Russ-Mohl: Warum die Europa-Berichterstattung defizitär ist – und wie sich das ändern ließe

Warum die Europa-Berichterstattung defizitär ist – und wie sich das ändern ließe

Es ist schon traurig: »Gefühlt« findet Medienberichterstattung über das europäische Projekt meist statt, wenn es die Auswüchse der Brüsseler Bürokratie oder die Unbeweglichkeit der europäischen Politik zu thematisieren gilt. »Bad news« über unsinnige Vorschriften wie zum Beispiel der Krümmung von Gurken, über Fehlkonstruktionen wie die Einstimmigkeitsregel oder über Regelbrüche wie die Verletzung der Maastricht-Kriterien bestimmen das Bild. Natürlich gilt dabei auch für die Berichterstattung aus Brüssel die alte, leicht zynische Journalistenweisheit »Only bad news is good news«. Es gibt aber auch mindestens zwei gewichtige strukturelle Gründe, weshalb es um die Europa-Berichterstattung nicht zum Besten steht.

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Strukturelle Gründe: Fehlende Infrastruktur und öffentlich-rechtliche Angebote

Erstens gibt die EU - wie alle Regierungen - inzwischen zwar Millionen Steuergelder aus, um ihr Image in den Medien und in der Öffentlichkeit zu polieren. Die Stabsstellen für Public Relations wurden massiv ausgebaut. Das institutionalisierte Europa hat es indes versäumt, sich auch um die »Gegenseite« zu kümmern und an europäischen Universitäten eine neue Journalistengeneration von Europa-Kennern heranzubilden, die mit hinreichender Sachkompetenz über die komplizierten Sachverhalte berichten könnte, welche die europäische Politik nun einmal bestimmen. Die erste, leidenschaftlich proeuropäische Generation der Brüssel-Korrespondenten ist abgetreten. An Universitäten wie dem Europäischen Hochschulinstitut in Florenz, aber auch am European Journalism Center in Maastricht, fehlen Studiengänge, welche die jetzige und künftige Journalistengeneration angemessen auf ihre Aufgabe als Europa-Korrespondenten vorbereiten.

Zweitens haben es die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten mit all den Gebühren-Milliarden, die sie europaweit vereinnahmen, bislang noch nicht geschafft, attraktive Informations- und Unterhaltungs-Programme auf die Beine zu stellen, die mehrsprachig in ganz Europa ausgestrahlt und auch genutzt werden. Damit hätte wohl langfristig ein ähnlicher europäischer Integrations-Effekt erzielt werden können, den zum Beispiel – in ihren frühen Jahren, also vor Berlusconi – die RAI beim Zusammenwachsen Italiens zu einer Nation hatte. Wären solche Programme gar über die letzten zwanzig Jahre hinweg auch auf Russisch und Türkisch angeboten worden, hätte das freie Europa eine Chance gehabt, der Propaganda entgegenzuwirken, mit der Erdogans und Putins Spin Doctors inzwischen ganz Europa überziehen und vor allem ihre eigenen Bürger auch fern der Heimat manipulieren.

Bislang hat der Berg gekreißt und ein paar Mäuslein geboren: Euronews, Eurosport sowie im deutschen Sprachraum 3sat und als deutsch-französisches Kulturprojekt Arte. Ein Blick auf die Schweiz, auf SRG, SSR und RSI hätte europaweit die öffentlich-rechtlichen Anbieter ebenso wie die Brüsseler Eurokraten lehren können, wie mehrsprachiges Integrationsfernsehen »richtig« funktionieren kann und sogar Einschaltquoten erzielt.

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Brückenbau zwischen den Journalismus-Kulturen Europas

Um die Perspektive auszuweiten von der Zustands- und Trendbeschreibung hin zum Horizont dessen, was möglich wäre, soll an einem Beispiel - der Medienforschung als eng umrissenen, wichtigen und stark vernachlässigten Berichterstattungsfeld - gezeigt werden, wie in einer konvergenten Medienwelt selbst mit bescheidenen Mitteln Brückenbau zwischen den Journalismus-Kulturen Europas betrieben und wissenschaftliche Erkenntnisse und Einsichten der Forschung kommuniziert werden könnten.

Auch hierbei handelt es sich um ein Projekt, das nicht ganz zufällig seinen Ausgangspunkt in der Schweiz hatte: Das European Journalism Observatory (EJO). Es ist ein Modell des multimedialen und webbasierten, europäischen »Medienwissenschaftsjournalismus«. Das EJO[1] und zugleich ein internationales Netzwerk von Forschungseinrichtungen, die gemeinsam eine inzwischen 13-sprachige Plattform betreiben, um Journalismusforschung zugänglich zu machen und um Pressefreiheit und Media accountability voranzutreiben. Es ist auch der Versuch, über Journalismus und Medienforschung über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg aufzuklären.

Statt wie andere Forscher mit Fachpublikationen nur auf eine Handvoll interessierter Kollegen zu schielen und elektronische Archive oder Bibliotheksregale zu füllen, versuchen die Partner des Observatoriums, wie gesagt, Kommunikation innerhalb Europas sowie zwischen Forschung und Praxis zu stiften. Derzeit sind europaweit 14 Forschungsstätten und Universitäten beteiligt, weitere Partner außerhalb Europas gibt es in den USA und – mit Blick auf den arabischen Raum - in Tunesien. Forschungsarbeiten, die für Medienpraktiker oder für ein breiteres Publikum interessant sind, werden in journalistischen Texten zusammengefasst und zugänglich gemacht. Sie werden also in eine allgemeinverständliche, nicht-wissenschaftliche Sprache »übersetzt«, aber auch ganz anders präsentiert, als das im Wissenschaftsbetrieb selbst üblich ist. Das geschieht, wenn möglich, in Zusammenarbeit mit der überregionalen Qualitätspresse, mit Regionalzeitungen, Branchenzeitschriften oder anderen Websites, die von Medienprofis oder von einem an Medien interessierten breiteren Publikum rezipiert werden.

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Im deutschsprachigen Raum ist das Observatorium beispielsweise regelmäßig im Tagesspiegel und auf der wichtigsten österreichischen Nachrichten-Website standard.at mit Kolumnen präsent, an denen sich rotierend mehrere Forscher beteiligen. Die Neue Zürcher Zeitung druckt auf ihrer Medienseite häufig EJO-Beiträge. In den Branchenblättern Schweizer Journalist und Der Österreichische Journalist erscheint ebenfalls regelmäßig eine Kolumne zur Medienforschung. Alle Beiträge landen auch – Stichwort Konvergenz – auf der deutschen Website des EJO, manche werden ins Englische übersetzt. »Schaltzentralen« sind das Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford und die Università della Svizzera italiana, die gemeinsam für das englischsprachige Angebot zuständig sind. Beiträge, die dort publiziert werden, können von allen anderen EJO-Partnern in ihre jeweiligen Sprachen übersetzt werden. 

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Das halbvolle Glas: Kontinuierliches Wachstum, ehrenamtliches Engagement

Man kann das Glas halbvoll oder halbleer sehen. Halbvoll ist es, weil das Projekt über die Jahre hinweg gewachsen ist. Es hat inhaltlich immer mehr zu bieten, und auch neue Partner und Sprachräume sind dazu gekommen – zuletzt die Universidad Complutense in Madrid mit einer spanischen Version, als nächstes geplant ist ein ungarisches EJO-Projekt an der Universität in Pecs.

Ein großer Teil der Akteure engagiert sich ehrenamtlich. Immerhin haben drei Stiftungen dafür gesorgt, dass im englischen, deutschen, italienischen und russischen Sprachraum professionell mit Redakteuren gearbeitet werden kann, die einen Teilzeit-Anstellungsvertrag haben: die Fondazione Corriere del Ticino, die Stiftung Pressehaus NRZ und die Robert Bosch Stiftung. Neu hinzugekommen ist 2016 das Observatoire Arabe du Journalisme in Tunesien, gefördert von der Fondazione Fidinam. Seit Herbst 2017 ist endlich auch eine französisch-sprachige Version des EJO präsent, ermöglicht durch eine Anschubfinanzierung des Schweizer Nationalfonds. Sie ist an der Universität Neuchâtel beheimatet, der einzigen Hochschule in der französischsprachigen Schweiz, die einen Master-Studiengang für Journalismus offeriert.

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Das halbleere Glas: Im Umfeld wenig Veränderung, nicht nur bei den Anreiz-Strukturen

Und trotzdem ist das Glas weiterhin halbleer: Über Jahrzehnte hinweg ist es uns nicht gelungen, die EU oder andere europäische Förderinstitutionen für das Projekt zu gewinnen. Noch konnten Stiftungen wie die Robert Bosch Stiftung, die Bertelsmann-Stiftung, die Volkswagen-Stiftung oder in der Schweiz die Mercator- und die Gebert Rüf Stiftung, die sich in der Förderung von Wissenschaftskommunikation engagiert haben, auf Seiten des Journalismus, der Wissenschaftler oder der Forschungsförderungs-Einrichtungen nennenswerte Verhaltensänderungen bewirken. Nur eine Handvoll Akteure verleihen einer solchen europaweiten, auf den Journalismus bezogenen »Allianz für die Aufklärung« Flügel. Der weltweite March for Science vom April 2017 war als Weckruf, als Akt symbolischer Kommunikation wichtig – aber auch er hat am Verhalten der Beteiligten bisher so gut wie nichts verändert.

Beim EJO monitorieren wir den Forschungsoutput im Bereich Journalismus/Medienmanagement. Europaweit oder gar international flächendeckend ist das per se für den einzelnen Forscher inzwischen unmöglich geworden. Selbst im eigenen engen Fachgebiet ist das Publikationsvolumen, das es zu rezipieren gälte, unüberschaubar. Was für Europa, für die Gesellschaft, für den Journalismus, für die Medienpraxis wirklich relevant ist, kann man trotzdem oftmals wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen – und das tut eben leider kaum ein Journalist. Die meisten Forscher verschliessen davor ebenfalls die Augen und verschleissen sich in einer Tretmühle, die sich seit Jahren in die falsche Richtung bewegt. Beklagt wird die Fehlsteuerung und Bürokratisierung des Forschungsbetriebs dann merkwürdigerweise als dessen »Ökonomisierung« – obschon die Eigendynamik im Elfenbeinturm und das Versteckspiel darin mit Effektivitäts- und Effizienzgewinn sehr wenig zu tun hat. Trotz vieler Forschungsfortschritte, trotz der erfreulichen Internationalisierung der Medien- und Kommunikationswissenschaft ist allzu Vieles Nabelschau und wird außerhalb kleinster Scientific Communities nicht zur Kenntnis genommen. Der Output dient vorrangig dem eigenen Ego und der Absicherung der nächsten Kongresseinladung, denn die meisten Forscher reisen gerne.

Dabei wäre es für das europäische Projekt so wichtig, dass Journalisten und Medienexperten, aber auch die interessierte Öffentlichkeit mehr über die Vielfalt der Journalismus-Kulturen in Europa erfahren. Gerade die international vergleichende Journalismus- und Medienforschung, die in den letzten Jahren stark ausgebaut wurde, sollte sich in den Medien mehr Gehör verschaffen.

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Der Beitrag basiert auf einem aktualisierten Auszug aus dem neuen Buch des Autors: »Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet« (Köln: Herbert von Halem Verlag, 2017).

Weitere Informationen zum Buch »Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet« (Köln: Herbert von Halem Verlag, 2018):
http://www.halem-verlag.de/die-informierte-gesellschaft-und-ihre-feinde/ 

Endnoten

  1. Deutsch: www.ejo-online.eu; Englisch: http://en.ejo.ch 

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 5 vom 23.5.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Prof. Dr. Stephan Russ-Mohl ist Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Università della Svizzera italiana und Direktor des European Journalism Observatory in Lugano.

Kontakt: stephan.russ-mohl(at)usi.ch

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