Ehrenamt 4.0 – digitale Zukunft der Vereine auf dem Land gemeinsam in Angriff nehmen

Einleitung

Der digitale Transformationsprozess wird derzeit als bedeutendes Zukunftsthema mit enormen Auswirkungen nicht nur auf das Arbeiten, sondern auch auf den Alltag und die gesamte Gesellschaft sehr kontrovers diskutiert.

Die Veränderungen aufgrund des digitalen Wandels sind bereits heute im Ehrenamt deutlich sichtbar: Bürgerschaftliches Engagement findet immer häufiger auch digital statt oder wird digital unterstützt. Die deutschlandweit 31 Mio. ehrenamtlich Tätigen müssen eine Chance auf eine dauerhafte digitale Teilhabe und die Weiterentwicklung ihrer Organisationen erhalten. Auch der Deutsche LandFrauenverband will die Entwicklungen für seine Arbeit dauerhaft nutzen.

Glauben wir Experten, hat die Digitalisierung auch auf das ehrenamtliche Engagement und unsere Vereinskultur weitreichende Folgen. Der dlv sieht das Potenzial. Aber diese Aufgabe können die wenigsten Vereine selbst bewältigen. Deshalb hofft der dlv, dass die neue Regierung die Versprechen aus dem Koalitionsvertrag einhält, um unsere Vereine in die digitale Zukunft zu führen und gleichzeitig unsere Vereinswerte zu festigen.

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Engagement 4.0

Jeden Tag entstehen neue, noch unbekannte Formen des digitalen Engagements außerhalb von festen Organisationsstrukturen, etwa in den sozialen Medien, im Bereich des Crowdsourcings, des Campagnings, oder in der Meinungsbildung.

Auch im ländlichen Raum werden neue Ansätze erprobt. So zeigt sich im Rahmen des Projektes Digitale Dörfer, dass es eine sehr hohe Affinität auf dem Land gibt, sich über digitale Dienste zu vernetzen und auf diese Weise ehrenamtliche Dienste in der Nachbarschaft zu koordinieren.

Welche Auswirkungen diese Entwicklungen auf die Vereinsarbeit in den ländlichen Räumen haben wird, ist eine von vielen Fragen, die noch beantwortet werden müssen.

Vereinsarbeit 4.0

Die Digitalisierung wird die Arbeitsprozesse in den Vereinen und Verbänden verändern (z. B. durch Cloud-Computing), Engagementteams werden auf Grundlage neuer gemeinsamer Werte zusammenarbeiten, Führung und Hierarchien in gemeinnützigen Organisationen werden neu bewertet und der Öffentlichkeitsarbeit stehen neue digitale Instrumente zur Verfügung (z. B. elektronischer Newsletter statt Verbandszeitschrift).

Damit wird für Vereine und Verbände der digitale Transformationsprozess nicht nur zu einer Aufgabe der neuen Gestaltung von Arbeitsprozessen, sondern auch der Organisations- und Personalentwicklung und damit zu einem Thema der Weiterbildung.

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Es gilt, den digitalen Wandel für die Vereine und Verbände aktiv zu gestalten

Vor dem Hintergrund der beschriebenen Entwicklungen und Szenarien formulierte der dlv 2016 einige Forderungen, die im Folgenden weiter ausgeführt werden. Dass einige dieser Forderungen es bis in den Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung geschafft haben, kann der dlv nur begrüßen.

Ehrenamtliches Engagement bekommt mit dem Koalitionsvertrag einen anderen Stellenwert und langjährige Forderungen des dlv finden Gehör. Durch Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen sowie Unterstützung durch zusätzliches hauptamtliches Personal kann ehrenamtliches Engagement unsere Gesellschaft weiterhin zukunftsfähig gestalten.

Erweiterung des Dialogs zum digitalen Wandel um die Folgen der Digitalisierung für das Ehrenamt

Der Dialog zum digitalen Wandel muss um die Folgen für das ehrenamtliche Engagement und die Vereinsarbeit in Deutschland erweitert werden. Dies ist u.a. im Rahmen eines Digitalisierungsgipfels für das Ehrenamt unter Beteiligung von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Verbänden denkbar. Der dlv fordert dabei eine kritische Auseinandersetzung nicht nur mit den Potenzialen, sondern auch mit den Herausforderungen und Risiken für die Vereinsarbeit im ländlichen Raum. Diese Forderung wurde im Koalitionsvertrag nicht aufgegriffen, obwohl es sich quasi um das Fundament der weiteren Arbeit in diesem Bereich handelt. 

Forschungsarbeit, Modell- und Pilotprojekte

Da auf dem Gebiet der Digitalisierung des Ehrenamtes noch viel Pionierarbeit zu leisten ist, braucht es neben dem eben genannten erweiterten Dialog Forschungsarbeit, Modell- und Pilotprojekte sowie maßgeschneiderte Förderprogramme. Die Bundesregierung wird prüfen, inwiefern ein »Zivilgesellschaftliches Digitalisierungsprogramm« gestaltet werden könnte. [1] Außerdem soll die Möglichkeit der Finanzierung zivil- und ehrenamtlicher Initiativen über Spenden oder Crowdfunding untersucht werden. [2] Möglicherweise könnte die im Vertrag genannte »Digitalagentur« [3] ebenfalls dazu beitragen, die Forschungsarbeit als Grundlage für weitere Entwicklungen im Bereich Ehrenamt 4.0 weiter voranzutreiben.

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Finanzielle und beratende Unterstützung für Vereine und Verbände

Die Vereine und Verbände benötigen finanzielle und beratende Unterstützung unter Anderem für die Beschaffung nachhaltiger und auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnittener Hardware- und Softwarelösungen.

Des Weiteren ist die Entwicklung und Umsetzung digitaler Bildungskonzepte eine Aufgabe, die die Vereine und Verbände nicht allein bewerkstelligen können. Im Koalitionsvertrag wird der Aspekt der Erwachsenenbildung im Zusammenhang mit Digitalisierung an mehreren Stellen aufgegriffen. So soll insbesondere für Ältere Weiterbildung zu Aspekten der Digitalisierung zugänglich gemacht werden [4] und die Entwicklung niedrigschwelliger Lernangebote soll unterstützt werden. Insbesondere wird der Fokus auch auf Bildungsforschung gelegt, um die Qualität der digitalen Weiterbildung zu sichern. [5]

Der dlv forderte Hilfestellung für Vereine und Verbände bei der Erarbeitung digitaler Strategien im Rahmen eines Organisationsentwicklungsprozesses. Im Koalitionsvertrag wird die Möglichkeit konkreter Hilfestellung dafür bei einer Ehrenamtsstiftung oder Service-Agentur gesehen. [6] Die neue Bundesregierung plant die Etablierung regionaler Kompetenzzentren für Digitalisierung und die Vernetzung dieser mit den Akteuren und Initiativen vor Ort. [7] Im Koalitionsvertrag basiert diese Überlegung auf der notwendigen flächendeckenden digitalen Ausstattung aller Schulen. Eine Erweiterung dieser Zentren auch für die Themen Ehrenamt und Engagement wäre nach Ansicht des dlv wünschenswert. Ehrenamt und Engagement finden regional statt, die Ansiedlung dieser Zentren zur Vermittlung von Best Practice, technischem und pädagogischem Know-how auch für diesen Bereich zu nutzen wäre nach Ansicht des dlv sinnvoller, als eine bundesweite Ehrenamtsstiftung oder Service-Agentur.

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Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt

Erwerbsarbeit wie auch ehrenamtliches Engagement sind von einer zunehmenden Flexibilisierung geprägt, u.a. weil digitale Medien ein zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten ermöglichen. Das ist eine zu begrüßende Entwicklung hin zu mehr Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt. Arbeitgeber müssen digitales Engagement aber auch fördern, etwa, indem sie flexible Zeitfenster für die Ausübung eines Ehrenamtes einräumen.

Auch die neue Bundesregierung will sich laut Koalitionsvertrag verstärkt für mehr Zeitsouveränität einsetzen. Es sollen Modelle entwickelt werden, die im Rahmen der Digitalisierung Beschäftigten mehr Familienzeit einräumen [8]. Inwiefern dies geschehen soll, wird nicht weiter aufgegriffen. Auch eine Unterstützung Ehrenamtlicher bei der Freistellung von Erwerbsarbeit zur Ausübung einer freiwilligen Tätigkeit wird nicht aufgegriffen.

Flächendeckender Zugang zu leistungsfähigem Breitband

Ohne die technischen Voraussetzungen eines schnellen Internets nutzen die besten digitalen Errungenschaften nichts. Daher wies der dlv nochmals auf die Dringlichkeit hin, auch den ländlichen Raum flächendeckend mit einem Zugang zu leistungsfähigem Breitband auszustatten. Laut Koalitionsvertrag wird dieser Ausbau nun mit höchster Priorität vorangetrieben. Bis 2025 soll der flächendeckende Ausbau mit Gigabit-Netzen abgeschlossen sein.[9]

Ziel muss es sein, die digitalen Errungenschaften für das ehrenamtliche Engagement im ländlichen Raum gewinnbringend einzusetzen. Die Gemeinschaft und andere soziale Faktoren, die die Vereinskultur seit je her ausmachen, gilt es zu erhalten.

Im Zusammenhang mit ehrenamtlichem Engagement steht die Digitalisierung bisher kaum auf der Tagesordnung, weder in der Wissenschaft, noch auf politischer Ebene, wo dieses Querschnittsthema bisher durch die Raster der politischen Ressorts gefallen zu sein scheint.

Endnoten

  1. Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD 2018, S. 48.
  2. ebd.
  3. ebd. S. 61.
  4. ebd. S. 27.
  5. ebd. S. 31.
  6. ebd. S. 119.
  7. ebd. S. 40.
  8. ebd. S. 41.
  9. ebd. S. 38.

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Beitrag im Newsletter Nr. 6 vom 22.3.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Brigitte Scherb ist seit 2007 Präsidentin des Deutschen LandFrauenverbandes und war von 2002 bis 2014 Vorsitzende des Niedersächsischen LandFrauenverbandes. Den landwirtschaftlichen Ackerbaubetrieb im Landkreis Goslar, den sie gemeinsam mit Ihrem Ehemann bewirtschaftete, haben sie inzwischen an die nächste Generation übergeben. Brigitte Scherb ist Geschäftsführerin des Gewässerunterhaltungsverbandes Obere Innerste.

Kontakt: info(at)landfrauen.info

Weitere Informationen: http://www.LandFrauen.infohttp://www.facebook.com/DeutscherLandFrauenverband

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