Barbin: Soziale Waisenkinder in Russland und Reformen von unten

Einleitung

»Ich möchte Erwachsene aufrufen, alle Kinder aus Heimen in ihre Familien aufzunehmen, damit diese Kinder nicht auf der Straße leben müssen«, – das ist die Botschaft der 21-jährigen Tonya, die seit neun Jahren in einer Pflegefamilie in der Nähe von Moskau wohnt. Tonya wurde mit vier Monaten von ihrer alkoholabhängigen Mutter verlassen und verbrachte die ersten 13 Jahre in verschiedenen russischen Kinderheimen. Gewalt, Missbrauch, Erniedrigungen, Angst – all dies war jahrelang ihr Alltag. Mit der Diagnose als »geistig Behinderte« hätte sie normalerweise keine Chance auf eine neue Familie. Junge Menschen wie Tonya werden in Russland kurz vor der Volljährigkeit in geschlossene Internatsanstalten verlegt, wo sie bis zum Ende ihres Lebens keinen Kontakt zur Außenwelt und keine Rechte haben.

Tonya hatte aber Glück. Sie kam in das Kinderheim Nummer 19 und das hat ihr Leben für immer geändert. Das Rehabilitierungskinderheim Nummer 19 – auch als Zentrum für »Patronat-Erziehung« bekannt – war ein besonderer Ort. Seine Gründerin und Leiterin Maria Ternovskaja wollte nichts weniger, als das veraltete sowjetisch-geprägte Internat-System für Waisenkinder komplett abzuschaffen. Jedes Kind hat ein Recht auf Familie – das war ihre Devise.

Dass Kinder mit gesundheitlichen Einschränkungen bereits bei der Geburt von ihren Eltern getrennt und in »spezialisierte« Einrichtungen übergeben wurden – das war die gängige Praxis in der Sowjetunion, die sich auch nach 1991 fortsetzte. Viele Eltern gaben ihre Kinder freiwillig auf – aus Überforderung, aus Armutsgründen oder weil die Infrastruktur für Kinder mit Behinderungen einfach fehlte und die Eltern überzeugt waren, dass ihren Kindern in staatlicher Obhut besser gehen würde. Ternovskaja wollte es nicht hinnehmen, dass Kinder zu »sozialen Waisen« gemacht wurden, obwohl ihre Eltern bereit wären, sie großzuziehen, wenn die notwendige Unterstützung da wäre. Bereits 1991 begann Ternovskaja, einen Elternverein in der Moskauer Oblast ehrenamtlich zu unterstützen. Die Kinder dieser Eltern hatten Behinderungen und mussten in einer Internatsanstalt wohnen, weil keine Schule bereit war, sie aufzunehmen. Ternovskaja und ihren Kolleg*innen ist es damals gelungen, das lokale Bildungskomitee zu überzeugen, alle Kinder in allgemeine Schulen aufzunehmen statt in Internatsanstalten zu schicken. Schließlich nahmen alle Vereinsmitglieder ihre Kinder aus dem Internat zurück. Das Team von Ternovskaja begleitete diese Kinder und ihre Familien auch weiterhin und bat ihnen eine dauerhafte psychologische und pädagogische Unterstützung. Ihr Ansatz entstand somit aus einer Notsituation, die strukturellen Missständen geschuldet war. Um die Situation grundsätzlich zu ändern, brauchte man aber politische Akteure, die sich für grundlegende Reformen einsetzen.

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Nach dem »Eisernen Vorhang«: Ideentransfer aus dem Westen

Das Schicksal von Kindern in staatlichen Internatsanstalten beschäftigte Anfang der 1990er Jahre auch einige Politiker*innen. Der damalige Abgeordnete des 21. Lensovet Alexander Rodin gründete sogar eine Kommission für die Rechte der Waisenkinder in Leningrad. Insbesondere die Entrechtung von Kindern mit schweren Diagnosen in psychoneurologischen Einrichtungen stand im Fokus seiner Arbeit. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, mit russischen Expert*innen und Verantwortlichen über die Plausibilität der verbreiteten Oligophrenie-Diagnosen zu sprechen, sah Rudin einen Appell an die internationale Gemeinschaft als den einzig verbliebenen Weg, die Situation dieser Kinder objektiv zu beurteilen. Er schickte seine Anfrage an die Organisatoren der ersten Menschenrechts-Konferenz, die 1990 in Russland stattfinden sollte. Seine Anfrage landete bei Caroline Cox, der Schirmherrin der NGO Christian Solidarity International (CSI). Zusammen mit einem sechsköpfigen Team kam sie nach Russland, um die Lage von Waisenkindern in staatlichen Einrichtungen zu untersuchen. Ihr Bericht »Trajectories of despair. Misdiagnosis and maltreatment of Soviet orphans« (1991) offenbarte gravierende Verstöße gegen Kinderrechte – Misshandlungen, zwanghafte psychiatrische Behandlungen und nicht zuletzt die verbreitete Praxis der Fehldiagnostizierung. Laut der Studie seien bis zu zwei Drittel der Kinder in Internatsanstalten für geistig Behinderte nach einem internationalen Intelligenztest völlig gesund gewesen.

Diese Befunde lieferten einen klaren Beweis dafür, dass der existierende Ansatz im Umgang mit Kindern ohne elterliche Fürsorge fehlerhaft und reformbedürftig war. Diese Erkenntnis fiel mit dem Regimewechsel und dem Anfang der politischen Transformation zusammen. Das russische Bildungsministerium nahm die Studienergebnisse als Anlass, britische Expert*innen um die Unterstützung bei der Reformierung des Internatssystems zu bieten. Daraus entstand 1994 eine Arbeitsgruppe aus russischen Expert*innen, zu der auch Maria Ternovskaja gehörte.

Mit der staatlichen Unterstützung, aber auch mit ideeller und finanzieller Förderung der CSI gründeten die Expert*innen das »Zentrum für Weiterbildung und Forschung zu Fragen des Kindeswohls«. Das Zentrum versprach nichts weniger, als ein revolutionäres Modell zu erarbeiten, das die »soziale Verwaistheit« in Russland bekämpfen sollte. Unter dem Namen »soziales Patronat« entstand damit ein Modell, das die bereits bestehenden lokalen Ansätze mit den internationalen Normen verknüpft und die sowjetisch-geprägte kollektivistische Erziehung in großen Kinderheimen in Frage stellt.

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Soziales Patronat und das Kinderheim Nummer 19: eine Erfolgsgeschichte

Im Mai 1996 öffnete das so-genannte Rehabilitierungsheim Nummer 19 unter der Leitung von Maria Ternovskaja zum ersten Mal seine Türen. Das Heim war beim »Zentrum für Weiterbildung und Forschung zu Fragen des Kindeswohls« angesiedelt. Das Grundprinzip der internationalen Kinderrechte – die Priorität der familiären Umgebung für Kinder gegenüber institutioneller Unterbringung – liegt »sozialen Patronat« zugrunde. Das Hauptziel dieses Models besteht in der Verwirklichung des Rechtes des Kindes auf eine Familie. Der Ansatz umfasst eine begleitete Unterbringung des Kindes in eine Pflegefamilie, die Rückkehr des Kindes in seine Herkunftsfamilie (wenn es möglich ist) sowie eine umfassende Unterstützung von Herkunftsfamilien in Krisensituationen, um die Trennung des Kindes von seinen biologischen Eltern zu vermeiden.

Das besondere an diesem Modell war außerdem, dass die Fachkräfte in »Patronat-Zentren« befugt waren, an den Entscheidungen der Jugendämter – im Russischen als Vormundschafts- und Pflegeämter genannt – mitzuwirken. Ob ein Kind von seinen leiblichen Eltern getrennt wird, wie es im Fall einer Trennung untergebracht wird, welche Unterstützung seine Herkunftsfamilie braucht und welche Pflegefamilie ihm am besten passt – die Mitarbeiter*innen der »Patronat-Zentren« hatten ein Mitspracherecht bei all diesen Fragen und konnten ihre fachliche Expertise einbringen.

Das Kinderheim Nr. 19 stellte außerdem eine neue Form der institutionellen Unterbringung für Kinder ohne elterliche Fürsorge dar. Die Einrichtung diente im Vergleich zu anderen staatlichen Institutionen, in denen Kinder dauerhaft bleiben, ausschließlich als eine Zwischenstation für traumatisierte (soziale) Waisenkinder. Die Kinder sollten mithilfe psychologischer, sozialpädagogischer und medizinischer Maßnahmen für das Leben in einer neuen Familie bzw. für die Rückkehr in ihre biologische Familie vorbereitet werden. Die Teammitarbeiter*innen besuchten verschiedene Internatsanstalten und Kinderheime und suchten Kinder aus, mit denen sie im Kinderheim Nr. 19 weiterarbeiten. So hatte auch Tonya das Glück, dass sie in das neue Heim aufgenommen wurde und später ihr neues Zuhause bei der Patronat-Mutter Natalia Romo-Maureira gefunden hat.

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Portrait einer Patronat-Mutter: »Mir ist nicht egal, ich welcher Gesellschaft ich lebe«

Natalia Romo-Maureira hat ein bewegtes Leben hinter sich und noch sehr viel vor. Mit 16 kam sie aus Maikop, einer Stadt im südlichen Russland, nach Moskau. Sie arbeitete als Babysitterin und Straßenfegerin, bis sie ihren zukünftigen Ehemann, einen Chilenen, kennenlernte und eine Hebammenausbildung abgeschlossen hat. Beide aus kinderreichen Familien, hatten Natalia und ihr Mann nur ein Kind bekommen und darauf beschlossen, drei Kinder zu adoptieren. Als ihre älteste Tochter 2000 mit der Schule fertig war, blätterte Natalia Zeitschriften mit Jobanzeigen und sah zufällig die Anzeige von Ternovskaja: »Patronat-Mütter gesucht!« Obwohl sie keine pädagogische Ausbildung hatte, beschloss Natalia sich zu bewerben und lernte das neue Modell kennen. Das hat ihr ganzes Leben verändert.

Seitdem hat die Patronat-Mutter unzählige Fortbildungen und ein Studium in Psychologie absolviert. Sie und ihr Mann erklärten sich bereit, Waisenkinder aufzunehmen, zumal sie ein großes Haus mit Garten in einer Moskauer Vorstadt haben und beide Kinder lieben. Seitdem hat Natalia über 50 (!) Kinder großgezogen – Kinder mit Down-Syndrom und geistigen Behinderungen, Kinder, die klauen und die mit dem Kopf gegen die Wand stoßen, Kinder, die mit zwölf Jahren nicht sprechen und sich nicht kämmen konnten… Wenn man Natalia fragt, was ihre Motivation ist, erzählt sie, dass am Anfang tatsächlich das Mitleid im Vordergrund stand, als sie die ersten drei Kinder noch als Babys adoptiert hat. Doch jetzt bewegt sie kein Mitleid mehr, sondern vor allem der Wunsch, den Jugendlichen in ihrer »Sozialisierung zu helfen«, d.h. ihnen elementare Regeln des Zusammenlebens beizubringen, weil ihr nicht egal ist, in welcher Gesellschaft sie leben wird.

Wenn man die Familie Romo-Maureira besucht, trifft man eine bunte Truppe von Jugendlichen, die ihre Gäste herzlich empfangen, stolz über ihre Erfolge berichten und darüber, wie ihre neue Mama ihr Leben geändert hat. Der kleine dunkeläugige Robert (12) erzählt:

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»Zuhause mag ich kochen und auch aufräumen. Ich kann es sehr gut – Mama hat mir das beigebracht. Im Internat haben wir es nicht gelernt, ich wollte es auch nicht. Bei mir ist es so – meine Mutter hat mich verlassen. Und als meine Mama [Natalia – Anmerk. der Autorin] Kinderheime besuchte, hat sie sich sehr gewundert, wie es sein konnte, dass ich und meine Schwester im Heim gelandet sind. Dann hat sie uns oft besucht und ich wollte zu ihr umziehen. Als ich hier ankam, hatte ich Geburtstag. Ich möchte meiner Mama Danke sagen, dass sie mich aufgenommen hat, dass sie mir so viel beigebracht hat, dass sie mich liebt. In Zukunft möchte ich zuerst Fußballer werden und danach Konditor.«

Im Vergleich zu gewöhnlichen Unterbringungsmodellen in Russland, wo Pflegeeltern keine Unterstützung erhalten, nachdem sie ein Kind aufnehmen, funktioniert das »soziale Patronat« anders. Patronat-Eltern werden nicht allein gelassen, sondern bekommen umfassende Hilfe – pädagogische Begleitung, Unterstützung bei bürokratischen Angelegenheiten, medizinische Hilfe für Kinder mit gesundheitlichen Einschränkungen, und vieles mehr. Das führt dazu, dass über 95% Kinder aus dem Kinderheim Nr. 19 tatsächlich in Patronat-Familien untergebracht werden und die »Rückgabequote« Null gleicht. Natalia wusste diese Begleitung sehr zu schätzen und kann andere Pflegeeltern gut verstehen, wenn sie die Kinder in Heime zurückgeben, weil sie schlicht überfordert sind und keine Ansprechpartner bei Schwierigkeiten haben. Es deutete alles darauf hin, dass das »soziale Patronat« von einem Pilotprojekt zu einer gesetzlich verankerten Unterbringungsform etabliert werden sollte.

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Ein Reformversuch – und warum er scheiterte

Tatsächlich übernahmen bald weitere Regionen Russland das »Patronat-Modell« und verankerten es in der regionalen Gesetzgebung. Anfang 2008 verabschiedeten über 40 Regionen entsprechende Gesetze. Über 7000 Kinder wurden dank dem »Patronat-Modell« in Familien untergebracht. Mehrere Tausende Kinder konnten zurück zu ihren leiblichen Eltern kehren. Insbesondere für Kinder mit schweren Behinderungen und traumatisierte Kinder ist Patronat oft die einzige Chance, eine neue Familie zu bekommen. Dieses Modell sieht eine umfassende bedarfsorientierte Unterstützung für Familien vor, die angesichts der fehlenden Infrastruktur und mangelnder staatlicher Angebote überlebenswichtig ist.

Mit der Verbreitung des »Patronat-Modells« in russischen Regionen entstand ein Netzwerk aus zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen. In einer Arbeitsgruppe brachten sie ihre praktischen Reformvorschläge ein, während das Bildungsministerium einen Gesetzentwurf herausarbeitete. Landesweit unterstützten Hunderte NGOs und Aktivisten dieses Vorhaben. Dennoch traf das »Patronat-Modell« auf mächtige Opponenten in hohen politischen Kreisen – und das trotz der aufgewiesenen finanziellen Vorteile des Patronats im Vergleich zur institutionellen Unterbringung, geschweige denn seiner positiven Wirkung auf die kindliche Entwicklung. Das »Geschäft« mit Waisenkindern scheint eine lukrative Geldquelle zu sein, nicht zuletzt, weil ein Platz in einer Internatsanstalt dem Staat mehrere Tausende Euro im Monat kostet und die Heimleitung daher kein Interesse hat, Kinder in Familien unterzubringen.

Schließlich erarbeitet die Arbeitsgruppe, zu der Maria Ternovskaja aber auch Vertreter*innen des Bildungsministeriums gehören, einen Gesetzentwurf zur Reformierung von Jugendämtern und zur Einführung des »Patronat-Modells«. Dieser Gesetzentwurf schaffte nicht mal ins Parlament. Einige Abgeordnete traten entschieden dagegen und riefen eine öffentliche Kampagne auf, die dieses Modell und ihre Verfechter*innen diskreditierte (Gataulina 2017a, 2017b). Stattdessen verabschiedete die Duma 2008 ein anderes Gesetz – das so-genannte Gesetz FZ-48 »Zur Vormundschaft und Pflege« – das das »Patronat-Modell« faktisch abschaffte und professionelle Fachkräfte und Organisationen aus dem Entscheidungsprozess der Jugendämter entfernte.

Die Verabschiedung des föderalen Gesetzes FZ-48 hatte weitgehende Folgen für das staatliche Kinder- und Familienschutzsystem. Das Gesetz betont einerseits eine verstärkte Kontrolle seitens der Jugendämter über Familien, die ein Kind mit dem Waisenstatus aufgenommen haben. Gleichzeitig schließt es die Möglichkeit einer professionellen (psychologischen, pädagogischen, usw.) Begleitung solcher Familien durch zivilgesellschaftliche Organisationen, die im »Patronat-Modell« vorgesehen war, aus. Der Begriff des Patronats findet zwar eine Erwähnung im neuen Gesetz, wird jedoch entkernt und verliert seine ursprüngliche Bedeutung. Die wenigen Funktionen, die zivilgesellschaftliche Organisationen unter der Aufsicht der Jugendämter ausüben können, sind laut einer NGO-Aktivistin unzureichend ausbuchstabiert und erinnern an »ärmliche Überbleibsel«, die den administrativen »Voluntarismus und Willkür« nicht verhindern können. Der neue gesetzliche Rahmen zwang die bestehenden »Patronat-Zentren« zu schließen und Patronat-Eltern sich für eine andere Unterbringungsform – Pflegefamilie, Vormundschaft oder Adoption – zu entscheiden, die jedoch keine professionelle Begleitung vorsehen. Obwohl das neue Gesetz in der Praxis zu einer teilweisen Verschlechterung der Lebenssituation von betroffenen Familien und Kindern führte und damit gegen die russische Verfassung verstieß, blieb es weitgehend unverändert.

Nicht nur das »Patronat-Modell« selbst, sondern auch seine Gründerin Maria Ternovskaja wurde einer ›Gehetze‹ ausgesetzt. Nach einem Jahr ständiger Überprüfungen und Kontrollbesuchen im Kinderheim Nr. 19 wurde Ternovskaja gezwungen, am 15. Dezember 2009 den Leitungsposten »freiwillig« zu verlassen. Sie gründete daraufhin eine nicht-kommerzielle Organisation »Pro-Mama«, um die verbliebenen Patronat-Familien weiterhin begleiten und unterstützen zu können. Ihre NGO entwickelte eine gleichnamige Webseite für Sozialarbeiter, um einen Rahmen für die Entwicklung individueller Fachkompetenzen zu schaffen, ohne sich in den politischen Entscheidungsprozess einzumischen.

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Fazit

Der Reformversuch zur Einführung des »sozialen Patronats« ist gescheitert. Dennoch haben russische Kinderrechts-Aktivisten einen Prozess in Gang gebracht, der das gesamte Heimsystem in Russland in Frage stellt. Mit ihrem Engagement haben sie den gesellschaftspolitischen Diskurs tief geprägt. Heute gilt es als selbstverständlich, dass Kinder Liebe und Zuwendung in einer familiären Umgebung brauchen statt der Regeln einer kollektivistischen Heimerziehung. Im Mai 2014 wurde die Regierungsverordnung Nummer 481 verabschiedet, die auf eine grundlegende Reformierung von staatlichen Einrichtungen für Waisenkinder abzielt. Dass diese Verordnung zustande kam, ist zum großen Teil der Verdienst von russischen Kinderrechts-NGOs.

Einige Forderungen aus dem Gesetzentwurf zum »sozialen Patronat« wurden in diesem Dokument übernommen. Gleichzeitig weist die Verordnung und insbesondere seine Umsetzung gravierende Lücken auf. Advocacy-NGOs ist es beispielweise nicht gelungen, eine Höchstgrenze für die Zahl der im Heim untergebrachten Kinder durchzusetzen. Als Folge werden viele kleine, familienähnliche Heime geschlossen und Kinder stattdessen in größere Einrichtungen untergebracht – weg von ihren Freunden, Bezugspersonen, Orten, wo sie aufgewachsen sind. Auch findet keine pädagogische und psychologische Begleitung von Pflegefamilien statt, die Kinder aus Heimen aufnehmen. Es führt dazu, dass Waisenkinder manchmal Dutzende Male von einer Familie in die andere geschickt werden, um die Zahl der im Heim untergebrachten Kinder statistisch niedrig zu halten.

Nichtdestotrotz kommt der Kinderrechte-Wandel in Russland langsam voran, auch wenn er mit vielen Hindernissen und Rückschritten verbunden ist. Menschen, die sich im heutigen autoritären Regime für Kinder einsetzen, verdienen Respekt und Anerkennung. Maria Ternovskaja, Alexei Golovan, Elena Alschanskaja, Alexander Gezalov, Olga Pischkowa, Boris Altschuler, Nodar Hananaschwili und viele anderen – sie kämpfen täglich dafür, dass Kinder und Familien in Russland ein menschenwürdiges Leben führen können.

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Beitrag in den Europa-Nachrichten Nr. 8 vom 30.8.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Evgeniya Barbin ist Promovierende an der Freien Universität Berlin. Sie forscht zu Advocacy-Arbeit von NGOs, die sich für die Rechte von Kindern einsetzen. Ihre Forschungsschwerpunkte sind internationale Kinderrechtsnormen und das Phänomen der »sozialen Waisen« in Russland. Sie war als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundestag sowie als Mitarbeiterin mehrerer Kinderrechte-NGOs tätig. Evgeniya Barbin lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Berlin-Moabit.

Kontakt: e.gataulina(at)yahoo.de

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