Erfassung und Schutz unserer Umwelt – alte und neue Aufgaben für Ehrenamtliche und die Zivilgesellschaft

Prof. Dr. Hansjörg Küster

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Eine »normale« Umwelt?

Am Ende des heißen und trockenen Sommers 2018 fragen sich viele Menschen, ob die monatelange Hitze noch normal war oder ob das Wetter »verrückt« gespielt hat. Man sieht vertrocknete Grünflächen, beklagt Ernteverluste. Aber man erinnert sich auch an frühere Jahre, in denen es noch trockener war. Waren nicht in anderen Jahren die Regentonnen am Haus schon im Juli leer, nachdem man dort unaufhörlich Gießkannen gefüllt hatte? Bald merkt man: Es gibt zwar exakte Wetteraufzeichnungen aus den letzten Jahrzehnten, aber genaue Beziehungen zu unseren eigenen Beobachtungen und Erinnerungen lassen sich daraus nur schwer herstellen. Wer hat denn schon einmal aufgezeichnet, welche Wassermengen wann in Regentonnen vorhanden waren, wann bestimmte Pflanzen zu blühen begannen, wann sie vertrockneten? Welche Pflanzen wachsen überhaupt in unserer Umgebung, welche Tiere sind dort zu sehen? Das könnte man alles dokumentieren, aber man hat es nicht getan und tut es auch weiterhin nicht. Vielmehr verlässt man sich auf vage Erinnerungen und behauptet, früher sei alles viel besser gewesen, viel »normaler«.

Denn wir haben die landläufige Vorstellung: Unsere Umwelt müsste immer gleich aussehen, man muss sie deswegen nicht so genau dokumentieren, denn spätestens im nächsten Jahr ist alles genau gleich wie im Augenblick. Die Natur, so denkt man, bringt alles wieder ins Lot. Nur der Einfluss des Menschen verändere die Umwelt, wenn er sie nicht sogar völlig zerstört. Mit solchen Vorstellungen gewinnen wir allerdings nur ein sehr unvollständiges, vielleicht sogar leichtsinnig simplifizierendes Bild von der Entwicklung der Welt, in der wir leben.

Für einen Naturwissenschaftler sollte es eine banale Erkenntnis sein, dass sich unsere Umwelt von Natur aus verändert, wenn auch meistens nur mit ganz geringer Geschwindigkeit. Berge sind nicht einfach »da«, sondern sie entstehen und werden abgetragen. Bäche und Flüsse haben keinen konstanten Verlauf, sondern sie schaffen Täler, Flussschlingen verändern sich. Pflanzen wachsen und sterben ab, Tiere kommen und gehen, Arten von Lebewesen werden als solche erkannt, verändern sich, sterben aus, Witterung und Klima wandeln sich. Es gibt kein natürliches oder ökologisches Gleichgewicht. Es gibt keinen Normalzustand, ja überhaupt keinen Zustand von Natur. Natur verändert sich vielmehr ständig, und so sollte man sie auch beschreiben: als wachsend, sich entwickelnd, verändernd, auch sterbend. Sie lässt sich dann besser verstehen.

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Bürgergesellschaft und Umwelt

Auch wenn das klar ist: Wir haben viel zu wenige Daten, um diesen Wandel genau zu dokumentieren. Und natürlich haben wir zu wenige Spezialisten, um diese Dokumentation durchzuführen. Aber ist das wirklich so? Eigentlich könnte sich ja jeder an der Erfassung von Daten über Natur beteiligen. Jeder Fund einer Pflanze, jede Begegnung mit einem Tier, der Wasserstand in einem Bach oder See, Regenmengen, Temperaturen: Alles dies ist es wert, immer wieder dokumentiert zu werden, weil es keinen »Normalzustand« gibt, der sich immer wieder erkennen lässt. Zu allen Daten braucht man eine möglichst genaue Ortsangabe, und es müsste auch die Zeit der Datengewinnung möglichst genau dokumentiert werden. Alles muss nicht mit letzter Genauigkeit erfolgen: Man braucht nicht unbedingt die genaue Anzahl an blühenden Frauenschuhpflanzen, man braucht ihren Standort nicht unbedingt in Verbindung mit einem GPS-Datum, und man muss nicht genau die Sekunde aufschreiben, zu der man seine Beobachtung macht. Man kann das aber tun und größtmögliche Genauigkeit anstreben, doch auch weniger detaillierte Erfassungen sind willkommen. Alle diese Daten können wertvoll sein oder werden! Jeder kann sich an ihrer Aufnahme beteiligen.

Der Bürgergesellschaft wird dabei eine neue Aufgabe zugewiesen, die eigentlich schon immer besteht. Dabei geht es nicht allein um die Erfassung der Daten, sondern man profitiert auch durch das Knüpfen persönlicher Kontakte. Denn die Datenerfassung kann (muss allerdings nicht) in Kontakt mit anderen Menschen erfolgen, mit denen man Erfahrungen austauscht, die Datenerfassung zu standardisieren versucht. Diese anderen Menschen können zu Gleichgesinnten werden, mit denen es bald auch andere Gesprächsthemen gibt als die Erfassung der Blühzeitpunkte seltener – und übrigens auch »ganz gewöhnlicher« Pflanzen: Wie spannend wäre es, wenn wir wüssten, wie viele Blütenköpfchen des Gänseblümchens zu welchem Zeitpunkt auf einer Rasenfläche wachsen, welche Tiere die Blütenköpfe bestäuben! Das Berichten über die Beobachtungen, die jeder gemacht hat, schafft neue soziale Netzwerke und bringt Menschen auch dazu, sich in ihrem Alltagsleben gegenseitig zu helfen. Die Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man sich zuvor kennengelernt hat und weiß, dass man ein Gesprächsthema findet, wenn man sich trifft.

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Ohne Wissenschaft geht es nicht

Neue Aufgaben ergeben sich auch für die Wissenschaft. Experten müssen die Bürgergesellschaft anleiten, Artenkenntnisse und Methoden des Erfassens von Naturphänomenen vermitteln, sie müssen andere Menschen dazu anregen, am Netzwerk des Erfassens von Naturdaten mitzuwirken. Dazu braucht man einführende Bücher, Bestimmungsschlüssel müssen optimiert werden, die Entwicklung von Apps ist sehr hilfreich, mit deren Hilfe Tiere oder Pflanzen bestimmt werden können. Aber auch der persönliche Kontakt ist hier wichtig, der Kontakt zwischen einer Wissenschaft, die nicht im Elfenbeinturm verharren darf, sondern auf die Bürgergesellschaft zugeht – und natürlich auch von der Bürgergesellschaft akzeptiert und integriert werden muss.

Der Experte ist allerdings nicht immer nur der Wissenschaftler, der das Aufnehmen von Naturphänomenen zu seinem Beruf gemacht hat, sondern vor allem derjenige, der Pflanzen- oder Tierarten kennt, der weiß, wie man Wasserstände misst oder Thermometer, Wind- und Regenmesser aufstellen muss, um möglichst zuverlässige Daten über den Verlauf der Witterung zu generieren.

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Von wissenschaftlicher Seite zu lösen ist dann das Problem, wie man die Daten sammelt und zueinander in Beziehung setzt. Es könnten Unmengen an Daten gesammelt werden. Sie müssen von Anfang an geordnet werden. Das Sammeln und Ordnen der Daten ist vielleicht das schwierigste Problem, das gelöst werden muss – das weiß man von früheren ähnlichen Projekten. Zahllose Daten zum Vorkommen von Lebewesen und zu Charakteristika der Natur ruhen in Archiven, ohne zusammengestellt worden zu sein, und unendlich viele dieser Daten aus vergangenen Jahren sind vor der Zusammenstellung vernichtet worden, weil nachfahrende Generationen nicht mehr wussten, was ihre Vorfahren gesammelt hatten und wozu sie das taten.

Jedes Datum ist ein Ergebnis. Die Daten müssen wie in jeder wissenschaftlichen Arbeit zueinander in Beziehung gesetzt werden. Wetterdaten und Blühtermine bedingen sich, das nehmen wir wahr. Aber man muss dies mit den Messergebnissen deutlich machen, und schließlich müssen auch eher ungenaue Ergebnisse wie die Erinnerung an den Sommer mit den geleerten Regentonnen durch Zusammenschau auf die Daten erklärt werden. Jede Datenverknüpfung beruht auf einer mehr oder weniger schlüssigen Hypothese. Die einzelnen Ergebnisse sollten als solche ohne den Hinweis auf eine Hypothese abgespeichert werden. Das ermöglicht es, zu einem späteren Zeitpunkt die Ergebnisse auch einmal anders zu verknüpfen. Vielleicht war man zuerst der Ansicht, die Blühimpulse für bestimmte Pflanzen würden durch Temperaturen gegeben, bis es schlüssiger wurde, die Regenhäufigkeit als Ursache für den Blühbeginn einer Pflanze zu sehen. Dann müssen alle ermittelten Daten neu geordnet werden können. Und auch das ist eine Aufgabe der Wissenschaft.

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Rückführung der Daten in die Bürgergesellschaft

Alle, die sich an der Generierung der Daten beteiligen, müssen auch eine Rückmeldung darüber bekommen, was mit den Daten geschieht. Dabei kann es nicht um eine reine Eingangsbestätigung für die Daten gehen, sondern es müssen die Hypothesen zur Datenverknüpfung auch allgemeinverständlich aufbereitet werden, so dass jedem »Datenlieferant« klar wird, wie seine Messergebnisse genutzt werden. Das ist ein wichtiger Impuls zum Weiter-Sammeln, und dadurch wird das Netz zwischen den am Erfassungsprojekt Beteiligten immer weiter gestärkt.

Vom genauen Datenerfassen zur Natur und der Sammlung dieser Daten können wir alle profitieren. Jedermann kann sich daran beteiligen, die gesamte Bürgergesellschaft ist aufgerufen, etwas zu tun. Menschen lernen sich kennen, wenn sie die Daten sammeln. Sie lernen aber auch, die Natur und ihren Wandel zu beobachten und zu beurteilen. Jeder kann auf diese Weise ein neues Bewusstsein etwa zur Frage des Rückgangs von Insektenpopulationen gewinnen – oder auch zur Frage des Klimawandels, vielleicht noch zu vielen anderen Facetten des Umweltwandels.

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Daraus lassen sich Handlungsweisen ableiten. Man wird beispielsweise merken, dass man nicht nur allgemein fordern sollte, unsere Umwelt abwechslungsreicher zu gestalten, sondern man wird auch selbst beginnen, seinen Garten so zu bepflanzen, dass Bienen und andere Insekten dort monatelang kontinuierlich Pollen und Nektar finden: Ein kurz gemähter Rasen, eine aus Stein gebaute Terrasse und ein paar Koniferen nützen den Insekten dagegen wenig.

Auch die Wissenschaft profitiert von den Daten, wenn sie es versteht, andere Menschen zur Mitarbeit zu motivieren, und wenn es gelingt, die Daten in geeigneter Weise zu ordnen. Es wird immer wichtiger, den Wandel der Umwelt zu dokumentieren: Darauf aufbauend kann nämlich entschieden werden, welche dynamischen Prozesse natürlicherweise ablaufen und welche auf den Menschen zurückgehen. Wir müssen genauer in Erfahrung bringen, welche Teile des Global Change natürlich und welche vom Menschen verursacht sind. Je genauer wir dies wissen, je genauer wir dies auch in der gesamten Gesellschaft diskutieren, desto eher entwickeln wir uns von einer Gesellschaft des mehr oder weniger gut begründeten Protestes zu einer Gesellschaft des Wissens weiter. Denn im Kontakt zwischen Wissenschaft und Bürgergesellschaft wird nicht nur der Protest entwickelt, der dann an »die Politik« anonym herangetragen wird, sondern es kann versucht werden, Erfahrungen so auszutauschen, dass die gesamte Gesellschaft davon profitiert und auch im politischen Raum sachlicher miteinander gesprochen wird.

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Beitrag im Newsletter Nr. 18 vom 7.9.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Prof. Dr. Hansjörg Küster ist Professor für Pflanzenökologie an der Leibniz Universität Hannover sowie im Ehrenamt Präsident des Niedersächsischen Heimatbundes und Vorsitzender des Vorstandes der Stiftung Naturschutzgeschichte in Königswinter.

Kontakt: kuester(at)geobotanik.uni-hannover.de

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