Nachhaltige Integration geflüchteter Menschen in unsere Arbeitswelt auch im ländlichen Raum – der Blick auf Potenziale und Chancen: »The Human Safety Net«

Einleitung

Gewiss, der häufige Hinweis auf Defizitaspekte des ländlichen Raumes im Kontext der Integration geflüchteter Menschen erscheint nachvollziehbar und in Teilen gerechtfertigt. Analog zu dem Beitrag von Jürgen Schumacher (BBE-Newsletter Nr. 5, 8.3.2018 »Engagement von, mit und für geflüchtete Menschen im ländlichen Raum«) wird sich der folgende Beitrag jedoch bewusst von einer Defizitorientierung lösen und sich auf bisher ungenutzte Potenziale und Chancen konzentrieren.

Da auch der ländliche Raum unterschiedliche Ausgangslagen und Rahmenbedingungen aufweist, gibt es keine Blaupausen für eine erfolgreiche Integration unserer neuen Nachbarn.

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Ausgehend aber von der Erkenntnis, dass die gesellschaftspolitischen Aktivitäten wirksam sind, die die Selbstbefähigung der Menschen stärken, steht bei den folgenden Ausführungen die Unterstützung Geflüchteter im Mittelpunkt, die sie als Hilfe zur Selbsthilfe befähigt, ihre Fähigkeiten und Talente zu nutzen:

Nachhaltige Kompetenzentwicklung statt unkoordinierter Benefits kann sich zu einer weiteren Säule entwickeln, die zu bleibender Unabhängigkeit von Sozialleistungen führt. Und das unabhängig von Standortaspekten.

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Erkenntnisse

Bisherige Untersuchungen zur Integration geflüchteter Menschen zeigen, dass dort gute Erfolge erzielt werden konnten, wo zielgerichtet zwischen staatlichen Akteuren, Kommunen, etablierten Organisationen der Zivilgesellschaft, spontanen Helfergruppen und Unternehmen kooperiert wird. Der Wille und die Bereitschaft zur Kooperation erweisen sich als unverzichtbarer Erfolgsfaktor. Es gelte, die Formen der Kooperationen zu systematisieren und sie nicht dem Zufall zu überlassen. Die Rufe nach immer mehr hauptamtlichen Stellen gingen ins Leere wenn diese nur zur personellen Aufstockung in bestehenden Strukturen genutzt würden. Wichtig sei nun die Weiterentwicklung der Strukturen des Zusammenwirkens, eine Verbesserung der Qualität der Zusammenarbeit.

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Gemeinsam und wirksam

Damit stellt sich zum wiederholten Mal die Frage, ob die Flüchtlingsintegration wirklich GEMEINSAM und WIRKSAM erfolgt. »Wenn du schnell gehen willst, gehe allein. Wenn du weit gehen willst, gehe gemeinsam«, sagt ein afrikanisches Sprichwort. In der jetzt vor uns liegenden Integrationsphase gilt es, die Herkulesaufgabe der Integration in Arbeit eines möglichst großen Anteiles der jobsuchenden Geflüchteten gemeinsam zu bewältigen. Netzwerken zwischen den Akteuren in dieser Phase ist nett. Man betont die Gemeinsamkeiten, verpflichtet sich aber zu nichts. Netzwerker verabreden Termine und versichern sich wechselseitig ihrer guten Taten. Niemand muss etwas aufgeben, sich an Erfolgen messen lassen oder gar Ressourcen teilen. Das ist praktisch, aber meist wirkungslos. Kooperieren ist viel anstrengender. Sich von herkömmlichen Mustern und Handlungslogiken zu verabschieden, gehört jedoch zu den wirklich heroischen Leistungen.

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Loslassen können

Bereits vor Jahren beschrieb der Organisationspsychologe Karl Weich folgendes Phänomen: In den Jahren 1949 und 1994 kamen zwei Feuerwehrmannschaften ums Leben, die bei der Bekämpfung von Waldbränden von explodierenden Feuerstellen überrascht wurden. In beiden Fällen wurde der Rückzug der Feuerwehrleute durch ihre schweren Gerätschaften verlangsamt, die sie bei sich trugen und trotz eindeutiger Anweisungen nicht fallen ließen. Durch das Festhalten der Arbeitsgeräte verloren sie an Strecke und kamen schließlich um. Die zentrale Frage, warum die Feuerwehrleute in der lebensbedrohlichen Situation ihre Gerätschaften nicht fallen ließen: Sie konnten nicht anders, die Instrumente hatten ihnen in Hunderten von Situationen geholfen. Warum sollten sie ausgerechnet jetzt genau auf das verzichten, was bisher ihr Überleben sicherte? Die Betroffenen hatten keine Übung im Abwerfen ihrer Gerätschaften.

Genau hier spiegelt sich die gefährliche Kraft der herrschenden Routinen von Organisationen wider. Die Schwierigkeit, angesichts einer kritischen Situation bekannte Gewohnheiten loszulassen – sie stattdessen womöglich noch fester in den Griff zu nehmen, ist ein Ausdruck des Beharrens, wenn es auf Beweglichkeit ankommt.

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Chancen für ein echtes Zusammenwirken

Die Erfahrungen der zurückliegenden Monate zeigen, dass es eine Chance zu einem veränderten, echten Zusammenwirken zwischen staatlichen Institutionen, gesellschaftlichen Organisationen und Unternehmen gibt. Der Druck der sichtbaren Integration der Geflüchteten half, das Zusammenspiel zwischen den Sektoren zumindest in ersten Schritten neu zu ordnen. Die systematische Nutzung wirkungsvoller Kooperationen und komplementärer Kompetenzen in den Sektoren sind keine Fremdworte mehr. 

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Machbarkeitsstudie

Die im Folgenden beschriebene, weltweit angelegte Aktivität des »Human Safety Net« berücksichtigt die vorhandenen Erkenntnisse erfolgreicher Ko-Produktion.

Zu den ergänzenden Grundlagen der CSR-Anstrengungen der General Group gehört das Machbarkeits- und Umsetzungskonzept für das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi): Aktivierung von unternehmerischen Potenzialen für Selbständige in Flüchtlingsheimen, vorgelegt durch ISM Mainz in Kooperation mit Social Impact GmbH.

Die Studie lieferte erste Erkenntnisse zur Umsetzung eines Pilotprojektes zur Aktivierung von unternehmerischen Potenzialen bei Geflüchteten.

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Zu den Handlungsempfehlungen zur Stärkung einer Gründungsinfrastruktur für geflüchtete Personen gehörten:

  • Aufbau einer inkludierenden Unterstützungsstruktur, die für Geflüchtete eine zielgerichtete, individuelle und bedarfsorientierte Gründungsunterstützung vorhält.
  • Proaktive Ansprache des Themas »Selbständigkeit« in den institutionellen Beratungsstrukturen und Aufnahme der Thematik in den entsprechenden Instrumenten (Screening-Verfahren, Kompetenzfeststellung, Erstberatungsgespräche).
  • Sensibilisierung der Mitarbeitenden in den Agenturen für Arbeit und Jobcentern, um etwaigen Vorbehalten gegenüber einer beruflichen Selbständigkeit von Geflüchteten entgegenzuwirken und um ein Verweiswissen in den Strukturen aufzubauen.
  • Einbindung von gründungsbezogenen Sprachmodulen in die Integrationskurse sowie in die berufsbezogenen Deutschkurse des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
  • Weiterentwicklung bestehender Finanzinstrumente, um einen niedrigschwelligen Zugang zu externen Finanzierungsquellen zu ermöglichen.
  • Abstimmung der Strategien und Aktivitäten der Entscheidungsträger auf Bundesebene, BMWi, Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Bundesagentur für Arbeit, Bundesministerium des Innern (BMI) sowie des BAMF für die Etablierung einer migrationsspezifischen Gründungsunterstützung.

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Um einen effizienten und effektiven Ressourceneinsatz zur Förderung und Hebung der Gründungspotenziale von geflüchteten Personen zu gewährleisten, wurde empfohlen:

  • Das Projekt ist in ein lokales Unterstützungssystem unter Einbeziehung der Leistungen anderer Träger eingebettet und agiert keinesfalls isoliert. Dies erfordert eine frühzeitige Einbindung regionaler Entscheidungsträger und der operativen Akteure.
  • Die Projektträger sollten nachweislich Erfahrungen in der migrationsspezifischen Gründungsberatung haben.
  • Der Standort sollte so ausgewählt werden, dass sich aus dem lokalen Umfeld keine Zugangsbarrieren ergeben und dass die Teilnehmenden die Räumlichkeiten mit öffentlichen Verkehrsmitteln leicht erreichen können.
  • Die Auswahl der Teilnehmenden sollte auf die Zielgruppe der Geflüchteten mit hoher Bleibeperspektive und guten Deutschkenntnissen ausgerichtet werden, die eine hohe Motivation für eine Selbständigkeit zeigen.
  • Um gelingende Umweltbedingungen für gründungsinteressierte Frauen zu schaffen, sind geeignete Gender-Strategien zu entwickeln und umzusetzen. Dies schließt gesonderte Formate für Frauen ein.
  • Der Fokus sollte nicht ausschließlich auf die Förderung von Einzelgründungen gelegt werden. Vielmehr sollten Teamgründungen – zwischen Geflüchteten sowie Geflüchteten und Deutschen oder anderen Staatsbürgern, die schon länger in Deutschland leben, angeregt werden. Durch diese kollaborativen Gründungen könnten die Erfolgschancen von Gründungen deutlich erhöht werden.
  • Der Träger stellt ein ausdifferenziertes Leistungsangebot (unterschiedliche Qualifizierungsformate, Beratung, Coaching, Mentorin) zur Verfügung, um auf die individuellen Förderbedarfe der Teilnehmenden zielgerichtet und bedarfsorientiert eingehen zu können.
  • Das Projekt sollte den Teilnehmenden ermöglichen, Arbeitsräume sowie Betriebsmittel zu nutzen und darüber hinaus gemeinsame Räume für Veranstaltungen zur Verfügung zu stellen.
  • Das Projekt sollte neben Maßnahmen der Gründungsförderung auch Chancen der Interaktionen und des Zusammenwirkens von Deutschen und Migranten eröffnen.

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The Human Safety Net for Refugee Start-Ups

Seit 2017 bündelt die General Group ihre weltweiten CSR-Aktivitäten und verfolgt die Vision, jedem Menschen durch eine stabile Existenzgrundlage die Chance auf ein besseres Leben zu geben. Dazu werden benachteiligte Menschen unterstützt, ihre Potenziale zu nutzen und befähigt, das Leben ihrer Familien und ihrer Community zu verändern.

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Das Problem

1,2 Millionen geflüchteter Menschen haben seit 2015 in Deutschland Asyl beantragt. Die herausfordernde Integrationsarbeit, die Neuangekommenen in Lohn und Brot zu bringen, beginnt jetzt erst richtig. Ohne Arbeit erscheint es nur schwer möglich, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und ein Selbstwertgefühl zu entwickeln. Ein schneller Einstieg in die Arbeitswelt verhindert ein »Gewöhnen« an die Versorgung im sozialen Netz. Dabei geht es nicht pauschal um DEN Geflüchteten, sondern um Väter und Mütter, um Friseure und Handwerker, um Studierende und Musiker, um Händler und Kleinunternehmer...

Von den arbeitssuchenden Flüchtlingen mit guter Bleibeperspektive und B1-Sprachniveau konnte in 2016/2017 erst ein Bruchteil in Praktika, Ausbildung und Jobs vermittelt werden. Einem Großteil droht Arbeitslosigkeit über einen längeren Zeitraum.

Kreative, neue Lösungen sind gefordert, um aus neu angekommenen Einwohnern Bürger als Teil des Gemeinwesens zu machen, die unsere Gesellschaft mitgestalten und Selbst- und Mitverantwortung leben.

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Das Potenzial

80 Prozent der Geflüchteten haben mehr als die Grundschule besucht, 70 Prozent verfügen über Berufserfahrungen. In den Herkunftsländern ist selbstständige Erwerbsarbeit deutlich weiter verbreitet als in Deutschland. Viele Neuankommer sind hoch motiviert, sich eine Existenz aufzubauen, zeigen hohes Engagement, stellen Zielstrebigkeit unter Beweis und haben ausgeprägten Unternehmergeist. 20 Prozent der Existenzgründungen in Deutschland erfolgen durch Migranten. Bisher wurden von Migranten Start-Ups primär in den Bereichen Einzelhandel, Gastronomie und Bauwesen gegründet. Inzwischen bietet ein Viertel aller von Migranten geführten Unternehmen wissensbezogenen Dienst an. Europaweit können Flüchtlinge bis 2025 60 bis 70 Mrd. Euro zum BIP beitragen.

Die Lösung

Bemerkenswerte nonformale Qualifikationen (siehe oben: Gestaltungswille, Risikobereitschaft, Überlebenswille, Ideenreichtum...), erste unternehmerische Erfahrungen und der unbedingte Wille zur eigenständigen Existenz erweisen sich als gute Voraussetzungen, um geflüchtete Personen systematisch auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten.

Eine inkludierende Unterstützungsstruktur ermöglicht der Zielgruppe eine bedarfs- und potentialorientierte Gründungsförderung und den Schritt in die Arbeitswelt in neuer, bisher unbekannter Umgebung.

Gemeinsam mit NGO-Partnern (Social Impact gGmbH-Berlin-, SPARK-Amsterdam-, PLACE -Paris-) wurden mehrmonatige Trainings-, Beratungs- und Coaching-Aktivitäten entwickelt, die sich an den individuellen Profilen der Teilnehmer orientieren.

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Im Social Impact Lab bekommen die zukünftigen Unternehmer eine Heimat für ihre Gründung. Der Inkubator Coworking Space ermöglicht regelmäßige Gelegenheiten zur Interaktion und zum Meet-Up mit Experten aus Unternehmen, lokalen Initiativen, Kammern, Jobcenter, Stadt und Kommune, Migrantenorganisationen und vielen anderen Kooperationspartnern.

Das Programm (siehe Bild) führt die Flüchtlings-Unternehmer von der ersten Idee über Trainingsmaßnahmen bis zur Gründung und zum Wachstum ihres eigenen Unternehmens.

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Corporate Volunteers und bürgerschaftlich Engagierte übernehmen Mentorenfunktionen und / oder bringen ihre fachlichen / persönlichen Kompetenzen in die Trainingsmaßnahmen ein.

Erfolgreiche Beispiele zeigen, dass der eingeschlagene Weg Potenzial verspricht und einen signifikanten Beitrag zur Integration leistet:

  • Khaled Karimo und Hiba al-Bassir produzieren hochwertige Gartenmöbel und bieten diese in ihrem Berliner Laden an.
  • Rami Haki produziert Akkawi-Käse nach traditionellem syrischen Rezept im bayerischen Günzburg.
  • Münzer Khattab und Ghaith Zamrick entwickelten die App Buraucrazy, um die deutsche Bürokratie für Flüchtlinge zu erklären.

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Beitrag im Newsletter Nr. 5 vom 8.3.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Christoph Zeckra, Public Affairs & Community Engagement (Generali Deutschland), Themenpate im Themenfeld »Engagement von und für geflüchtete Menschen« des BBE, Mitglied im Vorstand des Demografienetzwerks Deutschland ddn.

Kontakt: christoph.zeckra(at)generali.com

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