Die Dialektik von Stadt und Land vor dem Hintergrund der Entwertung ländlicher Räume

Einleitung

»Der weltweite Urbanisierungsprozess bestimmte lange Zeit den Architektur- und Stadtdiskurs. Im Zusammenhang mit den Debatten um Nachhaltigkeit, schrumpfende Städte und alternative Praktiken lohnt es, sich erneut der dialektischen Beziehung zwischen Stadt und Land zuzuwenden, die von Beginn an den Stadtdiskurs der Moderne mit dessen sozialreformerischer Tendenz bestimmt hat. Die Suche nach einem neuen Stadt-Land-Verhältnis ist somit als Indikator für die damit verbundenen gesellschaftlichen Fragestellungen zu verstehen.« Arch+ (Ausgabe April 2017)

Eingangs möchte ich, realpolitisch unabhängig, auf einen Grundgedanken zweier deutscher Vordenker, Marx und Engels, verweisen, denen es darum ging, die »Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zu entdecken und die Selbsterzeugung des in Gesellschaft produzierenden Menschen in Auseinandersetzung mit der materiellen Natur theoretisch zu erfassen« [1].

Es geht in der kulturellen Evolution immer um die Dialektik der Kulturräume, also um ein Miteinander und um ein Gegeneinander, das Neues gebiert. Es gibt keine Städte ohne Dörfer! Es ist ein interdependentes System. Ein System, welches in Gefahr gerät. Eine Gefahr, die teilweise im Nebel publizistischer Produkte, die sich der sogenannten Landlust verschrieben haben, verschwindet. Die aber auch in der Fachöffentlichkeit noch nicht den politischen und wissenschaftlichen Stellenwert erreicht hat, die ihr angemessen wäre.

»Mit der fortschreitenden Urbanisierung werden die Gegensätze von Stadt und Land, Zentrum und Peripherie, Kultur und Natur zunehmend aufgelöst. Der hierarchische Blick von der Stadt auf das Land wird umgekehrt, die romantische Verklärung des ländlichen Raumes als Ort der Natürlichkeit und Ursprünglichkeit, als Opfer der Industrialisierung und Verstädterung in Frage gestellt: Das Land wird zu einem ambivalenten Akteur, in vielerlei Hinsicht zum Vorreiter. Dem Philosophen Armen Avanessian zufolge sind Städte heute nur mehr vom Land aus zu betrachten, und dieses Land sei genauso wenig ›natürlich‹ wie der Rest der Natur« Arch+ (Ausgabe April 2017)

Und auch anders als bei den bunten Bildern: Nicht Landlust, sondern vielfach Landfrust macht sich breit. Der Strukturverlust in vielen Regionen nimmt ein bedrohliches Ausmaß an. Selbst in wirtschaftlich starken Regionen der Republik ist die Entvölkerung der ländlichen Räume spürbar, mit der Ausnahme der Speckgürtel florierender Städte. Hier handelt es sich aber natürlich nicht um eine Entwicklung ländlicher Räume, sondern um die Funktion einer urbanen Überdruckregulation.

Trends in Sachen Landflucht

Die Bevölkerungszahlen in Deutschland entwickeln sich einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge in den kommenden 15 Jahren extrem auseinander. Während ländliche Regionen teils dramatisch Einwohner verlieren, werden die städtischen Ballungsräume immer größer. Die Folge wird sein, dass es auf dem Land zunehmend schwieriger werden wird, auch nur die Grundversorgung sicherzustellen. Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, warnt vor dramatischen Folgen für den ländlichen Raum: »Es wird für schrumpfende und alternde Regionen immer schwieriger, eine gute Infrastruktur zu gewährleisten« [2], denn auch einwohnerschwache Regionen müssten flexible Mobilitätsangebote, schnelles Internet und eine angemessene medizinische Versorgung bieten.

Aber worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir die ländlichen Räume thematisieren? Das Lexikon der Geographie sagt: »Ländlicher Raum, komplexer Begriff, der stark dem Wandel unterliegt und kaum durch eine allgemeingültige Definition fassbar ist. In der Raumordnung wird der ländliche Raum meist als ›Restgröße‹ angesehen, als Gebiet, das weder Verdichtungsraum noch Randzone eines Verdichtungsraumes ist und in diesem Sinne im Gegensatz zum städtischen bzw. urbanen Raum steht.« [3]

Eine einheitliche Definition für die ländlichen Räume gibt es nicht, deutlich ist aber: Sie unterscheiden sich enorm in ihrer Entwicklung und ihren Perspektiven. Prägend für diese Siedlungsform ist eigentlich die Landwirtschaft – eigentlich! In den vergangenen Jahrzehnten hat hier aber eine tiefgreifende Veränderung, wenn nicht sogar eine Revolution stattgefunden: Zwar wird heute noch immer die Hälfte der Landesfläche landwirtschaftlich genutzt, doch dazu werden immer weniger Menschen gebraucht. War 1950 noch jeder vierte Berufstätige bundesweit in der Land- und Forstwirtschaft beschäftigt, ist es heute nur noch jeder siebzigste.

Nach oben

Selbst dort, wo es weit und breit nur Wälder und Felder gibt, täuscht der Eindruck: Auch hier verdienen nicht mal vier Prozent der Landbewohner ihr Geld in der Landwirtschaft. Insgesamt gilt also: Das Dorf ist in vielen Fällen nur noch Wohnort für Pendler und landwirtschaftliche Rentner. Für die Entleerung der ländlichen Räume sind aber nicht nur die strukturellen Veränderungen und Entwicklungen in der Landwirtschaft oder andere wirtschaftliche Gründe verantwortlich, sondern vielfach die persönliche Lebensplanung junger Menschen auf dem Lande. Die entscheiden sich beispielsweise gegen die harte und unregelmäßige Arbeit auf den Höfen und ziehen in die Städte.

Dabei gilt es anzumerken, dass es nicht nur die Last der Arbeit ist, die die jungen Menschen vertreibt, sondern auch das Nichtvorhandensein oft als selbstverständlich wahrgenommener Infrastruktur wie Internetabdeckung und ÖPNV Anbindung, das Ende der Dorf-Gastronomie und ja oft sogar das Fehlen jedweder Gemeinschaftseinrichtung. Und ziehen die Jungen in die Städte, dann stirbt das Dorf von innen. Die historischen Höfe im Kern des Dorfes bleiben ohne Nachfolger und die Menschen werden im Alter zum Versorgungsfall. Die Alten bleiben zurück, das Dorf vergreist.

Alterung wird meist als eine Komponente des demografischen Wandels in ländlichen Räumen betrachtet. Doch beeinflusst die veränderte Altersstruktur vor Ort zugunsten der höheren Lebensalter selbst wiederum die Lebenssituation der Älteren. Ältere Mitmenschen nehmen, so ein Forschungsergebnis, ihre Gemeinde als sicherer und lebendiger wahr, wenn die Altersstruktur ausgeglichener ist oder es mehr junge Menschen gibt, wie eine Studie aus Österreich herausarbeitet. [4]

Nach oben

Die Studie von Baumgartner, Kolland und Wank hat dabei besonders auf die Möglichkeiten gesellschaftlicher Teilhabe Älterer in ländlichen Räumen geschaut. Das hier sogenannte Teilhabepotenzial sei, so die Studie weiter, abhängig von Faktoren wie etwa dem Alter, der Gesundheit und der Bildung. Zugleich spiele das räumliche Umfeld eine Rolle, in erster Linie das Wohnumfeld und der Aktionsraum, der für tägliche Besorgungen aufgesucht wird. So sei beispielsweise der Aktionsradius von Älteren kleiner als der jüngerer Menschen und finde hauptsächlich im Nahbereich der Wohnung oder des Hofes statt. Dieser Nahbereich ist für Ältere von besonderer Bedeutung, etwa als Treffpunkt mit anderen Menschen. Und genau dieser Nahbereich verschwindet auf dem Lande immer mehr.

Eine Folge dieser Entwicklung ist das Dörfer- und Höfesterben. Der Brandenburgische Landesbauernverband meldete im Frühjahr 2017, dass in den vergangenen zwei Jahren 90 Milchviehbetriebe ihren Betrieb eingestellt haben. Das Wiesbadener Statistische Bundesamt meldete für die gesamte Republik für den Zeitraum Frühjahr 2013 bis März 2016 einen Rückgang der Viehhaltungsbetriebe um acht Prozent. Von den Schweinefleischerzeugern gaben sogar 18 Prozent auf – und hier fast immer die kleineren Höfe. Damit verändert sich die Struktur auf dem Land grundlegend.

Nach oben

Trends in Sachen Flächenwirtschaft

Die landwirtschaftlichen Flächen werden altersbedingt abgegeben, verpachtet oder verkauft und dies in der Regel nicht an andere Landwirte, sondern an Agrarunternehmen und internationale Konzerne. Zu den größten Besitzern von Ackerland in Deutschland gehören inzwischen Versicherungen wie die Münchner Rück, Betriebe der Lebensmittelindustrie wie die Südzucker AG, Abfallbeseitiger wie Rethmann oder Möbelfabrikanten wie die Steinhoff-Gruppe.

Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl von Gesellschaften bürgerlichen Rechts (GbR) und anderen Personengesellschaften als Betreiber von Agrarbetrieben deutlich angestiegen, seit 2010 um ein Viertel auf 26.000. Gleichzeitig ist aber die Zahl der Bauernhöfe stark rückläufig. [5]

Nach oben

Die Wissenschaftler hatten die Eigentumsentwicklung von insgesamt 676 Agrarunternehmen in acht Landkreisen Ostdeutschlands analysiert. Im Untersuchungszeitraum 2007 bis Ende 2014 wechselten 87 der Betriebe den Besitzer. Am Ende befand sich knapp ein Fünftel der Höfe in den Landkreisen Vorpommern-Rügen und Mecklenburgische Seenplatte in der Hand nichtlandwirtschaftlicher Investoren. [6]

»Überregional aktive Investoren (das heißt Kapitaleigentümer, die nicht vor Ort wohnen) treten vor allem in Mecklenburg-Vorpommern in Erscheinung. Rund 34 Prozent der von juristischen Personen bewirtschafteten Landwirtschaftsfläche in den zwei untersuchten Landkreisen gehören zu Unternehmen, die sich im Mehrheitseigentum von nicht ortsansässigen Personen befinden. Knapp die Hälfte davon (16 Prozent) entfällt auf landwirtschaftsnahe Investoren (überwiegend Landwirte aus anderen Bundesländern), die übrigen 18 Prozent entfallen auf nichtlandwirtschaftliche Investoren aus verschiedensten Wirtschaftsbereichen. Von der analysierten Fläche waren 20 Prozent schon vor 2007 im Besitz dieser Investoren, 14 Prozent sind im Zeitraum 2007 bis 2014 übernommen worden. In den anderen sechs Untersuchungsregionen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sind die Anteile überregional aktiver Investoren und auch die Übernahmeaktivitäten in jüngerer Zeit teils deutlich geringer.« Thünen Institut

Nach oben

Weltweite Entwicklung und Ländlicher Neo-Feudalismus

Ein Blick auf die weltweite Entwicklung macht die Dinge noch deutlicher: Nach Angaben des German Institute of Global and Area Studies und des Leibniz-Institut für Globale und Regionale Studien sind rund um die Welt seit dem Jahr 2000 26,7 Millionen Hektar Agrarflächen in die Hand von Investoren übergegangen. [7] Die Gebiete entsprechen etwa der Gesamtfläche des Vereinigten Königreichs plus Sloweniens. Und diese Entwicklung ist schon lange hier bei uns im Land angekommen, auch wenn der Rechtsstaat noch ein kleiner Schutzwall ist. So sind im Bodenrecht Klauseln verankert, die eigentlich sicherstellen sollen, dass primär Landwirte beim Ackerkauf zum Zuge kommen, doch werden diese Klauseln inzwischen durch allerlei juristische Finessen geschickt umgangen. So greifen diese gesetzlich verankerten Barrieren nicht, wenn ganze Betriebe im Zuge des Kaufs von Anteilen übernommen werden.

Viele Betriebe firmieren inzwischen als juristische Personen, z.B. als GmbH, und wenn Geschäftsanteile einer GmbH gekauft werden, wandert die Fläche automatisch zum Käufer. Dieser Flächenübergang zum Käufer im Zuge des Anteilskaufs ist aber nicht dem landwirtschaftlichen Bodenrecht unterworfen, so dass insbesondere hierdurch vermehrt Landwirtschaftsflächen zu außerlandwirtschaftlichen Investoren wandern. Ein Prozess, der zurzeit deutlich an Fahrt aufnimmt und in der Wissenschaft schon zu einer neuen Begrifflichkeit geführt hat: Ländlicher Neo-Feudalismus.

Nach oben

Diese Entwicklung wird durch weltweit galoppierende Bodendegradation forciert. Bodendegradierung ist eine dauerhafte – und wohl irreversible Veränderung der Strukturen und Funktionen von Böden oder deren Verlust, die durch physikalische und chemische oder biotische Belastungen entstehen und die Belastbarkeit der jeweiligen Systeme überschreiten. Der Boden wird schlicht unfruchtbar und steht für eine Nahrungsmittelproduktion nicht mehr zur Verfügung.

Die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft bringt die Sache in einer Prognose auf den Punkt: »Im Jahr 2030 steht die globale Landwirtschaft vor der Herausforderung, Lebensmittel für 8,5 Milliarden Menschen bereitzustellen. Die globale Nachfrage wird 2030 nach Berechnungen der Welternährungsorganisation (FAO) bei 2,7 Milliarden Tonnen Getreide, 131 Millionen Tonnen Schweinefleisch, 132 Millionen Tonnen Geflügelfleisch und 884 Millionen Tonnen Milch und Milchprodukten liegen. Verglichen mit dem Jahr 2015 sind dies Bedarfssteigerungen in Höhe von rund 8 Prozent bei Getreide, 19 Prozent bei Schweinefleisch, 17 Prozent bei Geflügelfleisch und 10 Prozent bei Milch- und Milchprodukten. Im gleichen Zeitraum wird global die pro Kopf verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 2.200 m² im Jahr 2015 auf rund 2.000 m² im Jahr 2030 zurückgegangen sein. Gründe dafür sind Bevölkerungswachstum, Urbanisierung, Wüstenbildung, Bodendegradation und Versalzung.« [8]

Nach oben

Neunutzung ländlicher Räume

All dies macht sehr deutlich, dass die Probleme des ländlichen Raumes unser aller Probleme sind und auch entsprechend angegangen werden müssen. Dabei kann es nicht nur darum gehen, die beschriebenen Trends in Sachen Landflucht und Flächenwirtschaft zu stoppen, sondern es muss darum gehen, das Ausbluten der ländlichen Räume aufzuhalten. Genau hier setzt der Vordenker der neuen Ländlichkeit, Wolf Schmidt von der Mecklenburger ANStiftung, an und plädiert für eine kreative Neunutzung der ländlichen Räume. Mit Recht verweist er auf die enormen Potentiale für Künstler, Handwerker und für die digitalen Freigeister. [9] In seinem Blog schreibt Schmidt: »Die Bedeutung von künstlerischer und kultureller Arbeit auf Gesellschaft und Wirtschaft und damit auf Attraktivität und Entwicklung von strukturschwachen, ländlichen Regionen wird zu wenig anerkannt und wertgeschätzt. Auf kommunaler und Landesebene fehlt es diesen Themen wie kulturelle Bildung, Kunst- und Kreativwirtschaft oder Engagement in Kulturprojekten an einer starken Lobby und damit häufig auch an ausreichender Finanzierung.« [10] Er legt aber auch seinen Finger in die Wunde der noch immer sehr schwachen politischen Aufmerksamkeit und verweist auf einen oftmals viel zu traditionalistischen Denkansatz in Sachen ländliche Entwicklung.

Und genau hier kommen unsere Initiativen zusammen: Für die auf dem Lande lebenden Menschen muss eine neue modernere Infrastruktur geschaffen werden. Es gilt Menschen aus den Städten für das moderne Leben auf dem Land zu motivieren und Intelligenz und technische Ressourcen auf die Dörfer zu bringen, um letztlich Menschen dort zu haben, die wieder Verantwortung für das Land, für den Boden übernehmen. Die ländlichen Räume zeichnen sich eben dadurch aus, dass Land- oder Forstwirtschaft grundlegend ist. Dies bedeutet nicht, dass alle zukünftigen ländlichen Neubürger auch Landwirt sein müssen, aber für die Triangel Boden-Eigentum-Verantwortung muss eine Lösung gefunden werden, die die traditionelle Landwirtschaft unterstützen kann und gleichzeitig Landgrabbing verhindert. An der Frage des Eigentums kommen wir nicht vorbei. Im Grundgesetz lauert dessen Sozialverpflichtung ebenso wie die Aufsichtspflicht des Staates. Modelle dafür lassen sich in Gegenwart und Geschichte finden: Genossenschaften, Allmenden oder die Osnabrücker Laischaft. [11]

Nach oben

Neues-Dorf GmbH

Die Diskussionen zu diesen Themen in den Hochschulen im niederländischen Wageningen, in Hamburg, in Osnabrück und in den Fachministerien in Hannover und Berlin haben 2016 zur Gründung der »Neues-Dorf GmbH« geführt. Hierbei handelt es sich um ein bio-soziales Unternehmen, das auf marktwirtschaftlicher Basis operieren soll. Im Zentrum des Konzeptes steht eine neue Siedlungsform für Menschen und eine Modernisierungsstrategie für ländliche Gemeinden. Wir arbeiten an der Zusammenführung von Einzellösungen im Bereich der Bestandswahrung oder Wiederherstellung von generationsübergreifenden und umweltgerechten Siedlungsformen im ländlichen Raum. Im Zuge dieser Arbeit kamen Projekte aus der Vergangenheit etwa im Bereich der ökologischen Wasserwirtschaft, der Wiederherstellung von landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Flächen zusammen mit neuen ökonomischen Konzepten.

In Niedersachsen arbeiten wir seit einiger Zeit mit einer Gemeinde an Möglichkeiten, Strukturen, die für die Gemeinde als soziale und kulturelle Einheit prägend sind, zu stärken oder zu revitalisieren. Dabei geht es beispielsweise um den Erhalt und die Wiedernutzung einer Landgaststätte und die weitere Stärkung der touristischen Infrastruktur. Hierbei sollen die im Projekt revitalisierten Bewirtungs- und Übernachtungsmöglichkeiten mit den touristischen Angeboten verbunden werden.

Nach oben

Darüber hinaus ist eine Verbindung im Bereich der Pflege vorgesehen. Im Projekt sind Wohnungen für ältere Mitbürger vorgesehen, die von Pflegeträgern bewirtschaftet werden sollen. Diese Einrichtung soll, besonders im Bereich der Verpflegung, mit weiteren Pflegeeinrichtungen im Ort verbunden werden. Hierzu möchten wir die gastronomische Ausstattung des zum Projekt gehörenden Landgasthauses nutzen.

In Brandenburg arbeiten wir zurzeit an der Kombination eines Forschungs- und Ausbildungszentrums mit dem Wohn- und Siedlungskonzept »Neues Dorf«. Das geplante Forschungs- und Ausbildungszentrum wird entsprechend Agrarwissenschaftler, Spezialisten der Entwicklungszusammenarbeit, Landwirte und Planer ausbilden. Der Forschungsbereich wird sich sowohl mit der Resilienz und Effizienz von Nutzpflanzen als auch auf die Verbesserung des Ökosystems Boden beschäftigen. Mit der Forschung und den zu entwickelnden Produkten werden längerfristig nachhaltige Produktqualitäten bei deutlich geringerem Einsatz von Dünger und Pestiziden erzielt.

Die Probleme des ländlichen Raumes sind vielfältig. Da sind die vor allem alten Menschen, die noch geblieben sind, denen es aber an allem Lebensnotwendigem bald fehlen wird und zum Teil schon fehlt: Lebensqualität. Und die besteht nun mal nicht darin, mit der Hilfe modernster Kommunikationstechnologie und Sicherungssysteme (Sturzmelder zum Beispiel), so hilfreich sie sind, gerade mal das reine Überleben zu garantieren. Es geht also um Lebensqualität in einem durchaus emphatischen Sinne: Es geht um ein Miteinander wie Wolf Schmidt skizziert. [12]

Nach oben

Ausblick

Die Refeudalisierung der Landwirtschaft zu stoppen, ist eine politische Aufgabe. Anders wird es nicht gelingen, junge Leute zu bewegen, in eine bäuerliche und ökologische Landwirtschaft zu investieren. Dazu sind die Hektarpreise in den vergangenen Jahren einfach zu hoch geworden. Nun leben wir in einer Gesellschaft, in der Aufmerksamkeit eine knappe Ressource ist. Man kann es auch anders formulieren. Der Soziologe Andreas Reckwitz hat in seinem jüngst erschienen Buch darauf hingewiesen, dass die Städte einen Prozess der Kulturalisierung erfahren haben: »von der funktionalen Nutzungssphäre in die kulturelle Sphäre der emotional grundierten Wertzuschreibungen« [13]. Bezogen auf Städte spricht Reckwitz von der »Praxis der Singularisierung des urbanen Raumes«, in der dieser urbane Raum zu einem »emotional affizierenden Ort« wird.

Das muss mutatis mutandis auch das Dorf werden: ein Ort, an dem man leben möchte, weil er etwas Besonderes ist. Und das ganz ohne romantische Verklärung des Dorflebens aus der Perspektive des Städters.

Nach oben

Endnoten

  1. Marx: Das Kapital, S. 27. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3336 (vgl. MEW Bd. 23, S. 28).
  2. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/unsere-projekte/wegweiser-kommunede/projektnachrichten/bevoelkerungsvorausberechnung/ 
  3. Das Geographielexikon Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg.
  4. Baumgartner, Katrin; Wanka, Anna; Kolland, Franz: Altern im ländlichen Raum: Entwicklungsmöglichkeiten und Teilhabepotentiale. Stuttgart: Kohlhammer, 2013.
  5. https://www.destatis.de/DE/ZahlenFakten/Wirtschaftsbereiche/LandForstwirtschaftFischerei/LandwirtschaftlicheBetriebe/Tabellen/BetriebsgroessenstrukturLandwirtschaftlicheBetriebe.html 
  6. http://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-report/Thuenen-Report_35.pdf 
  7. https://www.giga-hamburg.de/de/system/files/iz_publications/dok-line_ueberreg_2012_1.pdf 
  8. https://www.agrarheute.com/wochenblatt/feld-stall/betriebsfuehrung/zehn-thesen-weiterentwicklung-landwirtschaft-2030-530931 
  9. Wolf Schmidt: Luxus Landleben. Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs, Mecklenburger Anstiftung, Wismar, 179 Seiten, ISBN 978-3-00-056353-9.
  10. https://www.landblog-mv.de/kultur-und-neue-laendlichkeit-schlussfolgerungen/ 
  11. https://de.wikipedia.org/wiki/Laischaft_Osnabr%C3%BCck
  12. Ebenda: Luxus Landleben: Neue Ländlichkeit am Beispiel Mecklenburgs.
  13. Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne, Suhrkamp Verlag.

Beitrag im Newsletter Nr. 2 vom 25.1.2018


Zurück zum Newsletter

Autor

Michael Hafemann, Projektleiter »Neues Dorf«.

Kontakt: hafemann(at)neuesdorf.com 
https://www.linkedin.com/in/michael-hafemann-bb871415/ 

Redaktion

BBE-Newsletter für Engagement und Partizipation in Deutschland
Bundesnetzwerk Bürgerschaftliches Engagement (BBE)
Michaelkirchstr. 17/18
10179 Berlin
Tel: +49 30 62980-115
E-Mail: newsletter(at)b-b-e.de 
http://www.b-b-e.de


Aktuelle Meldungen

16.02.2018

Assistenz: BBE-Projekt »PatInnen, MentorInnen, LotsInnen«

Das BBE sucht zum 1. April 2018 eine Assistenz für das Projekt »PatInnen, MentorInnen, LotsInnen in…

mehr…

15.02.2018

Studentische Hilfskraft: Servicestelle Jugendbeteiligung

Die Servicestelle Jugendbeteiligung sucht Unterstützung im Programmbereich Demokratieförderung…

mehr…

16.01.2018

Otto-Wels-Preis für Demokratie 2018: Ausschreibung

Unter dem Titel »Bürgerschaftliches Engagement – Miteinander stärken, Heimat gestalten« verleiht…

mehr…