil dieser Situationsbeschreibung bildet die vorhandenen Teile des Mosaiks ab und setzt sie so zueinander in Beziehung, dass zumindest ansatzweise ein Gesamtbild erkennbar wird. Das DZI hat sich im Jahr 2017 intensiv in die Beratungen beim »Forum Zivilgesellschaftsdaten« eingebracht, das im September 2016 unter dem Dach der ZiviZ gGmbH beim Stifterverband für die deutsche Wissenschaft e.V. etabliert worden ist. Dem Forum gehören neben dem DZI und ZiviZ zehn weitere Organisationen, Unternehmen und Institutionen an, die Dauerberichterstattung zu zivilgesellschaftlichen Themen durchführen. Im Bereich der Spendenstatistik knüpfen diese Beratungen an Ergebnisse eines Fachgesprächs an, das auf Initiative des DZI im Juli 2014 mit weitgehend identischem Teilnehmerkreis stattgefunden hatte. 

Nach oben

1. Spendenentwicklung - Trends, Quote und Internationales

Folgt man der Datensammlung »Spendenjahr 2017: Trends und Prognose«, die Ende November 2017 vom Dachverband Deutscher Spendenrat e.V. und der GfK SE vorgelegt wurde, so hat sich das Spendenaufkommen von Januar bis September 2017 gegenüber dem Vorjahreszeitraum leicht erhöht (+ 0,9 Prozent). Der Mitte Dezember vom Deutschen Fundraising Verband e.V. zusammen mit Kantar TNS veröffentlichte »Spendenmonitor 2017« berechnet für 2017 eine Erhöhung der Geldspendensumme privater Haushalte um 3 Prozent. Methodenbedingt sind dem Jahr 2017 bei dieser im November 2017 abgeschlossenen Umfrage die Monate November und Dezember 2016 zugeordnet.

Ein Grund für die höheren Geldspenden dürften 2017 die Spenden zugunsten der von einer Dürre in ostafrikanischen Ländern und im Jemen betroffenen Menschen gewesen sein. Dazu hatte im Juni 2017 auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die deutsche Bevölkerung aufgerufen. Nach einer Zwischenerhebung des DZI wurden für die Hungersnot in Afrika bis Ende August 2017 rund 83 Millionen Euro in Deutschland gespendet. Im Jahr 2016 hatte es demgegenüber keine durch die Medien stark kommunizierten besonderen Spendenanlässe gegeben.

Einen internationalen Vergleich zumindest der Spenderquote ermöglicht seit 2010 der online kostenfrei abrufbare WORLD GIVING INDEX der britischen Charities Aid Foundation (CAF). Berichts- und Erhebungsjahr klaffen hier jeweils um ein Jahr auseinander. Die Daten des im September 2017 veröffentlichten WORLD GIVING INDEX 2017 wurden im Jahr 2016 durch das Meinungsforschungsinstitut Gallup in 139 Staaten weltweit erhoben. In Deutschland ist danach die Spenderquote in der Bevölkerung (15 Jahre und älter) 2016 auf 55 Prozent leicht gesunken (2015: 58 Prozent). Das dürfte auf einen Normalisierungseffekt zurückzuführen sein, denn im Unterschied zu 2016 hatte es 2015 zusätzliche Spendenbereitschaft zugunsten der Opfer des Erdbebens in Nepal und für die nach Deutschland geflüchteten Menschen aus Kriegs- und Krisengebieten vor allem des Nahen und Mittleren Ostens gegeben. Im siebenjährigen Vergleich (2009-2016) liegt die deutsche Spenderquote gemäß World Giving Index im Bereich von ca. 48 bis 58 Prozent, zuletzt mit eher steigender Tendenz. Damit ist die Spendenbeteiligung in Deutschland zwar immer noch geringer als etwa den Niederlanden und Großbritannien (2016: 64 Prozent), Kanada (61 Prozent) oder Irland (60 Prozent), nimmt aber im Feld der 139 untersuchten Staaten mit Platz 14 inzwischen einen sehr hohen Rang ein.

Ein ähnliches Niveau der Spenderquote, allerdings mit jeweils gegenläufigen Tendenzen, berichten der Deutsche Freiwilligensurvey (2009: 58 Prozent; 2014: 54 Prozent) sowie das Sozio-oekonomische Panel (SOEP; 2009: 40 Prozent; 2014: 48 Prozent; vgl. IW-Kurzbericht 88.2017). Wesentlich niedrigere Werte und eine zuletzt eher sinkende Tendenz weisen dagegen die Erhebungen des Deutschen Spendenrats e.V. mit der GfK aus (2009: 34,3 Prozent; 2014: 33 Prozent; 2016: 32,7 Prozent), und ebenso die des Deutschen Fundraising Verbands e.V. mit Kantar TNS (2009: 39 Prozent; 2014: 45 Prozent; 2016: 38 Prozent). Auf europäischer Ebene ist Mitte 2017 die Studie »Giving in Europe. The state of research on giving in 20 European countries« erschienen, herausgegeben von ERNOP (European Research Network on Philanthropy). Die einzelnen Länderdarstellungen sind kostenfrei abrufbar unter http://www.ernop.eu/countries/.

Nach oben

2. Spendenentwicklung - Geldspendenvolumen

Die privaten Haushalte haben in Deutschland den Berechnungen des DZI zufolge im Jahr 2016 rund 7,7 Mrd. Euro Geldspenden für gemeinnützige Zwecke geleistet (vgl. DZI Spenden-Almanach 2017, Seite 292) und somit 8,9 Prozent mehr als 2015 (7,07 Mrd.). Diese Hochrechnung stützt sich auf den DZI Spenden-Index und auf Berechnungen des Spendenvolumens privater Haushalte, die das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 2011 für das Bezugsjahr 2009 veröffentlicht haben. Das DIW hat das Geldspendenvolumen auf Basis der neueren SOEP-Daten für 2014 in öffentlichen Äußerungen bereits mit 8 Mrd. Euro angegeben. Da hierzu aber bisher keine umfassende wissenschaftliche Studie vorliegt, bezieht sich das DZI mit seinen Hochrechnungen zunächst weiter auf die Veröffentlichungen von WZB und DIW aus dem Jahr 2011.

Für den nach wie vor beträchtlichen Unterschied zu dem von Spendenrat und GfK angegebenen Spendenvolumen (2016: 5,3 Mrd.) sowie die oben bereits beschriebenen Niveauunterschiede bei den berechneten Spenderquoten gibt es keine vollständig befriedigende Erklärung. Ein Grund dürfte sein, dass vom Spendenrat Einzelspenden von über 2.500 Euro nicht berücksichtigt werden. Außerdem befragen Spendenrat und GfK die Bevölkerung bereits ab einem Alter von 10 Jahren (Freiwilligensurvey sowie Kantar TNS ab 14 Jahre; World Giving Index ab 15 Jahre; SOEP ab 18 Jahre). Die methodischen Unterschiede der wichtigsten Erhebungen zur deutschen Spendenstatistik analysiert Karsten Schulz-Sandhof, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der DZI-Spendenberatung, ab Seite 10 im DZI-Spenden-Almanach 2017.

Nach oben

3. Spendenzwecke und Struktur des Spendenwesens

Über die Aufteilung der Spenden auf unterschiedliche gemeinnützige Zwecke gibt die BILANZ DES HELFENS 2017 Auskunft. Sie wurde im Februar 2017 vom Deutschen Spendenrat e.V. und der GfK vorgestellt. Danach entfielen 2016 76,8 Prozent der Spenden auf die Humanitäre Hilfe, 5,5 Prozent auf Tierschutz, 2,7 Prozent auf Sport, 2,6 Prozent auf Kultur-/Denkmalpflege, 2,5 Prozent auf Umwelt-/Naturschutz und 10 Prozent auf sonstige gemeinnützige Zwecke (Abweichung auf 100 Prozent ist rundungsbedingt).

Eindeutige Angaben zur Gesamtzahl der Spendenorganisationen in Deutschland gibt es nicht - schon allein deshalb, weil die Bezeichnung »Spendenorganisation« nicht klar definiert ist. Der Mitte 2017 veröffentlichte »ZIVIZ-SURVEY 2017« von Dr. Holger Krimmer, Jana Priemer und Anaël Labigne bietet eine umfassende Bestandsaufnahme der zivilgesellschaftlichen Strukturen in Deutschland im Jahr 2016. Demzufolge gab es 2016 in Deutschland 633.922 zivilgesellschaftliche Organisationen:

Eingetragene Vereine 603.886
Stiftungen bürgerlichen Rechts 17.274
gemeinnützige GmbHs 11.440
Genossenschaften 1.322 (gemeinnützig, Energie, Soziales)
Gesamtzahl 633.922

Zur Anzahl nicht eingetragener Vereine sowie kirchlicher Stiftungen, die der Zivilgesellschaft ebenfalls zuzurechnen wären, gibt es für Deutschland im Übrigen keine genauen Schätzungen. Der Sektor finanzierte sich dem ZIVIZ-SURVEY 2017 zufolge zu 39 Prozent aus Mitgliedsbeiträgen, 20 Prozent aus selbsterwirtschafteten Mitteln, 19 Prozent aus Spenden, 11 Prozent aus öffentlichen Mitteln, 4 Prozent aus Sponsorengeldern, 3 Prozent aus Vermögenserträgen und zu 2 Prozent aus sonstigen Einnahmen (Abweichung auf 100 Prozent ist rundungsbedingt).

Spenden nehmen alle zivilgesellschaftlichen Organisationen gern entgegen. Aber nur ein kleiner Teil, geschätzt 2.000 bis 3.000, wirbt regelmäßig, systematisch und überregional um Spenden. Rund 1.100 von diesen dokumentiert die Spenderberatung des DZI in unterschiedlicher Intensität, abhängig von der Häufigkeit der ihm zur jeweiligen Organisation zugehenden Anfragen.

Nach oben

4. Wichtige Ereignisse und Entwicklungen

Ein Team des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) unter Leitung von Frau Dr. Maja Adena hat die Effizienz des DZI Spenden-Siegels in einem verhaltensökonomischen Experiment mit etwa 500 Teilnehmern untersucht. Dabei erhielt eine Gruppe einen Spendenaufruf der in Berlin ansässigen Björn Schulz Stiftung, eine andere Gruppe wurde zusätzlich zu dem Spendenaufruf darüber informiert, dass diese Stiftung das DZI Spenden-Siegel trägt. Die darüber informierten Teilnehmer spendeten durchschnittlich 10 Prozent mehr als diejenigen, die den Brief ohne Information über das Gütesiegel erhielten. Auch wenn die Teilnehmer aufgeklärt wurden, dass die gemeinnützigen Organisationen dem DZI eine Gebühr für die Siegel-Prüfung zahlen müssen, verringerte sich die Spendenbereitschaft nicht.

Überträgt man die Ergebnisse der WZB-Studie auf die Gesamtzahl der derzeit 227 Spenden-Siegel-Organisationen mit ihrer jährlichen Geldspendensumme von rund 1,4 Milliarden Euro (2014), so lässt sich schlussfolgern, dass jährlich bis zu 130 Millionen Euro an Geldspenden durch die positive, Vertrauen schaffende Wirkung des Spenden-Siegels generiert werden. Diesem rechnerischen Mehrwert stehen Prüfgebühren für die Bearbeitung der Spenden-Siegel-Anträge von jährlich rund 720.000 Euro gegenüber: ein Euro Prüfgebühr ermöglicht bis zu 180 Euro an zusätzlichen Geldspenden.

Das International Committee on Fundraising Organizations (ICFO), der weltweite Zusammenschluss unabhängiger Spendenprüfstellen, hat im September 2017 erstmals konkrete Qualitätsrichtlinien für die Prüfung Spenden sammelnder Organisationen erarbeitet. Die »ICFO Principles for Charity Assessment« sind auf der Website http://www.icfo.org abrufbar.

Die 2010 gestartete »Initiative Transparente Zivilgesellschaft« konnte die Zahl der ihr angeschlossenen Unterzeichner 2017 stärker erhöhen als in den Vorjahren. Ende 2017 haben sich etwas mehr als 950 Organisationen und Einrichtungen (Dezember 2016: rund 800) zur Veröffentlichung der zehn von der ITZ festgelegten Basisinformationen entschlossen. Dieses niedrigschwellige Transparenzinstrument wird federführend von Transparency International Deutschland betrieben und von einem Trägerkreis koordiniert, dem unter anderem auch das DZI angehört. Der Trägerkreis hat sich im Frühjahr 2017 auf der Grundlage der Ergebnisse eines halbjährigen Pilotprojektes dafür ausgesprochen, dass das DZI die Haupt- und Ehrenamtlichen bei Transparency International Deutschland längerfristig bei der administrativen Umsetzung der ITZ unterstützt.

Nach oben


Beitrag im Newsletter Nr. 1 vom 11.1.2018


Zurück zum Newsletter

Autor

Burkhard Wilke ist Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI).

Kontakt: wilke(at)dzi.de 

Weitere Informationen zum Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen 

Weitere Informationen zum DZI Spenden-Almanach 2017 

Redaktion

BBE-Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
Michaelkirchstr. 17/18
10179 Berlin
Tel: +49 30 62980-115
E-Mail: newsletter(at)b-b-e.de 
http://www.b-b-e.de


Aktuelle Meldungen

18.01.2018

Projektassistenz Deutsch-Arabisches Medienprojekt: Jugendpresse Deutschland e.V.

Die Jugendpresse Deutschland sucht vorbehaltlich der endgültigen Bewilligung durch den…

mehr…

16.01.2018

Otto-Wels-Preis für Demokratie 2018: Ausschreibung

Unter dem Titel »Bürgerschaftliches Engagement – Miteinander stärken, Heimat gestalten« verleiht…

mehr…

16.01.2018

ProjektmanagerIn Corporate Social Responsibility (CSR): UPJ e.V.

Für die Geschäftsstelle in Berlin sucht UPJ e.V. zum 1. März 2018, gerne auch früher, eine/n…

mehr…