Strukturelle Integration erfolgreich gestalten: »Integrationsassistenten Wiesbaden«

Zsuzsanna Dobos de Prada/ Patrick Kouril

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MigraMundi e.V. mit Sitz in Wiesbaden (Hessen)

Wir...

  • sind eine Vereinigung von Migrantinnen aus vielen Ländern
  • sind religiös- und parteipolitisch unabhängig
  • initiieren und beschleunigen Integrationsprozesse
  • haben viel Erfahrung mit Integrationsarbeit
  • weisen Migrantinnen gangbare Wege in Gesellschaft und Beruf
  • sehen unsere Aufgabe in der Förderung gesellschaftlicher Teilhabe von Migranten

Die Mitglieder sprechen 20 Sprachen.

MigraMundi e.V. ist zurzeit der Träger von 5 Projekten und dem Regelangebot Integrationsassistent/innen /Sprachmittler/innen.

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Das Projekt »Integrationsassistenten Wiesbaden«

Das Projekt »Integrationsassistenten Wiesbaden« wurde von August 2010 bis Dezember 2013 im Rahmen des Programms des Landes Hessen »Modellregionen Integration« unter der Trägerschaft des Caritasverbands Wiesbaden-Rheingau-Taunus e.V. durchgeführt. Gefördert wurde es durch das Land Hessen und die Landeshauptstadt Wiesbaden. Während der Projektlaufzeit wurden die Integrationsassistent/innen umfangreich geschult.

Der interkulturelle Migrantinnen-Verein MigraMundi e.V. wirkte bei der Umsetzung des Projekts als Kooperationspartner mit. Seit 01.01.2014 ist MigraMundi e.V. Träger des Regelangebots.

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Kenntnisse & Fähigkeiten der Integrationsassistent/innen

Integrationsassistent/innen sind Brückenbauer zwischen Migranten und Fachpersonal im Bildungs-, Gesundheits-, Arbeits- und Sozialwesen.

Sie unterstützen das Fachpersonal bei der Kommunikation mit fremdsprachigen Bürgern durch fachkundiges Dolmetschen und Vermittlung in soziokulturellen Fragen. Ihre Arbeit baut Verständigungsbarrieren ab und ermöglicht eine problemlose und effektive Zusammenarbeit. Damit erfahren Fachkräfte und Migrant/innen gleichermaßen Hilfestellungen für eine kultursensible Verständigung.

Die Integrationsassistent/innen beherrschen die deutsche Sprache und verfügen über fundierte Kenntnisse der sozialen und kulturellen Systeme beider Seiten. Sie unterliegen der Schweigepflicht und sind dem Datenschutz verpflichtet.

Die Beauftragung der Integrationsassistent/innen ist ausschließlich durch Behörden, Institutionen und Einrichtungen möglich. Zurzeit arbeiten wir mit ca. 90 aktiven Ehrenamtlichen und bieten 47 verschiedene Sprachen an.

Für die Ehrenamtlichen bieten wir regelmäßig Supervision an. Die Koordination wird durch zwei sozialversicherungspflichtige Beschäftigte sichergestellt.

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Sprachmittler/innen sind in den meisten Bundesländern zu finden, allerdings unter verschiedenen Bezeichnungen:

Integrationsassistent/innen, Lots/innen, kultursensible Dolmetscher/innen, kultursensible Sprachmittler/innen, Laiendolmetscher/innen usw.

»Sprachmittler ist ein Oberbegriff für Übersetzer und Dolmetscher. Im Ausbildungssystem der DDR gab es den akademischen Grad des ›Diplom-Sprachmittlers‹. Dieser Studiengang vermittelte sowohl Dolmetscher- als auch Übersetzerkompetenzen.

Im Zuge der Entwicklung der Übersetzungs- und Dolmetschwissenschaft (zusammenfassend auch Translatologie) als eigenständiger Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde von deren Vertretern wiederholt vorgeschlagen, die Bezeichnung Translator für Dolmetscher und Übersetzer zu verwenden (Otto Kade 1968, Hans J. Vermeer und Katharina Reiß 1984). Im Gegensatz zum Sprachmittler verweist diese Bezeichnung darauf, dass es sich beim Dolmetschen und Übersetzen um Expertentätigkeiten handelt, die sich nicht allein auf sprachliche Operationen beschränken. Zum Aufgabenbereich des Translators gehört auch die Vermittlung zwischen Ausgangs- und Zielkultur, ggf. die Anpassung des Informationsangebots an die Zieltextadressaten sowie die Erstellung des Zieltextes gemäß den Konventionen der entsprechenden Textsorte.« (Quelle Wikipedia)

Die Sprachmittler/innen arbeiten in der Regel ehrenamtlich und bekommen eine Aufwandsentschädigung. Diese darf im Jahr die 2.400,00 Euro Grenze nicht überschreiten. Nur die Einsätze werden mit Aufwandsentschädigung honoriert, die Teilnahme an Lehrgängen und Seminaren nicht.

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Die wichtigsten Kenntnisse und Fähigkeiten, die von ehrenamtlichen Sprachmittler/innen erwartet werden:

  • gute Deutschkenntnisse
  • Beherrschung der Sprache auf muttersprachlichem Niveau
  • Interkulturelle- und soziale Kompetenzen
  • Pünktlichkeit
  • gepflegte äußere Erscheinung
  • gute Umgangsformen
  • selbstbewusstes Auftreten
  • Konfliktmanagement
  • Allparteilichkeit
  • Datenschutz-Kenntnisse
  • Einhaltung der Schweigepflicht
  • Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung

Wie die Beschreibung aus Wikipedia und die obige Auflistung zeigen, handelt es sich hier nicht um das übliche Ehrenamt im klassischen Sinne.

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Qualifizierung der Ehrenamtlichen

Um diese ehrenamtliche Tätigkeit ausüben zu können, müssen die Ehrenamtlichen vorher Schulungen belegen. Eine bundeseinheitliche Schulung gibt es zwar von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), aber es liegt im Ermessen des Trägers, ob, wie und mit welchen Methoden geschult wird. In Nordrhein-Westfalen wird eine 18-Monate-Vollzeitqualifizierung bevorzugt. https://www.sprinteg.de/qualifizierung/

Voraussetzung: Der Träger muss Mitglied des »Netzwerks« SprInt sein. SprInt ist eine gemeinnützige Genossenschaft, in der die Standorte, ähnlich wie ein Franchise-System, verbunden sind.

Eher verbreitet ist ein IHK-Lehrgang (bundeseinheitliche Kurrikulum der DIHK), nach dessen erfolgreicher Teilnahme (Lehrgangsdauer 180 Unterrichtseinheiten) das IHK-Zertifikat »IHK geprüfte Sprachmittler/in für die deutsche Sprache« verliehen wird.

In Wiesbaden bietet MigraMundi e.V. seit 2017 diesen IHK-Lehrgang an.

Zusätzlich führen wir hauseigene Fortbildungen in den Bereichen Kultur, Dolmetsch-Techniken, Soziales, Bildung, Gesundheit und Arbeit durch.

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Die Qualifizierung der Ehrenamtlichen ist immer eine finanzielle Herausforderung, weil der IHK-Lehrgang so gut wie nie aus Fördertöpfen finanziert wird. Teilnehmer, welche sich im SBG II-Bezug befinden, können die Kosten mit Bildungsschein abdecken. Problematischer ist es bei denjenigen, die durch »alle Raster« fallen, sprich, finanziert werden aus eigener Kraft. Hier handelt es sich meist um Hausfrauen und/ oder Wiedereinsteiger/innen in den Beruf. Wir können aber am effektivsten mit dieser Zielgruppe arbeiten, da sie häufiger »abrufbereit« ist. Die Erfahrungen zeigen außerdem, dass das Interesse an einer Weiterbildung eher bei Hausfrauen oder Wiedereinsteigerinnen liegt.

Gerne arbeiten wir auch mit Studenten, allerdings sind hier die Einsatzzeiten eher begrenzt, aber auch mit Berufstätigen, die sich auf diese Weise in die gesellschaftliche Arbeit einbringen möchten.

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Wie man sieht, ist die Zusammensetzung der Ehrenamtlichen äußerst vielfältig und deckt alle gesellschaftlichen Schichten ab. Weiterhin ist anzumerken, dass die Fluktuation sehr groß ist. Dies hat hauptsächlich nachstehende Gründe:

  • Die Arbeitssuchenden bekommen durch die Tätigkeit in der Regel spätestens nach zwei Jahren eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. (Das freut uns! Win-Win-Effekt!).
  • Die Tätigkeit fördert das Selbstvertrauen,
  • durch Lehrgangs- und Seminarbesuche erwerben sie neue Kenntnisse,
  • gefördert werden außerdem Bekanntheitsgrad bei Ämternund Einrichtungen (Stichwort: »Kontakte knüpfen«).

Durch den demografischen Wandel sowie die Neuzugewanderten (Freizügigkeit EU und die Flüchtlingskrise) gewinnen die Sprachmittler/innen immer mehr Bedeutung in den Bereichen Bildungs-, Gesundheits-, Arbeits- und Sozialwesen. Auch ändert sich ständig der Bedarf an Sprachen. Früher hatten wir einen sehr großen Bedarf u.a. an Türkisch, Russisch, Serbokroatisch. Heute machen die Sprachen Dari, Farsi, Urdu, Arabisch ca. 60 Prozent unserer Aufträge aus.

Die Anzahl der Erstgeneration an Zugewanderten wächst und eine gelungene Integration ohne qualifizierte kultursensible Sprachmittlung ist undenkbar. Diese Tatsache hat auch schon die freie Wirtschaft entdeckt. Bildungsinstitute, Krankenhäuser und große Produktionsunternehmer stellen Sprachmittler/innen nicht selten in ihrem Hause ein oder suchen diese mit entsprechender Qualifikation auf freiberuflicher Basis.

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Zusammenfassung

Die circa 30 Jahre ausgeübten ehrenamtlichen Tätigkeiten in diesem Bereich spiegeln nicht nur die Entwicklung der Zuwanderung und somit die Fluktuation und Vielfalt in der deutschen Gesellschaft wider, sondern auch die Entwicklung und die Wichtigkeit des Ehrenamts.

Der Weg zum/r Sprachmittler/in führte über Stadtteilmütter, Lots/innen, Paten/innen, Assissten/innen und viele andere diverse Bezeichnungen, wobei inhaltlich immer die kultursensiblen Sprachmittler/innen gemeint waren und sind.

Durch die wachsende Bedeutung der Integrationspolitik des Bundes wurde von den ehrenamtlich Tätigen immer mehr abverlangt. Dies zog zwangsläufig die Qualifizierung der Ehrenämtler/innen mit sich.

Die Tätigkeit Sprachmittler/in ist eine qualifizierte Tätigkeit und man sollte darüber nachdenken, wie die Beschäftigung der Sprachmittler/innen zu einem anerkannten Beruf gefestigt werden kann. Hier sollte man in Betracht ziehen, über eine anerkannte Berufsschule nachzudenken, denn desto mehr Fachkräfte verbindlich in Integration eingebunden sind, desto nachhaltiger und erfolgreicher ist das Ergebnis. Der Entwicklungsprozess der letzten Jahrzehnte untermauert dies und lässt hoffnungsvoll in die Zukunft blicken, auch im Hinblick auf ein neues Berufsfeld.

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Beitrag im Newsletter Nr. 13 vom 28.6.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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AutorIn

Zsuzsanna Dobos de Prada, MigraMundi e.V.

Kontakt: s.prada(at)migramundi.de

Patrick Kouril, MigraMundi e.V.

Weitere Informationen: https://migramundi.jimdo.com/

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