Ehrenamtliches Engagement für geflüchtete Menschen – Besonderheiten im ländlichen Raum

Hintergrund und Datenbasis

Empirische Grundlage des folgenden Beitrags sind mehr als 150 qualitative Interviews mit hauptamtlichen KoordinatorInnen und Ehrenamtlichen, die wir im Rahmen der vom Bundesministerium des Inneren geförderten Studie »Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen in der Arbeit mit geflüchteten Menschen« durchgeführt haben (vgl. Schumacher 2018 i.E.). In dieser Studie haben wir auch GesprächspartnerInnen aus kleinen und kleinsten Kommunen einbezogen, um mehr über die spezifischen Bedingungen des ehrenamtlichen Engagements für Geflüchtete auf dem Land zu erfahren. 

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Defizitbetrachtung des ländlichen Raumes

Wie in vielen Beiträgen zum Thema »ländliche Regionen« wird auch im Kontext der Arbeit mit Geflüchteten oft – und auch von den dortigen Akteuren selbst – zunächst einmal auf Defizitaspekte hingewiesen, vor allem auf das Fehlen von Strukturen der Hilfen für Geflüchtete, die in Großstädten vorhanden sind oder sich dort leichter organisieren lassen (vgl. Aumüller/Gesemann 2016: 29). Beispielhaft genannt seien hier differenzierte Sprachkursangebote, fachärztliche Versorgung oder Angebote zur Traumatherapie. Es sind aber nicht nur solche »harten« Versorgungsfaktoren, sondern auch soziale Bedingungen, die dazu führen, dass die ehrenamtliche Arbeit mit Geflüchteten anders und nicht unbedingt einfacher ist.

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Potentiale und Chancen des ländlichen Raumes

Demgegenüber schlagen einige grundlegende »Standortvorteile« des ländlichen Raums positiv zu Buche. Hier ist zuallererst zu erwähnen, dass die dauerhafte Ansiedlung von Geflüchteten vor allem in solchen ländlichen Regionen, die unter gravierenden Bevölkerungsverlusten leiden, eine Win-win-Situation für Geflüchtete und Alteingesessene sein kann (vgl. Bornefeld 2017: 12ff) – dies allerdings zunächst einmal ungeachtet der Schwierigkeiten der Umsetzung. Besonders gut lässt sich dies am Beispiel des Wohnungsmarktes verdeutlichen. Nur der Auszug aus einer Gemeinschaftsunterkunft in eine eigene Wohnung ermöglicht es den Geflüchteten, ein selbständiges Leben in angemessener Privatsphäre zu führen. Während die Schwierigkeiten, eine solche Wohnung zu finden, den Ehrenamtlichen in den großen Städten einen langen Atem abverlangt und sie nicht selten in die Resignation treibt, stehen in vielen ländlichen Regionen Wohnungen leer.

Weiterhin ist zwar leider nicht in allen, aber doch in vielen ländlichen Regionen die Arbeitsmarktsituation keineswegs mehr so desolat wie dies in der Vergangenheit der Fall war. Vielmehr ist in einer Reihe von Branchen der Fachkräftemangel auch auf dem Land angekommen. Damit ist das Kriterium »Arbeit« nicht mehr unbedingt der zentrale Angelpunkt, der über Leben in der Stadt oder auf dem Land entscheidet.

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Fremdsein auf dem Lande

Reservierte bis hin zu feindseligen Einstellungen gegenüber Fremden sind auf dem Land weiter verbreitet als in den großen Städten. Dies ist zu einem großen Teil auf die soziodemographische Zusammensetzung der Bevölkerung zurückzuführen: Bevölkerungsgruppen, die im Durchschnitt positiver gegenüber Fremden eingestellt sind, vor allem jüngere und höher gebildete Menschen, sind in den Städten stärker vertreten (vgl. Müller 2016). Hinzu kommt, dass die alteingesessene Bevölkerung auf dem Lande aufgrund der Tatsache, dass hier weniger Menschen mit Migrationshintergrund leben, seltener in persönlichen Kontakt mit diesen kommt und so Fremdheitsgefühle abbauen kann (vgl. Landmann et al. 2017). Fremdsein dauert auf dem Land länger und es grenzt stärker aus – nicht nur bei Fremden mit Migrationshintergrund, sondern nicht selten auch schon bei Zugezogenen aus dem Nachbarort.

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Auf Messers Schneide

Wie unsere Studie zeigt, war die erste Reaktion aus der ländlichen Bevölkerung auf die Zuweisung von Geflüchteten in ihre Gemeinden im Herbst 2015 meist reserviert, ängstlich oder offen ablehnend. Unterstützungsbereitschaft für Geflüchtete hat sich oft erst in einem zweiten Schritt, als Reaktion auf die ablehnende Haltung vieler MitbürgerInnen formiert. Es wurden Bürgerversammlungen abgehalten, auf denen einerseits versucht wurde, Ängste und Befürchtungen auszuräumen, und auf denen andererseits die ersten HelferInnen begannen, sich zu organisieren und eine lokale Willkommenskultur aufzubauen. Im Umfeld solcher Bürgerversammlungen stand es oft »auf Messers Schneide«, ob es gelang, die Gemeinde mehrheitlich für eine willkommen heißende Haltung zu gewinnen oder die lokale Willkommenskultur so weit zu entwickeln, dass der skeptische Teil der Bevölkerung – dem Konformitätsdruck folgend – dieser zumindest nicht offen widersprach.

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Schlüsselorganisationen und Schlüsselpersonen

Einflussreiche Organisationen und Schlüsselpersonen in der Gemeinde konnten maßgeblich dazu beitragen, ob sich das »Klima« in der Gemeinde fremdenfeindlich oder fremdenfreundlich entwickelte. In vielen Gemeinden gibt es Organisationen, denen ein großer Teil der Bevölkerung angehört oder sich ihnen verbunden fühlt. Dies sind zunächst einmal die christlichen Kirchen einzeln oder in einem ökumenischen Verbund, dann aber auch Vereine, örtliche Gliederungen von Wohlfahrtsverbänden oder die freiwillige Feuerwehr. Wenn Schlüsselpersonen in diesen Organisationen eine willkommen heißende Haltung einnehmen und auch öffentlich dafür eintreten, dann ist für die Haltung der Organisation und darüber hinaus für die Haltung der Gemeinde insgesamt viel gewonnen (vgl. auch Aumüller/Gesemann 2016: 30). Von entscheidender Bedeutung ist hier die Haltung der BürgermeisterIn oder OrtsvorsteherIn. In einem Umfeld mit kurzen und persönlichen Kommunikationswegen können diese Führungspersönlichkeiten oft in höherem Maße Einfluss auf die Haltung der Bevölkerung nehmen, als dies dem oder der BürgermeisterIn einer Großstadt gelingt. 

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Informelle Netzwerke

Informelle Netzwerke sind in jeder Art von Kooperationsbeziehung ein wichtiger Gelingensfaktor. Auf dem Land gilt dies in viel höherem Maße, weil die persönlichen Verflechtungen in der Regel wesentlich enger sind. Man ist mit A in die Schule gegangen, trifft B im Sportverein und C in der Kirchengemeinde. Da Integration essentiell über persönliche Begegnungen läuft, sind diese informellen Netzwerke eine überaus wichtige Ressource. Dies gilt nicht nur für die Möglichkeit, soziale Kontakte zu vermitteln und Geflüchtete z. B. in das Vereinswesen einzubeziehen, sondern auch in Bezug auf handfeste Meilensteine der Integration wie die Anmietung einer Wohnung, das Finden eines Praktikums- oder Ausbildungsplatzes sowie schließlich eines Arbeitsplatzes.

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Ehrenamtliche müssen »Farbe bekennen«

Insbesondere in der Begleitung von Geflüchteten zu Ämtern und Einrichtungen haben die Ehrenamtlichen mit vielen verschiedenen Menschen zu tun. Damit ist das ehrenamtliche Engagement für Geflüchtete in höherem Maße öffentlich als das Engagement in vielen anderen Bereichen, wo es sich eher organisationsintern abspielt, z. B. in der Altenhilfe oder in Kultureinrichtungen. Für ländliche Kommunen gilt dies – bei einer insgesamt überschaubareren Öffentlichkeit – in besonderem Maße: Im Dorf muss man Farbe bekennen. In der Stadt kann ein/e HelferIn in eine Gemeinschaftsunterkunft gehen und dort z. B. Sprachunterricht erteilen, ohne dass es die Nachbarschaft im Wohnumfeld mitbekommt. Im Dorf ist dieses Engagement gemeindeöffentlich – es ist unmittelbar ersichtlich oder es spricht sich herum. Es gibt Beispiele dafür, dass Ehrenamtliche ihr Engagement für Geflüchtete aufgaben, weil die befürchteten, in ihren heimischen Kontaktnetzen »geschnitten« zu werden. Unter diesen Bedingungen ist es eine große Erleichterung, wenn eine starke und in der Kommune angesehene Organisation oder Schlüsselperson gewissermaßen ihre schützende Hand über die Ehrenamtlichen und die Geflüchteten hält. Ist dies gegeben, so sind die Bedingungen der ehrenamtlichen Arbeit für Geflüchtete auf dem Lande durchaus günstig, fehlt diese Rückendeckung, so haben es die Ehrenamtlichen meist schwer. 

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Chancen der Ansiedlung von Geflüchteten für die Landgemeinden

Unter der Voraussetzung, dass man die Geflüchteten tatsächlich als neue NachbarInnen willkommen zu heißen bereit ist, bringt deren dauerhafte Ansiedlung eine ganze Reihe von Vorteilen für die alteingesessene Bevölkerung mit sich. Die Nutzung dieser Vorteile ist auf dem Land neben der Helfermotivation oft ein zweites wichtiges Motiv für ein ehrenamtliches Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten. Ein Bevölkerungszuwachs vor allem von jüngeren Menschen kann helfen, kommunale Infrastruktur zu erhalten, weil die Nachfrage größer wird. Die Palette reicht hier von Kindergärten und Grundschulen über Einzelhandelsgeschäfte bis hin zu Verbindungen im öffentlichen Nahverkehr. Der Bezug leer stehender Wohnungen kann zudem die Ortskerne beleben und dazu beitragen, historische Bausubstanz zu erhalten.

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Anlässe für Neiddebatten vermeiden

Im ländlichen Raum dominiert aufgrund großer Entfernungen und spärlicher öffentlicher Verkehrsverbindungen der Individualverkehr sehr stark. Ohne ein Individualverkehrsmittel sind Geflüchtete in ihrer Mobilität stark eingeschränkt, aber das gilt nicht nur für Geflüchtete, sondern auch für andere Bevölkerungsgruppen: Kinder und Jugendliche, alte Menschen und Personen mit geringem Einkommen. In der großen und bisweilen »grenzenlosen« Hilfsbereitschaft gegenüber Geflüchteten sind vielfach Fahrdienste für Geflüchtete üblich geworden. Das Problem mit diesen Fahrdiensten besteht darin, dass für Geflüchtete ehrenamtlich eine Leistung erbracht wird, die andere Bevölkerungsgruppen ebenfalls gerne erhalten würden. Da diese Leistung direkt vergleichbar ist, wird hier einerseits eine reale Ungleichbehandlung sichtbar, andererseits wird einer Neiddebatte Tür und Tor geöffnet.

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Ein weiteres Beispiel in derselben Problemkategorie stellte der Plan dar, jungen Geflüchteten aus den Mitteln eines Bundesprogramms einen Mopedführerschein zu finanzieren, damit diese Praktikums- oder Ausbildungsstellen auch in etwas größerer Entfernung problemlos erreichen können. Was isoliert betrachtet als sinnvolle Maßnahme erscheint, trägt, in einem weiteren Zusammenhang betrachtet, zu Neiddebatten bei und ist damit kontraproduktiv für den sozialen Zusammenhalt. Einheimischen Jugendlichen fällt es auch nicht immer leicht, den Mopedführerschein zu finanzieren. Im geschilderten Fall hat die kreisweite Flüchtlingskoordination interveniert mit dem Ziel, eine Gleichbehandlung sicherzustellen und unter bestimmten Umständen auch einheimischen Jugendlichen den Mopedführerschein zu finanzieren. Dies scheiterte dann allerdings an den Förderrichtlinien, die ausschließlich Ausgaben zugunsten von Geflüchteten erlaubten.

Als erfolgversprechender Ansatz erweist sich in solchen Fällen die Einbettung von Konzepten zur Integration von Geflüchteten auf dem Land in eine generelle Strategie der Entwicklung der jeweiligen ländlichen Kommune oder Region, z. B. die Einrichtung eines Bürgerbusnetzes in Ergänzung zum öffentlichen Nahverkehr, das Geflüchteten ebenso wie Alteingesessenen zugutekommt.

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Der Sog der Großstädte

Am Ende erweisen sich die Bemühungen von Ehrenamtlichen um die Integration von Geflüchteten in ihrer ländlichen Kommune häufig als fruchtlos, weil diese es vorziehen, in eine Großstadt umzusiedeln. Viele Ehrenamtliche reagieren dann nicht nur persönlich enttäuscht, sondern auch verwundert auf diesen Zug in die Städte. Hier wäre es, um Enttäuschungen vorzubeugen, wichtig, die Perspektiven und Bedürfnisse der Geflüchteten besser zu verstehen.

Zum einen stammen viele Geflüchtete selbst aus Großstädten und ziehen ein urbanes Leben dem Landleben vor. Zum anderen suchen Geflüchtete in der Großstadt Kontakt zu Familienangehörigen, FreundInnen, Menschen aus derselben Herkunftsgemeinde oder zur ethnischen oder religiösen Community ihres Herkunftslandes – und das ist absolut legitim und nachvollziehbar, denn es schafft ein Stück Heimat in der Fremde. Diese Muster sind weltweit im Verhalten aller ImmigrantInnen, auch im Verhalten freiwilliger Auswanderer aus Deutschland in die sonnigeren Regionen Südeuropas zu beobachten.

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Ein weiterer Aspekt ist die Möglichkeit der uneingeschränkten Religionsausübung durch die Nähe eines Gotteshauses des eigenen Bekenntnisses. Dass dies keineswegs nur eine Frage von Christentum auf der einen und Islam oder anderen Religionsgemeinschaften auf der anderen Seite ist, zeigen z. B. die italienischen, portugiesischen und polnischen Kirchengemeinden in Deutschland, die zwar auch katholisch sind, aber darüber hinaus eine spezifische nationale Prägung aufweisen. Eine wichtige Rolle spielen hier die Gemeinschaft in der vom Herkunftsland geprägten Kirchengemeinde, ebenso wie die Möglichkeit, in der Herkunftssprache zu kommunizieren.

Es sollte daher möglich sein, den Ehrenamtlichen das Bedürfnis der Geflüchteten nach Nähe zu den eigenen Landsleuten und religiösen Gemeinschaften verständlich zu machen und zwar am besten, bevor diese allzu große Hoffnungen an die Bleibebereitschaft der Geflüchteten in ihrer ländlichen Gemeinde knüpfen.

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Fazit

Es ist angesichts der geschilderten Herausforderungen alles andere als einfach, Geflüchtete für ein Leben auf dem Lande und die Alteingesessenen dort für ein Zusammenleben mit Geflüchteten zu gewinnen. Die Entwicklungschancen jedoch, die eröffnet werden, wenn dies gelingt, rechtfertigen es auf jeden Fall, den Versuch zu wagen.

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Literatur


Beitrag im Newsletter Nr. 5 vom 8.3.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autor

Dr. Jürgen Schumacher ist Soziologe und Geschäftsführer bei der INBAS-Sozialforschung GmbH in Frankfurt am Main. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Förderung und Unterstützung ehrenamtlichen Engagements, insbesondere im Bereich der Kooperation von Haupt- und Ehrenamtlichen

Kontakt: js(at)inbas-sozialforschung.de

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