Jähnert: Online-Volunteering: Mythen und Fakten zum digitalen Ehrenamt

Einleitung

Das große Schlagwort dieser Tage ist ohne Frage das der »Digitalisierung«. Es ist nicht lange her, da wurde hierunter lediglich die »Verdatung« analoger Informationen (z.B. Digitalisierung alter Bücher) verstanden, die mit dem Ehrenamt – wenn überhaupt – nur am Rande zu tun hatte. Heute wird auch die Vernetzung von immer mehr Endgeräten über das »Internet der Dinge«, die Speicherung von Daten auf den Servern von Dienstleistern »in der Cloud«, die dezentrale Nutzung von Rechenkapazitäten in »Cloud-Computing-Netzwerken«, Blockchain, künstliche Intelligenz, virtuelle Realität und vieles mehr unter »Digitalisierung« subsumiert.

Und damit nicht genug! Auch Geschäftsmodelle, die Nutzerdaten ins Zentrum der Wertschöpfung stellen (»Data is the next Intel Inside«, Tim O’Reilly 2005) sowie Praktiken und Wirkungsweisen digitaler Intermediäre, wie die hoch spezialisierter Suchmaschinen, die unterschiedlichste Angebote im Netz sammeln und so zentral miteinander vergleichbar machen, oder Mitfahrzentralen für Kurzstrecken und Carsharing-Dienste, die etablierte Akteure unter Wandlungsdruck setzen, werden unter dem großen Schlagwort »Digitalisierung« diskutiert.

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Selbstverständlich bleibt das freiwillige und ehrenamtliche Engagement von diesen Wandlungsprozessen nicht unberührt. Smartphones und Wearables, Laptops, Tablets und Desktop-PCs kommen in der organisierten Zivilgesellschaft ganz natürlich zum Einsatz! Wenngleich viele Vereine und Initiativen technisch bei Weitem nicht ausreichend ausgestattet sind – zuweilen muss mit von der Kommunalverwaltung ausgemusterten Computern vorliebgenommen werden – sind die meisten Engagierten doch ganz gut ausgestattet und bringen sich entsprechend ein.[1]

Doch was bedeutet der digitale Wandel für das Ehrenamt? Wie wirken sich die technischen Möglichkeiten des Internets und der Sozialen Medien auf das freiwillige Engagement aus? Und worauf muss sich die organisierte Zivilgesellschaft bei der Zusammenarbeit mit »Digital Natives« einstellen? Mit dem besonderen Fokus auf die Internet- und Social Media Nutzung im Ehrenamt sowie dem Online-Volunteering – dem freiwilligen Engagement über das Internet – habe ich versucht, Antworten auf diese Fragen im Freiwilligensurvey aus dem Jahr 2014 zu finden.[2] Meine Auswertung der Daten orientierte sich an unterschiedlichen Annahmen über das Online-Volunteering, die mir in den vergangenen Jahren in zahlreichen Workshops und Diskussionen immer wieder begegnet sind und die ich im Anschluss an Jayne Cravens (2011) gern »Mythen« nenne.

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1. Online-Volunteering ist ein zu vernachlässigendes Nischenphänomen im freiwilligen Engagement der Deutschen.

Nach dem Hauptbericht des Freiwilligensurvey 2014, für den zum ersten Mal gefragt wurde, ob das Engagement »im Internet« stattfindet, sind in der Tat nur knapp 3 Prozent der freiwillig Engagierten in Deutschland ausschließlich oder überwiegend online engagiert (Hagen/Simonson 2016: 320). Daraus allerdings zu schließen, dass das Online-Volunteering, wenngleich empirisch nachweisbar, »(noch) keine weit verbreitete Form des Engagements« (ebd.) sei, wird den tatsächlich erhobenen Daten nicht gerecht.

Zu ihrem zeitaufwändigsten Engagement wurden die für den Freiwilligensurvey Interviewten gefragt, ob ihr Engagement »ausschließlich oder überwiegend oder nur teilweise« im Internet stattfindet (ebd.: 303). Im Hauptbericht und im Tabellenanhang dazu fehlen die Angaben zu jenen Engagierten, die angaben, sich »nur teilweise« über das Internet zu engagieren – immerhin 55 Prozent der Engagierten.

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Bei der vollständigen Auswertung der Antworten zur Internet- und Social Media Nutzung im freiwilligen Engagement und dem Online-Volunteering fällt auf, dass sich alle Befragten, die das Internet in ihrem Engagement nutzen auch mindestens teilweise über das Internet engagieren. Das Online-Volunteering ist dementsprechend kein Nischenphänomen einiger weniger Spezialistinnen und Spezialisten in irgendwelchen »Nischen«. Es ist selbstverständlicher Bestandteil moderner Freiwilligenarbeit. 

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2. Online-Volunteering ist ein urbanes Phänomen. Im ländlichen Raum ist Engagement über das Internet gar nicht möglich.

Die aktuelle Diskussion über die Highspeed-Internet-Versorgung in Deutschland suggeriert, dass es überhaupt kein Internet auf dem Land gäbe. Nach dem Tätigkeitsbericht der Bundesnetzagentur kann das aber freilich nicht stimmen. 98% der Haushalte in Deutschland können einen 2 Mbit/s Breitbandanschluss nutzen, fast 100% sind mit einem 1 Mbit/s Anschluss versorgt (ebd.: 2013).

Nun bereitet ein 2 Mbit/s Breitbandanschluss kein besonderes schnelles Surferlebnis. Doch das heißt nicht, dass deshalb die Internet- und Social Media Nutzung oder das Engagement über das Netz nicht möglich wäre. Der IT-Report von Stifter-Helfen legt nahe, dass im freiwilligen Engagement vor allem die üblichen Social Media Plattformen (Facebook, Youtube, Whatsapp usw.) sowie E-Mail und Cloudspeicher-Dienste genutzt werden (Frede, Kreidenweis, Röhrl 2015) – das geht auch mit einer langsameren Leitung.

Die Auswertung der Daten des Freiwilligensurveys 2014 bestätigt das. Die Quoten zur Internetnutzung im Ehrenamt sowie zum Online-Volunteering unterscheiden sich im städtischen und ländlichen Raum nur wenig voneinander. Der Unterschied von jeweils etwa zwei Prozentpunkten dürfte wohl andere Gründe als die Breitbandversorgung haben (z.B. die Altersstruktur im freiwilligen Engagement auf dem Land).

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Gleichwohl das Internet auf dem Land also häufig langsamer ist als in städtischen und besonders in stadtnahen Gegenden, ist das Engagement über das Internet prinzipiell möglich und wird auch praktiziert. Ein Grund dafür könnten die größeren Distanzen zwischen den Engagierten und die weniger dichte Verkehrsinfrastruktur sein. Doch obwohl das Online-Volunteering prinzipiell möglich ist, bleiben – und das ist nicht unwesentlich – datenintensive Anwendungen wie Video-Konferenz-Systeme oder Livestreaming-Dienste nur eingeschränkt oder gar nicht nutzbar. Dies stellt durchaus eine Ungleichbehandlung von Engagierten in Stadt und Land dar, die sich negativ auf die Entwicklungschancen der organisierten Zivilgesellschaft auf dem Land auswirkt. 

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3. Internet, Social Media und Online-Volunteering, das ist etwas für junge Menschen – Ehrenamt der Zukunft.

Oben habe ich Christine Hagen und Julia Simonson bereits zitiert. Sie schreiben im Freiwilligensurvey, dass das Online-Volunteering »(noch) keine weit verbreitete Form des Engagements« ist (ebd. 2016: 320). Sie ergänzen in ihrem Fazit dazu, dass der »etwas höhere Prozentsatz von ›Online-Volunteers‹ bei den jüngeren Engagierten [...] darauf schließen lässt, dass diese Form des sich Engagierens zukünftig noch an Bedeutung gewinnen wird« (ebd.: 330) und legen damit nahe, dass sich das Engagement nur intergenerational (von Generation zu Generation) verändert und das Engagement der Teenager deshalb besonders spannend wäre.[3]

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Auch hier sprechen die Daten des Freiwilligensurvey eine andere Sprache. Kurz gefasst: Teenager engagieren sich etwa so häufig über das Internet wie ihre Großeltern. Erst in den Altersgruppen der ab 20-Jährigen übersteigt die Zahl der Online-Volunteers die der vor Ort Engagierten »Onsite-Volunteers«.

Die niedrige Zahl der Online-Volunteers unter den Teenagern lässt sich wahrscheinlich am besten mit dem geringeren Bedarf an Flexibilität von Schülerinnen und Schülern im Vergleich zu Studierenden, Berufseinsteigerinnen und -einsteigern oder jungen Eltern und Familien erklären. Das Online-Volunteering ist dementsprechend kein Jugend-Phänomen, sondern eine Möglichkeit das freiwillige Engagement flexibel mit den Anforderungen in Beruf und Familie zu vereinbaren. Sicher müssen die digitalen Möglichkeiten hierfür erst erkannt und der Umgang mit ihnen erlernt werden. Doch scheint das kein inter- sondern ein intragenerationaler Prozess zu sein, der den stetigen Wandel des Ehrenamts nur etwas weiter beschleunigt.

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4. Online-Volunteering ist nicht mehr als Klicktivismus, sporadisches Engagement von der Couch.

Mit einiger Besorgnis wurde in den letzten Jahren immer wieder sporadisches, unregelmäßiges Engagement thematisiert, das Freiwilligenmanagerinnen und -manager bei der Organisation ehrenamtlich getragener Angebote besonders herausfordert. Mit dem Aufkommen der Sozialen Medien in Deutschland erwuchs daraus die Sorge einer weiter sinkenden Verbindlichkeit im freiwilligen Engagement und Ehrenamt. Mit dem Like auf Facebook, so der Tenor der Debatten, können die Angebote vor Ort nicht aufrechterhalten werden.

Sporadisches, unregelmäßiges Online-Engagement müsste sich im wöchentlichen Zeitaufwand für das Engagement von Online- und Onsite-Volunteers niederschlagen. Im Freiwilligensurvey 2014 tut es das aber nicht. Ganz im Gegenteil! Es zeigt sich, dass Freiwillige, die sich zumindest teilweise über das Internet engagieren, überdurchschnittlich viel Zeit für ihr Engagement pro Woche aufbringen. Bei den Online-Volunteers, die sich ausschließlich oder überwiegend über das Internet engagieren, steigt der durchschnittliche Zeitaufwand pro Woche sogar noch weiter an.

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Dass das Online-Volunteering dem sporadischen Engagement »von der Couch« Vorschub leistet, kann anhand der vorliegenden Daten nicht bestätigt werden. Eine mögliche Erklärung dafür könnte sein, dass das Internet im Engagement als Möglichkeit der räumlichen und zeitlichen Flexibilisierung genutzt wird und so mehr Zeit in das Engagement von zu Hause, von der Arbeit oder von unterwegs aus investiert werden kann. 

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Schlussbemerkungen

Das freiwillige und ehrenamtliche Engagement löst sich im digitalen Wandel nicht in Nullen und Einsen auf. Vielmehr werden die Möglichkeiten, die das Internet und die Sozialen Medien bieten, von den Engagierten pragmatisch genutzt, um das Engagement besser in den Alltag einzupassen. Das große Schlagwort der »Digitalisierung« bedeutet auch im freiwilligen Engagement und Ehrenamt nichts anderes als eine Weiterführung lange bekannter Trends in modernen Gesellschaften wie den der Flexibilisierung. »Digital« daran ist die Geschwindigkeit oder besser die Beschleunigung, in der sich der Wandel vollzieht.

Die organisierte Zivilgesellschaft ist nicht nur gefordert im digitalen Wandel Schritt zu halten, sondern auch ihn selbstbewusst mit zu gestalten. Anhand der Daten des Freiwilligensurveys von 2014 habe ich hier gezeigt, dass das Engagement über das Internet eine relevante Größe im freiwilligen Engagement und Ehrenamt ist und dass flexibles Online-Volunteering durchaus seinen Charme hat. Es ist kein exklusiv jugendliches Engagement und kein Engagement des Highspeed-Internets! Digitales Ehrenamt ist freiwilliges und ehrenamtliches Engagement, in dem die Mittel und Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, zum Einsatz kommen.

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Endnoten

  1. Nach einer Umfrage von Stifter-Helfen.net befindet sich etwa die Hälfte der Endgeräte, die bei kleineren Vereinen im Einsatz sind, in privatem Besitz (Frede/Kreidenweis/Röhrl 2015: 20).
  2. Die Ergebnisse des Projektes »Online-Volunteering in Deutschland« sind in meinem Blog unter dem Schlagwort »ProjektFWS« dokumentiert (siehe Jähnert o.J.)
  3. Dieser Schluss ist nicht aus der Luft gegriffen! Eine der ersten Studien zur Digitalisierung freiwilligen Engagements legte bezeichnender Weise den Fokus explizit auf die Altersgruppe der 13 bis 20-Jährigen (Begemann et al. 2011).

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Quellen

Begemann, Maik-Carsten / Bröring, Manfred / Düx, Wiebken / Sass, Erich (2011): Jugendliche Aktivitäten im Wandel. Gesellschaftliche Beteiligung und Engagement in Zeiten des Web 2.0. Endbericht. Dortmund.

Cravens, Jayne (2011): Myths About Online-Volunteering. A volunteer expert and consultant dispels common misconceptions. Online in: https://www.techsoup.org/support/articles-and-how-tos/myths-about-online-volunteering (abgerufen 30.4.2018).

Frede, Clemens / Kreidenweis, Helmut / Röhrl, Petra (2015): IT-Report für Nonprofits 2015. München.

Hagen, Christine / Simonson, Julia (2016): Inhaltliche Ausgestaltung und Leitungsfunktionen im freiwilligen Engagement. In: Simonson, Julia / Vogel, Claudia / Tesch-Römer, Clemens (Hrsg): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2014. Berlin, S. 299-332.

Jähnert, Hannes (o.J.): ProjektFWS. Artikelsammlung Online in: http://www.hannes-jaehnert.de/wordpress/tag/projektfws/ (abgerufen 30.4.2018).

O’Reilly, Tim (2005): What is Web 2.0. Online in: http://www.oreilly.com/pub/a/web2/archive/what-is-web-20.html (abgerufen 30.4.2018).

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 4 vom 9.5.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Hannes Jähnert ist Engagementblogger und Freizeitforscher mit den Schwerpunkten Digitalisierung im Ehrenamt (Online-Volunteering) und in der Zivilgesellschaft sowie Freiwilligenmanagement. Seit 2012 ist er als Referent beim Bundesverband des Deutschen Roten Kreuzes (DRK-Generalsekretariat) tätig. Seit 2016 ist Hannes Jähnert Themenpate »Kommunikation« im BBE.

Kontakt: kontakt(at)hannes-jaehnert.de

Weitere Informationen: www.hannes-jaehnert.de

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