Radtke: Unternehmerische Verantwortung und Corporate Social Responsibility (CSR) im 21. Jahrhundert: neuer Begriff, alte Idee, immer unentbehrlich!

Einleitung

Die Welt ist komplexer geworden. Durch die Globalisierung bestehen transnationale Strukturen, in denen die Macht längst nicht mehr nur beim Staat liegt. Globale Konzerne machen weltweit Geschäfte - und nehmen damit auch Einfluss auf die internationale Politik. Große und einflussreiche multinationale Konzerne hat es in der Neuzeit schon immer gegeben. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert konkurrierten die Britische und die Niederländische Ostindien-Kompanien miteinander, dominierten den internationalen Handel in Ostasien, setzten geopolitische Akzente und übten einen massiven Einfluss auf Politik und Gesellschaft aus. Wirtschaftliche Machte ist immer auch politische Macht. Die politische Macht der globalen Konzerne gegenüber anderen Akteuren hinsichtlich Unternehmensgröße und wirtschaftlicher Entwicklung ist somit auch heutzutage ein nicht zu unterschätzender Faktor. Der Umsatz einiger internationaler Großkonzerne ist vergleichbar mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) mancher Volkswirtschaften und übersteigt dieses sogar in einigen Fällen. So erzielte beispielweise Volkswagen als größter deutscher Konzern 217,3 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2016. Dieser Wert ist nur in 44 Ländern der Welt höher. Zu diesen gehören alle großen Industriestaaten, wie die USA, China, aber auch Deutschland oder Frankreich. VWs Umsatz übersteigt damit das BIP von mehr als 100 Ländern.[1] Mit solch einer Macht geht seit jeher Verantwortung einher, nicht nur im ökonomischen Sinne, sondern auch unter dem Aspekt des Sozialen und Ökologischen. Unternehmen sind durch die zunehmenden globalen Interdependenzen zu politischen Akteuren geworden. Es darf deshalb nicht nur Aufgabe des Staates sein, sich für die sozialen Rechte der Arbeitnehmer oder etwa für den Umweltschutz einzusetzen. Das bedeutet: Unternehmen und Unternehmer haben immer soziale Verantwortung. Dieser Verantwortung kann man gerecht werden - oder auch nicht. Aber sie ist stets da. Denn jedes wirtschaftliche Agieren ist (wie jedes menschliche Handeln) an einen ethischen Anspruch gebunden. 

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Unternehmen müssen sich ihrer sozialen Verantwortung stellen

Schon das Mittelalter kennt das Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns. 1891 mahnt Papst Leo XIII eindringlich an die Rechte, aber auch ethischen Pflichten, die alle Akteure im wirtschaftlichen Prozess - Arbeitgeber und Arbeitnehmer - erfüllen müssen, und begründet mit seiner Enzyklika »Rerum novarum« die katholische Soziallehre. Gerade die christlichen Sozialethiken haben eine Wirtschaftsethik entwickelt, in der der unternehmerischen Verantwortung eine tragende Rolle zukommt. In dieser Tradition steht auch die Soziale Marktwirtschaft, das deutsche Erfolgsmodell.

Seit einigen Jahren nun wird diese Verantwortung unter einem neuen Begriff zusammengefasst und diskutiert: Corporate Social Responsibility (CSR). In gewisser Hinsicht ist dies neuer Wein in alten Schläuchen - aber darauf kommt es nicht an. Wichtig ist, dass gerade nach der Weltwirtschafts- und Finanzkrise 2007 wieder wirtschaftsethische Fragen ernster genommen werden und ins öffentliche Bewusstsein zurückgekehrt sind. So ist es erfreulich zu lesen, dass laut einer Studie der TNS Emnid von 2015 97 Prozent der befragten Führungskräfte es als Aufgabe der Unternehmen ansehen, so zu wirtschaften, dass sie dabei soziale und ökologische Belange einbeziehen.[2] Es findet sich heutzutage auch fast kein Konzern mehr, der keine CSR-Projekte durchführt. Diese unterscheiden sich jedoch von Unternehmen zu Unternehmen, je nach Größe und Struktur. Multinationale Konzerne haben andere Verpflichtungen als regional verwurzelte, kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Während KMU ihre Verantwortung eher innerbetrieblich und vor allem gegenüber ihren Mitarbeitern sehen, verstehen größere und vor allem umsatzstärkere Betriebe ihre Verantwortung darin, auch gesamtgesellschaftliche Fragen aufzunehmen und Umweltaspekte miteinzubeziehen.

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Gründe für CSR

In der neueren Forschung zu CSR wird oft betont, dass es für die Motivation, CSR in der Unternehmenspraxis umzusetzen, von Seiten der Unternehmensführung keine reinen altruistischen Motive braucht. Stattdessen hat Forschung immer wieder den Blick darauf gelenkt, dass gelebte CSR zum Unternehmenserfolg, also zur Gewinnmaximierung beiträgt: Wer nachhaltig unternehmerisch handelt, ist langfristig erfolgreicher. Drei Gründe werden hier genannt. Erstens, Konsumenten entscheiden sich eher für das Unternehmen, das sich sozial engagiert und einen guten Ruf genießt, und sie zeigen dann sogar eine höhere Zahlungsbereitschaft (Kundenbeziehungen). Eng damit verbunden ist zweitens der verbesserte Ruf des Unternehmens (Reputation). Das erhöht nicht nur die Kundenbindung, sondern verbessert die Beziehungen zu anderen Wirtschaftsakteuren, wie Lieferanten, Zulieferern, oder allgemein anderen Unternehmen. Diese sind nun eher dazu bereit, Geschäfte mit dem Unternehmen zu machen und wollen mit diesem auch assoziiert werden. Andererseits hilft ein guter Ruf auch dabei, sich als attraktiver Arbeitgeber zu positionieren und im Wettbewerb um gut ausgebildete Fachkräfte. Fasst man die genannten Gründe zusammen und paart diese noch mit steigender Innovationsfreudigkeit, ergibt sich drittens der Effekt: Der Wert des Unternehmens steigt (Profitabilität). Denn CSR erhöht die Rechenschaftspflicht des Unternehmens und seine Transparenz mit Analysten, Anteilseigern und den Medien. Das wiederum erhöht den Ruf des Konzerns bei Investoren, sodass CSR als Kriterium bei der Anlagestrategie berücksichtigt wird. Das Ergebnis sind dann positive Wechselwirkungen, bei denen der Unternehmenswert steigt und somit der Zugang zu Kapital erleichtert wird.

Letztlich sind die Folgen ethischen Handeln für die Gesellschaft dieselben - ob sie nun aus altruistischem Antrieb oder rein egoistischer Motivation erfolgen. Ganz gleich, warum also Unternehmen CSR ernst nehmen - Hauptsache ist, dass sie ihrer Verantwortung gerecht werden. Ich möchte mir hier aber eine Anmerkung erlauben: Ich finde es schade, ja einen traurigen Umstand, dass es für einige Akteure nicht mehr ausreicht, dass ethisches Handeln - auch im Unternehmen und in der Wirtschaft - sich eigentlich aus sich selbst erschließt. Wenn sogar soziale Verantwortung nur noch mit Argumenten persönlichen Gewinnstrebens vermittelbar ist, ist dies eine bedenkliche Entwicklung.

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CSR auf EU-Ebene

Zurück zur politischen Bedeutung, die CSR in den letzten Jahren erfahren hat: Die Bundesregierung hat 2010 den Aktionsplan CSR verabschiedet, der schrittweise umgesetzt wird. Seit 2013 zeichnet sie nachhaltig handelnde Unternehmen mit dem CSR-Preis aus. Damit sollen besonders engagierte Unternehmen gewürdigt werden, die ihrer sozialen Verantwortung nachkommen und als Vorbild für andere Unternehmen handeln. Weiterhin hat die Bundesregierung Ende 2016 einen nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verabschiedet. Diese sind ein eindeutiges Zeichen dafür, dass die Weltgemeinschaft immer mehr begreift, wie wichtig es ist, wirtschaftliches Handeln ethisch zu verankern. Die internationale Staatengemeinschaft muss gemeinsam Lösungen und Strategien erarbeiten, um nachhaltiges Wirtschaftswachstum zu fördern. Als Paradebeispiel hierfür dient die EU. Sie verfolgt seit dem Jahr 2000 das Ziel zur Förderung gesellschaftlicher Verantwortung von Unternehmen und eine nachhaltige Entwicklung.

2001 wurde erstmals eine Publikation - das Grünbuch der EU »Europäische Rahmenbedingungen für die soziale Verantwortung der Unternehmen« - zu CSR durch die Europäische Kommission veröffentlicht. Von 2011 bis 2014 verfolgte die Kommission »eine neue EU-Strategie (2011-2014) für die soziale Verantwortung der Unternehmen (CSR)«. Diese wurde durch zwei Resolutionen durch das Europäische Parlament unterstützt.

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Globalisierung wird nur gemeistert, wenn alle ihre Verantwortung annehmen

Es liegt in unser aller Verantwortung nachhaltig zu handeln, um die Folgen der Globalisierung zu meistern und zum Positiven zu gestalten. Die Politik kann dies nicht allein bewerkstelligen. Politik ist nicht dazu da, die Folgen unethischen wirtschaftlichen Handelns abzumildern. Unternehmen müssen von Anfang an ihrer Verantwortung gerecht werden. Es ist ihre Pflicht, ihren Einfluss, ihr Wissen, aber auch ihre Ressourcen dazu einsetzen, um nachhaltige Geschäftsmodelle zu etablieren. Nur durch Einhaltung von Arbeits- und Sozialstandards, Einführung von Energieeffizienz und Ressourcenschonung und ein Angebot an nachhaltigen Produkten und Dienstleistungen, können globale Herausforderungen gemeistert werden. Wie eingangs betont, unterliegt jedes Handeln ethischen Ansprüchen und damit auch das wirtschaftliche und unternehmerische Handeln. Wer handelt, hat Verantwortung, ob er will oder nicht. Wirtschaft ist kein Bereich, in der die ansonsten für die Gesellschaft geltenden Werte außer Kraft gesetzt sind. Meiner Meinung nach ist es ein erheblicher inhaltlicher Schwachpunkt in der Diskussion über CSR, dass hier ethisches Handeln in der Wirtschaft nur unter den Aspekten von Profitabilität und Freiwilligkeit vorstellbar ist. Die traditionellen Wirtschaftsethiken sind in ihrer Argumentation in diesem Punkt oft stärker und eindeutiger. So ist die Soziale Marktwirtschaft von Anfang wirtschaftsethisch fundiert. Die Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft ist kein spieltheoretisches Arrangement mit dem einzigen Ziel, dass ihre Akteure auf eine möglichst hohe individuelle Gewinnmaximierung setzen. Die Soziale Marktwirtschaft ist als Wirtschaftsordnung immer auch eine Werteordnung. Es liegt nicht nur im Interesse eines Unternehmers, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Unternehmerische Verantwortung zu haben und zu leben, ist ein ethischer Anspruch, der die Akteure verpflichtet - und den eine Gesellschaft gegenüber Unternehmen und Unternehmern auch einfordern darf. Aber ganz gleich, welchen - alten oder neuen - Namen man dieser Verantwortung gibt, ohne die unternehmerisches Handeln nicht stattfinden darf, wichtig ist nur, dass diese Verantwortung angenommen und umgesetzt wird.

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Endnoten

  1. https://www.finanzen100.de/finanznachrichten/wirtschaft/volkswagen-macht-mehr-umsatz-als-147-laender_H494197955_418592/ - 09.08.2018
  2. Gesellschaftliche Verantwortung der Unternehmen - TNS Emnid; Bertelsmann Stiftung - August 2015

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 8 vom 30.8.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Dennis Radtke, MdEP ist Mitglied der CDU und ihrer Vereinigung CDA (Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft). Von 2007 bis 2014 war er Bundesvorsitzender der Jungen CDA Deutschlands. Seit 2007 ist er Mitglied im CDA-Bundesvorstand. Seit 2013 ist er 1. stellvertretender Landesvorsitzender der CDA NRW und Bezirksvorsitzender der CDA Ruhrgebiet, des größten Regionalverbandes der CDA in Deutschland. Seit 2014 ist er Mitglied im Landesvorstand der Christlich-Demokratischen Union (CDU) Nordrhein-Westfalen, seit 2016 Mitglied der Bundesfachausschüsse »Europa« und »Arbeit und Soziale« der CDU Deutschlands. Er ist seit 2008 Mitglied in der der Verbandsversammlung des Regionalverbandes Ruhrgebiet (RVR), dem so genannten »Ruhrparlament«. Seit dem 24. Juli 2017 gehört er als Mitglied dem Europäischen Parlament an, in welchem er Mitglied im Beschäftigungsausschuss und stellvertretendes Mitglied im Industrieausschuss ist.

Kontakt: buero(at)dennis-radtke.eu

Weitere Informationen: http://www.dennis-radtke.eu/

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