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Dorfbewegung Brandenburg e.V. - Netzwerk für Lebendige Dörfer

Dorfbewegung Brandenburg e.V. – Netzwerk für Lebendige Dörfer

Einleitung

Zwar noch ganz jung ist die 2015 gegründete Dorfbewegung Brandenburg e.V. - Netzwerk Lebendige Dörfer, aber bereits in verschiedene fachliche Dialoge eingebunden. Dieser Beitrag soll einen kleinen Einblick geben in die Herausforderungen an unser ehrenamtliches Engagement, das sich vom Dialog mit den Menschen vor Ort bis in europäische Partnerschaften erstreckt.

Im Juni 2015 beschloss der Landtag von Brandenburg die Einsetzung einer Enquete-Kommission »Zukunft der ländlichen Regionen vor dem Hintergrund des demografischen Wandels« (EK 6/1). Auf Grundlage einer sorgfältigen Analyse und unter Zuhilfenahme bereits erstellter Prognosen, Konzepte und Einschätzungen soll die Kommission für die ländlichen Regionen in Brandenburg ein wirkungsvolles Konzept für die zukünftige Gestaltung der Daseinsvorsorge erstellen, zu den einzelnen Politikfeldern sollen zudem Handlungsempfehlungen abgegeben werden.

In bislang 24 öffentlichen Sitzungen tagte die aus allen Fraktionen zusammengesetzte Enquete-Kommission an verschiedenen Orten im ganzen Land, fortwährend wesentliche Bestandteile der Sitzungen waren umfangreiche Anhörungen von Experten wie auch Bürgerinnen und Bürgern. In einem dieser Vor-Ort-Termine berichtete ein Ortvorsteher nahezu unter Tränen von seinen Nöten und Herausforderungen, die Interessen seines Dorfes kommunalpolitisch zu vertreten. Diese bewegende Stellungnahme illustrierte eindrucksvoll, was die Dorfbewegung Brandenburg e.V. in ihrer Arbeit antreibt.

Von der Arbeitsgruppe zur gebündelten Interessenvertretung

2007 fand der erste brandenburgweite Tag der Dörfer zur Themenstellung »Was tut die Dorfgemeinschaft zur Entwicklung der Dorfökonomie und was tut die Dorfökonomie zur Entwicklung der Dorfgemeinschaft?« statt. Im Vorwort zur Dokumentation [1] beschrieb der amtierende Bürgermeister Mirko Friedrich, was die Initiatoren bis heute in ihrem Engagement antreibt : »Gleichzeitig haben wir erkannt, dass noch große Potentiale für eine lebendige Dorfentwicklung ungenutzt sind, die unter anderem im gezielten Austausch zu bestimmten Themen und beim voneinander Lernen zwischen einzelnen Dörfern liegen.«

Die GründerInnen des Dorfbewegung Brandenburg e.V. sind eine Gruppe erfahrener Praktiker, Organisatoren und Wissenschaftler im Bereich der ländlichen Entwicklung. Der Verein ist ein Resultat der Arbeit der Arbeitsgemeinschaft Lebendige Dörfer unter dem Dach von Brandenburg 21 e.V., die mit dem Ziel gegründet worden war, die in anderen europäischen Ländern gesammelten Erfahrungen der Dorfbewegungen auch nach Deutschland zu tragen. Dazu wurden u. a. Dorfuntersuchungen angestellt, die Website http://www.lebendige-doerfer.de eingerichtet, der jährliche Tag der Dörfer eingeführt, eine Wanderausstellung in Gang gesetzt und das Netzwerk Lebendige Dörfer konzipiert. Es zeigte sich jedoch, dass inzwischen die Zeit reif war, eine eigene Körperschaft für die allseitige Entwicklung einer Dorfbewegung in Brandenburg zu schaffen, die von den Dörfern selbst getragen wird.

Der Verein verfolgt zwei wesentliche Ziele: Einerseits wollen wir das eigenverantwortliche Handeln der Dorfgemeinschaften fördern, indem sie u. a. die besten Erfahrungen über selbstbestimmtes Handeln, Selbstgestalten der Lebensqualität im Dorf und Selbstorganisation der eigenen Potenziale austauschen und anwenden. Andererseits wollen wir dazu beitragen, dass die »Stimme der Dörfer« besser Gehör findet und sich neue Formen der Diskussionskultur und Partnerschaft zwischen Dorfbevölkerung und Politikern auf Augenhöhe entwickeln, wie sie anderswo bereits z. B. in regionalen und nationalen, zivilgesellschaftlichen »Parlamenten der Dörfer« und nunmehr auch auf europäischer Ebene mit dem Europäischen Ländlichen Parlament stattfinden. Grundsätzlich angestrebt werden soll eine enge Zusammenarbeit mit den LEADER-Regionen, um parallele Strukturen zu vermeiden und an den hier bereits laufenden Bottom-up Prozess anzuknüpfen, was in gleichem Maße unser Verständnis der Zusammenarbeit mit anderen ländlichen Interessenvertretungen betrifft.

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Den Dörfern eine Stimme geben

Seit der Gründung haben die Gründungsmitglieder vor allem viele Gespräche mit den Menschen vor Ort geführt. Sie bestätigten ein Gefühl des »Abgehängt-Seins«, das vor allem aus einem Gefühl der Machtlosigkeit und viel zu oft mangelnden Teilhabemöglichkeiten an kommunalpolitischen Entscheidungen resultiert. Die Gestaltung ihres Dorfes haben die Menschen oft bereits in ihre eigenen Hände genommen oder entwickeln Pläne dazu. Die Schwierigkeiten, die sie dabei erleben, verdeutlichen, dass die vorhandenen Rahmenbedingungen oftmals nicht mit dem Ruf nach innovativen Lösungen vereinbar sind. Viel zu oft wird Politik für die Stadt und zu wenig für die ländlichen Ortsteile, die Dörfer, gestaltet. Dies führt dazu, dass es zunehmend schwieriger wird, für Dörfer ohne kommunalpolitische Einflussmöglichkeiten Gremienvertreter zu finden.

Die 2015 in Vorbereitung des 2. Europäischen Ländlichen Parlamentes auch in Brandenburg initiierte Kaskade einer Befragung von etwa 300 Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner aus 20 Dörfern, dokumentiert 10 wichtige Aspekte für Dörfer in Brandenburg [2]:

  • Dorfverbundenheit und Gemeinschaftlichkeit als soziales Potenzial der Dorfgemeinschaft
  • Vertiefung der sozialen Ungleichheit zwischen Stadt und Land entgegenwirken
  • Dezentralität und Strategie der Dorfentwicklung
  • Konflikte zwischen Dorfinteressen und Energiereform
  • Recht der Dorfgemeinschaft auf lokale Selbstbestimmung und kommunale Mitbestimmung verwirklichen
  • Vielfalt und Begrenztheit der Möglichkeiten, die Lebensqualität im Dorf aus eigener Kraft zu verbessern
  • Stärke der Dorfgemeinschaft liegt im Zusammenwirken aller Akteure
  • Gemeinsam die Geschicke des Dorfes selbst zu planen, aktiv zu gestalten und zu organisieren – Erfahrungsschatz aktiver Dorfgemeinschaften (»Selbstorganisation«)
  • Dorfbewegung und Stimme der Dörfer
  • Dorf bleibt Dorf? – Dorf bleibt Dorf!

Diese Themen wurden beim Tag der Dörfer 2015 in Garey im Beisein von Landtagsabgeordneten ausführlich von Dorfakteuren diskutiert und flossen in das in Schärding vom 2. Europäischen Ländlichen Parlament formulierte »Europäische Ländliche Manifest« ein. Eine gemeinsame Stimme dörflicher Interessen ließ sich also auch in Brandenburg formulieren, doch noch fehlen die strukturellen Voraussetzungen für eine dauerhaft gebündelte Formulierung gemeinsamer Anliegen. Eine 2016 von der Dorfbewegung Brandenburg e.V. breit angelegte Aktion zur Gewinnung von Dörfern für eine Dorfbewegung lehrte uns, dass eine landesweite Bewegung vor allem regional verankert sein müsste. Dafür braucht es Zeit und vor allem Kommunikation ebenso, wie Partner, die das Anliegen für eine Stimme der Dörfer mittragen und sich nicht in ihren eigenen Zielstellungen ausgegrenzt sehen. Inzwischen haben sich kleinere Dörfernetzwerke im Fläming, im Spreewald und Ostbrandenburg zusammengefunden. 

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Lokale Selbstbestimmung und Eigenverantwortung der Dörfer befördern

Um diesen Dialog überhaupt zu ermöglichen, braucht es organisierte Begegnungsräume. Wir haben verstanden, dass wir es den ehrenamtlich engagierten Menschen vor Ort nicht noch zusätzlich aufbürden können, sich Veranstaltungsformate selbst zu organisieren, die passgenau auf die Bedarfe der Akteure zugeschnitten sind. In Brandenburg haben wir mit dem Forum Ländlicher Raum und dem hier entwickelten »Dorfdialog« gute Angebote, die den Dörfern dabei helfen, ihre Fähigkeiten der Selbstorganisation weiterzuntwickeln.

Wie jedoch Entmutigte und Enttäuschte wieder erreichen? In Kooperation mit unseren Partnern entstand die Idee der »Akademie der Dorfhelden« – was braucht Zivilgesellschaft im ländlichen Raum [3]? Im November 2017 trafen sich aktive Menschen aus den Dörfern Brandenburgs und erarbeiteten mit den Initiatoren der Akademie Rahmenpunkte für ein Weiterbildungsprogramm. Die Inhalte sind darauf ausgerichtet, Methodentraining mit praktischen Übungen zu verbinden. Wie bringt man verschiedene Gruppen und AkteurInnen zusammen, so dass alle gut miteinander arbeiten können? Moderation und Gesprächsführung, Politische Strukturen und Möglichkeiten von Mitbestimmung für Ehrenamtliche sind nur einige Themen aus dem anspruchsvollen Jahresprogramm.

Ziel ist es, durch mehr Wissen die politische Mitbestimmung im ländlichen Raum zu stärken. Viele Menschen wollen sich engagieren, aber sie finden unter Umständen nur schwer Zugang zu Teilhabe und Gestaltungsmöglichkeiten, wenn die vorhandenen Strukturen unzugänglich erscheinen.

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Dialog ermöglichen und Strukturen entwickeln

Bislang haben etwa 65 Dörfer in Brandenburg ihre Zugehörigkeit zur Dorfbewegung Brandenburg erklärt. Unser Verein, der sich die Beförderung dieses Zusammenschlusses der Dörfer zum Anliegen gemacht hat, steht nun vor der Aufgabe, den begonnenen Dialog nicht abreißen zu lassen und weiter den Aufbau regionaler Dörfernetzwerke zu unterstützen. Des Weiteren gilt es, sich weiterhin eng mit der Enquete-Kommission 6/1 des brandenburgischen Landtags auszutauschen, um die erarbeiteten Positionen direkt an der Basis zur Diskussion zu stellen und der Landespolitik mit Blick auf die bevorstehenden Landtagswahlen 2018 politisch notwendigen Handlungsbedarf ins Pflichtenheft zu schreiben.

Unsere europäischen Partner vom Europäischen Parlament für den ländlichen Raum (European Rural Parliament (ERP)) haben die Dorfbewegung Brandenburg aufgefordert, eine gemeinsame Botschaft an die europäischen Institutionen, Regierungen und ländlichen Bürger Europas zu richten. Diese wurde bereits in Brüssel mit Verantwortlichen der estländischen und künftigen bulgarischen Präsidentschaft, führenden Vertretern der EU-Kommission, der drei Direktorate für Landwirtschaft, regionale Entwicklung und digitale Ökonomie sowie den drei Konsultativkörperschaften, in denen die drei Trägernetzwerke des ERP vertreten sind, der Struktur-Dialoggruppe, der Civil Dialog Group und der Versammlung der Ländlichen Netzwerke diskutiert. Sie wurde als positiver und zeitgemäßer Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft der ländlichen Politik und ihrer Fonds gewertet. Es wurde empfohlen, dass die »Botschaft« von weiten Teilen der Landbevölkerung unterstützt werden sollte und vorgeschlagen, eine europaweite Petition unter der Landbevölkerung zu organisieren. Dies wird uns als Dorfbewegung Brandenburg für die Gespräche mit den Menschen in den Dörfern Brandenburgs viel Schwung geben – uns gemeinsam stark zu machen, damit ländliche Positionen gehört werden.

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Beitrag im Newsletter Nr. 2 vom 25.1.2018

Für den Inhalt sind die AutorInnen des jeweiligen Beitrags verantwortlich.

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Autorin

Grit Körmer ist Projektleiterin Regionalentwicklung bei der PepComm GmbH und seit 2010 im Regionalmanagement für die LAG Märkische Seen tätig. Ehrenamtlich engagiert sie sich im Vorstand der Dorfbewegung Brandenburg e.V. und für das Bundesprogramm startsocial.

Kontakt: info(at)lebendige-doerfer.de 
Weitere Informationen: http://www.lebendige-doerfer.de
https://www.facebook.com/doerferBrandenburg/

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