Hochschule mit Verantwortung: Engagementförderung durch universitäre Lehre

Cornelia Springer/ Dr. Bernd Struß

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Einleitung

Freiwilliges Engagement hat seit 2015 in Deutschland einen Aufschwung erlebt. Mit der Ankunft zahlreicher Menschen aus den Krisenregionen Afrikas und dem Mittleren Osten begann nicht nur für Kommunen und Behörden eine arbeitsintensive Zeit. Überwältigend viele BürgerInnen waren spontan bereit, sich für geflüchtete Menschen einzusetzen. Auch die Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg entschied sich dafür, einen Beitrag zu leisten und entwickelte im Wintersemester ein integriertes Studienangebot, um engagierte Studierende fachlich auf Herausforderungen in der praktischen Arbeit vorzubereiten, sie intensiv zu begleiten und ihr Engagement außerhalb der Hochschule angemessen zu honorieren. Die positive Resonanz der Studierenden deutete bereits auf das große Bedürfnis hin, mehr über die Herkunftsregionen der Geflüchteten und die Ursachen globaler Migration zu erfahren. Daneben bestand der dringende Wunsch, praktisches Wissen und Zugang zum Netzwerk zu erhalten und Fragen zur Vereinbarkeit des Engagements mit Studium, Nebenjob und Familie zu erörtern.

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Transfer: von der Flüchtlingsarbeit zur Wohnungs-/ Obdachlosenhilfe

Die positive Erfahrung der ersten Semester gab den Anstoß für die Entwicklung eines Prototyps universitärer Engagementförderung. Im Rahmen eines Lehrlabors[1] konnten das Lehrkonzept methodisch-didaktisch weiterentwickelt und Transfer- und Skalierungspotenziale ausgelotet werden. Dies schloss auch die Ausweitung der Campus-Community-Partnerships ein, des Netzwerks zwischen Hochschule und Hamburger Akteuren und Institutionen. Die Entscheidung für das Thema »Wohnungs-/Obdachlosigkeit und Armut« als Rahmen für ein zweites Programm folgte aus dessen zunehmender Sichtbarkeit im unmittelbaren urbanen Umfeld der Universität, der wachsenden gesamtgesellschaftlichen Relevanz und Präsenz im öffentlichen Diskurs. Ein weiteres Argument lieferten die praktischen Parallelen und Überschneidungen mit dem ersten Feld, hinsichtlich des professionellen Hilfesystems sowie der Aktionsfelder, in denen sich Freiwillige engagieren.

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Lernen durch Engagement: Methode Service Learning

Methodisch basiert »Engagementförderung durch universitäre Lehre« auf dem Ansatz des Service Learnings, der u.a. auf den amerikanischen Philosophen und Bildungswissenschaftler John Dewey (1859-1952) zurückgeht. Die Studierenden setzen sich mit tatsächlichen gesellschaftlichen Herausforderungen auseinander. So hat ihr Engagement einen starken Bezug zu ihrer Lebenswirklichkeit und ist nicht nur eine Simulation im Unterricht. Sie setzen sich, integriert ins Studium und eng verbunden mit fachlichem Lernen, für das Gemeinwohl ein. Die praktischen Erfahrungen werden im Seminar reflektiert und mit curricularen Inhalten verknüpft.

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Theorie und Praxis eng verzahnt: Struktur der Studienangebote

Die Studienangebote bestehen jeweils aus vier einander ergänzenden Bausteinen. In der interdisziplinären Ringvorlesung erwerben die Studierenden anwendungsorientiertes Überblickswissen für die kompetente Unterstützung von Geflüchteten bzw. Wohnungs-/Obdachlosen. Die Verschränkung von fachlich-theoretischem und handlungsrelevantem Wissen sowie die Aktualität der Inhalte sind entscheidende Qualitätskriterien der Vortragsreihe. Diesen wird durch die Beteiligung hochschulexterner ReferentInnen entsprochen: ExpertInnen aus Wissenschaft und Politik, Behörden, kirchlichen Einrichtungen, NGOs und Journalismus. Sie beleuchten die diversen Verwaltungsebenen und Aktionsbereiche der Hilfesysteme und liefern wertvolle Hintergrundinformationen. Alle Inhalte werden für Fachfremde gut verständlich vorgetragen und im Plenum diskutiert.

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In begleitenden Workshops werden fachliche Inhalte vertieft und Methodenkompetenz geschult. Die Sensibilisierung für die Lebenssituation und Bedürfnislagen der Zielgruppen gehört genauso dazu wie die bewusste Wahrnehmung eigener Privilegien und die kritische Auseinandersetzung damit, was »Helfen« bedeutet und wie die Autonomie der unterstützten Menschen gewahrt bleibt. Wie sich u.a. an Rückmeldungen der Praxispartner zeigt, sind die Studierenden sehr selbstreflektiert, hinterfragen ihre eigene Rolle und Verantwortung als freiwillige UnterstützerInnen von Anfang an und sind sich sozialer Hierarchiegefälle bewusst. Bei Exkursionen treffen sie Menschen aus verschiedenen Kontexten der professionellen und freiwilligen Flüchtlingsarbeit bzw. Wohnungs-/Obdachlosenhilfe. Sie besuchen VertreterInnen von Behörden, NGOs und ehrenamtlichen Initiativen und gewinnen wertvolle Einblicke in das Netzwerk der Akteure.

In der Projektwerkstatt engagieren sich die Studierenden aktiv in einer Einrichtung oder Initiative. Sie wenden das im Studium erworbene theoretische Wissen an, gewinnen zusätzliche Perspektiven und eigene Zugänge zu einem gesellschaftlich und politisch relevanten Themenkomplex. Sie übernehmen Verantwortung und finden selbständig Lösungen für akut auftretende Herausforderungen. In der Praxis trainieren sie ein breites Spektrum fachlicher und sozialer Kompetenzen und reflektieren ihre Erfahrungen mündlich im Seminar und schriftlich auf dem Blog[2].

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Feedback: Studierende, hochschulexterne Partner und Gäste

Die konstant hohen Zahlen von 50-60 Studierenden pro Semester im ersten und über 40 im zweiten Programm waren Ausdruck anhaltenden inhaltlichen Interesses. Das Angebot sprach Studierende verschiedenster Fakultäten und Fachrichtungen an, darunter einige von anderen Hochschulen. Die Vorträge waren für alle BürgerInnen der Stadt frei zugänglich, und so nahmen nicht nur Kontaktstudierende und SeniorInnen, sondern auch Professionelle teil. Die Motive der Studierenden waren unterschiedlich. Neben dem Erwerb von Fach- und Hintergrundwissen standen der Grad der Eigenverantwortung und im Regelstudium nicht so stark gegebenen Gestaltungsfreiheit in der Projektarbeit im Vordergrund. Evaluationen zeigten, welchen besonderen Stellenwert die Studierenden dem Programm im Kontext ihrer akademischen Bildung beimaßen und wovon sie persönlich profitierten. Viele schätzten v.a. die Vernetzung und Zusammenarbeit mit Partnern außerhalb der Universität und betonten, dass sie sich in kurzer Zeit eine große Menge an praxisrelevantem Wissen aneignen konnten, das im Studium sonst nicht vermittelt würde, und sie neue Impulse für ihre berufliche Orientierung gewonnen hätten. Die Mehrheit konstatierte, eigene Grenzen und Hemmschwellen überwunden und Berührungsängste abgebaut zu haben.

Auch bei Kooperationspartnern und Gästen der Vorlesung hat das Programm großen Widerhall erzeugt. Durchweg herrschte wertschätzende Offenheit und großes Interesse, in einen aktiven Austausch zu treten. Mit den Angeboten wurde sozusagen »ein Nerv getroffen«, Zeichen der anhaltenden Aktualität und gesellschaftlichen Relevanz der Themen.

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Hochschule mit Verantwortung: intersektorale Kooperation und reziproker Wissenstransfer

Auf Seiten der Institution ruft gesellschaftlich eingreifendes und selbstreflexives Lehren und Lernen Fragen nach dem Selbstverständnis der Universität in ihrem lokalen Beziehungsgefüge auf: Welche aktive Rolle übernimmt sie bei der Bearbeitung gesellschaftlich relevanter Themen? Inwieweit soll sich eine originär der Forschung und Lehre verpflichtete Institution der Vermittlung von Inhalten mit gemeinnützigem Fokus widmen? Das Leitbild der UHH formuliert als »Ziel universitärer Lehre« klar: »Bildung durch Wissenschaft zu ermöglichen [und] alle Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Studierenden hohe wissenschaftliche Kompetenz erwerben […] und sich als mündige Mitglieder der Gesellschaft weiterentwickeln können, die bereit und in der Lage sind, an deren sozial und ökologisch nachhaltiger, demokratischer und friedlicher Gestaltung maßgeblich mitzuwirken und für ihre Zukunftsfähigkeit Verantwortung zu übernehmen.« Mit dieser Beschreibung der eigenen Rolle geht die Universität Hamburg mit den Zielen der bundesweit an Bedeutung gewinnenden »Third Mission von Hochschulen« konform, will »Reflexions- und Urteilsvermögen sowie hohes Verantwortungsbewusstsein vermittel[n und] eine ihrer grundlegenden Verpflichtungen gegenüber der Gesellschaft [erfüllen], von der sie selber getragen wird«.[3]

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Für die Umsetzung dieser Ziele ist die Universität auf die Zusammenarbeit und den Austausch mit »der Zivilgesellschaft« angewiesen. Es liegt in ihrer Verantwortung und Kompetenz, forschend und lehrend auf deren Bedarfe und Fragen zu reagieren und sie kollaborativ zu bearbeiten. Diese intersektorale Kooperation erfolgt im Programm der Engagementförderung auf mehreren Ebenen (s. Grafik): (1) auf inhaltlicher Ebene in der Ringvorlesung, (2) auf Projektebene zwischen Studierenden und Ehren-/Hauptamtlichen in Hamburg sowie (3) zwischen Studierenden und Geflüchteten bzw. Wohnungs-/Obdachlosen und (4) bei Exkursionen zwischen Studierenden und GesprächspartnerInnen.

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Blick in die Praxis: Beispiele studentischen Engagements

Die Bandbreite des studentischen Engagements ist beeindruckend. Die Studierenden unterstützten Einrichtungen und Initiativen im regulären Betrieb, in Kleiderkammern, bei der Essensausgabe, individueller Verweisberatung oder behördlichem Schriftverkehr. Zum Teil schufen sie ergänzende Angebote, die von den festen MitarbeiterInnen nicht geleistet werden könnten, z.B. Begleitung bei der Wohnungssuche oder zu Behörden und Ämtern, Spiele- und Bastelnachmittage in Tagesaufenthaltsstätten, Kinderbetreuung und Vorlesenachmittage, Sprachtraining und Hausaufgabenhilfe, Sportangebote, Meditations- und Tanzworkshops.

In der Begleitung der Teams hat sich gezeigt, dass es für den Einstieg ins Engagement sehr hilfreich ist, wenn die Studierenden sich in vorhandene Strukturen einfügen können. Die Neugründung eines Projekts bedeutet meist eine lange Vorlaufzeit und ist in einem Semester kaum umsetzbar. Wertvoll war daher die Zusammenarbeit mit bestehenden Projekten und Initiativen, z.B. mit Westwind e.V., Schülerpaten Hamburg e.V., dem interkulturellen Austausch (ikA) in Barmbek, dem Womens‘ Health Team und den Flüchtlingslotsen der Diakonie. Im zweiten Programm bestanden Kooperationen mit der Tagesstätte Alimaus, dem herz as, dem haus jona, der Sozialen Beratungsstelle Eimsbüttel und dem Winternotprogramm von fördern und wohnen. Viele Studierende verfügten selbst über ein breites Netzwerk, fungierten als MultiplikatorInnen und warben KommilitonInnen als Verstärkung. Daneben entwickelten einige Teams neue Projekte, kooperierten z.B. mit Leitenden von Wohnunterkünften und schufen Sprachlernangebote für Frauen mit Spieletreff und Hausaufgabenbetreuung für deren Kinder. Ein Team hat einen Dokumentarfilm über das Leben junger Menschen auf der Straße gedreht und dafür ExpertInnen in der Jugendhilfe interviewt.

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Voraussetzungen für strukturelle Verankerung

Besonders bei innovativen Ansätzen in der Hochschullehre wird die Frage aufgeworfen, ob der betriebene Aufwand »adäquat« ist, und für externe Partner ist eine Zusammenarbeit v.a. dann sinnvoll, wenn sich dadurch die Qualität der eigenen Arbeit (zumindest potenziell) verbessert und Ziele besser erreicht werden können. Die Wirksamkeit dieses komplexen Programms zu messen stellt, u.a. aufgrund der hohen Diversität an intersektoralen und interpersonellen Kooperationen und der starken Fluktuation innerhalb der Zielgruppen, eine Herausforderung dar. Um eine Aussage über den »Erfolg« des Programms als Lehrformat und die Eignung für eine Verstetigung zu treffen, wäre eine Potenzial- und Wirksamkeitsanalyse und eine Beobachtung des Zuwachses von fachlichen, organisatorischen und sozialen Kompetenzen bei den Studierenden hilfreich. Die Effekte des Engagements für Menschen mit Unterstützungsbedarf ließe sich z.T. quantitativ auswerten, z.B. anhand der Zahl der erfolgten Begleitungen, der mit KlientInnen verfassten Bewerbungen auf Ausbildungsstellen und Jobs, des Stundenumfangs von Sprachtrainings oder Kinderbetreuung in einer Wohnunterkunft. Im Falle einer Fortsetzung des Studienangebots werden entsprechende Erhebungen und Auswertungen vorgenommen.

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Ausblick: Engagementförderung als Säule eines universitätsweiten Studium Generale?

Anhand von Interviews mit Praxispartnern, Studierendenbefragungen und punktueller teilnehmender Beobachtung ist eine vorläufige Einschätzung der Potenziale möglich. Die Lehrangebote fördern soziales Verantwortungsbewusstsein und Handlungsbereitschaft unter den Studierenden, der Universität gelingt dadurch eine neue Öffnung gegenüber der Stadtgesellschaft.

Auf Basis der gewonnenen Expertise ist die Entwicklung von insgesamt vier Modulen, verankert in einem universitätsweiten Studium Generale, angedacht. Als zu entwickelnde Themen und Engagementfelder wurden »Klima-/ Umweltschutz und nachhaltige Stadtentwicklung« und »Demografischer Wandel und Unterstützung für ältere Menschen« identifiziert. Diese erfüllen wie die beiden ersten die Kriterien universitärer Engagementförderung: Sie sind aktuell, betreffen tatsächliche gesellschaftliche Herausforderungen und haben zugleich einen lokalen Bezug und globale Relevanz. Sie weisen klare Anknüpfungspunkte an die Ziele für nachhaltige Entwicklung der UN (SDG) auf, bieten inhaltliche und institutionelle Anschlussstellen für Freiwilligenengagement und intersektorale Kooperationen, ermöglichen die Vernetzung von akademischem mit handlungsrelevantem Wissen und einen kontroversen mehrperspektivischen Diskurs.

Leider zeichnet sich noch keine Perspektive für die Fortsetzung des Programms ab. Trotz großen institutionellen Zuspruchs und hoher Nachfrage durch Studierende und Kooperationspartner ist eine Bereitstellung von Ressourcen aus Eigenmitteln der Universität nicht möglich. Die Projektleitung unternimmt weiter intensive Bemühungen, um eine Drittmittelfinanzierung zu erreichen und das wichtige Thema an der Universität zu verankern.

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Hinweis

Dieser Beitrag ist eine Kurzfassung, der Texte in den Beiträgen des Instituts für Engagementförderung (06/2018: https://ife-hamburg.de/herunterladen/beitraege-des-instituts) und in den Universitätskolleg-Schriften (Bd. 25, i.E.: https://www.universitaetskolleg.uni-hamburg.de/publikationen/schriftenreihe.html) vorangingen.

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Beitrag im Newsletter Nr. 15 vom 26.7.2018

Für den Inhalt sind die Autor*innen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor*innen

Cornelia Springer, M.A. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Studiendekanat der Fakultät für Geisteswissenschaften der Universität Hamburg und leitet das Projekt »Engagementförderung durch universitäre Lehre«. Dr. Bernd Struß ist Leiter des Studiendekanats.

Kontakt: cornelia.springer(at)uni-hamburg.de 

Weitere Informationen:

»Refugees welcome – aber wie?«
http://refugees-welcome.blogs.uni-hamburg.de/ 
www.facebook.com/refugeeswelcomeaberwie 

»Hamburg für alle – aber wie?«
http://hamburg-fuer-alle.blogs.uni-hamburg.de/ 
www.facebook.com/hamburgfueralleaberwie 

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