»Mein Engagement hat mich in diesem Land lebendig gemacht«: Erfahrungen mit dem Engagement von Geflüchteten im Modellprojekt »Teilhabe durch Engagement« (bagfa e.V.)

Einleitung

Engagement nicht nur für geflüchtete Menschen, sondern von und mit ihnen – das ist der Kerngedanke des Modellprojekts »Teilhabe durch Engagement«, das die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa e.V.) von Sommer 2016 bis April 2019 durchführt.

Dafür erkunden und erproben Freiwilligenagenturen an bundesweit zehn Standorten Wege, wie geflüchtete Menschen einen Zugang zu ihrem freiwilligen Engagement finden können – und im gemeinsamen Aktivsein mit anderen Freiwilligen vor Ort ein neues Zuhause.

Freiwilligenagenturen sind die Expertenorganisationen, wenn es darum geht, Menschen zu ermutigen, zu beraten und dabei zu begleiten, das für sie richtige gesellschaftliche Engagement zu entdecken. Freiwilligenagenturen nehmen dabei eine vermittelnde Funktion ein zwischen dem engagementinteressierten Menschen auf der einen Seite und zivilgesellschaftlichen Initiativen und sozialen Einrichtungen (»Einsatzstellen«), die Engagierte suchen, auf der anderen.

Wege in ein freiwilliges Engagement

Im Projekt wurden unterschiedliche Maßnahmen entwickelt, um Geflüchteten den Weg zu freiwilligen Tätigkeiten zu ebnen. Hier einige Beispiele:

  • In aufsuchenden Engagement-Workshops erläutern die Projektmitarbeiter/-innen den Geflüchteten Struktur und Wesen des freiwilligen Engagements, beleuchten die Motive der Teilnehmer/-innen, was ihnen freiwillige Aktivitäten bedeuten könnte, und laden sie anschließend zu individuellen Engagement-Beratungen ein.
  • Wie es praktisch aussehen kann, ist bei Engagement-Spaziergängen erfahrbar: Geflüchtete Menschen und bereits erfahrene Freiwillige der Aufnahmegesellschaft unternehmen gemeinsam Exkursionen zu Einrichtungen, an denen freiwillig gearbeitet wird. Vor Ort berichten Engagierte davon, warum ihnen ihr Engagement am Herzen liegt, wie ihr freiwilliger Einsatz konkret aussieht – und wo in der Einrichtung weitere Mitstreiter/-innen gesucht sind.
  • Die zehn Freiwilligenagenturen laden Geflüchtete zu konkreten Mitmach-Angeboten ein. Geflüchtete können sich dabei als Freiwillige ausprobieren und erste Kontakte in ein Engagementfeld knüpfen. Eine Gruppe von freiwilligen Helfer/-innen mit und ohne Fluchtgeschichte erntet zum Beispiel gemeinsam eine Streuobstwiese, bereitet daraus vor Ort Saft zu und organisiert ein Stadtteilfest. Solche punktuellen Aktionen ermöglichen auch jenen Geflüchteten einen Einstieg, die noch zu wenig Deutsch sprechen, um sich »alleine« in einer Einsatzstelle einzubringen. Aus diesen Ersterfahrungen können auch weitere Formen des Engagements entstehen. Seit Sommer 2016 fanden so bislang rund 600 geflüchtete Menschen Anschluss an ehrenamtliche Teams in Vereinen, Organisationen und gemeinnützigen Einrichtungen. Im gemeinsamen Engagement von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung werden die vorher »Neuen« zu engagierten Nachbarn und zu Aktiven vor Ort, die gemeinsam etwas auf den Weg bringen.

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Besondere Herausforderungen im ländlichen Raum

Drei der zehn Projektstandorte befinden sich nicht in Städten, sondern in größeren Landkreisen. Die Mitarbeiter/-innen vor Ort sehen sich dort vor besondere Herausforderungen gestellt:

1. Lange Wege zu den Engagement-Orten
In Flächenlandkreisen kennt es wohl fast jede/r: Die Wege sind weit, der ÖPNV häufig schlecht ausgebaut. Davon betroffen sind nicht nur unsere Projektmitarbeiter/-innen, sondern auch die engagementinteressierten Geflüchteten.

Um diesem Problem zu begegnen, sind daher wohnortnahe Engagement-Möglichkeiten gefragt. Nur: Nicht überall sind zivilgesellschaftliche Initiativen und soziale Einrichtungen als potenzielle Engagement-Orte vorhanden, in die die Geflüchteten vermittelt werden könnten.

Unsere Projektmitarbeiter/-innen müssen folglich mit den Einsatzstellen arbeiten, die wohnortnah vorhanden sind. Sie müssen außerdem kreativ und findig sein, um die Chancen für neue lokale Engagement-Möglichkeiten zu erkennen, zum Beispiel informelle gesellschaftliche Zusammenkünfte wie Feste, Tage der offenen Tür oder Sport-Events im Landkreis, in deren Rahmen Engagierte mit Fluchtgeschichte aktiv werden könnten.

Geeignete Kooperationspartner, mit denen zusammen vor Ort solche neuen Engagement-Möglichkeiten entwickelt werden können, sind z. B. Mehrgenerationenhäuser, Kirchgemeinden oder Sportvereine.

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2. Voraussetzungsvolles Freiwilligenmanagement in den Einsatzstellen
Bei wichtigen Akteuren des ländlichen Engagements, wie etwa die Freiwilligen Feuerwehren oder das Technische Hilfswerk, ist Freiwilligentätigkeit an zahlreiche Voraussetzungen gebunden. Der klassische Weg in eine Einheit der Freiwilligen Feuerwehr etwa geht über eine Grundausbildung, die ihren Teilnehmer/-innen einiges an längerfristiger Verbindlichkeit abverlangt – und nicht zuletzt umfangreiche Kenntnisse der deutschen Sprache, die viele Geflüchtete vorerst noch nicht mitbringen.

Allerdings können sich auch in diesen klassischen Engagement-Orten im ländlichen Raum auch Geflüchtete niedrigschwellig engagieren, sofern der Wille vorhanden ist. Beispiele sind:

  • Blutspendetermine: Die übliche Schulung für ehrenamtliche Helfer ist noch zu komplex für das vorhandene Sprachniveau der geflüchteten Aktiven, aber Mithilfe bei Organisation und Aufbau der Stationen sind möglich.
  • Rettungsdienste: Auch hier können Geflüchtete die Organisation unterstützen, indem sie z. B. die Rettungswagen wieder einsatzfähig machen.

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3. Geringere interkulturelle Öffnung in den Engagement-Einrichtungen
Die Mitarbeiter/-innen in den drei Standorten im ländlichen Raum berichten, es gebe gelegentlich in den Einrichtungen Vorbehalte gegenüber Geflüchteten. Vorbehalte, die dadurch gespeist werden, dass die Organisationen vermehrt interkulturelle »Missverständnisse« befürchten, wenn Menschen mit Fluchtgeschichte bei ihnen freiwillig engagiert sein möchten. Diese Vorbehalte schmälern entsprechend die Bereitschaft, engagierte Geflüchtete in den eigenen Reihen aufzunehmen.

Eine Ursache dafür könnte auch sein, dass sich die Organisationen im ländlichen Raum bisher weniger interkulturell geöffnet haben und damit weniger interkulturelle Kompetenz vorliegt; zum Beispiel tauchte an einem Projektstandort die Fragestellung auf, ob muslimische Engagierte in einer christlichen Einrichtung (z. B. Kita) aktiv sein können – bei den städtischen Projektstandorten spielen solche Dinge kaum eine Rolle.

Diese noch mangelnde interkulturelle Öffnung mancher Einrichtungen oder aber auch die (aufgrund der Bewohnerstruktur) geringe Häufigkeit von interkulturellen Begegnungen im ländlichen Raum führt auch dazu, dass Geflüchtete sich dementsprechend weniger angesprochen fühlen und größere Hemmungen haben, hier aktiv zu werden. In Organisationen, in denen schon andere Geflüchtete (oder Menschen mit erkennbarer Migrationsgeschichte) engagiert sind, fällt der Einstieg leichter.

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Möglichkeiten zur Gewinnung von Engagement-Einsatzstellen

Um Einrichtungen, trotz dieser Vorbehalte, als mögliche Engagement-Einsatzstellen zu gewinnen, haben sich zwei Vorgehensweisen als hilfreich erwiesen:

  • Die Projektmitarbeiter/-innen organisieren gemeinsame Veranstaltungen von engagementinteressierten Geflüchteten einerseits und Vertreter/-innen der Einrichtungen andererseits, um zu Begegnung und Kennenlernen einzuladen. Beispiel dafür sind etwa die Engagement-Exkursionen im Projekt, das sind Besuchstouren von Geflüchteten zu verschiedenen Organisationen, an denen freiwillige Aktivitäten möglich sind. Während dieser Exkursion können nicht nur die Geflüchteten ein konkretes Bild von freiwilligem Engagement gewinnen – auch die Mitarbeiter/-innen der Einrichtungen lernen (zum Teil erstmals) geflüchtete Menschen näher kennen und stellen fest, dass Vorbehalte und Bedenken ggfs. überflüssig waren.
  • Die Projektmitarbeiter/-innen organisieren zusammen mit den Einrichtungs-Vertreter/-innen vorerst einen einmaligen Engagement-Aktionstag, zu dem mehrere interessierte Geflüchtete eingeladen werden. Auch hier wird beiden Seiten – auch den Einrichtungen – die Möglichkeit gegeben, sich näher kennenzulernen und Sorgen und Bedenken als ggfs. unbegründet wahrzunehmen. Aus diesen einmaligen, punktuellen Aktionstagen können sich auf diese Weise evtl. auch längerfristige Engagement-Möglichkeiten entwickeln.

Blumen-Corso: ein Praxis-Beispiel

Das traditionsreiche Blumenfest in einer ländlichen Gemeinde ist ein Festzug, bei dem buntgeschmückte Motivwagen der ortsansässigen Vereine gezeigt werden. Mehr als 22 Wagengruppen waren beim 79. Blumenfest 2017 dabei. Einen Tag vor dem großen Festumzug sind abertausende Dahlien, aus denen die Motive gebildet werden, an die richtige Stelle zu platzieren. Dafür werden sehr viele helfende Hände benötigt, und die Vereine haben regelmäßig Schwierigkeiten, genügend Freiwillige dafür zu finden.

Die Arbeit an den Blumen-Wägen war – vermittelt durch die Projektmitarbeiterin vor Ort – eine tolle Möglichkeit, dass auch Geflüchtete aus unterschiedlichsten Nationen beim Blumenfest im letzten Jahr mitwirken konnten.

Die Begegnung zwischen Einheimischen und Geflüchteten war anfänglich noch von gegenseitiger Zurückhaltung geprägt. Durch das aktive Miteinander (Blumen schneiden, kleben, stecken usw.) entwickelten sich aber schnell Gespräche zwischen allen Aktiven.

Das Projekt »Teilhabe durch Engagement« wird noch bis April 2019 durch das BAMF gefördert.

Weitere Informationen zum Projekt: https://teilhabe.bagfa.de 

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Beitrag im Newsletter Nr. 5 vom 8.3.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Die Politologin Annette Wallentin leitet das Modellprojekt »Teilhabe durch Engagement« für die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen (bagfa e.V.). Sie ist Expertin für die gesellschaftliche Beteiligung von Menschen in sozial benachteiligenden Lebenslagen und für Methoden der politischen Grundbildung.

Kontakt: annette.wallentin(at)bagfa.de

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