Editorial. Auf dem Weg zu einer Forschungsagenda Digitalisierung und Zivilgesellschaft

Editorial. Auf dem Weg zu einer Forschungsagenda Digitalisierung und Zivilgesellschaft

Wie verändert die sich verbreitende Nutzung digitaler Techniken Zivilgesellschaft? Wie integrieren zivilgesellschaftliche Akteure digitale Techniken gezielt in ihre Arbeit und entwickeln dadurch Engagement- und Organisationsmodelle weiter? Und wie bringen sich zivilgesellschaftliche Akteure in gesellschaftliche und politische Aushandlungsprozesse über den digitalen Wandel unserer Gesellschaft ein – oder eben auch nicht? Fragen wie diese sind binnen kürzester Zeit von der Peripherie ins Zentrum zivilgesellschaftspolitischer Diskurse gerückt. Zu lange hat das Thema im Schatten anderer Themen gestanden. Welchen positiven Beitrag das Digitalisierungsthema für eben diese Diskussionen leisten kann – jenen zum Engagement in ländlichen Räumen, den Fragen des gesellschaftlichen Zusammenhalts und anderen – blieb damit erst recht unberücksichtigt. Und das völlig zu Unrecht!

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Allein die Tatsache, dass in 2018 eine Reihe von Veranstaltungen, Foren und Publikationen unter der viel zu weiten Klammer Digitalisierung und Zivilgesellschaft stehen ist Beleg für den ungenügenden Debattenstand. Das zeigt ein Blick auf die Bandbreite der Beispiele, was damit alles gemeint sein kann. Digitalisierung, das kann die Nutzung von Social-Media-Kanälen für die Öffentlichkeitsarbeit bedeuten, die Entwicklung eines Web-Auftritts oder die Nutzung von Cloud-Lösungen für kollaboratives Arbeiten im Team. Digitalisierung betrifft aber auch die Herausbildung neuer Engagementformen wie die des Online-Volunteerings und von neuen Organisationsmodellen wie dem von Plattformen wie youvo.org, change.org und andere. Digitalisierung verändert die Ansätze und Strategien der Ressourcenmobilisierung gemeinnütziger Organisationen über Freiwilligendatenbanken, Crowd-Funding-Plattformen und weitere Portale. Digitalisierung setzt Kompetenzen voraus, die ungleich verteilt sind, gerade auch mit Blick auf das Alter, was zu Verständigungsschwierigkeiten, teils Verständnislosigkeit zwischen jungen und alten Engagierten und Beschäftigten in Organisationen führen kann. Digitalisierung relativiert die Voraussetzungen zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation hinsichtlich räumlicher Nähe und zeitlicher Abstimmung und erlaubt damit völlig neue Organisationsmodelle, etwa auch im ländlichen Raum. Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Macht es also Sinn, ein so breites Spektrum an disparaten Phänomenen in eine begriffliche Klammer zu pferchen?

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Nicht mehr lange, aktuell aber durchaus. Mit einer Sitzung der AG Zivilgesellschaftsforschung sollte für die Relevanz des Themas in der ganzen Bandbreite sensibilisiert werden und Dialog zwischen Zivilgesellschaft, Forschung, Think-Tanks, Stiftungen und Denkfabriken angeregt werden. Die lange Zeit beobachtbaren Unlust und Defensive, mit der sich VertreterInnen von Zivilgesellschaft, Engagementpolitik und Forschung dem Thema Digitalisierung genähert haben, ist unnötig und unangebracht. Denn gerade dann, wenn es – wie mittlerweile allenthalben zu hören ist – darum geht, dass zivilgesellschaftliche Akteure den digitalen Wandel aktiv mitgestalten und nicht nur über sich ergehen lassen, benötigen sie einen reflektierten und aufgeklärten Zugang zum Thema. 

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Die Beiträge des Themenschwerpunktes

Die im Folgenden dokumentierten Beiträge der Sitzung der AG Zivilgesellschaftsforschung geben einen guten Eindruck und Überblick über Fragen, Erkenntnisstände und praktische Herausforderungen zum Thema.

Ralph Müller-Eiselt fordert in seinem Text die Schaffung von Lernräumen, um Berührungspunkte und die Auseinandersetzung seitens der Zivilgesellschaft mit dem Thema Digitalisierung zu fördern. Zudem hält er für wichtig, »der Stimme der Zivilgesellschaft in der Debatte über die Gestaltung des digitalen Wandels deutlich mehr Gehör zu verschaffen.« Mit anderen Worten: die Frage nach einer Digitalisierung von Zivilgesellschaft sei dringend durch jene nach der Zivilisierung der Digitalisierung von Gesellschaft (Adalbert Evers) zu ergänzen. In das gleiche Horn stößt Anna Wohlfarth, die in ihrem Beitrag ebenfalls eine mündige Zivilgesellschaft fordert, die den digitalen Wandel unserer Gesellschaft kritisch und aktiv begleitet.

Erste wichtige Zahlen zur Orientierung liefert eine Studie, die Frieder Olfe in seinem Beitrag vorstellt und an deren Erarbeitung Nicole Dufft und Peter Kreutter beteiligt waren. Ein wichtiges Ergebnis hier ist die Feststellung eines Mangels an digitalen Kompetenzen in Organisationen des Dritten Sektors. Diesen Ball nimmt der Beitrag von Marlon Maas und Tobias Oertel auf, der die Arbeit von youvo.org vorstellt und damit beispielhaft zeigt, wie durch innovative Engagement- und Organisationsformen digitale Anwendungskompetenzen gestärkt werden können.

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Wie die Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten der Digitalisierung mit dem Ziel der Gestaltung einer lernenden Organisation aussehen kann, zeigt der Beitrag von Wiebke Fabinski, Karin Fehres und Gudrun Schwind-Gick. Die Autorinnen plädieren dabei für einen reflektierten und strategischen Umgang mit den technischen Möglichkeiten der Digitalisierung und zeigen Möglichkeiten der Weiterentwicklung verbandlicher Bildungsarbeit durch Ansätze des blended learning auf. Mundo Yang nimmt in seinem Beitrag Abstand von einer Sichtweise, dass alles, was technisch möglich sei und Teil der neuesten Entwicklungen ist, sich mit Notwendigkeit auch in der Breite durchsetzen werde – oder müsse. Er hält dieser verengenden Sichtweise die Perspektive einer notwendigerweise bedarfsgerechten Aneignung neuer technischer Möglichkeiten entgegen. Grundlage müsse dann eine Praxis sein, die auch zukünftig von zivilgesellschaftlicher Autonomie geprägt sei und die folglich zu unterschiedlichen hybridformen einer teils analogen, teils digitalen Zivilgesellschaft führe.

Einen Blick aus Sicht der IT-Wirtschaft wirft Peter Kusterer auf das Thema. In seinem Beitrag unterscheidet er vier Ebenen digitaler Systeme. Er plädiert für die Entwicklung von digitalen Infrastrukturen und macht deutlich, dass es dafür eine gemeinsame Sprache und einen gemeinsamen Referenzrahmen benötigt. Den Blick auf die Breite der Zivilgesellschaft wirft auch der Beitrag von Joachim Schulte über die Initiative »Deutschland sicher im Netz«. Als Teil eines digitalen Empowerments von Zivilgesellschaft qualifiziert die Initiative Engagierte mit relevanten IT-Sicherheitswissen und möchte so zu einer aktiven Ehrenamtskultur im digitalen Wandel anregen und befähigen.

Eine empirische Sondierung und Einordnung von Online-Volunteering nehmen Hannes Jähnert und Katarina Peranic vor. Anhand von Daten des Freiwilligensurveys zeigen sie auf, wie weit die Nutzung des Internets schon heute Gang und Gäbe in der Engagementpraxis ist und dass Formen des Online-Volunteerings mitnichten rein urbane Phänomene junger Engagierter seien.

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Digitalisierung verstehen und gestalten: wie weiter?

Die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen, intendierten Handlungen und unintendierten Handlungsfolgen, die im weiteren dem Bedeutungskranz Digitalisierung zugeordnet werden können, haben das Potential, zu einem Strukturwandel zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation beizutragen. Diesen Prozess zu verstehen wird eine wichtige Voraussetzung dafür sein, ihn gestalten zu können und auch die Potentiale, die mit Digitalisierung für Engagierte und gemeinnützige Organisationen verbunden sind, erschließen zu können. Abschließend daher ein Impuls für die weitere Systematisierung und Fundierung der Debatte.

Mapping und Bestandsaufnahme
Bislang ist in der Breite noch völlig unklar, wie viele Organisationen systematisch digitale Techniken nutzen und für welche Ziele. Ebenso unbekannt ist, welche Organisationen vor Herausforderungen stehen, für deren Lösung digitale Instrumente genutzt werden können – etwa im Bereich der Gewinnung von freiwillig Engagierten, der Überbrückung beim räumlichen Distanzproblemen in der Leitungsarbeit oder der Zielgruppenansprache – denen aber die Kompetenz fehlt, sich diese zu erschließen. Auch Fragen der gescheiterten Implementierung digitaler Instrumente in die lokale Vereinsarbeit und unbeabsichtigter Handlungsfolgen lassen sich nicht quantifizieren.

Eine bessere Datenlage wäre daher ein wichtiger Baustein, um Bedarfe, Potentiale und Probleme besser zu verstehen und Lösungsansätze zu entwickeln. ZiviZ bereitet dazu im Rahmen des ZiviZ-Survey 2021 einen Themenschwerpunkt Digitalisierung vor, um repräsentative Daten für den gemeinnützigen Sektor zu erheben. Themenschwerpunkte in weiteren laufenden Erhebungen wären wünschenswert.

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Heterogenität besser verstehen
Es kann nicht genug betont werden, dass es im Kontexte digitaler Strategien für unterschiedliche Organisationen keine Einheitslösungen gibt. Digitalisierung kann viele Gesichter annehmen – und in vielen Fällen mag eine Befassung auch gar nicht notwendig sein. Es braucht daher einen bewusst differenzierenden Blick auf unterschiedliche Segmente von Feldern des gemeinnützigen Sektors, die unterschiedliche Rahmenbedingungen ihrer Arbeit haben und Herausforderungen zu bewältigen haben.

Zusammenwirken von Online und Offline
Zivilgesellschaft lebt von Verständigung und Dialog, Kooperations- und Konfliktbereitschaft, von sozialen Beziehungen und Gemeinschaftsbildung. Ein wesentlicher Anteil von zivilgesellschaftlicher Praxis wird sich auch in Zukunft nicht »digitalisieren« lassen. Umso wichtiger ist es zu verstehen, wie online-offline-Schnittstellen im Engagement gelingen können, wo Digitalisierung neue Handlungsmöglichkeiten bietet und wo es ohne den direkten Austausch und die gelebten sozialen Beziehungen nicht klappt. Etwa dann, wenn es darum geht gemeinnützigen Organisationen einen verbindlichkeitsstiftenden gemeinschaftlichen Unterbau zu geben, ohne den Vereinsleben vielerorts auch zukünftig nicht funktionieren wird.

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Intrapreneurs und Entrepreneurs
In der aktuellen Forschungslage wird gern auf Entrepreneurs hingewiesen, die mit innovativen Ansätzen digitale Impulse in die Zivilgesellschaft bringen. Dabei wird aber häufig der Blick auf die Intrapreneurs vergessen, die vor allem in größeren Organisationen digitales Handeln in konventionelle Organisationssettings einbringen. Diese Impulse können erfolgreich aufgenommen werden oder scheitern, je nachdem, wie responsiv Mitengagierte, Beschäftigte und Organisationsführungen auf das Thema reagieren. Um diese Ansätze in Verbänden und Einrichtungen, Stiftungen und anderen Organisationen anschlussfähig zu machen, braucht es ein besseres Verständnis davon, wie solches Intrapreneurship erfolgreich funktionieren kann, um auch andere Organisationen zu befähigen, gezielt mit den eigenen digitalen Selbstorganisationspotentialen umzugehen.

Feldprozesse besser verstehen
Der Diskurs zur Digitalisierung in der Wirtschaft unterscheidet sich grundlegend von dem der Zivilgesellschaft. Prämisse ist dort der angenommene Wandel der Umwelten von Unternehmen, der gelegentlich mit dem Akronym VUCA-World umschrieben wird. Das Grundproblem besteht dann darin, wie sich Organisationen an neue Umweltbedingungen anpassen können, wenn Umwelten »Voliatile«, »Uncertain«, »Complex« und »Ambigous« werden. Starre Aufbaustrukturen und langfristige Projektplanungen passen nicht mehr in diese Welt – so eine weitverbreitete These.

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Ganz gleich ob man diese Sichtwiese teilen mag oder nicht. Was am Diskurs zu Digitalisierung und Zivilgesellschaft im Vergleich auffällt ist die Akteurszentrierung. Digitalisierung wird hier kaum als struktureller oder Feldprozess verstanden. Aus Sicht von Organisationen macht das durchaus Sinn, so lange die Leitfrage ist: Wie gestalten wir Wandel nach unseren Zielen und nutzen dazu die entsprechende Technik? Aus Sicht der Forschung ist diese Perspektive aber unbefriedigend, wenn das Ziel sein soll, komplexe Entwicklungen zu verstehen.

Ein Ansatz, der diese erweiterte Perspektive aufnehmen kann, der Digitalisierung also nicht nur auf ein steuerbares Mikrophänomen reduzieren möchte, kann als methodischen Ausgangspunkt die Wissensbestände der Drittsektor Forschung anschlussfähig machen. Zivilgesellschaftliche Organisationen sind demnach immer eingebettet in multiple Umwelten von Politik, Ökonomie und Gesellschaft. In welchem Maß und welcher Gewichtung einzelne der drei Umwelten von Bedeutung sind hängt im Einzelnen sicher davon ab, ob im konkreten Fall von Sportvereinen oder sozialen Einrichtungen, Kulturverbänden oder politisch agierenden NGOs gesprochen wird. Mit diesem Variationsspielraum im Blick bleibt dennoch konstant, dass gemeinnützige Organisationen an den digitalen Wandel in den jeweils für sie relevanten Umwelten anschlussfähig bleiben müssen, um erfolgreich zu agieren. Ein besseres Verständnis der digitalen Herausforderungen an gemeinnützige Organisationen setzt damit ein Verständnis des digitalen Wandels ihre wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Umwelt voraus. In dieser Perspektive ist Digitalisierung nicht länger ein Phänomen, das rein in der Autonomie und Gestaltungsfreiheit von Organisationen liegt, sondern in dem sie zugleich bestimmten strukturellen Herausforderungen ausgesetzt sind.

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Beitrag im Newsletter Nr. 13 vom 28.6.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Dr. Holger Krimmer, ZiviZ im Stifterverband, Sprecher der AG »Zivilgesellschaftsforschung« des BBE.

Kontakt: holger.krimmer(at)stifterverband.de

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